Gehört:
„Man in Black” von Johnny Cash

Von Felix Emrich

 

„Dieses Lied ist ein sehr persönliches, kann man sagen, aber so empfinde ich über viele Dinge“. So hat im Februar 1971 Johnny Cash, schon damals eine Ikone der amerikanischen Musik, die erste Aufführung seines Songs „Man in Black“ eingeleitet.1  Diesen Titel sollte auch das nachfolgende Album tragen.
Und obwohl das Lied heute schon über 45 Jahre alt ist, scheint seine Wirkungsgeschichte noch lange nicht vorüber. So sagte eine Oberstufenschülerin, wegen dieses Liedes trage ihr Vater immer schwarz. Wegen dieses Liedes, sicher auch wegen der Person, die von sich sagte: „Ich bin kein Prediger oder Prophet, sondern nur ein Songwriter“.2  Und doch tritt er gerade in diesem Lied wie ein prophetischer Mahner auf, der das Leid vieler Menschen mitträgt und ins Bewusstsein ruft.

Denn mit dem Lied „Man in Black“ antwortet Johnny Cash auf die ständigen Fragen, warum er nicht nur in seinen Auftritten stets in schwarz gekleidet war. Sein „Outfit“, das ganz ohne Glanz, Glitter und Farben auskam, hat er mit nun einem Statement verbunden – und dieses Statement, warum er der „Man in Black“ ist und blieb, wurde zu seinem zweiten Namen.3

Im gleichnamigen Lied heißt es (nach einer deutschen Übersetzung)4,
 

Ich trage das Schwarz
für die Armen und Unterdrückten, die im trostlosen, hungrigen Teil der Stadt leben
für den Gefangenen, der für sein Verbrechen
längst gebüßt hat der nur noch dort sitzt, weil er ein Opfer seiner Zeit ist
für die Kranken und einsamen Alten
und die Leichtsinnigen, die ein Fehltritt zu Fall brachte.

 

Johnny Cash nimmt die Haltung eines aktiven Mahners ein, der vieles kritisiert, was die Menschen in den USA in den frühen Siebzigern bewegt hat oder hätte bewegen sollen: Diskriminierung und fehlende Mitmenschlichkeit zum Beispiel. Das Schwarz wirkt dabei traurig und ermahnend, ja vielleicht sogar bedrohlich, weil es nicht nur für die fehlende Lebensmöglichkeiten und Lebensfreude vieler steht, sondern für das bedrohte oder geopferte Leben selbst.

Cashs Themen erscheinen auch heute relevant, zumal wir im „globalen Dorf“ von so vielen Missständen wissen. Nicht selten erscheint auch der Protest, das Mahnen, jungen Menschen heute als eine wichtige Option. Die Grenze zum politischen Engagement ist hier fließend; das Internet stellt Mittel zur Vernetzung bereit und schafft neue Dynamiken.

Sehr aktuell erscheint mit Blick auf die heutigen Kriege, wie damals schon auf den Vietnamkrieg, die folgende klimaktische Strophe. Hier beklagt der Pazifist Johnny Cash die Tragik und den Wahnsinn von nationalistisch, wirtschaftlich und religiös befeuerten Kriegen, in denen junge Menschen geopfert werden:
 

Ich trage es in Trauer um die Leben, die hätten gelebt werden können, um hundert prächtige junge Männer, die wir jede Woche verlieren
ich trage es für die Tausenden, die in dem Glauben gestorben sind, Gott stünde ihnen bei
ich trage es für noch hunderttausend mehr, die gestorben sind in dem Glauben, wir alle wären auf ihrer Seite

 

Darauf spricht Johnny Cash die Hörenden an und fordert sie auf, mit ihm gemeinsam erste Schritte der Verbesserung zu gehen. Der „Man in Black” schließt so:
 

Es gibt Dinge, die nie in Ordnung sein werden, das weiß ich,
und wo man auch hinschaut, muss sich etwas ändern,
Aber bevor wir nicht anfangen, ein paar Dinge in Ordnung zu bringen,
werdet ihr mich nie einen weißen Anzug tragen sehen.

Ach, ich würde so gern jeden Tag in den Farben des Regenbogens gehen,
und der ganzen Welt sagen, dass alles in Ordnung ist,
Aber ich versuche, auf meinem Rücken ein bisschen Dunkelheit davonzutragen,
bis die Dinge heller um uns sind, bin ich der Mann in Schwarz.

 

In seiner Biografie über den Vater teilt John Carter Cash seine Erinnerungen an einen Mann, der „ein sanfter, liebevoller und demütiger Mensch, zutiefst im Glauben verankert“ war.5

Dieser Glaube drückt sich auch in der zweiten Strophe aus, in der Cash singt, er trage das Schwarz auch für die, die niemals von den Worten, die Jesus sagte, gelesen oder gehört haben – als „die Straße zum Glück durch Liebe und Mitgefühl“.

Nachdem Johnny Cash im September 2003 nach vielen Höhen und Tiefen in seinem Leben und seiner Karriere gestorben war, schrieb ein guter Freund von ihm merklich bewegt: „Wer wissen möchte, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, braucht nichts weiter zu tun, als dem ‚Man in Black‘ zuzusehen. Er nutzte seine gewaltige Kreativität, dieses Geschenk, das uns allen gegeben ist, um den dunklen und verlorenen Seiten der menschlichen Seele Ausdruck zu verleihen. Das ist eine wundersame und Demut auslösende Fähigkeit. Wenn man ihn hört, wird man immer zur Besinnung gebracht“. Und er prophezeite seinem Freund ein musikalisches Erbe, das seinesgleichen sucht: „Johnny war und ist der Polarstern, du konntest deinem Kurs nach ihm ausrichten – der Größte der Großen, damals wie heute.“ (Bob Dylan)6  

Auf seine Art sehr menschlich liest sich ein Satz, den John Carter Cash als Sohn aus seinen persönlichen Erinnerungen teilt: „Meine Mutter sagte immer: Dad trägt Schwarz, damit man die Flecken nicht so sieht.“7  Beides, das Ikonenhafte und das Menschliche, fließen zusammen in dem Lied, das Johnny Cash seinen festen Beinamen gegeben hat: Man in Black.

 

Anmerkungen: 

  1. Vgl. www.youtube.com/watch?v=t51MHUENlAQ (Johnny Cash sings “The Man in Black” for the first time [with intro], Zugriff am 19.9.18)
  2. Dieses Zitat findet sich im Epilog von Robert Hilburns Buch: Johnny Cash. Die Biographie (2018); vgl. die Leseprobe unter: https://books.google.de/books?isbn=3827079152 (Zugriff 19.9.18).
  3. Vgl. www.deutschlandfunk.de/der-mann-in-schwarz.704.de.html?dram:article_id=85763. In diesem Artikel finden sich neben Interviewausschnitten mit Johnny Cash zur Entstehung des Liedes auch Literaturhinweise.
  4. Ebd.
  5. Vgl. www.deutschlandfunkkultur.de/der-man-inblack-ganz-privat.950.de.html?dram:article_id=140713 (Zugriff 19.9.18).
  6. S. Fn. 2.
  7. Ebd.