„Die wichtigste Nachricht …“ – Überlegungen zu einem Krippenspiel mit Konfirmandengruppen

von Jens Mahlmann

 

Aus den Spätnachrichten des ersten römischen Fernsehens:
Marcus Crassus:
„… also da waren Engel, die von diesem Kind gesungen haben, und Weise aus Persien, die einem Stern bis zu diesem Kind gefolgt sind, und die Eltern müssen tatsächlich in einem Stall wohnen; aber das Wichtigste ist, was dieses Kind ausstrahlt. Das habe ich so noch nicht erlebt. Also das ist einmalig…“ (redet ohne Unterbrechung weiter)

Antonius Brutus: (während M.C. redet) „Technik, können Sie bitte die Leitung kappen?“
Marcus Crassus: „Aber ich weiß selbst nicht, was hier wirklich vorgeht. Nur dass das alles, aber auch wirklich alles an Bisherigem übertrifft und…“ (bricht mitten im Satz ab, bewegt aber weiter den Mund und spielt, als ob er noch immer begeistert berichtet – ihm wurde der Ton abgedreht)
Antonius Brutus: „Sehr verehrte Zuschauer, wir entschuldigen uns dafür, Sie mit einer solchen Belanglosigkeit belästigt zu haben.“

Nun, mit besagter Belanglosigkeit belästige ich meine Hauptkonfirmandengruppe Jahr um Jahr. Wie in vielen Gemeinden ist diese auch bei uns für das Krippenspiel zuständig. Allerdings tut mir das weder Leid noch bin ich es Leid. Im Gegenteil. Als die Frage auftauchte, ob wir das Krippenspiel nicht ganz dem Kinderchor übertragen sollten, habe ich vehement dafür plädiert, es als einen Teil der Konfirmandenarbeit beizubehalten. Trotz der aufreibenden Begleiterscheinungen als da wären: die Suche nach dem passenden Stück, die Diskussionen um die Rollenverteilung, die mantrischen und dennoch oft vergeblichen Anleitungen zum Sprechgebahren („Langsam, laut und deutlich!“) usw. usf.

Krippenspiel mit Konfirmanden und Konfirmandinnen zeitigt Probleme, ohne Frage. Einige davon können konstruktiv aufgefangen werden. Andere lassen sich um der positiven Seiten willen aushalten. Im Folgenden möchte ich ein Krippenspiel vorstellen, das gerade im Blick auf spezifische Probleme für eine meiner Gruppen entstanden ist. Der Text des Krippenspieles „Die wichtigste Nachricht“ kann im Internet unter www.rpi-loccum.de/pelikan heruntergeladen werden.

 

Ein Krippenspiel

Was soll eigentlich ein Krippenspiel?
Ganz einfach: Die Weihnachtsgeschichte darstellen. Doch nicht einfach die überlieferten Ereignisse abspulen. „Es begab sich aber …“ Von einem Krippenspiel erwarte ich, dass es mir mit der Erzählung der Ereignisse zugleich vor Augen malt, was die Geburt Jesu, die Menschwerdung Gottes für einen normalen Menschen bedeutet. Ein einzelnes Krippenspiel kann selbstverständlich nicht alle dazugehörigen Aspekte ausloten. Einer genügt. Aber der ist Pflicht. Ein Krippenspiel führt also die Veränderung eines Menschen durch Gottes Kommen in die Welt vor. Oder einfacher: Es deutet das Ereignis, indem es dieses erzählt.

In dieser Aufgabe liegt es begründet, dass es so viele unterschiedliche Krippenspiele gibt, die doch alle ein und dasselbe Geschehen erzählen.


„Die wichtigste Nachricht“ – ein Krippenspiel: Inhaltlicher Aufriss
In den Abendnachrichten des ersten römischen Fernsehens wird über die Auswirkungen der Volkszählung berichtet. Korrespondenten aus verschiedenen Teilen des Römischen Imperiums geben Einblick in die Ereignisse vor Ort. Der Korrespondent für Judäa, Marcus Crassus, wird durch eine Wagenpanne in einem kleinen Nest festgehalten. Bethlehem. Für die Spätnachrichten versucht er, dort etwas Mitteilenswertes aufzutreiben. Dabei gerät er immer weiter in die Ereignisse um die Geburt Jesu: Er trifft auf Maria und Joseph, die Hirten, den Engel, die Weisen. Aber sämtliche Versuche, diese Begegnungen zu einem Knüller im herkömmlichen Format aufzubauschen, schlagen fehl. Nach und nach entdeckt er, dass die Geburt jenes Kindes die einzige wichtige Nachricht dieser Nacht ist, weil sie ihn persönlich betrifft. Im Studio in Rom sieht man das allerdings anders.


Hilfe, Anachronismen!
Unter historischen Gesichtspunkten betrachtet macht sich dieses Krippenspiel eines bösen Anachronismus schuldig. Fernsehen im alten Rom. Pizzaservice ist ebenfalls keine antike Erscheinung. Wie rechtfertigt sich eine solche Erzählung der Weihnachtsgeschichte?

Grundsätzlich ist zu bedenken: Jedes Krippenspiel, das die Ereignisse deutend erzählt, verfährt anachronistisch. Wer darstellt, welche Bedeutung das Erscheinen Jesu für ein Menschenleben besitzt, denkt notwendig vorgreifend von Kreuz und Auferstehung her. Die Heilige Nacht für sich genommen bedeutet noch nichts. Krippenspiele zeigen oft die Veränderung der beteiligten Personen durch „jene Nacht“. Die Veränderungen durch die Begegnung mit dem Kind in der Krippe und den Ereignissen der Geburtsnacht tragen jedoch stets das Kennzeichen einer Begegnung mit dem erwachsenen Jesus oder dem Auferstandenen. Ein Krippenspiel muss immer über die Weihnachtsgeschichte hinausweisen auf den ganzen Jesus, um ihre Bedeutung aufzeigen zu können. Darum zeichnen Krippenspiele in der Regel umgekehrt auch zu Recht unsere Fragestellungen in die Personen der Geburtsgeschichte ein. Denn letzten Endes müssen sie ja zeigen, welche Bedeutung das Kommen Jesu für uns jetzige Betrachter besitzt. Ein Krippenspiel verfährt per definitionem also anachronistisch. Die entscheidende Frage bleibt dann, ob der gewählte Anachronismus das Weihnachtsgeschehen für uns aufschließt oder nicht. Und ob er konsequent durchgeführt wird.

Das Krippenspiel „Die wichtigste Nachricht“ gebraucht den Anachronismus „Fernsehen“ um aufzuzeigen, dass das Erscheinen Jesu sich von vielen anderen Ereignissen, die uns als wichtige Nachrichten serviert werden, darin unterscheidet, dass es uns persönlich angeht.

Darauf beruht seine Bedeutung auch noch nach 2000 Jahren, zu einer Zeit, in der tagtäglich gerade durch das Fernsehen „Nachrichten“ auf uns einstürmen, die in den allermeisten Fällen für das einzelne Leben nicht die geringste Relevanz besitzen.

Deshalb erscheint mir für die Vermittlung gerade dieser Botschaft die Verortung des Stückes in der „rauhen Wirklichkeit“ wichtig. Die gezeigten Personen dürfen nicht drei Meter über dem Boden schweben. Sie müssen die Verletzlichkeit und die Macken alltäglicher Menschen aufweisen. Sonst bleibt es doch nur die fromme Erzählung auf Goldgrund. Eine solche Verortung in der Wirklichkeit wird natürlich durch einen Anachronismus wie den beschriebenen unterstützt.

 

Meine Gründe für ein Krippenspiel mit Konfirmanden und Konfirmandinnen

Mehrere Gründe bewegen mich, auf das Krippenspiel mit der Konfirmandengruppe nicht zu verzichten:

Auseinandersetzung mit Weihnachten
Mit dem Krippenspiel leisten die Konfirmanden und Konfirmandinnen eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung mit einem unserer zentralen Feste und seines theologischen Gehaltes, und zwar nicht auf einer rein kognitiven Ebene. Vielmehr müssen sie sich in die Situation und in die Rollen hineinfinden, und sie erleben so quasi aus der Innenperspektive heraus zumindest einzelne Aspekte des Weihnachtsfestes und seiner Bedeutung. Zudem bietet sich bei der Wahl des Stückes die Möglichkeit, auf eine konfirmandengemäße, sie ansprechende Fassung zu achten.


Erlebnisse der besonderen Art
Die gemeinsame Arbeit der Gruppe an dem Projekt Krippenspiel setzt jedes Mal unvermutete Seiten ihrer Mitglieder frei. Einfälle zur Gestaltung, Engagement, Leistungsbereitschaft, geradezu Ehrgeiz tauchen auf, die in anderen Bereichen des Unterrichtes nicht sichtbar werden, nicht eingebracht werden können oder wollen. Bei der Rollenverteilung zur „wichtigsten Nachricht“ drängte sich ein Konfirmand regelrecht in die umfangreiche Hauptrolle, dem ich diese niemals zugetraut hätte, auch, weil ich von ihm im sonstigen Unterricht so gut wie nie einen konstruktiven Beitrag erlebt hatte. Kaum mehr nötig anzumerken, dass er die Rolle mit Bravour gemeistert hat.

Auf solche Erlebnisse, und das war nicht das einzige dieser Art, möchte ich im Konfirmandenunterricht nicht verzichten.


Positiv wahrgenommener Beitrag zum Gemeindeleben
Durch das Krippenspiel trägt die Konfirmandengruppe aktiv zum Gemeindeleben bei. Dabei wird sie von einem Großteil der Gemeinde (in der Regel und je nach Gelingen abgestuft) positiv wahrgenommen. Das ist deswegen heraus zu stellen, weil ihre sonstige Wahrnehmung durch die Gemeinde tendenziell anders gelagert ist. (Stichwort „Stören im Gottesdienst“)

Dies sind für mich hinreichende Gründe, an der Erarbeitung des Krippenspieles im Rahmen des Konfirmandenunterrichtes festzuhalten.


„Wenn das alles man so einfach wäre…“


Nun stellen sich mit diesem Vorhaben immer auch spezifische Probleme ein:


Gruppengröße contra Rollenverzeichnis
Wer nicht jedes Jahr sein eigenes Stück verfasst, steht immer wieder vor dem Problem: Ein ansprechendes Stück ist gefunden, die Gruppengröße und die Anzahl der Rollen gehen aber auseinander. In den meisten Fällen lassen sich geringfügige Veränderungen vornehmen, die zum Ausgleich führen. Rollen mit nur jeweils einem Auftritt in unterschiedlichen Szenen werden beispielsweise einer Person anvertraut. Die Anzahl der Hirten lässt sich in den meisten Krippenspielen ohne Verlust für die Substanz verändern, indem Rollen zusammengelegt oder der Text einer Rolle auf mehrere Spieler aufgeteilt wird.

In der „wichtigsten Nachricht“ sind bewusst Variablen eingebaut, allerdings in Nebenrollen. Esel und Kamel können ohne größere Textveränderungen weggelassen oder durch die Reporter und Passanten aus der Anfangssequenz übernommen werden. Die Aufgabe, die Schilder für die Gemeindebeteiligung zu bedienen, kann bis zu drei Personen übertragen werden. Der Vertreter des Abschleppdienstes kann weggelassen werden. Auf diese Weise erhält man Spielraum.

Ferner bieten mehrere Rollen die Möglichkeit, die römischen Namen durch die Endung auf -us (z.B. Antonius) oder -a (z.B. Antonia) so anzupassen, dass sie sowohl von Konfirmanden als auch von Konfirmandinnen gespielt werden können.


Rollenumfang
Keine Konfirmandengruppe bietet ein einheitliches Leistungsniveau. Was den einzelnen an Rollenumfang zugemutet werden kann, geht mitunter weit auseinander. Und das ist keineswegs eine reine Frage der Schulform. Nach meiner Erfahrung braucht man für jede Gruppe ein Stück, dessen Rollen unterschiedlich umfangreich sind. Und Scheu davor, einem geeigneten Konfirmanden auch eine richtig große Rolle zuzumuten, ist unnötig. Allerdings kostet das von Fall zu Fall gutes Zureden und Überredungskunst. Andererseits achte ich darauf, dass es mehrere „größere“ Rollen gibt, damit nicht die Hauptlast auf einer einzelnen Person zu ruhen kommt. In diesem Fall hat Marcus Crassus seinen ständigen Begleiter und Gesprächspartner, den Kameramann.


Textverständlichkeit
Konfirmanden und Konfirmandinnen sind keine Schauspieler und nicht stimmlich geschult. Darunter leidet schnell die Verständlichkeit, insbesondere in einem Nachmittagsgottesdienst am Heiligen Abend. Mikrofone schaffen Abhilfe, wenn sie recht gebraucht werden. Die psychologische Botschaft eines Mikrofones lautet aber leider: „Ich mache die Arbeit für dich!“ Die Folge: Nuscheln, Verschlucken, Prestissimo. Das Mikro wird’s ja richten. Es ist harte, doch notwendige Arbeit, Konfirmanden und Konfirmandinnen klar zu machen: „Das Mikrofon verstärkt lediglich, was du tust. Sprichst du deutlich, kommt es deutlich an. Nuschelst du, nuschelt der Lautsprecher erst recht.“

Funktioniert das, bleibt dennoch die Crux der Nähe zum Mikro. Headsets in der ausreichenden Anzahl sind für die meisten Gemeinden ein frommer Wunsch. Meistens läuft es auf Standmikrofone hinaus. Die schränken natürlich das Ausspielen der Fläche ein. Und setzen voraus, dass alle Spieler und Spielerinnen nah genug herantreten. Das unterbleibt im Eifer des Gefechtes leicht. Ein Punkt, auf den in den Proben konsequent geachtet werden muss. Als dritte Variante bleiben Handmikrofone mit oder ohne Kabel. Sie geben größere Bewegungsfreiheit. Aber auch sie gewährleisten nicht automatisch, dass sie nahe genug an den Mund geführt werden. Hinzu kommt, dass ein Handmikrofon beständig von einem Spieler zum nächsten gereicht werden muss und jeweils eine Hand blockiert, mithin eine unnatürliche Komponente ins Spiel bringt.

Aus der Mikrofonfrage heraus wurde die Grundidee für „Die wichtigste Nachricht“ geboren. Zu einem Fernsehreporter gehört das Mikrofon genauso wie das sonst auffällige Verhalten, es anderen Leuten unter die Nase zu halten. Einer verfügt also die gesamte Zeit über das Mikrofon und hält es allen hin, die etwas zu sagen haben, weil seine Rolle es verlangt. Eine stückspezifische Lösung, die natürlich nicht auf jedes beliebige Krippenspiel übertragen werden kann.

 

Gemeindeeinbindung

Hinter der Entstehung des Stückes stand noch ein Anliegen, das nicht mit der Aufführung durch eine Konfirmandengruppe zusammenhängt: Die Gemeinde sollte einmal über das übliche Maß hinaus in das Geschehen eingebunden werden. Die klassische Methode besteht darin, den Verlauf des Krippenspieles mittels passender Liedstrophen zu gliedern. In diesem Fall werden der Gemeinde regelrecht handlungstragende Aufgaben zugewiesen wie etwa bei der Herbergssuche:

Marcus Crassus: „Dürfen wir Sie dennoch bei der Zimmersuche begleiten?“
Joseph: (lenkt ein) „Also, wenn es denn sein muss.“
(alle gehen die „Herbergen“ ab; Jo. richtet sich an die Gemeinde, G.C. filmt dabei)
Joseph: „Guten Abend. Wir kommen aus Nazareth und suchen ein Zimmer.“
Gemeinde: „Alles voll!“
Joseph: (andere Seite) „Wir brauchen dringend ein Zimmer!“
Gemeinde: „Alles voll!“

Drei Texte werden der Gemeinde zugeteilt und deren Einsatz jeweils durch Heben eines entsprechenden Schildes angezeigt:
ein Haus – „Alles voll!“
eine Uhr – „Keine Zeit!“
ein Schaf – „Mäh!“
Das Prinzip wird vor dem Beginn des Spieles mit der Gemeinde in einem Dialog geübt.

Das Stück sieht ursprünglich vor, in der Hirten- und der Stallszene den Gesang der Engel durch einen Chor ausführen zu lassen. Wo dazu keine Möglichkeit besteht, singt stattdessen die Gemeinde. Der Text des Engels muss dann geringfügig angepasst werden:
Engel: (zur Gemeinde) Macht nicht so einen Krach. Wir sollen hier ein Wiegenlied singen, keinen Triumphmarsch. Okay? Und nun alle zusammen:
Gemeinde: (singt) „Kommet, ihr Hirten … (usw.)"

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2007

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