„Ich bin nicht religiös, ich bin normal.“
Filmtipps für die Bildungsarbeit in Schule und Kirchengemeinde

Von Marion Wiemann

 

„Ich bin nicht religiös, ich bin normal“ ist ein relevantes Thema für Kirche und Gesellschaft angesichts einer religiösen Pluralisierung auf der einen Seite und einer zunehmenden Säku-larisierung auf der anderen. Religion ist zu einem Markt geworden, aus dem man sich aus verschiedenen Angeboten etwas Passendes heraussucht. Die religiöse Sozialisation findet zudem nicht mehr primär im Elternhaus statt, sondern wird an Schule und Kirche delegiert; in charismatischen Kreisen spielen auch Peer-Groups eine Rolle. Die folgenden Filmtipps nähern sich diesem Thema unter verschiedenen Aspekten: Welche Konsequenzen hat ein Aufwachsen ohne Religion? Gibt es überhaupt einen Gott, ein höheres Wesen? Was führt areligiöse Menschen dazu, sich einer Glaubensgemeinschaft anzuschließen? Was macht fundamentalistische Weltanschauungen/Religionen für Jugendliche attraktiv?

 

 

Jugend ohne Gott
Alain Gsponer, Deutschland 2017
114 Min., Spielfilm, FSK: 12

Freie Adaption von Ödön von Horváths 1937 erschienenem Roman, die dessen Anklage der entmenschlichten Nazi-Gesellschaft in eine unbestimmte nahe Zukunft verlegt. – In einer Gesellschaft, in der nur noch Leistungskriterien zählen, ist auch der Zugang zu den besten Studienplätzen ans Abschneiden in einem Trainingslager gekoppelt. Nadesh, Zach und Titus dürfen an einem Auswahlcamp für eine der fünf privaten Rowald Eliteuniversitäten teilnehmen. Die Auswahlkriterien sind streng, die Aufgaben hart. Teamfähigkeit, Ausdauer und Führungsqualitäten sind gefragt. Es herrscht ein enormer Leistungsdruck und Optimierungs-zwang, auf den die Schüler*innen unterschiedlich reagieren. Zach ist eher genervt. Er ist nicht da, weil er unbedingt an die Uni will, sondern vielmehr, weil seine Lehrer*innen sich viel von ihm versprechen. Nadesh wiederum kommt aus einfacheren Verhältnissen. Für sie wäre eine Aufnahme ein Karrieresprungbrett. Und Titus hat gar keine andere Wahl. Für einen jungen Mann aus einer wohlhabenden Familie kommt nur der Besuch einer Rowald Universität infrage. Zu Komplikationen kommt es, als Zach eines Nachts die junge Ewa kennenlernt, die mit einer Gruppe Gleichaltriger illegal und frei im Wald lebt und sich damit den strengen Konventionen der Gesellschaft entzieht. Als es im Auswahlcamp unter den Schülern zu einem Todesfall kommt, zwingt der Gerichtsprozess gegen den vermeintlich Verantwortlichen die übrigen Aspiranten zur Auseinandersetzung mit der herrschenden Doktrin.
In diesem Film werden die Fragen nach Gott oder Religion nicht explizit angesprochen, obwohl der Titel ein religiöses Thema nahelegt. Sie schwingen aber mit, wenn es um die Darstellung der fiktiven kapitalistischen und totalitären gesellschaftlichen Ordnung in der Zukunft geht und um die Konsequenzen dieser Ordnung für das Zusammenleben ihrer Mitglieder.

Gott ist im Film nicht konkret zu verstehen, sondern als Synonym für Gewissen und Moral. Der Film fordert zur Auseinandersetzung mit folgenden Fragen auf: In welcher Welt wachsen wir heute auf? Was ist in unserer Gesellschaft heute wichtig? Welche Zwänge gibt es? Was machen diese aus uns – und vor allem aus der jungen Generation? Welche Konsequenzen könnte es haben, wenn religiöse, ethische Werte und die Frage nach Gott keine Rolle mehr spielen?

Jugend ohne Gott wird nicht chronologisch erzählt. Charakteristisch ist der vierfache Perspektivenwechsel; bis zu dreimal hintereinander zeigt Jugend ohne Gott dieselben Szenen, was die Bearbeitung des 114-minütigen Filmes auch in unterrichtlichen Zusammenhängen ermöglicht. So kann in jeder Unterrichtsstunde eine Sichtweise gezeigt und beleuchtet werden, ohne dass der Gesamtzusammenhang verloren geht. Auch für Gemeindeveranstaltungen ist der Film durchaus geeignet.

 

Die Konfirmation
Stefan Krohmer, Deutschland 2017
90 Min., Spielfilm
FSK: Lehrprogramm gemäß § 14 JuSchG
Geeignet ab 12 Jahren

Seit einem Jahr besucht der 15-jährige Ben heimlich den Konfirmandenunterricht. Nun hat er sich taufen lassen, ohne seinen Eltern ein Wort zu sagen. Mutter Johanna und Stiefvater Felix geben sich zwar offen und tolerant – mit dem Glauben aber können sie nichts anfangen. Als Ben ihnen von der Taufe und der bevorstehenden Konfirmation erzählt, reagieren sie verständnislos. Sie meinen, Ben brauche einfach einen Tag, an dem er ganz im Mittelpunkt steht. Obwohl die Familie in Geldnöten steckt, soll Ben also eine beeindruckende Feier bekommen. Was Ben selbst will und von seiner chaotischen Familie erwartet, lässt sich nur erahnen. Doch so viel wird klar: Um eine herausragende Feier oder teure Geschenke geht es ihm nicht. Seinen Eltern gegenüber recht wortkarg, unterhält er sich eher mit seiner Sandkastenfreundin Frida. Der Großvater ist der einzige Erwachsene, der Ben nach den Beweggründen für seine Entscheidung fragt. Bens Antwort bleibt allerdings recht undifferenziert: „Weil es vielleicht so ist, dass da was ist. Etwas, das größer ist, als wir denken können.“

Der Fernsehfilm Die Konfirmation wurde am 2017 im Rahmen der ARD-Themenwoche „Woran glaubst du?“ erstmals ausgestrahlt. Er wirft die Frage auf: Warum entscheiden sich junge Menschen trotz voranschreitender Säkularisierung heute noch dafür, ja zu sagen zum christlichen Glauben? Die Antwort darauf bleibt relativ vage; das kann angesichts der zunehmenden Sprachunfähigkeit in Glaubensdingen als Schwäche des Films angesehen werden. Allerdings liegt darin auch eine Stärke, denn die Betrachtenden werden herausgefordert, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen und eigene Antworten zu suchen. Und damit gibt die unklare Aussage des Protagonisten auch dem Wesen eines lebendigen Glaubens als ständiger Suchbewegung Raum.

Obwohl der Film in manchen Passagen ein wenig plakativ wirkt und einige Szenen überflüssig sind (z.B. Warum muss sich der frisch gebackene Konfirmandenvater auch noch in die Pastorin verlieben?) ist er besonders für den Konfirmandenunterricht zur Vorbereitung auf die Konfirmation oder auch während einer Konfirmandenfreizeit geeignet.

 

Der tolle Mensch
Johannes Rosenstein, Deutschland 2013
18 Min., Kurzspielfilm
FSK: Lehrprogramm gemäß § 14 JuSchG
Geeignet ab 16 Jahren
Auf der DVD Atheismus und Religionskritik – Das Beispiel Friedrich Nietzsche des FWU

Friedrich, ein Mann mittleren Alters, lebt einsam in einer leicht verwahrlosten Wohnung. Seine Kontakte zur Außenwelt beschränken sich auf das Fernsehgerät und den jungen Studenten Niko, der Friedrich regelmäßig besucht und ihm im Alltag behilflich ist. Zwischen den beiden Männern besteht eine eigenwillige Freundschaft, die jedoch durch Friedrichs intensive Beschäftigung mit der Philosophie Nietzsches immer mehr auf die Probe gestellt wird. Friedrich verwickelt Niko verstärkt in Gespräche über den Tod Gottes und den Stellenwert der Moral und lehnt Nikos Hilfe ‚aus Mitleid‘ schroff ab. Zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen Friedrich und dem Philosophen Nietzsche. Nachdem Friedrich Niko zum wiederholten Male mitgeteilt hat, dass er von ihm weder Mitleid noch Hilfe will, entschließt sich Niko dazu, Friedrich zu verlassen und ihn nicht mehr zu besuchen. – Die Handlung wird parallel durch Ausschnitte aus Nietzsches Text Der tolle Mensch (aus Die fröhliche Wissenschaft, erschienen 1882 und ergänzt 1887) sowie kurze TV-Clips kommentiert.
Auf der DVD befindet sich neben Kurzspielfilm und Arbeitshilfe auch ein gut vierminütiger Filmclip mit dem vollständigen Interview mit Wolfgang Mahnfitz vom „Internationalen Bund der Konfessionsfreien und Atheisten“ (IBKA), das auszugsweise im Film Der tolle Mensch zu sehen ist. Mahnfitz stellt darin den IBKA vor und erläutert dessen Ziele, Forderungen sowie bisherige Errungenschaften. Er verlangt eine strikte Trennung von Staat und Kirche, speziell auch im Bildungsbereich, und übt scharfe Kritik an der Religion im Allgemeinen.
Geeignet für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe II und in der Erwachsenenbildung.

 

Gibt es einen Gott? Die Gottesbeweise
Anna Schreiber und Johannes Rosenstein
Deutschland 2015
18 Min., Dokumentation
FSK: Lehrprogramm gemäß § 14 JuSchG
Geeignet ab 16 Jahren

Der Film startet mit einem Besuch der Berliner Sunday Assembly. Es ist ein Gottesdienst ohne Gott, eine Sonntagsversammlung für Atheisten, Agnostiker, Kirchenferne oder alle anderen, die mit dem Sonntagsgottesdienst nichts anfangen können, aber trotzdem Gemeinschaft erleben und über ein gutes Leben nachdenken wollen. Für sie gibt es Gott nicht, bzw. er spielt für das menschliche Dasein in ihren Augen keine Rolle. Ein Jenseits zu denken ist für viele, die die „Gottesdienste ohne Gott“ besuchen, irrational.

Ausgehend von dieser Haltung beleuchtet der Film die Frage der Gottesbeweise. Theologen und Philosophen haben immer wieder versucht, den Glauben zusammenzubringen mit der menschlichen Vernunft. Alle Ansätze, sich Gott kraft des Verstandes zu nähern, sind dabei abhängig von der Zeit und der kulturellen Erfahrungswelt ihrer Denkväter. Die Produktion beleuchtet Meilensteine in der Geschichte der Gottesbeweise, Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin über Blaise Pascal und Immanuel Kant hin zum modernen Ansatz Hans Küngs.

Komplexe Gedankengänge werden in Legetrick-Animationen anschaulich auf das Wesentliche reduziert. Kirchenhistorikerin Prof. Gisa Bauer und Fundamentaltheologe Prof. Armin Kreiner erläutern die Gottesbeweise und ordnen sie in ihren jeweiligen philosophie- und kulturgeschichtlichen Kontext ein.
Die Filmsequenzen über die Sunday Assembly mit ihren humanistischen Ansätzen greifen die Gedanken junger Menschen der Gegenwart auf, die angesichts der zunehmenden Pluralisierung und Säkularisierung unserer Gesellschaft zunehmend religionskritisch geprägt sind und an der Existenz Gottes zweifeln. Sie können Motivation sein, sich mit den unterschiedlichen Ansätzen eines Gottesbeweises auseinanderzusetzen.
Diese FWU-Produktion ist besonders für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe II geeignet.

 

 

Alle genannten Filme können im Haus kirchlicher Dienste ausgeliehen werden (Tel.: 05 11 /  12 41 - 4 03) Für einige gibt es auch eine Downloadfunktion. Recherche und Download sind unter www.medienzentralen.de möglich.

Jugend ohne Gott, Alain Gsponer, Deutschland 2017
Die Konfirmation, Stefan Krohmer, Deutschland 2017 
Der tolle Mensch, Johannes Rosenstein, Deutschland 2013
Gibt es einen Gott? Die Gottesbeweise, Anna Schreiber und Johannes Rosenstein, Deutschland 2015