Von Stigmata und Tattoos:
Körperzeichen im Wandel der Zeiten

Von Hans Jürgen Luibl

 

Ein kulturgeschichtlicher Spaziergang1

Tätowierungen oder Tattoos sind Mode, genauer gesagt: Körper-Mode, wenn vielleicht auch eine Mode, die ihren Höhepunkt schon hinter sich hat. Diese faszinierend-befremdliche Körper-Mode zu verstehen, dazu gibt es etliche Versuche – siehe Literaturverzeichnis. Im Folgenden wird keine neue Hypothese entwickelt, sondern zu einem Spaziergang durch die Kulturgeschichte eingeladen. Dieser führt in die Weite und Abgründe des absonderlichen Phänomens des Ritzens, der Einzeichnungen in den eigenen Körper, den individuellen Körper, der damit ein (aus-)gezeichneter wird und damit in den kollektiven Körper, die Gemeinschaft.

 
1. Einritzen – eine religiöse und kulturelle Praxis

Eine etymologische Erinnerung. Ritzen – Einschreiben von Signifikanz 2

Sowohl im Hebräischen wie im Griechischen als auch im Lateinischen hat das Wort „Schreiben“ (als katab, grafe oder scribere) die Konnotation des Einritzens. Einritzen wird damit als grundlegendes kulturarchäologisches Phänomen verstehbar: Was wichtig ist, das „reißt“ sich, das „ritzt“ sich ein, was sich „einritzt“, das ist wichtig und bleibt – der Blitzschlag, der den Baum zerteilt, die Sintflut, die sich einritzt in das kollektive Gedächtnis, oder die Trennung des jungen Mannes von seiner Kindheit, die als Beschneidung sichtbar wird und ihn einfügt in die Welt der Erwachsenen. Einritzen ist ein sinnliches Geschehen, das den Sinn des Ereignisses lesbar machen soll. Oder schlichter: Sinn vermittelt sich sinnlich. Man kann auch von Inkorporation von Signifikanz sprechen. Durch einschneidende Ereignisse erhalten der individuelle, der soziale oder der religiöse Körper seine Form und seine Information. Das signifikante Ereignis schreibt sich körperlich ein, materialisiert sich. Dies wird in einem zweiten Akt, der Wiederholung, als Erzählung material festgehalten. Es entstehen Zweitkörper, die Sinn-Träger.

Das erste Tattoo: Knochen mit Kerben, 35.000 vor Christus

Zu sehen sind Tierknochen mit Kerben. Sie stehen vermutlich für Geschichte der Jagd, damit für die Grundfrage einer Gruppe: das Überleben, entweder töten, essen – oder getötet und gefressen werden. Die Tierknochen sind Zeichen, dass der Mensch überlebt hat. Er hat das Tier getötet – und das wird dem Knochen eingeschrieben. Was genau ist dem Knochen eingeschrieben? Die Kerben könnten Erinnerungszeichen für die zu erzählende Geschichte von Jagd, Töten, Sieg und Mahl sein. Sie geben den Rhythmus der Erzählung an, sind Beweis des Siegens und ermöglichen die Erzählung vom Sieg: Reden ist dann der eigentliche Beweis, überlebt zu haben. Da diese Geschichte sich nur an Kerben orientiert, kann sie sich weiter entwickeln, immer neu erzählt werden, neuen Entwicklungen angepasst werden. Auf diesem Weg entwickelt sich der Mensch, Humanisierung, Kultivierung und Logifizierung – und bleibt gebunden an materiale Substrate, stumme Erinnerungszeichen, die vor aller Logifizierung stehen, zum Reden nötigen und Sinnsuche ermöglichen und gleichzeitig daran erinnern, dass Reden auch verstummen, dass Sinn in unverständliche Sinnlichkeit übergehen, dass Leben vom Tod eingeholt werden kann. Oder mit dem Philosophen Hegel gesprochen: „dass das Sein des Geistes ein Knochen ist“3 : die Gewissheit des Seins vergegenständlicht sich im Knochen, der Zeichen für Tod und Überleben ist.
Gewagt sei ein Sprung von Hegel zu den Cowboys: Sie machen sich Kerben in den Colt für jeden, den sie im Kampf besiegt und erschossen haben …

Religiöser Graphismus

„Einritzen“ lässt sich nicht nur als kulturelles, sondern auch als religiöses Grundphänomen verstehen – oder anders gesagt: Das Einritzen, das von außen kommt und vom Menschen am eigenen Leib wiederholt und reinszeniert wird, das ist im Kern ein religiöses Grundereignis. Gott ritzt sich ein. Wenn Einritzen eine Fremd- und Eigenerfahrung ist, dann ist der religiöse Graphismus diese Doppelerfahrung schlechthin, die Erfahrung mit dieser seltsamen Erfahrung. Die Einschreibung des Anderen ist die Inszenierung der Grunderfahrung und theologische Grenz- und Transzendenzerfahrung in einem: „Dann bildete Gott den Menschen aus Staub vom Erdboden und blies in seine Nase einen Lebenshauch ein. So wurde der Mensch ein lebendiges Wesen“ (Gen 2,7).

Der philosophische Medientheoretiker Vilém Flusser übersetzt dies so: „Diesem Mythos zufolge hat Gott Sein Ebenbild aus Lehm (haadama) geformt, darin Seinen Odem eingegraben und daraus den Menschen (adam) geschaffen. […] Es lässt sich […] darin der Ursprung des Schreibens erkennen. Der mesopotamische Lehm, von dem der Mythos erzählt, wird darin zu einem Ziegel geformt, der göttliche keilförmige Stilus gräbt ihn ein – und so ist die erste Inschrift Menschen geschaffen worden.“ 4

Dieses Einschreiben ist ein Einritzen: „Informieren ist eine negative, gegen den Gegenstand gerichtete Geste. […] Sie gräbt Löcher (Nasenlöcher) in Gegenstände. Sie gräbt Löcher des Geistes in die zu sehr von sich selbst gefüllten Dinge, damit diese Dinge das Subjekt nicht bedingen können. […] Das grabende Schreiben ist eine informierende Geste, deren Absicht es ist, aus dem Kerker der Bedingungen zu brechen, d. h. Ausbruchsschächte in die uns einkerkernden Mauern der objektiven Welt zu graben.“ 5
Wie Gott sich einritzt, das zeigt die Geschichte des ersten und zweiten Bundes:

„7Und er sprach zu ihm: Ich bin der HERR, der dich aus Ur in Chaldäa geführt hat, auf dass ich dir dies Land zu besitzen gebe. 8Abram aber sprach: HERR, mein Gott, woran soll ich merken, dass ich‘s besitzen werde? 9Und er sprach zu ihm: Bringe mir eine dreijährige Kuh, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Widder, eine Turteltaube und eine andere Taube. 10Und er brachte ihm dies alles und zerteilte es in der Mitte und legte je einen Teil dem andern gegenüber; aber die Vögel zerteilte er nicht. 11Und die Raubvögel stießen hernieder auf die Stücke, aber Abram scheuchte sie davon. 12Als nun die Sonne am Untergehen war, fiel ein tiefer Schlaf auf Abram, und siehe, Schrecken und große Finsternis überfiel ihn.“

Es wird „ein Bund geschnitten“ – so die wörtliche Übersetzung des Bundesschlusses. Wenn Gott kommt, ist das ein einschneidendes Ereignis. Es zerschneidet Tiere, dann Menschen (Vorhaut, Zweiter Bund), sodann die Geschichte (das Volk wird von seiner Vergangenheit abgeschnitten und damit auch vom vertrauten Gott). Dieses einschneidende Ereignis ist körperlich (schneidet sich in den realen Körper, Tiere und Menschen, das Volk, das Land) – und schafft so neue Deutungshorizonte: den erwählten Menschen, das verheißene Land. Interessanterweise wird die Beschneidung als identitätsstiftender Gestus gerade im Exil des Volkes Israel relevant. Das Exil als ein einschneidendes Ereignis, weil es von allen Grundlagen abschneidet, reaktiviert die einschneidende, vernichtende und verheißende Grunderfahrung mit Gott. Dabei wird der (alte) Bund als Hoffnungszeichen wiederentdeckt. Aus diesem Grund wird an anderen Stellen des Alten Testaments auch das Ritzen als Kulturtechnik abgelehnt, weil es eine menschliche Gegenveranstaltung zum Einritzen Gottes ist. Das Abendmahl ist der neue Bund: Auch hier geht es um ein einschneidendes Ereignis, dass nicht nur das Band mit Gott durch den Tod des Gottessohnes zerschnitten wird, sondern Gott selber zerschnitten wird (getötet und gegessen). Das einschneidende Ereignis geht dem Menschen in Fleisch und Blut über und damit in den Genuss des Lebens.

Einritzen – alte Phänomene und neue Metaphern- und Modellbildungen

„Wenn ich meinem Gedächtnis misstraue, – der Neurotiker tut dies bekanntlich in auffälligem Ausmaße, aber auch der Normale hat allen Grund dazu – so kann ich dessen Funktion ergänzen und versichern, indem ich mir eine schriftliche Aufzeichnung mache.“ So schreibt es Sigmund Freud in seinem „Wunderblock“ . Schrift ist also eine Art Not-Helfer gegen Neurosen, gegen das Vergessen, letztlich das Vergessen, das der Tod bringt. Dem gegenüber steht die Schrift. Interessant ist, dass Freud hier den Wunderblock 6 einführt. Der Wunderblock, bekannt aus Kindertagen, ist eine Wachstafel, in die man Buchstaben hineingräbt – und die man wieder verschwinden lassen kann, um neues Schreiben zu ermöglichen. So, folgert Freud, funktioniert die Seele. Sie besteht aus einer Wahrnehmungsschicht, in die hinein sich die Ein-Drücke versenken. Tief genug eingedrückt hinterlassen sie Spuren im Unbewussten, die gleichzeitig als eine Art Dispositiv für neue Einschreibungen dienen. Die Wahrnehmungsschicht kann durch Löschen wieder frei werden, das Unterbewusste hat die Spuren der Eindrücke gespeichert, es sind Dauerspuren, eine sinnliche Matrix des Lebens. Sie sind nicht einfach zu lesen, sondern nur über mehr oder weniger zufällige Einschreibungen, deren Formatierungen und Codierungen, zu entziffern.

Die Metapher der Einschreibungen findet sich wieder, wenn der genetische Code des Menschen gelesen – und durch Einschreibungen verändert wird, indem er „aufgeritzt“ und neu weitergeschrieben wird. Oder als „Einbrennen“ von Informationen auf CD etc. Die Weitergabe von Informationen bleibt gebunden, darauf verweist die Metaphorik, auf das Ritzen, das ein Verletzen und Vernichten ist, um Informationen weiterzugeben – die wichtigste Information ist dabei diejenige, die materialisiert vor aller Information liegt: Das Leben geht weiter, wo es verletzt, gebrochen, geritzt wird.


2. Stigmatisierung und Tätowierung als signifikante Einschreibungen in den Körperkult der Neuzeit

Das Einritzen kann als kulturelles oder religiöses Phänomen verstanden werden, hat aber je seine Zeiten, prägt je eigene Kulturen und Kulte. Stigmatisierungen und Tätowierungen sollen nun als Phänomene der Neuzeit wahrgenommen werden. Sie sind im Kontext von Aufklärung eher Gegenpole oder Widerlager, stehen für Grenzen der Aufklärung (Stigmatisierungen) und im Übergang von der Moderne zur Nachmoderne (Tattoo), markieren Grenzen und Narben der Neuzeit.

Näherhin stehen Stigmatisierungen und Tattoos im Kontext von religiösem und säkularem Körperkult der Neuzeit.

Der „Körper“ wurde mit der Aufklärung im Deutesystem der Vernunft verortet (oder eingesperrt), wurde theoretisch unsichtbar gemacht (das Ding an sich, der Körper bleibt der Vernunft verborgen), ethisch ein- und untergeordnet. Auch die religiöse Praxis, also die körperliche Religion, wurde seit Kant entkörpert, ausgehöhlt und überholt, indem religiöse Sinnlichkeit als Aberglaube interpretiert wurde, der jeden Sinn aus der Sinnlichkeit saugt, bis nur noch der Wahnsinn religiöser Praxis oder religiöse Praxis als Wahnsinn übrigblieb. Dabei wurden der individuelle / reale, der religiöse und der Sozialkörper vernünftig ausgerichtet, zugerichtet – er wurde zum Ort, an dem die Differenz zwischen Sein und Wollen, zwischen Ist und Ziel der Vernunft sich manifestierte: Er wurde zu Ausgangspunkt, Konfliktzone und Kampfplatz der neuen Welt, der mit dem Licht der Vernunft ermöglicht werden sollte. Mit dem Verlust des Aufklärungsparadigmas als Deutehorizont von Wirklichkeit und Wahrnehmung trat der gezeichnete Körper, wenn nicht ins Bewusstsein, so in den Blick – als stummer Zeuge der anderen Seite der Vernunft.

Den Zielpunkt dieser Vernunfteinschreibungen in den Körper markiert die Geschichte Kafkas „In der Strafkolonie“ – hier wird das vernünftige Gesetz durch eine Tätowiermaschine dem Körper auf die Haut geschrieben – der daran stirbt. Vernunfteinschreibungen sind so vernünftig nicht, sondern töten und vernichten, ohne es zu merken. Der Schmerz wird wegrationalisiert, einer höheren Vernunft untergeordnet, der tote Körper am Ende hat weder Beweiskraft noch Sprachkraft.

Parallel dazu kann man hier die Eintätowierung von Nummern bei den Todeshäftlingen etwa von Auschwitz in den Blick nehmen. Schon immer sind in der Geschichte Sklaven Zeichen eintätowiert worden, um ihre Identität zu brechen, sie zu entmächtigen – im Sinne der herrschenden Vernunft.
Je mehr aber das Deuteparadigma neuzeitlich-aufgeklärter Vernunft an Kraft verliert, desto mehr tritt der Körper in seiner Körperlichkeit, mit all seinen Einschreibungen und doch unlesbar geworden, mit allen Deutungen und zugleich bedeutungslos, weil schlicht vorhanden, in den Blick. Ein Stichwort dieser Entwicklung ist die steigende Sehnsucht nach Körper-Erfahrung. Es scheint, dass die höchste Stufe der Erfahrung jene des eigenen Körpers ist. „Ich habe es am eigenen Leib erfahren!“ – das ist heute die Adelung jeder Erfahrung und diese wird selber unhinterfragbar. Die gefühlte Wirklichkeit hat den Sieg über alle anderen Konstruktionen von Wirklichkeit, ja über die Idee einer Wirklichkeit jenseits der eigenen Zugänge errungen. Hier sind auch die Phänomene von Stigmatisierungen und Tattoos zu verorten. Am Ende der Vernunft – die neue Sinnlichkeit?


3. Stigmatisierungen: Paulus, Franziskus und Resl von Konnersreuth

Es gab immer schon im Christentum, speziell dem abendländischen Christentum göttliche Körperzeichen, körperliche Einschreibungen. Zu erinnern ist etwa an Paulus (Gal 5,11-18): „11Seht, ich schreibe euch jetzt mit eigener Hand; das ist meine Schrift. 12Jene Leute, die in der Welt nach Anerkennung streben, nötigen euch nur deshalb zur Beschneidung, damit sie wegen des Kreuzes Christi nicht verfolgt werden. […] 14 Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. […] 17[…] ich trage die Zeichen Jesu an meinem Leib. 18Die Gnade Jesu Christi, unseres Herrn, sei mit eurem Geist, meine Brüder. Amen.“

Er schreibt mit eigener Hand – damit kommt dem Geschriebenen Authentizität und Autorität zu, die seitens der Gemeinde oder Einzelner in Frage gestellt ist. Die Legitimation des Geschriebenen kommt nun allerdings nicht über die traditionellen Einschreibungen, etwa durch die Beschneidung, sondern durch die direkte Einschreibung Gottes in den Körper Jesu, durch die Einschreibung des Kreuzes, die Paulus für sich reklamiert und verknüpft mit den eigenen Leiden. Diese körperlichen Leiden werden zu Einschreibungen Gottes und dienen damit seiner Autorisierung. Das Nicht-Sprachliche der eigenen Körperleiden als Legitimation der Gottesbeziehung unterläuft sowohl alle traditionellen Codierungen der Gottesgemeinschaft wie alle logische Beweisführung: Der stigmatisierte Körper wird zur subversiven Legitimationsstrategie.

Die Stigmatisierungen des Heiligen Franz von Assisi sind nicht nur körperliche Zeichen. Die Zeichen Jesu am Körper von Franziskus legitimieren sein Handeln und seine Person. Gleichzeitig sind sie eine Gegenstrategie gegen eine Kirche, die sich durch Bezug auf die Schrift, durch verstärkte Rechtsauslegung der Schrift durch die Vertreter der Kirche (Papst, Bischöfe) religiös monopolisiert.

Die Zahl der Stigmatisierungen in der Moderne ist nicht hoch, sie schwankt zwischen 100 und 330. Obwohl die Zahl gering ist, sind Stigmatisierungen Massenphänomene, wie etwa an der stigmatisierten Resl von Konnersreuth deutlich wird: Therese Neumann, genannt Resl von Konnersreuth, geboren im April 1898 in Konnersreuth, war Bauernmagd – und am Ende eine Selige: Jedenfalls begann 2005 das Seligsprechungsverfahren durch Gerhard Ludwig Müller. Nach Löscharbeiten auf dem Bauernhof (März 1918) begann sie zu kränkeln, sie erblindete, dazu kamen Taubheit, Epilepsie, Lähmungen. 1923, am Tag der Seligsprechung der Therese von Lisieux, konnte sie plötzlich wieder sehen, sie gesundete. Dann setzten ab 1926 Phänomene der Stigmatisierung ein. Sie wurde zu einem religiösen Massenphänomen.

Wie ist das Phänomen Therese von Konnersreuth zu beurteilen? Die Frage, ob das wirklich so ist, wie das möglich ist, die medizinischen Fragen, ist wenig interessant. Die Stigmatisierung selber ist interessant.

Man kann sie einlesen in die Geschichte Deutschlands. 1918 zum Kriegsende beginnen ihre Leiden, die sich dann übertragen in die Stigmatisierungen, in denen Leiden geheilt und als religiöse Leiden neu sichtbar werden. Damit ließe sich ihre Geschichte als verdrängte Leidensgeschichte Deutschlands verstehen.
Man kann ihre Geschichte auch anders lesen, als Geschichte des Leidens des „einfachen“ Menschen an der Kirche, der hierarchisch untergeordneten Stellung der Frau in der Kirche, wobei gerade der Körper, die letzte Bastion der Weiblichkeit in der Kirche, zum Kampfplatz wird. Hier, so ließe sich ihre Geschichte lesen, schreibt sich eine einfache Magd, eine Frau aus dem Volk, zudem gebrechlich mit ihrem Leiden ein in die Leidens- und Heilsgeschichte Gottes und umgekehrt: Die Leidensgeschichte Gottes schreibt sich körperlich ein in diese Frau. Damit wird ein sichtbarer Kontakt Gottes mit einem Menschen, mit dieser Frau in ihrem Leiden vergegenständlicht.

Diese Stigmatisation ist eine Herausforderung. Zunächst für die Hierarchie der Kirche, die ja den Kontakt mit dem Göttlichen regelt und monopolisiert. Deswegen hat die Hierarchie auch ihre Schwierigkeiten mit dieser Außenseiterin und muss dieses Phänomen erst in einem Seligsprechungsprozess nostrifizieren. Eine Herausforderung ist diese Stigmatisierung auch für das religiöse Empfinden, das sich geistig immateriell in der Neuzeit codiert hat und Religion als schön-geistliches Erleben entwickelt hat. Und Provokation ist diese Stigmatisierung auch für den aufgeklärten Menschen, der diese Wundergeschichten kraft der Hierarchie der Vernunft nicht aufnehmen kann. Mühsam setzte hier dann auch ein Prozess der Nostrifizierung ein, indem die wissenschaftlichen und medizinischen Nachweise erbracht oder zumindest versucht wurden.

Fasst man zusammen, so könnte man sagen: Die Stigmatisation ist das Spiegelbild einer Stigmatisierung der Frau in der Kirche, der Materialität in der Religion, des körperlichen Leidens in der Gesellschaft, die immer noch träumt von ungebrochener Leiblichkeit und deswegen immer ungebrochene Leiblichkeit inszeniert, einer Vernunftkultur, die ihre Logik und Rationalität entwickelt und alles dem unterwirft. Alles, was nicht sein darf und nicht sein kann, das wird nicht eingeklagt, eingefordert; sondern non-verbal, jenseits des Deutbaren und Eindeutigen ist es dinglich vorhanden, unverständlich, provozierend. Die blutende Therese von Konnersreuth ist sozusagen der Körper, der in der Macht der Rationalität, der Deutungsanstrengungen und Perfektionierungen verstummt. Der stigmatisierte Körper ist der andere, invisibilisierte Sozialkörper – immerhin schreiben wir die Zeit zwischen den beiden großen Weltkriegen.
Und exakt das ist es, was wiederum neue öffentliche, gott-menschliche Kommunikation eröffnet: Visionen, Wallfahrten – ebenfalls und der Stigmatisierung entsprechend non-verbale, dingliche, sinnliche Kommunikation, eingebettet oder Fremdkörper in klassischer Kommunikation.


4. Tattoo

Überblick

Tattoos haben keine religiöse Dimension, sind aber ein ähnliches Randphänomen wie die religiösen Stigmatisierungen. Sie kommen in der Geschichte der Neuzeit selten vor und waren auf Sondergruppen am Rande beschränkt. Erst mit dem beginnenden dritten Jahrtausend steigen Tätowierungen (in Amerika sind geschätzt 25 Prozent der Bevölkerung tätowiert). Tätowierungen setzen in Europa ein mit dem 18. Jahrhundert, aus Reiseberichten werden sie bekannt, stehen für Fremdheit und Exotik. Man will Tattoos sehen, deswegen zeigt man Tätowierte. Ein zweiter Geburtsort der Tattoos ist neben der exotischen Fremdheit die moralische Fremdheit: Tattoos sind Teil der Gefängniskultur.

Wofür steht der tätowierte Körper? Zunächst einmal steht er außerhalb, ist fremd. Gerade der als fremd markierte Körper steht für den anders nicht wahrgenommenen Verlust von Körperlichkeit in der Logik und die Dynamik der Aufklärung und der Umsetzung in einer rationalisierten Welt. Der Körper wird zum Objekt und er wird invisibilisiert.

Deutungen

Durch Schmerz, der dem Körper zugefügt wird, um ihn wieder zum Leben zu erwecken, wiederholt sich der Schmerz der Entkörperlichung. Wir quälen uns ja gerne, um identifizierbar zu werden. Zwang – der unbedeutende Körper wird wieder bedeutend. Aber auch die Gefahr der Änästhesierung und Ästhetisierung ist gegeben: Der Lustschmerz der Stigmata macht auch blind für steigende Stigmatisierungen sozialer Art. Der tätowierte Körper bleibt bedeutungsoffen. Das ist seine Chance, das ist seine Grenze.'

Es ist ein bunter Körper geworden, ein individueller Körper – aber doch auch ein vergesellschafteter und ökonomisierter: Die Bilder kommen aus dem Katalog, Abweichungen möglich, aber müssen extra bezahlt werden. Es ist ein Körper, der bedeutungsschwanger ist, der sehr viele Deutungen zulässt, voller Erinnerungen steckt. Aber was geschieht, wenn diese Deutungen nicht mehr gewollt werden, wenn man die damit verbundene Erinnerung nicht mehr ertragen kann? Die Dokureihe Tattoo Nightmare 7  ist eine richtige Kultserie geworden. Albtraum Tattoo.
Was geschieht, wenn Deutungen so gruppenspezifisch und individuell von anderen gar nicht gedeutet oder missdeutet werden?

Ein tätowierter Körper hat durch Sinnbilder Anteil an der Ewigkeit – und ist doch vergänglich. Konkret heißt dies: Die Zeichnungen bleiben, der Körper aber altert. Deutungen stellen den Körper in die Sinn-Dimension, vielleicht sogar über die Zeit hinaus in die Ewigkeit. Aber der Körper, der Träger, der wird schlapp, hat seine eigenen Zeichen, Zeichen der Hautalterung. Es ist ein Körper mit Zeichnungen, was aber, wenn die Zeichen selber altern? So manche Tattoos sind jetzt schon aus der Mode, in der sie gerade erst vor einigen Jahren gekommen sind.
Und was ist zu tun, zu denken, zu deuten bei diesem Tattoo: Stian Ytterdahl ist wieder da – diesmal ließ sich der Norweger die Rechnung seines Tattoo-Studios auf den linken Arm tätowieren.
Mittlerweile geht die Körpermode des Tätowierens zurück. An ihre Stelle rücken Piercing, Cutting und Branding.

Kommunikation vermittelt über Tattoos

„Wenn ich meine bisher gemachten Beobachtungen resümiere, scheint mir der Schüssel zur Tätowierung in ihrer (im weitesten Sinne) kommunikativen Funktion zu liegen. Mir scheint Tätowierung Angebot und Wunsch nach einer – offenbar nicht mehr möglichen – daher vermissten – zwischenmenschlichen Beziehung zu signalisieren, die nicht abstrakt ist, sich nicht allein zwischen den Köpfen abspielt, sondern unkomplizierter, sinnlicher, weniger an Konventionen ausgerichtet ist, sich zwischen den Körpern (im weitesten Sinne) abspielen soll. Tätowierung scheint mir einerseits Angebot und Wunsch nach Berührung zu signalisieren, wobei die Berührung nicht unbedingt handgreiflich-körperlich sein muss, andererseits scheint sie die Funktion einer Panzerung zu übernehmen, durch die man sich vor ungewollten Berührungen zu schützen versucht; vor Berührungen, die keine Berührungen, sondern Eingriffe und Vereinnahmungen sind“ .8

Religiöse Tattoos – am Beispiel der betenden Hände

Es gibt sie, die religiöse Motivwanderung, aus der Kirche in die Zivilgesellschaft, in die civil religion, in die Unterhaltungs- und Körperkultur hinein. Die betenden Hände vom Düreraltar über die Hand- und Fußzeichnungen sind dafür ein Beispiel. Das ursprüngliche Motiv wird entkontextualisiert und wandert in eigener Dynamik weiter: als Motiv auf Trauerkarten und Briefmarken bis hin zu Tattoos.

Wofür stehen die betenden Hände? Zumindest dafür: Loslösung aus dem Kontext der klassischen Frömmigkeit – weil klassische Frömmigkeit, nach festen Regeln tradiert und codiert, nicht mehr der ausschließliche Deutehorizont ist, Kirchen keine Deutemonopole mehr haben. Die betenden Hände bleiben als körperliches, stummes Relikt und Erinnerungszeichen, stehen für verstummtes Beten, erloschene Sprache, sie stehen für körperliches Beten, von dem der Träger selbst nichts mehr weiß oder mit dem er etwas anzufangen weiß.


5. Stigmata und Tattoos – Schlussbetrachtung

Stigmata und Tattoos sind besondere Formen von Einschreibungen in den individuellen, sozialen und religiösen Körper und damit Teil der (nach-)neuzeitlichen Körperkultur. Sie markieren Freiheit von dieser Körperkultur und deren Narben, wiederholen den Körperzwang, indem sie ihn lustvoll und schmerzintensiv religiös oder säkular reinszenieren. Sie sind Ausdruck einer zwanghaften Gesellschaft, aber kein Ausbruch aus ihr. Wir führen in Europa kaum mehr Kriege, aber der Krieg gegen den eigenen Körper, der ist voll im Gang (von Joggen, Massen- und Mediensport bis zur Fitnessaktion, die versicherungsrechtlich belohnt und umgekehrt bestraft wird). Diese lustvolle Inszenierung verschiebt die Körperkultur auf die Bühne, ins Schauen, in die Unterhaltungsgesellschaft: Dort genießt man mit Lust die Leiden. Während Stigmatisierungen religiöse Deuterahmen hatten, haben Tattoos den aufgeklärten Deuterahmen verloren. Es bleibt die vieldeutige Körperlichkeit – Körperlichkeit wird zum Kampfplatz der Deutungen, ohne Eindeutigkeiten zu schaffen.

Tattoos werden, das ist die Prophezeiung, als Mode bald wieder aufhören. Nicht, weil die Gesellschaft weniger zwanghaft geworden wäre, sondern weil Tätowierungen immer auch kritisches Potential bedeuten. Wenn aber die Eltern und die Älteren tätowiert sind, kann die Jugend mit Tattoos nicht mehr protestieren.

Dagegen werden stigmatisierte Körper Konjunktur haben. Ein Beispiel ist die Antiraucher-Kampagne der EU. Hier werden deformierte Menschen gezeigt; deformiert, weil nicht genügend informiert über die Gefahren des Rauches, stigmatisiert, weil Raucher als Minderheit bereits stigmatisiert sind – und dies zeigt sich in ihren Stigmata offenkundig.

Theologisch aber gilt: Der tätowierte und stigmatisierte Körper ist der materialisierte Stellvertreter Gottes. Wer oder was Gott ist, lässt sich nicht mehr in Geschichten erzählen, sondern im Abtasten und Ansehen von tätowierten und stigmatisierten stummen, dinglichen Körpern entdecken.

 

Literatur

  • Bidlo, Oliver: Tattoo. Die Einschreibung des Anderen, Essen 2010
  • Dankemeyer, Iris: Zur Kulturgeschichte der Tätowierung (2010), Jungle World Nr. 37, 16. September 2010
  • Flusser, Vilém: Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft?, Frankfurt 1992
  • Freud, Sigmund: Notizen über den „Wunderblock“ (1925), in: ders.: Kleine Schriften II. Kap. 42 (zit. n. http://gutenberg.spiegel.de/buch/kleine-schrif ten-ii-7122/42)
  • Friedrich, Marcus Ansgar: Das Kreuz am Körper. Dem religiösen Phänomen von Tattoo und Piercing auf der Spur, in: Magazin für Theologie und Ästhetik 6/2000 http://www.theomag.de/ 06/maf1.htm
  • Gumbrecht, Hans Ulrich / Pfeiffer, Karl Ludwig (Hg): Schrift, München 1993
  • Hahn, Alois: Handschrift und Tätowierung, in: Gumbrecht / Pfeiffer: Schrift, 201-218
  • Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes (1807), Stuttgart 1996 (zit. n. http://gutenberg.spiegel.de/buch/-1656/38)
  • Kafka, Franz: In der Strafkolonie (1919), Berlin 2017
  • Kamper, Dietmar: „Der Geist tötet, aber der Buchstabe macht lebendig“. Zeichen als Narben, in: Gumbrecht / Pfeiffer: Schrift, 193-200
  • Kamper, Dietmar / Wulf, Christoph (Hg): Die Wiederkehr des Körpers, Frankfurt 1982
  • Landfester, Ulrike: Stichworte. Tätowierung und europäische Schriftkultur, Berlin 2012
  • Leroi-Gourhan, André: Hand und Wort. Frankfurt am Main 1988
  • Lobstädt, Tobias: Tätowierung, Narzissmus und Theatralität. Selbstwertgewinn durch die Gestaltung des Körpers, Wiesbaden 2011
  • Mädler, Inken: Grenzüberschreitung als Phänomen populärer Religionskultur: Die Tätowierung als Arbeit an der Grenze, in: Schweitzer: Kommunikation über Grenzen, 710-722
  • Maier, Daniel: Inked: 03 mm unter der Haut der Gesellschaft, Berlin 2010
  • Oettermann, Stephan: „Heavily Tattooed“, in: Kamper / Wulf: Die Wiederkehr des Körpers, 335-349
  • Schweitzer, Friedrich (Hg): Kommunikation über Grenzen, Gütersloh 2008

 

Anmerkungen 

  1. Gekürzte Fassung des Artikels „Unter die Haut“, der demnächst in einer Arbeitshilfe der Gymnasialpädagogischen Materialstelle der Ev.-Luth. Landeskirche in Heilsbronn Bayern erscheint.
  2. Vgl. für das Folgende Leroi-Gourhan: Hand und Wort, 237-70.
  3. Hegel: Phänomenologie des Geistes, Kap. 38.
  4. Flusser: Schrift, 15.
  5. Ebd.
  6. Freud: Notizen über den „Wunderblock“.
  7. www.sixx.de/tv/tattoo-nightmares.
  8. Oettermann: „Heavily Tattooed“, 348f.