Aus der Vergangenheit Gegenwart und Zukunft gestalten
Drei gute Gründe für die Erstellung einer Arbeitshilfe zum jüdischen Friedhof

von Susanne Bürig-Heinze

 

Der jüdische Friedhof in Burgdorf

Der jüdische Friedhof in Burgdorf liegt zwar am Rande der Innenstadt, er ist aber so versteckt, dass kaum jemand auf ihn aufmerksam wird. Fragt man in einer Klasse, wer ihn kennt, melden sich oft nur zwei oder drei Schülerinnen und Schüler. So gibt es immer ein Staunen und neugieriges Fragen, wenn ich diesen besonderen Ort im Unterricht aufsuche.

Obwohl jüdische Friedhöfe in erster Linie Orte des Erinnerns der jüdischen Gemeinden sind, bieten sie viele Anregungen für den Unterricht: Die Grabsteine beinhalten Hinweise und Symbole, die über jüdische Traditionen Auskunft geben und Anlass sind, nach dem jüdischen Leben in der eigenen Stadt und dem Verhältnis zu den christlichen Gemeinden zu fragen. Zudem lassen sich anhand der Entstehungsgeschichte unterschiedliche Phasen der jüdischen Gemeinde vor Ort rekonstruieren und auf die gesamtdeutsche Entwicklung beziehen. Daraus ergeben sich auch für den Religionsunterricht vielfältige Anknüpfungspunkte für die thematischen Bereiche „Judentum“, „Tod und Sterben“, „Kirchengeschichte“ oder sogar den Dialog zwischen Juden und Christen.

Die Erkundung eines Friedhofes bietet zudem vielfältige methodische Möglichkeiten im Sinne des forschenden Lernens. Denn um die Anlage des Geländes, die Inschriften und den gesamten religiösen, historischen und lokalen Kontext zu verstehen, ist eine intensive Beschäftigung mit dem zunächst Fremden nötig. Diese zieht die Aufarbeitung historischer Quellen, ggf. eine Archivrecherche, Experten- und Zeitzeugenbefragungen nach sich. Diese Vielfalt der Zugänge macht es sinnvoll, Schülerinnen und Schüler in die planenden Überlegungen zu Lernwegen und -zielen einzubeziehen. Insgesamt also liegen damit gute Vorraussetzungen für eine Projektarbeit vor. Möchte man dabei produktorientiert arbeiten, können die Ergebnisse ganz unterschiedlich sein. Naheliegend ist die Konzeption einer Ausstellung für die Schul- oder auch Stadtöffentlichkeit, ggf. ergänzt durch Führungen oder sogar kleine Fachvorträge. Unabhängig von der Art des Produktes befähigt die Präsentation der Arbeitsergebnisse aber in jedem Fall zum Erwerb von Kompetenzen im Bereich der Selbstorganisation, der Teamarbeit und der Metakommunikation.

 

Schülerinnen und Schüler werden zu Initiatoren von Lernprozessen

Mit einer zehnten Klasse habe ich mich im Anschluss an zwei Unterrichtssequenzen zu den Themen „Kirche im Nationalsozialismus“ und „Tod und Sterben“ für ein besonderes Projekt entschieden. An vielen Orten ist die Stadtgeschichte gründlich aufbereitet. Auch liegen Informationen über den jüdischen Friedhof und oftmals sogar über die jüdischen Familien vor. In der Regel sind sie aber nicht so zusammen gestellt, dass sie problemlos zugänglich wären und im Unterricht Verwendung finden könnten. Vielmehr wird der Lehrerin bzw. dem Lehrer eine umfangreiche Vorarbeit abverlangt.1

Vor dieser Situation stand ich auch mit den Jugendlichen einer zehnten Klasse, als wir uns mit dem jüdischen Friedhof in Burgdorf näher beschäftigen wollten. Daraus entstand die Idee, die eigenen Arbeitsergebnisse so zusammenzustellen, dass nachfolgenden Gruppen der Zugang erleichtert werden sollte. Arbeitsblätter mit Materialien und erschließenden Aufgaben sollten entstehen, später kam sogar noch die Anregung dazu, die entsprechenden Lehrerkommentare auszuarbeiten.

Über die schon genannten Chancen einer Projektarbeit hinaus, lassen sich mit diesem Vorgehen noch weiterreichende Ziele verfolgen. Denn die Schülerinnen und Schüler werden hier zu Initiatoren von Lernprozessen und müssen in intensiverer Weise als sonst ihre eigenen Wege der Erkenntnisgewinnung reflektieren. Durch die Auswahl und Aufbereitung des Materials, die Erstellung von Aufgaben und die Verknüpfung der einzelnen Arbeitsschritte zu einer Unterrichtssequenz übernehmen sie Tätigkeiten, die sonst von der Lehrkraft durchgeführt werden. Zudem müssen sie die Perspektive der mit den erstellten Materialien Arbeitenden einnehmen sowie mögliche Ergebnisse aber auch Schwierigkeiten antizipieren. Dadurch werden positive und negative eigene Lernerfahrungen stärker ins Bewusstsein gehoben und der Jugendliche gewinnt tiefere Einblicke in eigene Bildungsprozesse. An diesen Reflexionsprozessen teilzuhaben, ist aber auch von höchstem Interesse für die Lehrkraft. Denn der Einblick in die individuellen Lernwege ist eine Perspektive einer beidseitigen Feedback-Kultur zwischen Lehrenden und Lernenden, die im Sinne eines nachhaltigen Kompetenzaufbaus zunehmend in den Blick genommen wird.2

 

Zur konkreten Durchführung

Die Arbeit mit dem jüdischen Friedhof beginnt immer auf dem Gelände selbst. Nach einer kurzen Einführung erkunden die Schülerinnen und Schüler den Friedhof mit dem sehr offenen Arbeitsauftrag, sich zunächst alles gründlich anzuschauen und sich im Rahmen einer anschließenden Führung, die sie sich gegenseitig geben, auf Entdeckungen und Fragen hinzuweisen. Das Ende dieser ersten Begehung ist der richtige Zeitpunkt, gemeinsam das weitere Vorgehen zu planen. Die Fremdheit des Ortes verbunden mit der Nähe zum eigenen Wohnumfeld motiviert und aktiviert für eine interessierte und ernsthafte Erarbeitung.3

In der folgenden Doppelstunde werden dann gemeinsam die zu bearbeitenden Themen entwickelt, Gruppen eingeteilt, Arbeitswege diskutiert und ein Terminplan erstellt. Mit welchen Aspekten sich die Jugendlichen in Burgdorf beschäftigen wollten, gibt das Inhaltsverzeichnis der Arbeitshilfe wieder:

  1. Der jüdische Friedhof in Burgdorf: Einführung
  2. Begehung des jüdischen Friedhofs
  3. Geschichte des jüdischen Friedhofs in Burgdorf
  4. Jüdische Grabsteine
  5. Allgemeine Informationen über jüdische Friedhöfe
  6. Christliche und jüdische Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod
  7. Vergleich jüdischer und christlicher Bestattungsriten
  8. Die Geschichte der Juden in Burgdorf
  9. Das Leben der jüdischen Bürger in Burgdorf zur Zeit des Nationalsozialismus: Die Synagoge, das Leben in der Stadt, Schule und Ausbildung

Der sich anschließende Unterricht wechselt zwischen Freiarbeitsphasen sowie gemeinsamen Unterrichtsstunden und verbindet so ein hohes Maß an Selbststeuerung mit strukturierenden Elementen.4 Es empfiehlt sich v.a. – auch mit Unterstützung eines Referenten – die Geschichte des Friedhofs und des jüdischen Lebens gemeinsam zu erarbeiten, da diese die Grundlagen für alle Themen bilden. Aber auch die Gruppenergebnisse sollten wiederholt im Plenum diskutiert werden. Dies ermöglicht eine zunehmend scharfe Wahrnehmung der Lernprozesse sowie eine Gesamtkonzeption der erstellten Unterrichtsmaterialien.

Das Ergebnis meiner Schülergruppe konnte sich sehen lassen: Mit viel Kreativität, angeeignetem Sachverstand, aber auch mit guten Entscheidungen für konstruktive Lernwege haben die Jugendlichen in fünf Doppelstunden eine Arbeitshilfe mit vielen Unterrichtsbausteinen zusammengestellt (zur Konkretion vgl. M 1 bis 3). Diese hat hohes Interesse bei den Fachkollegen gefunden und ist im Rahmen der Schulöffentlichkeit zudem von der Schulleitung gewürdigt worden.5

 

Lernaufgaben – Prüfaufgaben

Soweit zur Beschreibung des Projektes. Es stand im Rahmen dieser Unterrichtsequenz aber auch eine schriftliche Lernkontrolle an. Dabei stellt sich angesichts der so unterschiedlichen Lernwege, die beschritten worden sind, die Frage, wie diese mit angemessener Vergleichbarkeit vorgenommen werden kann. Beziehen wir eine Leistungsüberprüfung aber nicht nur auf konkrete Inhalte, sondern auch auf erworbene Kompetenzen, eröffnen sich Möglichkeiten. Zunächst verfügten die Jugendlichen über einen gemeinsamen Wissensfundus zur Geschichte des jüdischen Lebens in Burgdorf, also auch über die Entwicklung zur Zeit des Nationalsozialismus. Zudem hatten sie sich alle mit einem Aspekt der Erkundung eines jüdischen Friedhofes, aber auch mit der Bedeutung der Erinnerungsarbeit auseinandergesetzt. Deshalb war die folgende Aufgabe zwar auf unterschiedlichen Wegen, aber mit vergleichbarer Durchdringungstiefe für alle zu bewältigen: Den Schülerinnen und Schülern wurden Materialien zu den sog. Stolpersteinen gegeben, einem Gedenkprojekt, das in Burgdorf umgesetzt wird. Sie sollten zunächst das Anliegen des Projektes erarbeiten (AFB I) und sich anschließend in die Situation der Entscheidungsfindung für dieses Projekt in Burgdorf hineinversetzen und aus der Perspektive eines Jugendlichen eine Stellungnahme dazu entwickeln. Dabei sollten sie ihr Wissen über die Geschichte der jüdischen Familien in Burgdorf in ihre Argumentation einbringen (AFB II und III). Auch wenn die Ergebnisse sehr unterschiedlich ausfielen, bereitete eine transparente Bewertung keine Schwierigkeiten und ermöglichten die Ergebnisse auch für mich eine aussagekräftige Diagnose über die Effektivität des Unterrichts.

 

Zur Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit befähigen

Abschließend möchte ich die Frage noch einmal aufgreifen, warum sich dieser Lernweg besonders bei der Erkundung eines jüdischen Friedhofs lohnt. Natürlich gibt es den pragmatischen Grund – eine solche Arbeitshilfe gab es noch nicht. Zweitens spricht aus methodischer Perspektive vieles für ein solches Vorhaben. Für mich gibt es aber noch einen dritten Grund, der sich stärker auf die Inhalte und auf die Ziele von Bildung generell bezieht. Jede Beschäftigung mit dem jüdischen Friedhof steht in Bezug zur Gedenkarbeit, da die auftretenden Fragestellungen immer mit dem Leben der Juden in Deutschland und ihrem Schicksal zur Zeit des Nationalsozialismus verwoben sind. Zum Wesen dieser Arbeit gehört, dass nicht nur Informationen vermittelt werden, sondern die Jugendlichen die Möglichkeit bekommen, ihre eigene Haltung zu reflektieren und auszuschärfen. Eigene Wertvorstellungen und die der Gesellschaft müssen transparent gemacht und hinterfragt werden. Denn es gilt nicht nur, die Vergangenheit angemessen zu beurteilen, sondern auch wahrnehmungs-, entscheidungs- oder sogar handlungsfähig für die Gegenwart und Zukunft zu werden. In diesem Zusammenhang ist jeder Unterricht, der die Selbstständigkeit der Jugendlichen stärkt, der Mitgestaltung, individuelles Lernen, Reflexion der eigenen Erkenntniswege, Perspektivübernahme oder Antizipation von Konsequenzen getroffener Entscheidungen ermöglicht, zumindest ein kleiner Schritt in die im Rahmen der Erinnerungsarbeit formulierten Ziele.

Inwiefern dies auch bei unserem Projekt stattgefunden hat, wird am besten durch eine Rede einer Schülerin deutlich, die sie ein halbes Jahr später im Rahmen einer öffentlichen Gedenkveranstaltung am 9. November gehalten hat. Nach der Vorstellung unseres Projektes hat sie abschließend die Bedeutung dieser Arbeit reflektiert:

 

 „ … Doch eigentlich bleibt für Sie jetzt ja noch die Frage, was uns dieses Projekt bedeutet hat. Natürlich haben wir viel über die Zeit des Nationalsozialismus dazu gelernt, aber wie hat es uns in unserem Denken und unserer Einstellung vorangebracht?

Viele denken ja schließlich, dass diese Zeit aus der Perspektive der Jugendlichen sehr weit weg liegt. Und das ist ja auch so. Allerdings möchte ich drei Punkte nennen, die uns sehr beschäftigt haben. Die Beschäftigung mit den Ereignissen in unserem Ort hat zunächst ein gewisses Sachinteresse bei uns hervorgerufen. Wir sind tief in die Geschichte der Gebäude und Plätze eingetaucht. So kennen wir zum Beispiel das Geschäft auf der Ecke Marktstraße/Poststraße als Haushaltswarenladen Sannemann. Dass nebenan einst ein jüdisches Geschäft war, das in den dreißiger Jahren von den Nationalsozialisten aus der Kneipe gegenüber angegriffen wurde, wussten wir nicht. Auch Kunden wurden, nur weil sie in diesem Geschäft einkauften, angepöbelt. Durch solche Beispiele haben wir einen ganz anderen Blick für unsere Stadt entwickelt.

Auch war das Projekt für einige von uns eine Anregung dazu, mit ihren Großeltern über ihre Vergangenheit zu sprechen und zu erfahren, wie sie diese Zeit erlebt haben. Was war in ihrer Heimat passiert? Welche Erinnerungen verbinden sie mit ihr? Haben sie etwas von der Ausgrenzung und Verfolgung der Juden mitbekommen? Wie stehen sie heute zu dieser Zeit?

Außerdem denke ich, dass viele nun auch sehen, dass es heute wichtig ist, Interesse an dem Leben und Denken der Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zu haben. Und das sollten wir am besten auch öffentlich zeigen. Denn diese Haltung ist heute wie früher von sehr großer Bedeutung. Und wenn man jetzt sieht, wie schwierig die Verständigung damals war und welche verheerenden Folgen das hatte, wird uns bewusst, wie ernst wir dieses Thema nehmen müssen. Denn schließlich wohnen viele Menschen aus verschiedenen Religionen und Kulturen in Burgdorf zusammen, die das gleiche Recht wie alle haben, hier zu sein, akzeptiert und auch integriert zu werden.

Ich hoffe außerdem, dass durch dieses Projekt viele auch neugierig auf neue Kulturen geworden sind.“ 

 
Anmerkungen:

  1. Folgende Werke bieten hilfreiche Informationen zu jüdischen Friedhöfen: Raupach, 2012; Marx, 1995; Obenaus, 2005
  2. Hier sind die Ergebnisse der Hattie-Studie, 2013, interessant.
  3. Weitere Hinweise bei Adam, 2006, S. 357-382.
  4. Zu dem Verhältnis zwischen aktivierenden Aufgaben und der Strukturierung durch den Lehrer: Hunze, 2012, S. 115ff.
  5. Wegen der einzuholenden Rechte ist es nötig, sich im Vorfeld über den Grad der Öffentlichkeit, die die Arbeitshilfe bekommen soll, klar zu sein. Lokalhistorische Quellen werden oft umsonst zur Verfügung gestellt. Anders stellt sich die Situation mit Inhalten aus dem Internet dar.
     

Literatur

  • Adam, Gottfried: Lernen an außerschulischen Lernorten, in: Wermke, M. u.a. (Hg.):Religion in der Sekundarstufe II. Ein Kompendium, Göttingen 2006, S. 357-382.
  • Hattie, John: Lernen sichtbar machen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von „Visible Learning“ besorgt von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer, Baltmannsweiler 2013.
  • Hunze, Guido: Haben wir das wirklich immer schon gemacht? Aufgabenformate als Schlüssel zum kompetenzorientierten Unterricht, in: Sajak, C. P. (Hg.): Religionsunterricht kompetenzorientiert. Beiträge aus fachdidaktischer Forschung, Paderborn 2012, S. 115ff.
  • Raupach, Wolfgang u.a.: Bet Ha-Chajim. Arbeitshilfe jüdische Friedhöfe, hg. von Aktion Sühnezeichen e.V., Berlin 2012.
  • Marx, Albert: Geschichte der Juden in Niedersachsen, Hannover 1995.
  • Obenaus, H. (Hg.): Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Göttingen 2005.
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2013

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