Auf das Nichtgesagte hören
Ein Seminar für eine Altenpflegeklasse zum Umgang mit Sterbenden

Von Michaela Veit-Engelmann

 

Einen Menschen auf seinem letzten Lebensweg zu begleiten, gehört zu den größten Herausforderungen. Wer in der Pflege arbeitet, muss sich ihr täglich neu stellen. Und erfährt immer wieder: Der Umgang mit Sterbenden führt an die Grenzen – der Belastbarkeit, der Lebenserfahrung und der Spiritualität. Umso wichtiger ist es, dass diese Herausforderung Thema in der Ausbildung angehender Altenpflegefachkräfte ist. Die Elisabeth-Selbert-Schule in Hameln führt deshalb im ersten Ausbildungsjahr der Altenpflege ein zweitägiges Seminar unter dem Titel „Letzte Lebensphase“ durch. Der Bildungsgang Pflege hat sich bewusst dafür entschieden, dass das Seminar außerhalb der Schule stattfindet. Die Ausbildungsbetriebe unterstützen dies, indem sie sich an den Kosten beteiligen. Barbara Bremert, stellvertretende Schulleiterin, begrüßt das Konzept ebenfalls: „Ich weiß, wie viel organisatorischen und personellen Aufwand so ein Seminar bedeutet.“ Dies lasse sich nicht einfach in Mehrstunden berechnen. „Deshalb bin ich den mitfahrenden Kolleginnen und Kollegen sehr dankbar.“

 


„Letzte Lebensphase“ – Abläufe und Inhalte

Im Februar dieses Jahres machte sich die Klasse AP 17 für zwei Tage auf den Weg ins Naturfreundehaus nach Lauenstein im Weserbergland. Die Abgeschiedenheit und der zeitliche Rahmen sind sinnvoll, damit dieses Thema nicht im schulischen Takt von 90 Minuten verhandelt werden muss, sondern so viel Zeit zur Verfügung steht, wie gebraucht wird – während der Einheiten und in den Gesprächen drumherum, die oft auch um Sterben und Tod kreisen. Die Schülerinnen und Schüler wissen: Was in diesen zwei Tagen außerhalb der Schule besprochen wird, bleibt auch hier – und so ergeben sich immer wieder persönliche Gesprächsrunden, in denen einzelne ganz frei erzählen, was sie bewegt.

Die angehenden Pflegefachkräfte werden auf diesem Seminar von mindestens drei Lehrkräften begleitet, die durch ihre Profession einen je eigenen Blick auf das Thema mitbringen: Mit dabei sind Birgit Grothmann, gelernte Altenpflegerin und Fachpraxislehrkraft, Holger Ambrosius als Klassenlehrer und Lehrkraft für Fachtheorie und Fachpraxis und die Schulpastorin Michaela Veit-Engelmann, zuständig für die Seelsorge. Auf dem Plan steht ein abwechslungsreiches Seminar mit Kleingruppenarbeit und Workshops – und mit vielen praktischen Übungen. Denn die Theorie mag die Grundlage sein, doch in der Altenpflege kommt es darauf an, diese im entscheidenden Moment praktisch umsetzen zu können.

 


Erwartungen und Befürchtungen

Die Seminarinhalte verteilen sich auf zwei gut gefüllte Tage. Und auch wenn alle wissen, dass es viel zu lernen gibt, so kommt doch spätestens beim Beziehen der Zimmer ein wenig Klassenfahrtfeeling auf – auch bei denen, die längst jenseits der 20 sind: Wer darf oben auf dem Hochbett schlafen? Wer kriegt eines der begehrten Zimmer mit Bad? Und was mache ich bloß, wenn ich die Bettwäsche vergessen habe?

Nachdem alle Fragen geklärt sind, geht es los: In einem großen Seminarraum sitzen mehr als 30 angehende Altenpflegefachkräfte im Kreis. In der Mitte auf dem Boden: schwarze Samttücher und bunter Tüll, eine Vase mit Blumen, Steine, farbige Teelichter. Im Laufe des Seminars werden immer mal wieder Schülerinnen und Schüler ein Teelicht anzünden. Das ist eine wichtige Geste, auch wenn geheim bleibt, wem dieses Licht gilt. Einzelne Teilnehmende beschriften außerdem Steine mit den Namen von Menschen, die sie verloren haben. So wird die gestaltete Mitte zum Spiegelbild dessen, was die Klassengemeinschaft bewegt.

Die erste Einheit dient dem Einstieg ins Thema. Alle sind aufgefordert, ihre Erwartungen zu notieren: „Dass ich besser weiß, wie ich mit Sterbenden umgehe“ – „Dass ich lerne, was passiert, wenn jemand stirbt“, diese Sätze finden sich immer wieder. Aber auch Befürchtungen: „Zu viel Theorie“, „Langeweile“ und „Angst vor eigenen Gefühlen“.

 


Es geht ums Zuhören

Eine erste Gesprächsrunde: Auf dem Boden liegen 15 Zitate von jungen Erwachsenen, die sich Gedanken über den Tod gemacht haben. „Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Wie soll das aussehen? Wir sitzen alle auf einer Wolke und gucken runter? Und wenn ich mit 80 sterbe, bin ich dann im Himmel älter als mein Vater (tot mit 43)?“, so lautet das eine. Ein anderes: „Als meine Oma starb, habe ich danach noch oft ihre Stimme gehört. Als ob sie noch da wäre.“ Und schließlich der Wunsch: „Wenn ich mal sterbe, dann sollen die Leute in bunt zur Beerdigung kommen.“ Die Teilnehmer entscheiden, zu welchem Feature sie sich äußern wollen. Sie erzählen von ihren eigenen Erfahrungen mit dem Thema Tod: von Seelen, die das Sterbezimmer nicht verlassen können, weil das Fenster nicht geöffnet wurde. Von der Hoffnung, noch einmal wiedergeboren zu werden und alles anders machen zu können. Und von vielem mehr.

Natürlich könnte die moderierende Schulpastorin nun konstatieren, dass Glaube und Aberglaube offensichtlich nahe beieinander liegen, doch sie weiß: Das Ziel dieses Gesprächs ist ein anderes. Es ist wichtig, dass die Auszubildenden, die beruflich immer wieder mit dem Tod konfrontiert werden, sich Gedanken machen über das, was sie selbst erhoffen und was sie trägt. Ihre Meinung zu korrigieren, ist deshalb in dieser Runde ein Tabu. Auf das Zuhören kommt es an. Und darauf, vor der Tür schon mal die eine oder andere Träne zu trocknen. Auch dafür ist Raum – dann springt eben eine andere Lehrkraft ein und moderiert die Gesprächsrunde weiter.

 


Wenn es zu Ende geht …

Es folgt eine kurze Theorieeinheit, die der Klassenlehrer Holger Ambrosius gestaltet, selbst gelernter Krankenpfleger und studierter Pflegelehrer. Eine der Erwartungen der Lerngruppe zu Beginn des Seminars lautete ja: „Dass ich lerne, was passiert, wenn jemand stirbt“. Genau darum geht es nun. Die Teilnehmer erhalten wissenswerte Informationen rund um den biologischen Sterbevorgang und haben die Chance all das zu fragen, was sie dazu immer schon mal wissen wollten – und für ihre Berufspraxis auch wissen sollten.

 


Zwischen den Zeilen hören

Am Nachmittag folgt ein umfangreicher Block von mehr als zwei Zeitstunden. Nun geht es um die Kommunikation mit Menschen, die eine lebensverkürzende Diagnose erhalten haben. Die Schülerinnen und Schüler haben im Rahmen des schulischen Unterrichts bereits das Thema Kommunikation behandelt. Hier finden sie nun anhand vorbereiteter Satzschnipsel noch mal einen anderen Zugang. Im Zentrum steht die Frage: Was verbergen sich eigentlich für Emotionen in den Äußerungen schwerkranker Menschen? Alle sind aufgefordert, sich erst in Einzel-, dann in Partnerarbeit Gedanken über das zu machen, was hinter solchen Sätzen stehen könnte: „Und in drei Wochen ist Ostern…“, „Man muss ja nicht gleich mit dem Schlimmsten rechnen…“, „Sie haben gut reden, Sie sind ja nicht krank!“.

Ziel dieser Einheit ist es, das Einfühlungsvermögen der Auszubildenden zu stärken und ihre Fähigkeit zu fördern, zwischen den Zeilen zu hören. Und weil sie auch lernen sollen, auf das angemessen zu reagieren, was Sterbende nicht sagen, aber meinen könnten, üben sie schließlich in Zweiergruppen Rollenspiele ein: Eine Schülerin spielt die Patientin, eine andere die Pflegefachkraft; im Mittelpunkt des Gesprächs steht einer der oben zitierten Sätze. Zum Beispiel: „Meine Tochter wohnt ganz in der Nähe. Die könnte nun wirklich öfter mal kommen …“. Wer in der Altenpflege arbeitet, der weiß, dass ältere Menschen sich nach Besuch von Angehörigen sehnen. Und so überrascht es nicht, dass viele Auszubildende im Rollenspiel sofort helfen wollen: „Soll ich Ihre Tochter für Sie mal anrufen und sagen, dass sie vorbei kommen soll?“ Doch dann greift die Fachpraxislehrerin Birgit Grothmann ein; sie ist selbst examinierte Altenpflegerin und ausgebildete Sterbebegleiterin. Sie erklärt, dass es nicht darum gehen kann, dass das Seniorenheim jemanden herbeitelefoniert. Grothmann lobt die Beteiligten: „Man merkt, wie empathisch Sie sind. Sie sehen eine Notlage und wollen sofort helfen. Aber das können Sie gar nicht leisten. Und vielleicht gibt es in unserem Beispiel ja auch gute Gründe, warum die Tochter nicht zu Besuch kommt. Deshalb: Hören Sie auf das, was hinter dieser Aussage steckt. Und reagieren Sie dann darauf!“ Zwischen diesen Zeilen ist nämlich nicht nur Sehnsucht nach der Tochter herauszuhören, sondern das Gefühl von Einsamkeit. Und daran können die angehenden Pflegefachkräfte anknüpfen: Was kann das Heim tun, damit sich die Patientin nicht mehr so allein fühlt?

Am Ende dieser intensiven Arbeitseinheit stehen Regeln für die Kommunikation mit Sterbenden auf der Flipchart: Immer ehrlich sein – keine falschen Versprechungen machen – Gefühle aufnehmen – zwischen den Zeilen hören …

 


Realistisches Rollenspiel

Nach einem gemeinsamen Spaziergang geht es weiter, wiederum mit einer Einheit mit viel Praxis. Zunächst erarbeitet die Lerngruppe in einer kurzen Theoriephase die fünf Sterbephasen, wie sie Elisabeth Kübler-Ross anhand jahrelanger medizinischer Praxis in den USA klassifiziert hat. In zwei Kleingruppen beschäftigen die Auszubildenden sich danach damit, wie man als Pflegefachkraft professionell auf solche Patientinnen und Patienten reagiert: Wie kann ich mit einem Bewohner umgehen, wenn er so wütend ist, dass er das Frühstückstablett nach mir schmeißt – oder wenn er will, dass ich von seinem Konto 50.000 Euro für eine nicht erprobte Behandlungsmethode in den USA abhebe, ein Taschengeld für die Pflegefachkraft inklusive? Eine Lehrkraft spielt die Patientin, ein Schüler nach dem nächsten versucht, sie zu überzeugen oder wenigstens zu beruhigen. Und da das niemandem beim ersten Mal gelingt, wird hier viel gelacht. Besonders als ein Teilnehmer im Brustton der Überzeugung zur Schulpastorin sagt: „Sie möchte ich nie als Bewohnerin haben …“

 


Geschmacksfragen

Abends schließt sich eine praktische Einheit unter dem Titel „orale Stimulation“ an; verantwortlich ist erneut Birgit Grothmann. Ihr Ziel: „Die Klasse soll sensibel dafür werden, was Menschen in der letzten Lebensphase gut tun können.“ Dazu hat sie bereits nachmittags Eiswürfel in verschiedenen Geschmacksrichtungen hergestellt: Es gibt Sekt-Eis, Kaffee-Eis, Eis aus Ananassaft oder Gurkenwasser. Außerdem stehen verschiedene Buttersorten, künstlicher Speichel und Mundreinigungsbesteck auf dem Tisch. „Auch wenn Patientinnen und Patienten am Ende nicht mehr richtig schlucken können, tut es ihnen gut, an einem Eiswürfel zu lutschen oder auf den Lippen einen Geschmack zu spüren, den sie immer mochten“, erklärt Birgit Grothmann. „Dazu ist es natürlich wichtig zu wissen, ob der Patient früher gerne Kaffee oder Sekt trank. Hier muss man sich mit der Biographie beschäftigen.“ Die Teilnehmer probieren alles aus, helfen einander oder geben sich Tipps. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die einzelnen Geschmacksrichtungen bei den Probanden ankommen. Einig sind sich alle allerdings beim künstlichen Speichel: Der geht gar nicht …

 


Würdiger Abschied

Am Vormittag des zweiten Tages teilen sich die Schülerinnen und Schüler in vier Kleingruppen auf. Sie durchlaufen in diesen Gruppen im 45-Minuten-Rhythmus vier Workshops, jeweils verantwortet von einer Lehrkraft.

In einem Zweibettzimmer findet der Workshop von Birgit Grothmann statt. Im Bett liegt eine Rose – das ist der Patient. Grothmann geht es darum, den Auszubildenden ganz praktisch zu zeigen, wie ein Verstorbener pflegerisch versorgt werden muss. Und sie will dafür sensibilisieren, wie man einen Raum so gestalten kann, dass ein würdiger Abschied möglich ist. Gemeinsam richten die Schülerinnen und Schüler das Zimmer mit Kreuz, Bibel, Kerze und anderen Utensilien her und entwickeln eigene Ideen für Abschiedsrituale.

 


Rechtliche Fragen

In einem zweiten Workshop bei Diplom-Pflegepädagogin Wiebke Oppermann erhalten die Teilnehmer theoretischen Input. Es geht um alles, was man rund um Patientenverfügungen wissen muss – und um viele weitere rechtliche Fragen: Was ist erlaubt, was ist verboten? Was muss das Pflegeheim beachten, wenn jemand stirbt? Das mag trockene Kost sein, aber so kommt es nicht rüber. Und die angehenden Altenpflegefachkräfte sind dankbar: „Endlich haben wir mal was ganz Konkretes an der Hand. Super!“, lobt ein Teilnehmer hinterher.

Der Klassenlehrer Holger Ambrosius bietet in seinem Workshop einen anderen Blick auf das Thema Sterben: „Es gab ja Zeiten in Deutschland, da hat man Menschen bewusst verschwiegen, wenn sie todkrank waren. Alle wussten, Oma hat Krebs, aber sie soll denken, es seien bloß Bauchschmerzen!“, so fasst Holger Ambrosius zusammen. „Aber war das eigentlich gut so?“ Anhand der Standbildmethode reflektiert die Lerngruppe den eigenen Umgang mit Sterben und Tod.

 


Die richtigen Worte

Der vierte Workshop, gestaltet von der Schulpastorin, nimmt die Angehörigen in den Blick; denn, wenn ein Mensch gestorben ist, müssen die Pflegefachkräfte das mitteilen. Was ist dann zu beachten? Und was sollte man auf keinen Fall sagen? „Ihre Mutter ist eingeschlafen“, schlägt eine Teilnehmerin vor. „Besser nicht!“, widersprechen andere. „Dann sagen die Angehörigen: ‚Dann sagen Sie Bescheid, wenn sie wieder wach wird.‘“ Der Vorschlag „Ihre Mutter ist weg“, klingt bei genauerem Nachdenken aber auch nicht besser. Schließlich erkennen die Schülerinnen und Schüler, dass alles Drumherumreden es nicht besser macht. Sie trauen sich, die Wahrheit auszusprechen, auch wenn sie weh tut – und einigen sich auf den Satz: „Es tut mir leid, aber Ihre Mutter ist verstorben.“

 


Was hat es gebracht?

Am Nachmittag finden sich alle noch mal zusammen. Das Seminar ist fast zu Ende – was hat es gebracht? In der gestalteten Mitte des Vortags brennen nun viele Teelichter, überall liegen Arbeitsmaterialien, Kopien und Stifte, stehen halbvolle Kaffeetassen. An der Pinnwand von gestern hängen noch die Erwartungen und Befürchtungen. Wie sieht es damit nun aus? „Es war gar nicht langweilig und theoretisch, sondern total praktisch“, sagt eine Schülerin. Ein Teilnehmer fügt hinzu: „Es war super. Ich bin kein Freund davon, für alles ein Schema F zu haben. Aber jetzt sehe ich: Es ist gut, doch eins zu haben. Damit ich weiß, wovon ich abweichen kann.“ Und eine andere Schülerin ergänzt: „Ich habe total viel gelernt. Jetzt fühle ich mich vorbereitet, wenn bei uns in der Einrichtung jemand stirbt.“

Danach heißt es nur noch: Aufräumen und Aufbruch. Jeder, der mag, darf sich ein Teelicht und einen Stein mitnehmen. Als Erinnerung an diese zwei intensiven Tage.

Und eines ist klar: Mit der AP 18, der Altenpflegeklasse, die im Sommer ihre Ausbildung beginnt, wird es wieder so ein Seminar geben.