Der Placebo-Effekt, der Pygmalion-Effekt und der Film „Fack ju Göhte“

Von Matthias Hülsmann

 

Der Placebo-Effekt

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Dieser gut gemeinte Rat wird im Anschluss an jede Medikamentenwerbung im Fernsehen gegeben. Auf den ersten Blick scheint er nicht nur sinnvoll, sondern sogar lebenswichtig zu sein. Jedes Medikament enthält Wirkstoffe, die genau das tun, was ihr Name sagt: sie wirken. Manchmal muss man aber noch weitere Folgen in Kauf nehmen, um die gewünschten Wirkungen zu erzielen. Über diese Nebenwirkungen klärt der Text des sogenannten Beipackzettels auf. Wer ihn liest, betritt das Reich der Worte und befindet sich damit auf dem Gebiet der Placebo-Forschung, die diese Macht der Worte und das Vertrauen auf sie untersucht.

Einer der ersten, der das Vertrauen auf die Macht des Wortes in der Medizin bewusst einsetzte, war der Arzt Henry Beecher. Er arbeitete während des Zweiten Weltkriegs in einem Lazarett an der Front. Als das Morphium ausging, gab er den Verwundeten Spritzen, die nichts weiter als Kochsalzlösung enthielten; den Patienten sagte er aber, es handele sich wie gewohnt um Morphium. Das überraschende Ergebnis: Bei vielen Kranken ließen die Schmerzen nach.

Dass sich der Glaube an Worte körperlich auswirkt, wird auch an folgender Versuchsreihe deutlich. Die Harvard-Psychologin Ellen Langer erläuterte den Zimmermädchen aus vier Bostoner Hotels, dass deren berufliche Tätigkeit in Wahrheit ein verkapptes Fitnessprogramm sei, das sich positiv auf ihre Gesundheit auswirke. Die Zimmermädchen arbeiteten weiter wie bisher – allerdings in dem Glauben, etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Diese Zimmermädchen hatten nach vier Wochen einen geringeren Blutdruck und messbar an Körpergewicht verloren. Die Kontrollgruppe der Zimmermädchen, die in drei anderen Hotels die gleiche Arbeit verrichteten, hatte von der Psychologin keine besondere Deutung ihrer Tätigkeit erhalten. Bei ihnen änderte sich nichts.

Neben diesen erwünschten positiven Folgen gibt es auch den umgekehrten Fall. Ärzte sprechen dann vom sogenannten Nocebo-Effekt. Wenn die Pharmaindustrie neue Medikamente testet, treten immer wieder Fälle auf, in denen die Behandlung wegen unerträglicher Nebenwirkungen abgebrochen werden muss, und zwar auch bei den Patienten, die ein Placebo bekommen haben, das den getesteten Wirkstoff gar nicht enthält. Allein die Lektüre des – echten – Beipackzettels mit der Aufzählung der Nebenwirkungen reicht aus, um bei einigen Versuchsteilnehmern genau diese Nebenwirkungen auszulösen. So kann der Beipackzettel eine erstaunliche Wirkung entfalten.

Fazit: Der Glaube an ein Medikament hat manchmal dieselbe Wirkung wie das Medikament selbst. Und das ist noch nicht alles. Auch die Wirkung echter Medikamente lässt sich beeinflussen. Wenn ein Arzt seinem Patienten ein Schmerzmittel anpreist und es ihm selbst verabreicht, hat es eine deutlich höhere Wirkung als dieselbe Menge dieses Medikamentes, das der Patient bekommt, ohne es zu merken. Wird der Wirkstoff zum Beispiel hinter einem Wandschirm über eine Kanüle in den Arm verabreicht, ohne dass der Patient weiß, wann und wieviel, wird das Medikament fast wirkungslos und muss erheblich höher dosiert werden.

Der Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel fasst diese Beispiele in seinem Buch „Die Vermessung des Glaubens“ unter der Überschrift „Die Medizin des Glaubens“ zusammen. Wie zutreffend diese Terminologie ist, macht ein Blick in die Kirchengeschichte deutlich. Bischof Irenäus von Antiochien, der 115 nach Christus als Märtyrer starb, bezeichnete das Abendmahl als „pharmakon athanasias“, wörtlich übersetzt also als Unsterblichkeitsmedizin. Er schreibt, das Brot im Abendmahl sei „die Arznei zur Unsterblichkeit und ein Gegengift, das den Tod verhindert“.

Die von Ulrich Schnabel aufgeführten rein säkularen Beispiele legen die Frage nahe: Wenn schon der Glaube an profane Medikamente aus der Apotheke dermaßen große Auswirkungen auf deren Wirkungsgrad hat, welche Wirkung ist zu erwarten, wenn sich der Glaube auf religiöse Dinge und Inhalte richtet? Der katholische Priester im Film „Jesus von Montreal“ bringt dieses Phänomen in einer provokanten Frage auf den Punkt: „Sind Sie sicher, dass geweihtes Öl weniger wirksam ist als Koks für hundert Dollar das Gramm?“ Der Schluss des Markusevangeliums in Mk 16,17 formuliert es so: „Die Glaubenden aber werden an folgenden Zeichen zu erkennen sein: Wenn sie Gift trinken, wird ihnen das nicht schaden, und Kranke, denen sie die Hände auflegen, werden gesund.“

Dass der Mensch durch Worte beeinflussbar ist, liegt in seinem Wesen. Der Mensch ist nach Aussage der Bibel ein Sprachwesen im tiefsten Sinne des Wortes. Gott hat die gesamte Schöpfung durch das Wort geschaffen. Das gilt auch für den Menschen. Darüber hinaus ist der Mensch das sprachbegabte Geschöpf, das auf die Anrede durch den Schöpfer antworten kann.
 


Der Pygmalion-Effekt

Worte haben nicht nur Auswirkungen auf unser körperliches Wohlbefinden und unsere Gesundheit. Worte können die gesamte Bildungsbiografie eines Menschen umkrempeln. Das zeigen Untersuchungen zur Intelligenzforschung.

Bereits in den sechziger Jahren machte das folgende Experiment des Psychologen Robert Rosenthal von der Harvard-Universität Schlagzeilen. Vor Beginn des Schuljahres machte er mit den über 650 Schülerinnen und Schülern einer Grundschule einen Intelligenztest. Den Lehrerinnen und Lehrern teilte er aber mit, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Intelligenztest handele, sondern um eine hoch spezialisierte Untersuchung. Die Testergebnisse ließen nämlich die zwanzig Prozent der Schülerschaft erkennen, bei denen im kommenden Schuljahr besondere Leistungsverbesserungen zu erwarten seien, weil sich die Schülerinnen und Schüler kurz vor einem deutlichen Entwicklungsschub befänden. Tatsächlich handelte es sich aber um einen üblichen Intelligenztest; die Sache mit dem Entwicklungsschub und mit der Leistungsverbesserung war frei erfunden. Trotzdem teilte Rosenthal den Klassenlehrern eine Liste aus, auf denen die Namen der Schülerinnen und Schüler standen, die angeblich zu den zwanzig Prozent gehörten und von denen im kommenden Schuljahr überdurchschnittliche Leistungsfortschritte zu erwarten seien. Die Namen hatte Rosenthal völlig willkürlich nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Noch bevor der Unterricht im Schuljahr begann, hatten die Lehrerinnen und Lehrer bereits diese Informationen über ihre Schülerinnen und Schüler erhalten.

Am Schuljahresende wurde derselbe Intelligenztest mit allen Schülerinnen und Schülern wiederholt. Das Ergebnis am Schuljahresende war verblüffend. Der Intelligenzquotient der auf der Liste genannten Schülerinnen und Schüler war tatsächlich höher, und zwar messbar höher. Darüber hinaus machten die Berichte der Lehrerinnen und Lehrer deutlich, dass sich diese „besonderen“ Schülerinnen und Schüler auch in ihrem sonstigen Verhalten positiv von ihren Mitschülern unterschieden.

Diesen sogenannten Pygmalion-Effekt hat Robert Rosenthal in seinem Buch „Pygmalion im Unterricht. Lehrererwartungen und Intelligenzentwicklung der Schüler“ dargestellt.
 

Beispiel: Der Film „Fack ju Göhte“

Das Gesagte kann helfen, folgende kleine Szene aus dem Film „Fack ju Göhte“ einzuordnen. Der Film von Regisseur Bora Dagtekin ist 2013 erschienen. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Filmsequenz 1:02:21 bis 1:04:52, in der der Pygmalion-Effekt auf eindrückliche Weise veranschaulicht wird.
Der Aushilfslehrer Herr Müller sagt zu seiner Schülerin Chantal:

Herr Müller: Diesen Test, den ich neulich gemacht habe – du warst die Beste. Kann sogar sein, dass du eine Klasse überspringen wirst.
Chantal: Aber ich hab doch voll die schlechten Noten, Herr Müller.
Herr Müller: Ja, weil du unterfordert bist. Das ist oft so bei Hochbegabten. Ab jetzt wirst du speziell gefördert. Kann sein, dass du schon mit 17 Abi haben wirst.
Chantal: Oh mein Gott!
Herr Müller: Allerdings musst du aufhören, dich von den anderen so runterziehen zu lassen. Und ein bisschen mehr Einsatz zeigen.
Chantal: Wirklich, Sie verarschen mich nicht, oder? Guck mal, ich zitter´ schon voll.
Herr Müller: Chantal, ich bin selber aufgeregt. So jemand wie Du, das passiert einem nur alle zehn Jahre.
Chantal: Oh mein Gott! Muss ich doch nicht Kassiererin werden.

Um diese Szene angemessen verstehen zu können, muss man wissen: Herr Müller ist eigentlich ein Bankräuber, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde. Er bewirbt sich auf eine Stelle als Hausmeister an einer Schule. Durch eine Verwechslung wird er als Aushilfslehrer eingestellt. Herr Müller ist also ohne jede fachliche Ausbildung und bekommt die chaotischste Klasse der Schule. Seine Schülerin Chantal ist nicht etwa hochbegabt, sondern eine der leistungsschwächsten Schülerinnen der Klasse.

In der genannten Szene belügt Herr Müller seine Schülerin also ganz bewusst, aber durch diese falschen Informationen vermittelt er ihr ein neues Selbstbild. Chantal sieht sich von nun an mit anderen Augen. Ihr gesamtes Selbstkonzept hat sich gewandelt von einer Schülerin, die sich längst selbst aufgegeben hat, zu einer Schülerin mit dem Selbstbewusstsein, eine beneidenswerte Ausnahmebegabung zu sein. Durch die Worte von Herrn Müller ändert sich das Verhalten der Schülerin grundlegend, und zwar umgehend. Das wird im weiteren Szenenverlauf deutlich. Das Gespräch zwischen Herrn Müller und Chantal hat auf einer Brücke stattgefunden. Chantals Freundin Zeynep steht die ganze Zeit daneben und hat alles mit angehört. An den Mülltonnen unter ihnen rangeln währenddessen Schüler miteinander.

Herr Müller: Wer sind denn die da unten?
Chantal: Die Behinderten werden von der Hauptschule abgezogen.
Herr Müller: Die sehen nicht behinderter aus als ihr.
Chantal: Ja, Mann, wie Nerds; „Jugend forscht“ und so.
Herr Müller: Ja, helft denen mal!
Chantal: Warum?!
Herr Müller: Weil du selber bald ein Nerd sein wirst, weil das die einzigen Männer sind, die dich noch gut finden, wenn Du erst mal Chemie studierst, Leberwurstflecken auf dem Kittel und fettige Haare hast.
Chantal: Oh, Herr Müller, Sie machen mich so fertig. (Zu Zeynep) Okay, lass sie boxen.
Zeynep: Och, Chantal, ich habe eigentlich gar keinen Bock auf Schlägerei, ne.
(Chantal und Zeynep gehen los.)
Schwarzhaarige: Kann es sein, dass du auf´s Gymmi gehst?
Chantal: Die gehen auf meine Schule, also lass die in Ruhe, sonst …
(Chantal kämpft mit einer großen Schwarzhaarigen.)
Herr Müller: Ey, die hat ein Messer!
Schwarzhaarige: Haha, hast du Angst?
(Zeynep packt die Schwarzhaarige, das Messer fällt runter.)
Schwarzhaarige: Lass mich los, Alter!
Chantal: Wenn du mir noch einmal zu nahe kommst, dann schneide ich dir deine hässlichen Extensions ab.
Schwarzhaarige: Bitte nicht, die waren voll teuer!
Chantal: Dann verpiss dich jetzt! Ihr auch! Los, weg hier, Mann!
Herr Müller: Geht doch.
Chantal und Zeynep: Check!
Herr Müller: Ey, Nerds, bedankt euch!
Erster Nerd: Die Föderation garantiert euch ewige Dankbarkeit.
Chantal: Ja, ja, ist schon o.k., ich bin auch intelligent, deswegen. Du bist doch immer bei „Jugend forscht“, oder?
Erster Nerd: Äh, positiv.
Chantal: Ja, vielleicht kann ich mir das ein bisschen angucken, ich bin im Unterricht… kann nämlich sein, dass ich ein bisschen unterfordert bin und so.
Die zwei Nerds und ein Mädchen stecken die Köpfe zusammen.
Chantal: Was reden die jetzt?
Zeynep: Weiß ich doch nicht.
Erster Nerd: O.k., aber du musst antistatische Kleidung tragen.
Chantal: O.k. (Flüsternd zu Zeynep:) Was ist das? Wovon redet der Junge?

Was geschieht in dieser kurzen Szene? Herr Müller bietet seiner Schülerin in wenigen Worten – aber sehr überzeugend – ein neues, stark klischeehaftes Selbstbild an: Chemiestudium, fettige Haare und einen Nerd als Freund. Chantal identifiziert sich mit dieser „Prophezeiung“. Die anderen Mitschülerinnen nehmen dieses neue Bild umgehend wahr, indem sie Chantal ohne zu zögern den Gymnasiasten zuordnen.

Im Blick auf die Bewertung der drei Schüler von „Jugend forscht“ findet bei Chantal eine grundlegende Neuordnung ihres Wertesystems statt. Wurden sie anfangs von ihr abwertend als „Nerds“ bezeichnet, so sieht sich Chantal durch Müllers Prophezeiung „Weil du selber bald ein Nerd sein wirst“ nun als eine von ihnen: „Ich bin auch intelligent.“
Am Ende des Films hat Chantal, ähnlich wie in dem Experiment von Rosenthal, ihre schulischen Leistungen tatsächlich gesteigert. Im Abspann wird ein Foto am Schwarzen Brett der Schule eingeblendet. Es zeigt Chantal lässig mit einem goldenen Pokal posierend; daneben ihre Urkunde mit dem Text: „Jugend forscht! Platz 11. Lobende Erwähnung“.

So ist diese Filmszene ein prägnantes Beispiel für den sogenannten Pygmalion-Effekt. Wenn ein Lehrer seiner Schülerin mitteilt, dass er sie für besonders begabt und leistungsstark hält, dann wirkt sich dieses Zutrauen messbar positiv auf die Leistungen der Schülerin aus.

Zu diesem Phänomen gibt es eine interessante theologische Parallele in Martin Luthers 28. These der Heidelberger Disputation von 1518. Dort heißt es: „Die Liebe Gottes findet nicht vor, sondern schafft sich, was sie liebt. Die Liebe des Menschen entsteht nur an dem, was sie liebenswert findet.“

Das bedeutet: Gott sieht in einem Menschen in erster Linie das, was dieser Mensch sein könnte. Gott liebt den Menschen, indem er in ihm das voraussieht, was aus ihm werden kann. Dieser Blick liebender Zuwendung verwandelt den Menschen. Er muss nicht so bleiben, wie er ist: fehlerhaft, unvollkommen und scheiternd. Gottes liebevoller Umgang verwandelt ein Individuum in die Person, die Gott schon vorher in ihr sieht. Das ist bei der menschlichen Liebe in der Regel anders; sie wird gemeinhin ausgelöst durch die Attraktivität des Gegenübers. Die göttliche Liebe aber sieht hinter der unattraktiven Gestalt das liebesbedürftige Wesen, das durch seine Zuwendung erst liebenswert wird und dadurch an Attraktivität gewinnt.

Damit stellt sich eine interessante Frage zum Schluss. Wenn wir versuchten, die Macht der Worte beim Placebo-Effekt und beim Pygmalion-Effekt nicht nur wahrzunehmen, sondern auf unseren Schulalltag anzuwenden – welche Konsequenzen könnten diese Einsichten für den Umgang mit Schülerinnen und Schülern im Unterricht haben?

 
Kinoplakat „Fack ju Göhte“ – © Constantin-Film
Szenefoto 1: Chantal und die große Schwarzhaarige – © Constantin-Film
Szenefoto 2: Chantal mit Pokal, daneben die Urkunde von „Jugend forscht“ – © Constantin-Film