Das Hohelied
Ein Projekt für die Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden

Von Martin Wenzel

 

Die Liebeslyrik des Hohelieds regt seit jeher nicht nur die künstlerische Fantasie, sondern auch die theologische Kreativität an. Dies gilt zum einen für das Judentum, in dem das Hohelied auf die Liebe Gottes zu seinem Volk gedeutet und als Festrolle am Pessachfest gelesen wird.1 Zum anderen entstanden im Christentum insbesondere in der Alten Kirche und im Mittelalter vielfältige Auslegungen dieses Buches, in denen die Seele, Christus, die Kirche oder Maria ins Spiel und in den Text kamen.2 Von diesen allegorischen Interpretationen versuchte sich Martin Luther bewusst abzugrenzen und verstand das Hohelied als ein politisches Buch, in dem König Salomo ein Loblied auf seine eigene, durch Frieden gesegnete Regierung singt.3 War Luthers Interpretation nur eine geringe Rezeption beschieden, so fand dann in der Neuzeit eine grundlegende Veränderung des Verständnisses statt, demzufolge im Hohelied nicht von der göttlichen, sondern von der menschlichen Liebe die Rede sei. So betrachtete etwa Johann Gottfried Herder das Hohelied als eine Sammlung von weltlichen Liebesliedern.4 Diese Sicht hielt sich in der Folgezeit und herrschte auch in der alttestamentlichen Forschung bis vor wenigen Jahrzehnten vor: Allegorische Deutungen galten als Fehlinterpretationen, die nichts zum Verständnis des Buches beigetragen,5 sondern zu einer „babylonischen Gefangenschaft“ des Hohelieds geführt hätten.6 Dagegen haben neuere Studien herausgearbeitet, dass die Allegorisierung des Hohelieds bereits vor der endgültigen Fixierung des Textes stattgefunden hat.7 So wird mit Blick auf die jüngste Forschung sogar eine „gewisse Renaissance“ der allegorischen Auslegung beobachtet.8

So vielfältig die Auslegungen des Hohelieds sind, so wenig ist über seinen Entstehungskontext bekannt. Die häufig geübte Abgrenzung einzelner Lieder im Text ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, ferner ihre Zuordnung zu einzelnen Gattungen kaum möglich, da der jeweilige Sitz im Leben nebulös bleibt.9 Auch eine weibliche Verfasserschaft wird durchaus erwogen.10

Bezogen auf das Projekt, ist von den inhaltlichen Aspekten des Hohelieds zum einen der offene Schluss des Buches zu nennen, der „wie eine Aufforderung an den Leser [wirkt], mit der Lektüre wieder von vorn zu beginnen, immer wieder von neuem“11.Zum anderen ist bedeutsam, dass der Gottesname im Hohelied nicht explizit vorkommt, gleichwohl es um den Vers Hld 8,6 („Ihre Glut [sc. der Liebe] ist feurig und eine Flamme des Herrn“12) viele Diskussionen gibt, ob die angehängte Silbe -jah nur zur Steigerung ohne jegliche theologische Implikation dient 13, oder ob sie eine bewusste Anspielung auf den Gottesnamen JHWH ist und dieser Vers gar den „Schlüsselvers des Buches“14 darstellt. Diese bewusste theologische Offenheit des Hohelieds überlässt es damit den Leserinnen und Lesern, vom „numinosen Charakter der Liebe“ auf die Gottesbeziehung zu schließen.15
Daneben spielt das Verständnis der Liebe im Hohelied eine wichtige Rolle: Diese so körperlich, bunt und machtvoll beschriebene Liebe wird als Teil der Lebenswirklichkeit des Menschen gesehen und gehört „wie selbstverständlich zur menschlichen Existenz bzw. seiner Geschöpflichkeit.“16 So tritt an keiner Stelle im Hohelied die Liebe in Konkurrenz zum Gottesverhältnis, sondern erscheint vielmehr als dessen Ausdruck – eine zur Dekonstruktion lebens- und leibfeindlicher Bekenntnisse und Theologien eminent wichtige Dimension des biblischen Menschenbildes.17

 

Didaktische Überlegungen

Anknüpfend an den für Jugendliche wichtigen Themen Liebe und Partnerschaft 18, legt das Projekt den Akzent auf das im Hohelied beschriebene Beziehungsgeschehen. Dieses ist einerseits von der Freude über die Anziehungskraft des Anderen geprägt, andererseits kennt es nicht nur Harmonie, sondern auch Verunsicherung, ja selbst eine Trennung gilt es zu ertragen.

Das Thema der Beziehung versucht das Projekt nun anhand eines biblischen Buches ins Gespräch zu bringen und verortet sich damit im bibeldidaktischen Diskurs.19 Im Blick auf die Rolle der Bibel in der Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden steht es damit auch vor der Herausforderung, „Bibeltexte so zu thematisieren, dass diese von den Jugendlichen als aktuell, bedeutsam und lebensdienlich erlebt werden.“20 Durch die Verschränkung von im Bibeltext geschilderten Erfahrungen mit der eigenen Erfahrungswelt im Blick auf Verliebtsein sowie auf Hindernisse der Liebe soll sich so der Bibeltext „vom Lesetext zum Lebenstext“21 wandeln. Damit wendet das Projekt die rezeptionsästhetische Einsicht auf biblische Texte an, dass fremde Texte „nur dann in eigener Sprache lesbar und bedeutungsvoll für das eigene Leben [werden], wenn es gelingt, diese mit eigenen Erfahrungen zu verbinden.“22

Mit Blick auf die Zielgruppe der Konfirmandinnen und Konfirmanden übt das Projekt gegenüber der erotischen und sexuellen Dimension des Hohelieds sehr große Zurückhaltung.23 Darin gründet sich auch die Entscheidung für mehrheitlich kognitiv und sprachlich geprägte Lernwege, insofern der Text einen „schützenden Spielraum“ und eine „ästhetische emotionale Sprachwelt“ bietet, die die Jugendlichen erkunden und benutzen, aber auch unbeschädigt wieder verlassen können. 24Dem versuchen sowohl der Rückgriff auf darstellendes Spiel als auch die Wechsel der Sozialformen Rechnung zu tragen. Des Weiteren geht das Projekt hinsichtlich der eingesetzten Methoden von der literarischen Beobachtung aus, dass die im Hohelied geschilderte Beziehungsgeschichte keine stringente Erzählung bildet, sondern viele inhaltliche Brüche und Leerstellen aufweist. Daher setzt es bei den Leerstellen an und macht insbesondere vom kreativen Schreiben Gebrauch, um die Konfirmandinnen und Konfirmanden zu individuellen Zugängen und Lesarten zu ermutigen. 25 Dieser Raum für die eigene Deutung soll gerade auch hinsichtlich der theologischen Interpretation des Hohelieds bewusst offengehalten werden.


Durchführung des Projektes

Zu Beginn wird nach der Begrüßung der Ablauf des Projektes anhand der Bewegung Verlieben – Verlieren – Finden an einer Flipchart vorgestellt und ein gemeinsames WarmUp-Spiel veranstaltet.
 

Verlieben

Die erste Erarbeitungsphase steht unter dem Thema „verlieben“. Die auf einem Arbeitsblatt gesammelten Textauszüge aus den ersten beiden Kapiteln des Hohelieds 26 werden gemeinsam gelesen. Anschließend besteht Gelegenheit für Verständnisfragen und erste Reaktionen. Die Textauszüge aus dem Hohelied sind dabei aus Bibelübersetzungen in einfacher Sprache zusammengestellt und entsprechend gekürzt. Der Erleichterung des Verständnisses sollen auch die ergänzten Anführungszeichen zur Kennzeichnung der Sprecher dienen (gleichwohl die Zuordnung von Texteinheiten zu Sprechern nicht immer eindeutig ist). Die Nennung der einzelnen Kapitel versucht den Buchbezug deutlich zu machen.

Das Beziehungs-Setting des Hohelieds aufnehmend ergänzen die Konfirmandinnen und Konfirmanden in Kleingruppen den Satz „Wenn man verliebt ist, dann …“. Die auf Karten formulierten Statements werden kurz vorgestellt und an eine Flipchart gepinnt. In Anlehnung an die poetische Sprache des Hohelieds verfassen die Konfirmandinnen und Konfirmanden anschließend Elfchen zum Thema „verliebt sein“, die sie durch Vorlesen oder Aufhängen präsentieren. Dabei kann ein aus dem Textauszug vorgegebenes Wort eine größere Distanznahme ermöglichen und zugleich den textlichen Bezug zum Hohelied stärken.
 

Verlieren

Nach einer Pause widmet sich die zweite Erarbeitungsphase der Bewegung des Verlierens. In Kleingruppen lesen die Konfirmandinnen und Konfirmanden die auf einem Arbeitsblatt zusammengestellten Textausschnitte aus den Kapiteln 3 und 5 und bearbeiten dazu auf dem Arbeitsblatt aufgeführte Fragen. Zunächst soll durch das Markieren von wichtigen Wörtern und dem Notieren von Fragezeichen bei Verständnisschwierigkeiten der eigene Umgang mit biblischen Texten geübt werden; die Fragen werden dann im direkten Gespräch mit der jeweiligen Gruppe geklärt.

Daran schließt sich die Frage an, was zwischen den biblischen Figuren des Hohelieds passiert sein könnte. Konkret wird nach möglichen Hindernissen für die Liebe gefragt, einerseits im Text angedeutet, andererseits darüber hinaus. Diese Hindernisse können als Zwischenergebnis auf Karten an einer Pinnwand festgehalten werden. Zu einem Liebes-Hindernis überlegen sich die Konfirmandinnen und Konfirmanden dann eine kurze Szene, die sie vor der Pause präsentieren.
 

Finden

Die dritte Erarbeitungsphase nimmt unter dem Stichwort „finden“ die letzten drei Kapitel des Hohelieds in den Blick. Nach der gemeinsamen Textlektüre entwerfen die Konfirmandinnen und Konfirmanden in Kleingruppen ein alternatives Ende des Hohelieds und verfassen einen kurzen Text, den sie anschließend im Plenum präsentieren.
 

Schluss

Daran schließt sich direkt die Schlussphase an, in der die Konfirmandinnen und Konfirmanden in Kleingruppen sammeln, was sie dem Verfasser bzw. der Verfasserin des Hohelieds sagen bzw. fragen wollen würden. Die auf Karten notierten Kommentare und Fragen werden an eine Flipchart geheftet und dienen als Grundlage für ein Abschlussgespräch über das Hohelied insgesamt. Dazu werden Fragen wie „Was macht das Hohelied in der Bibel?“ und „Was bedeutet der Text für mich?“ aufgeworfen.

Literatur

  • Büchner, Frauke: Das Hohelied der Liebe im Religionsunterricht, in: Dressler, Bernhard / Schroeter-Wittke, Harald (Hg.): Religionspädagogischer Kommentar zur Bibel, Leipzig 2012, 197-204
  • Calmbach, Marc u.a.: Wie ticken Jugendliche 2016? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, Wiesbaden 2016
  • Gerhards, Meik: Das Hohelied. Studien zu seiner literarischen Gestalt und theologischen Bedeutung, Leipzig 2010
  • Goitein, S.D.: The Song of Songs. A Female Composition, in: Brenner, Athalya (Hg.): A Feminist Companion to the Song of Songs, Sheffield 1993, 58-66
  • Hagedorn, Anselm C.: Erotische und theologische Aspekte der Liebe im Hohenlied, in: Ebner, Martin (Hg.): Liebe. Jahrbuch für Biblische Theologie 29, Neukirchen-Vluyn 2015, 23-41
  • Haeske, Carsten: Zugänge zur Bibel für Konfirmandinnen und Konfirmanden, in: Zimmermann, Mirjam / Zimmermann, Ruben (Hg.): Handbuch Bibeldidaktik, Tübingen 2013, 647-651
  • Herder, Johann Gottfried: Lieder der Liebe. Die ältesten und schönsten aus dem Morgenlande. Nebst vier und vierzig alten Minneliedern, Leipzig 1778
  • Keel, Othmar: Das Hohelied, Zürich 1986
  • Kumlehn, Martina: Vom Lesetext zum Lebenstext. Bibeldidaktik im Konfirmandenunterricht, in: Dressler, Bernhard / Klie, Thomas / Mork, Carsten (Hg.): Konfirmandenunterricht. Didaktik und Inszenierung, Hannover 2001, 59-72
  • Langenhorst, Georg: Bibeldidaktik und Entwicklungspsychologie, in: Handbuch Bibeldidaktik (s.0.), 605-609
  • Luther, Martin: Vorlesungen über Jesaja und Hoheslied 1528/31, WA 31/2, 586-769
  • Ohly, Friedrich: Hohelied-Studien. Grundzüge einer Geschichte der Hoheliedauslegung des Abendlandes bis um 1200, Wiesbaden 1958
  • Pohl-Patalong, Uta: „Möglichen Lebensgewinn zeigen“. Überlegungen zur Didaktik des Konfirmationsunterrichts, in: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 4 (2006), 327-340
  • Schwienhorst-Schönberger, Ludger: Das Hohelied der Liebe, Freiburg i. Brsg. 2015
  • ders.: Das Hohelied und die Kontextualität des Verstehens, in: Clines, David J.A. (Hg.): Weisheit in Israel, Münster 2003, 81-91
  • Staubli, Thomas: Von der Heimführung des Hohenliedes aus der babylonischen Gefangenschaft der Allegorese, in: Bibel und Liturgie 70 (1997), 91-99
  • Zakovitch, Yair: Das Hohelied, Freiburg i. Brsg. 2004
  • Zimmermann, Mirjam: Kreatives Schreiben, in: Zimmermann, Mirjam / Zimmermann, Ruben (Hg.): Handbuch Bibeldidaktik, Tübingen 2013, 503-509
  • Zimmermann, Ruben: Liebe und Sexualität, in: Zimmermann, Mirjam / Zimmermann, Ruben (Hg.): Handbuch Bibeldidaktik, Tübingen 2013, 145-149
     


Anmerkungen

  1. Vgl. Schwienhorst-Schönberger, Hohelied, 11.
  2. Den besten Überblick bietet immer noch Ohly, Hohelied-Studien.
  3. WA 31/2, 586-769.
  4. Herder, Lieder.
  5. So etwa Keel, Hohelied, 17.40.
  6. Staubli, Heimführung.
  7. Zakovitch, Hohelied, 96f; Gerhards, Hohelied, 512-542; Schwienhorst-Schönberger, Kontextualität; ders., Hohelied.
  8. So Hagedorn, Aspekte, 27.
  9. Zakovitch, Hohelied, 31-33.40.
  10. So Zakovitch, Hohelied, 43-46; siehe auch die argumentative Zusammenschau bei Goitein, Composition.
  11. Zakovitch, Hohelied, 283.
  12. So die Lutherübersetzung 1984; die Lutherbibel 2017 übersetzt hingegen „Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme“.
  13. Zakovitch, Hohelied, 273f.
  14. So Schwienhorst-Schönberger, Hohelied, 157.
  15. Hagedorn, Aspekte, 39.
  16. Ebd.
  17. So Büchner, Hohelied, 202.
  18. Vgl. etwa die Sinus-Studie 2016, 303-333.
  19. Einen knappen Überblick bietet Haeske, Zugänge; bezeichnenderweise fehlt das Hohelied im Sammelwerk Lachmann, Rainer / Adam, Gottfried / Reents, Christine (Hg.): Elementare Bibeltexte. Exegetisch – systematisch – didaktisch, Theologie für Lehrerinnen und Lehrer Band 2, Göttingen 52012.
  20. Haeske, Zugänge, 649.
  21. So der Aufsatztitel von Kumlehn, Lesetext.
  22. So Pohl-Patalong, Lebensgewinn, 336.
  23. Siehe dazu den religionspädagogischen Befund bei Zimmermann, Liebe, 147f.
  24. Büchner, Hohelied, 200.
  25. Vgl. Zimmermann, Schreiben; Haeske, Zugänge, 650; Langenhorst, Entwicklungspsychologie, 608.
  26. Die Textauszüge und Aufgaben sowie ein tabellarischer Verlaufsplan sind auf der Website des RPI im Downloadbereich unter www.rpi-loccum.de/pelikan verfügbar.
 
Eine Frühlingsblume bin ich, wie sie in den Wiesen wachsen, eine Lilie aus den Tälern. Bei der Dünen-Trichternarzisse könnte es sich, um die im Hohenlied Salomos 2,1 erwähnte Blume handeln. Foto: Calimo/Wikimedia