"Mit dem Herzen sehen" Das Doppelgebot der Liebe.
Unterrichtseinheit für Klasse 3/4

von Martina Steinkühler

 

“Der “Barmherzige Samariter” mit Kindern – das scheint so leicht und so einleuchtend; es endet in einem Appell: zu helfen, nicht vorbeizugehen – und oft in moralischer Entrüstung über die vielen, die es anders machen. Jedoch: Geht das tief genug? Wissen wird abgespeichert, womöglich auch ein latent schlechtes Gewissen. Aber verstehen die Kinder, verstehen wir, worum es Jesus wirklich geht? Um eine ganz selbstverständliche Achtsamkeit, die aus der Liebe kommt, aus dem Glauben, unermesslich geliebt zu sein und sich davon anstecken zu lassen? – Ich wollte den “Samariter” anders unterrichten, anstößiger – und heraus kam eine Unterrichtseinheit “Mit dem Herzen sehen. Das Doppelgebot der Liebe”.

 

Theologische Überlegungen 

Thema: Gott und Mensch
“Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?”, fragt der Schriftgelehrte Jesus. Und Lukas fügt hinzu: “um ihn zu versuchen” (Lukas 10,25). Lassen wir die Gegnerschaft zwischen Jesus und Vertretern der Tora-Frömmigkeit einmal beiseite und hören nur auf die Frage:

“Was muss ich tun …” – Erwartet werden Handlungsanweisungen, Regeln.

“Damit ich das ewige Leben ererbe” – Ich will, dass mein Leben gelingt, in meinen wie in Gottes Augen.

Modern formuliert: Wie gelingt mein Leben?

Diese Frage durchzieht bereits das Alte Testament – vom Schöpfungsauftrag über die übrigen Urgeschichten bis hin zu den Mahnungen und Drohworten der Propheten.

 

Lebensweltlicher Bezug
Während ich noch mit dem Thema schwanger gehe, höre ich mit einem Ohr eine Episode, die die Radiosprecherin erzählt: Ein kleines Mädchen durfte mit dem Vater den Weihnachtsbaum aussuchen. Und sie trugen dann einen Baum zur Kasse, der äußerlich recht kümmerlich aussah – krumme Spitze, kahle Stellen, unregelmäßiger Wuchs. Da sagte die Verkäuferin zum Vater: “Ist doch schön, dass Ihre Tochter Mitleid hatte. Der wäre sonst noch zu Ostern hier gewesen …”

So wie dieses kleine Mädchen, denke ich, verhält sich Gott zu uns: Nennen wir es Gnade, Erbarmen oder einfach Liebe. Wir können krumm und schief sein, innerlich wie äußerlich – Gott nimmt uns an. Das erzählen u.a. die Erwählungsgeschichten: Abraham (der Alte), Jakob (der Unredliche), Mose (der Stotterer), David (der Jüngste), Jeremia (der zu Junge), Jona (der Eigenwillige).

 

Gottes Liebe als Anfang
Das erzählt auch die Urgeschichte. Als Adam und Eva das Paradies verlassen, macht Gott ihnen Kleider (ein Zeichen für Schutz und Begleitung); als Kain in sein Exil aufbricht, gibt Gott ihm ein Schutzzeichen mit auf den Weg; als die Welt an ihrer Bosheit beinahe erstickt wäre (Sintflut), stellt Gott seinen Bogen in den Himmel – garantiert Bewahrung und bietet seinen Bund.

Diese feste, haltbare Beziehung Gottes zu den Menschen hat ihren Ausgangspunkt in der Schöpfung. Aus freien Stücken schafft Gott die Welt und darin den Menschen, ihm zum Gegenüber. Gott will den Menschen – und er will ihn als Gegenüber: eigenständig und mit freiem Willen.

 

Der Mensch ist nicht Gott
Der Mensch ist eigenwillig. Er strebt danach, selbst Gott zu sein und Gottes Gott-Sein zu missachten. Der Mensch ist aber nicht Gott und so macht er sich und anderen das Leben schwer. Er geht krumme Wege, er verletzt, er richtet Schaden an. Dies kann Gott nicht gefallen. – Straft er? Es gibt etliche Belege in beiden Büchern der Bibel, dass das so gedacht und gedeutet worden ist. Mehr aber spricht m.E. dagegen. Darauf kann hier nicht ausführlich eingegangen werden.

 

Regeln gelingenden Lebens
Eines aber ist deutlich sichtbar: Gott macht den Menschen seinen Willen deutlich. Er gibt ihnen Regeln: die Gebote (2Mose 20) und viele weitere. Diese Gebote sind mit Gottes gutem Willen für seine Schöpfung (sein Volk) begründet und zielen auf ein friedliches Miteinander. Immer geht es darum, Gottes Liebe zu erwidern sowie weiterzugeben (5Mose 6,5 und 3Mose 19,18). Bei Micha (6,8) wird daraus eine Dreiheit:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich

  • Gottes Wort halten
  • und Liebe üben
  • und demütig sein vor deinem Gott.

Im Mittelpunkt steht die Liebe. Das ist die, die Gott zuerst geschenkt und in die Welt gebracht hat. “Gefordert” wird nichts Schweres und Unmögliches, keine besondere Leistung, sondern einfach nur: sich einlassen auf diese Liebe, aus der alles entstanden ist, also schöpfungsgemäß, schöpfergemäß zu leben. Das altmodisch anmutende Wort “demütig” bedeutet, sich des kategorialen Unterschieds zwischen Schöpfer und Geschöpf bewusst zu sein.

 

Gott wird Mensch
Was ich im Alten Testament lese, findet im Neuen Testament seinen Höhepunkt. So wie Gott immer vorangegangen ist mit seiner Liebe – so geht er jetzt bis zum Äußersten. Er kommt zu den Menschen als Mensch. So jedenfalls wird die Jesus-Geschichte christlich verstanden.

Gott sucht das Verlorene. Das drückt Jesus in seinen Gleichnissen aus (Lk 15) und spricht damit zugleich von Gott und von sich. Jesus selbst tut, was Gott mit Abraham, Jakob und David getan hat: Er ruft, er erwählt, er begleitet. Dabei gilt seine besondere Hinwendung und Liebe denen am Rand.

Den Regeln gelingenden Lebens begegnet Jesus beim religiösen Establishment seiner Zeit allzu oft in verzerrter Form: Ein Wettbewerb um das rechte Verstehen und Halten aller Regeln ist an die Stelle der Liebe getreten, die im Mittelpunkt der Gebote steht und ihr Geist ist. Dagegen spricht Jesus sich immer wieder aus – also nicht gegen die Regeln, sondern gegen ihr Missverständnis. Jesus wiederholt und erneuert, was von jeher gefordert war: Liebt Gott und liebt einander. Und er bekräftigt, was auch das Alte Testament in vielfältiger Weise erzählt:

“Wenn ihr Liebe habt – dann kommt alles andere von selbst. Ihr müsst euch gar nicht anstrengen. Wenn ihr euren Nächsten mit liebevollen Augen anschaut, dann seht ihr, was er braucht. Und dann könnt ihr gar nicht anders – dann wollt ihr es ihm geben.”

Das einzige Gebot ist die Liebe. Aber gerade die kann man nicht befehlen. Das ist das Problem mit der Ethik. Darunter leidet immer wieder das Projekt “heile Welt”. Vor allem Jesus hat darunter gelitten. Er ist daran gestorben. Aber er ist auferstanden und so besteht die Herausforderung weiter: sich von Gottes Liebe anstecken zu lassen. Damit das Leben gelingt.

 

Exemplarisch: Die Beispielgeschichte vom Barmherzigen Samariter

Verständnisfragen
Die Gleichnisse Jesu (zu denen auch Beispielgeschichten wie unsere gehören) haben immer wieder die Frage aufgeworfen: Wie sind sie eigentlich zu deuten?

Früher hat man sich in der Kunst der Analogie geübt, die darin besteht, jedes einzelne Detail der Geschichte in den religiösen Kontext zu übertragen. Dieses Verfahren jedoch erweist sich als wenig ergiebig. Der Reiz des Bildes geht verloren. Zurück bleibt ein hölzernes Stück Dogmatik.

Eine weitere Möglichkeit: Man lässt dem Gleichnis seine Würde als Geschichte und hält Ausschau nach dem einen Punkt, wo das Besondere liegt, wo das Bild in die Wirklichkeit ragt. Man spricht vom Tertium Comparationis, der “dritten Ebene” des Vergleichs, zwischen “Bildebene ” und “Sachebene”.

Im Falle des “Verlorenen Sohns” etwa wäre dies die Liebe des Vaters, der jedes Aufrechnen von “Schuld” hintansetzt und überwindet. “So”, sagt sich der Hörer, “ist ein guter Vater. Das kann nur Vaterliebe.” – “Und wer ist der beste und gütigste Vater?” – “Aha, in diesem Gleichnis geht es um Gott!”

Es scheint aber, dass diese Deutung das Widerständige übersieht, das den Erzählungen Jesu innewohnt. Ist es wirklich so, dass sich das Tertium Comparationis nahtlos aus der Bildwelt in die Sachwelt übertragen lässt?

Ganz so sind die Väter der Welt nicht wie dieser Vater im Gleichnis. Ganz so sind die Hirten der Welt nicht wie der Hirt, der dem einen verlorenen Schaf stundenlang nachsteigt und die anderen riskiert. Ganz so sind die Weinbergbesitzer der Welt nicht, dass sie die Zuletztgekommen genau so großzügig bezahlen wie die Ersten.

Das, was zunächst als “Tertium Comparationis” erscheint, ist in vielen Geschichten Jesu ein Stein des Anstoßes. Angemessen ist es, hier innezuhalten und zu staunen: Gott ist also anders! Gottes Gerechtigkeit ist anders. Gottes Liebe ist anders …! Da lohnt es dann, sich zu wundern und zu reiben und ins Grübeln zu kommen. Das ist die didaktisch fruchtbare Stelle.

 

Der Stein des Anstoßes
Die Beispielerzählung vom Barmherzigen Samariter scheint auf den ersten Blick wenig anstößig. Da liegt ein Schwerverletzter. Zwei gehen vorbei, ohne zu helfen. Einer hilft. Die dazu erzählte Typologie legt nahe, dass der, der hilft, nach Menschenmaßstäben eigentlich derjenige ist, von dem der Verletzte am wenigsten hätte erwarten dürfen (ein Fremder, ein Verachteter in den Augen frommer Juden). Das wirft ein schlechtes Licht auf die beiden anderen (gottesfürchtige Männer!). “Alles klar”, sagt sich der Leser. “Aufs Helfen kommt es an, nicht auf den Status.” Und der Übertritt aus der Bildebene in die Sachebene? Sei so wie der Samariter. Dann ist alles gut.

Den Anstoß finde ich erst, wenn ich den Rahmen hinzunehme. Die Frage nach dem gelingenden Leben. Jesus verweist auf die Gebote und fragt zurück. Der, der gefragt hat, antwortet weise – mit dem Doppelgebot der Liebe: “Gott lieben – deinen Nächsten wie dich selbst.” So weit, so gut.

Aber nun gerät der Frager, ein Schriftgelehrter, in die Falle menschlicher Maßstäbe. Er will es genau wissen. Er will mehr Regeln, die er befolgen kann: “Wer ist mein Nächster?”, fragt er nach.

Jesu Antwort ist die Beispielerzählung, in der ein Mann Hilfe braucht und einer ihm hilft. Diese Hilfe wird detailliert beschrieben: Öl auf die Wunden, Verbände, der Krankentransport, Kost und Logis. Der Samariter tut das Nötige – ohne zu fragen und ohne auf Dank aus zu sein.

Am Ende kommt Jesus auf die Frage zurück: Wer ist dem, der unter die Räuber gefallen ist, der Nächste gewesen?” – Nicht der Volks- und Glaubensgenosse. Sondern der Fremde. Weil es, wenn es ums Leben geht, ganz egal ist, wer was ist.

Der Schriftgelehrte kann die Frage nicht falsch beantworten. “Der, die Barmherzigkeit an ihm getan hat.” Und dann kommt Jesus auch noch auf die allererste Ausgangsfrage zurück, die Frage nach dem gelingenden Leben (“Was muss ich tun …”?): “Tu das Gleiche.”

Hier kommen wir dem Ärgernis auf die Spur: Dem Schriftgelehrten war es darum zu tun, Regeln zu erfahren, die ihn sicher sein ließen, dass er auf dem richtigen Weg sei. “Wenn du das und das tust, dann bist du Gott recht ” – So hatte er sich das vorgestellt. Und da macht Jesus nicht mit. Seine Antwort: “Ich kann dir nicht sagen, was du tun musst. Ich weiß ja nicht, was dir begegnet. Ich kann dir nur sagen, wie du sein musst: achtsam und voller Liebe. Und wenn du eine Regel willst, dann die: Dreh doch die Frage Wer ist mein Nächster? einfach um: Was würdest du denn brauchen, wenn DU in Not wärst? Der, der dann hilft, ist dein Nächster. Na also. Noch Fragen?”

Der Schriftgelehrte wird sich ganz schön geärgert haben. Jesu Anspruch ist viel einfacher und doch viel schwerer, als er es erwartet hat. Vor allem: Das ist nichts, womit man Ehre einheimsen und dann sicher sein kann. Nein, sondern das ist der immer währende Anspruch an alle. Und ist nie “erledigt”. Unangenehm? Für den, der Liebe hat, wohl nicht …

 

Didaktische Entscheidungen
Grundschulkinder werden früh mit Regeln vertraut gemacht; in der Klasse gibt es eine Klassenordnung, im Sitzkreis eine Redeordnung. Es gibt Zeichen fürs Leise-Sein, fürs Schweigen. Es gibt Regeln für die Pausen, für die Hausaufgaben und die Arbeitsphasen. Es gibt Sternchen, Punkte und Striche, es gibt Tafeldienst und Klassensprecher.

Da kann es geschehen, dass ein ähnlicher Effekt eintritt wie bei den Tora-Lehrern zur Zeit Jesu: Die Regeln werden mit dem verwechselt, wofür sie stehen: ein friedliches und gelingendes Miteinander.

In der Auseinandersetzung mit dem, “was der Herr von dir fordert” und mit Jesu weitherzigem Angebot “Kommt her zu mir, alle” erweitert sich die soziale Kompetenz der Kinder: Wahrnehmung, Achtsamkeit, das Sehen “mit dem Herzen” werden dem Handeln vorgeschaltet. Nicht die Regeln sind der Maßstab, sondern ihr Maß ist die Liebe.

Religion mit Kindern in der Grundschule ist heute subjekt-, lebenswelt-, erlebnisorientiert. Das oben entfaltete inhaltliche Konzept verlangt nach emotionaler Aneignung, nach Einfühlen, Ausprobieren und Erproben. Es handelt sich um eine theologisch begründete Einübung in Achtsamkeit.

 

Die Einheit
Die Einheit beginnt in der Lebenswelt: Nächstenliebe – was ist das? Im Mittelteil werden die Vorerfahrungen der Kinder mit Fremderfahrungen konfrontiert: mit Bibeltexten aus dem Alten und Neuen Testament. Das Thema entfaltet sich in vier Schritten:

  1. Die Menschen zur Zeit des Propheten Micha sehen sich vor einer Prüfung” stehen: Wird Gott zu ihnen stehen? Wird er für sie eintreten? Werden sie Rettung finden angesichts der drohenden Invasion? Der Prophet erinnert seine Landsleute daran, dass sie sich nicht damit herausreden können, dass Gottes Wille allzu schwer zu ergründen sei: “Es ist dir gesagt …” Er gibt ihnen eine Kurzformel, die wir mit den Kindern ergründen können. Wir gestalten Sprachunterricht: Was ist “Gottes Wort”, was “demütig wandeln”, was “Liebe üben”? – mit Meditation und Assoziation, mit Pantomime und Standbildern.
  2. Jesus präsentiert sich als einer, der Michas “Programm” voll und ganz erfüllt: Im Heilandsruf signalisiert er: Der Elenden und Schwachen wird er sich annehmen; er will für sie da sein, sie stärken und trösten. Die Kinder entwickeln Collagen: den “Rio”-Jesus (mit den ausgebreiteten Armen) und jede Menge Menschen, die unter seinen Armen Zuflucht suchen.
  3. In der Geschichte der Heilung des blinden Bartimäus erleben wir das mit: Jesus ist nicht taub für das Rufen des Verzweifelten; er ruft ihn, sieht ihn an und hört ihm zu. Und da kann dieser Blinde wieder sehen. Hier üben wir unsere Sinne: hören, zuhören, sehen, ansehen. Mit dem Herzen sehen, wer helfen kann – wer Hilfe braucht.
  4. Im Fall des “barmherzigen Samariter” kommt alles darauf an, dass sich die Kinder in den Verletzten hineinversetzen und selbst entdecken, was er braucht (Empathie).

Die Einheit kehrt zu ihrem Ausgangspunkt zurück: in die Lebenswelt der Kinder. Die Klage des Gelähmten am See Betesda – “Ich habe keinen Menschen” (Joh 5,7) – nehmen wir mit in die Gegenwart. Wiederum performativ probieren die Kinder das genaue Schauen mit dem Herzen: Was hat mein Gegenüber gerade nötig?

 

Der Barmherzige Samariter
Entsprechend der Idee der gesamten Einheit geht es in der Behandlung der Geschichte vom barmherzigen Samariter darum, die Kinder spüren zu lassen, worauf es ankommt.

Dabei helfen die sozialen Kompetenzen, die die Kinder schon erworben haben (Klassenregeln). Wir können die Rettungstat des Samariters als selbstverständlich darstellen. Um anschließend auf den Stein des Anstoßes zu kommen: dass dieses Selbstverständliche das Gesetz der Nächstenliebe ist: “Versetz dich in den Nächsten. Dann weißt du, was er braucht.”

Übrigens: Die Frage, warum die ersten beiden nicht helfen, wird in vielen Unterrichtsentwürfen in den Mittelpunkt gestellt. Hier interessiert sie weniger. Das Zeigen auf andere lenkt vom eigenen Handeln ab und macht passiv und selbstgerecht.

 

Elementare Erfahrungen
Die Kinder werden die Regeln, die man ihnen bereits beigebracht hat, sicherlich bisweilen auch lästig finden. Die Tendenz, sie äußerlich zu erfüllen (also, wenn jemand hinguckt) und sie zu umgehen, wenn es unbeachtet möglich ist, liegt nahe. Hier können die Kinder Entdeckungen machen: Es kommt nicht darauf an, wie andere mich beurteilen. Es kommt darauf an, wie ich vor mir selbst (vor Gott) dastehen will – wie ich mich selbst wohl fühle.

 

Elementare Zugänge
Um die beiden Effekte zu erzeugen, auf die hier gesetzt wird – erstens das Helfen selbstverständlich zu machen, zweitens die Frage der “Regeln” in den Mittelpunkt der Reflexion zu stellen, wird eine geeignete Version des Gleichnisses benötigt, am besten eine eigene Erzählung aus der Sicht des Überfallenen (M 1). Sie wird nur knapp eingeleitet: “Jesus erzählt, was Liebe ist.” Der Verzweiflung des Überfallenen soll viel Raum gegeben werden. Und statt einer Auflösung fragt “Jesus” die Kinder: Was wird der Samariter tun?”

Zur weiteren Veranschaulichung empfiehlt sich ein Bild. Eine Sichtung der künstlerischen Darstellungen von Rembrandt bis Kees de Kort zeigt jedoch, dass immer die Szene des Helfens dargestellt ist, nicht aber, wie es im hier vorgestellten Kontext nötig ist, der Überfallene, bevor er Hilfe erfährt.

Eine Ausnahme findet sich in “Die Bibel mit Bildern” von Lisbeth Zwerger, Kath. Bibelwerk, Stuttgart 2000; M 2): Auffällig nüchtern gestaltet liegt da der Überfallene quer über der Straße. Und Menschen streben von ihm weg – die Räuber, der Priester, der Levit; sie müssen an ihm vorbeigekommen, ja, über ihn hinweggetreten sein – ohne seine Not zu bemerken. Außerhalb des Bildes stehen die Dinge, die der Verletzte dringend benötigt – Wasser, Salbe, Wein – sozusagen griffbereit.

Dieses Bild – nach der Erzählung eingesetzt – erleichtert es, die Situation des Verletzten ganz deutlich zu machen und dem Impuls des Helfens zusätzlich Nahrung zu geben. Jedes Kind kann an diesem Bild zum Samariter werden: Die Kinder können sagen und zeigen, was der Verletzte braucht. – Aber damit sind wir schon mitten in der Unterrichtsplanung …

 

Zur Praxis des Unterrichts

Exemplarisch: Der barmherzige Samariter
Die Erarbeitung der Geschichte vom barmherzigen Samariter ist der vorletzte Schritt der Einheit und folgt auf das Kennenlernen Jesu als einem, der achtsam die Bedürfnisse seiner Mitmenschen wahrnimmt und sich ihrer annimmt. – Und so lässt sich anknüpfen und weitergehen:

 

Wiederholung
Die Kinder kommen in einen (annähernd, symbolisch) abgedunkelten Raum; auf dem Pult liegen Augenbinden (Schals). An der Tafel steht das Stichwort “Sehen”. Es folgt eine kurze Wiederholung: “Der konnte nicht sehen.” “Jesus hat ihn gesehen.” “Jesus hat ihn sehend gemacht.”

 

Wahrnehmungsübungen / Vertrauen (Aufwärmphase)
Anschließend stellen sich die Kinder paarweise zusammen. Je einem werden die Augen verbunden. Die Paare üben “führen” und “folgen”, anschließend kommen wir im Kreis zusammen. Die Blinden erzählen, wie sie sich gefühlt haben. Dann auch die Begleiter.

Es folgt die “Vertrauensübung” (mit denselben Paaren). Jeder lässt sich einmal rückwärts fallen und erlebt, wie er aufgefangen wird. Kurze Auswertung. “Ich kann mich auf dich verlassen.”

 

Präsentation der Geschichte
“Auch auf Jesus konnten sich die Leute verlassen. Und einmal fragten sie ihn, wie viel er eigentlich von ihnen erwarte; wie viel Gutes sie tun müssten. Und Jesus sagte: ‚Liebe sollt ihr füreinander haben. Das ist alles.‘ – ‚Wie viel Liebe?‘, fragten sie. Da erzählte er ihnen folgende Geschichte …”

Mit solch einer Überleitung gelingt der Einstieg in den neuen Stoff. Die Lehrkraft (L) erzählt frei von dem Überfall und der Not des Überfallenen: Verzweifeln, hoffen, enttäuscht werden – das geschieht zweimal. Nachdem der Bogen ein drittes Mal gespannt ist, wird die Erzählung unterbrochen.

 

Kreative Aneignung der Geschichte
Das Bild wird präsentiert (großer, farbiger Ausdruck oder Projektion). Die Kinder identifizieren die Personen. Was kann der Dritte tun? Die Hilfsmittel am Bildrand werden entdeckt. Frage: Wie geht es weiter?

Die Paare verteilen sich im Raum und proben mit ihrem Partner. Nach einer Weile versammeln wir wieder im Erzählkreis. Ich sage: “Und Jesus fragte ein paar Kinder: Dieser dritte Mann, was hat der gemacht?” Die Kinder erzählen von ihren Rettungen. Jesus bestätigt: “Genau das hat er gemacht. – Eigentlich logisch, oder?”

 

Ethisieren mit Kindern
L erinnert an die Ausgangsfrage: “Wie viel Gutes muss ich tun? Wie viel Liebe brauche ich?” Die Kinder gehen zu vieren zusammen (Tischgruppen) und beraten. Aufgabe: die Antwort Jesu in einem Satz. Sie erhalten dazu ein Arbeitsblatt (M 3).

Anschließend Präsentation und Diskussion der Ergebnisse. Zusatzfrage: Kann man “Liebe” eigentlich regeln? Oder: Wo “wohnt” die Liebe? (Gegensatz Herz und Kopf).

 

Anwendung
Die Tischgruppen erhalten Karten mit Spielszenen (M 4). Aufgabe: “Schau, was NN braucht! Wie geht die Geschichte weiter? Bereitet euch darauf vor, eure Idee dazu vorzuspielen. Achtet besonders auf die Körperhaltung und Gestik der Hauptperson – am Anfang und am Ende.”

(Die Termini “Samariter” und “Nächstenliebe” werden in der kommenden Stunde im Zuge der Wiederholung eingeführt, eingeübt und aufgeschrieben.)

 

Aufgabe (zur Vorbereitung des nächsten Schritts)
Erinnere dich an eine Situation, in der du Hilfe erfahren hast. Schreibe einen Dank für die Person, die dir damals geholfen hat (ohne Namen). Erzähle ihr, wie das für dich gewesen ist.

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2013

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