Pickel, Zoff und starke Gefühle
Tiefenpsychologische Aspekte der Aufgabe, erwachsen zu werden

von Ute Zöllner

 

Einleitung

Was geht eigentlich in Kindern vor, wenn sie im Konfirmandenalter sind? Was ist eigentlich los mit den 13- oder 14-jährigen? Welche Konflikte haben sie? Vor allem, wie erleben sie sich selber? Um diese Fragen soll es in meinen nun folgenden Überlegungen gehen. Dabei klingen die Fragen selbstverständlicher, als sie es in der historischen Perspektive tatsächlich sind.

Die Beschäftigung mit der Jugend als eigenständiger Entwicklungsphase beginnt mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. In dieser Zeit wird die Jugend als eigenständige Entwicklungsperiode entdeckt und genauer beschrieben. Übereinstimmend wird in der Forschung zum Thema Jean-Jacques Rousseauals Wegbereiterund Vorläufer dieser Entwicklung genannt. In seinem Roman "Emil oder Über die Erziehung" (1762) beschreibt er auf dem Hintergrund der Frage, wie sich Natur und Gesellschaft zueinander verhalten, die idealtypische Entwicklung eines Kindes. Für die Charakterisierung der Adoleszenz gebraucht schon Rousseau das Bild der zweiten Geburt; seitdem gehört es, wie auch der Entwicklungsgedanke selber, zum festen Bestandteil der Charakterisierung des Phänomens Adoleszenz – bis in die gegenwärtige Theoriebildung. Rousseau schreibt: "Wir werden sozusagen zweimal geboren: einmal, um zu existieren, das andere Mal, um zu leben; als Gattungs- und Geschlechtswesen." (J.-J. Rousseau, Emile, Stuttgart 1983, S. 438) Die Vorstellung, im Verlauf der Adoleszenz werde der Mensch zum zweiten mal geboren, wird zum Markierungspunkt in der Entwicklung des Menschen, wobei sie inhaltlich durch die geschlechtliche Reife bestimmt ist. Etwa 150 Jahre später sprichtSigmund Freud von der Zweizeitigkeit der Sexualentwicklung, womit er die kindliche psychosexuelle Entwicklung einschließlich ihrer Einmündung in die Latenzphase meint, der die biologische Reifung zum Erwachsenen folgt. Diese beginnt mit der Pubertät und erstreckt sich, nimmt man die soziale Reifung des Jugendlichen hinzu, als Prozess der Adoleszenz über etliche Jahre.

Als zweite historische Quelle entwicklungspsychologischen Denkens nach Rousseau gelten die Theorien von Charles Darwin. Seine Leistung besteht in dem Bemühen, den menschlichen Entwicklungsprozess in den Evolutionsprozess der übrigen Arten einzuzeichnen. Demnach durchläuft der Mensch in seiner Entwicklung die gesamte Evolution der Arten. Dieser Evolutionsprozess ist bestimmt von der Anpassung an die Umwelt, Selektion und genetischer Veränderung. Um die Plausibilität seiner Thesen zu stützen, greift Darwin auf empirische Beobachtungen an seinen eigenen Kindern zurück. Das erste Standardwerk zum Thema Adoleszenz erschien 1904, eine Arbeit des Amerikaners Stanley Hall. Von Darwins Entwicklungsgedanken beeinflusst, nimmt er die Kulturgeschichte als Folie menschlicher Reifung an. So tritt das Kind, nachdem es der mythologischen Welt der Antike entwachsen ist, in ein neues Kulturzeitalter ein, die Zeit der Romantik oder auch des Sturm und Drang. Stanley Halls Leistung wird in der Etablierung des Jugendalters als eigenständiger, produktiv zu verstehender Entwicklungsperiode im menschlichen Lebenslauf angesehen. (vgl. H. Fend, Entwicklungspsychologie des Jugendalters, 2000, S.33ff)

Mit diesen historischen Eindrücken im Hintergrund, möchte ich nun zu den Jungen und Mädchen selber kommen. Pickel, Zoff und starke Gefühle, so ganz behaglich ist einem bei dieser Aufzählung ja nicht. Der Begriff Pubertät, der sich unweigerlich in diesem Zusammenhang einstellt, macht es nicht gerade besser. Und genauso ist auch den Kindern zumute, die sich in dieser Phase des Übergangs von der Kindheit zur Jugend befinden. Keine Zeit, in der es sich leicht lebt, keine Zeit, in der Jungen und Mädchen mit sich im Reinen sind.

Rein äußerlich lässt sich das Phänomen des Übergangs von der Kindheit zur Jugend an der Gestaltung von Geburtstagsfesten studieren. Bei einem 11-jährigen sieht das noch so aus: Geburtstagskerzen nach Anzahl der Lebensjahre auf ineinandergelegten Holzkränzen – die Modelle, die auf dem Markt sind, bieten maximal Platz für 14 Kerzen! Gummibärchentorte und Ratespiele stehen auf dem Programm. Es soll so sein wie immer. Playmobilkästen sind noch höchst willkommene Geschenke, die ersten CDs kündigen die Zeitenwende allerdings schon an. Vor allem, Jungen und Mädchen bleiben unter sich; was schlichtweg einen Grund hat: man findet sich gegenseitig doof.

Zwei Jahre später trifft man sich zur Party. Die kann jetzt schon so aussehen, dass in den Geburtstag hineingefeiert wird, eben wie die Großen. Und das andere Geschlecht ist auch vertreten. Die Mädchen erscheinen mit Wimperntusche und bauchfreien Tops, die Jungen mit sorgfältig gegelten Haaren und Hosen, deren Bund nur knapp auf der Hüfte Halt findet, dafür schaut das Gummi der Unterhose ein kleines Stück oberhalb desselben heraus. Ganz Wagemutige haben sich die Haare gefärbt. Die Schnürsenkel in den Turnschuhen haben ihre Haltefunktion völlig aufgegeben; Hauptsache, sie sind "korrekt" eingefädelt. Sehr wichtig für einen stressfreien Verlauf der Party ist, dass die Eltern sich zurückhalten und nicht so peinlich sind. Dazu gehört vor allem auch der Gebrauch der Sprache. Keinesfalls biedere man sich als Elternteil an und nehme selber Worte wie "cool" oder "korrekt" in den Mund. Für die Jungen und Mädchen ist es wichtig, das Interesse am anderen Geschlecht eindeutig "rüberzubringen" und dabei möglichst unbeteiligt zu wirken. Wie schafft man es nur, gleichzeitig keinen, dafür aber um so intensiveren Kontakt zu haben? Diejenigen, die wirklich auf der Höhe der Zeit sind, tauschen vorher noch kurz eine E-Mail aus. Eltern verstehen sowieso nicht, was wirklich abgeht. Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Eltern und Kindern heißt deswegen: von nun an wird alles anders.

Auch die französische Psychoanalytikerin Francoise Dolto greift in ihrem Buch für Jugendliche "Von den Schwierigkeiten, erwachsen zu werden" (1989) auf das Bild der zweiten Geburt zurück. Mit ihr beginnt eine Zeit tiefgehender Veränderung, in der eine vertraute Welt aufgegeben werden muss, bevor fassbar ist, wie die neue Welt aussehen kann. Diesem Prozess fühlen sich die betroffenen Mädchen und Jungen ausgeliefert. Die Wandlung des Körpers ist zu sehen, zu riechen, zu fühlen und doch nicht zu begreifen. Es liegt nahe, dass unter diesen Voraussetzungen starke Phantasien und Gefühle freigesetzt werden.

Für den Veränderungsprozess benutzt Dolto ein weiteres Bild. Sie schreibt: "Wenn der Hummer den Panzer wechselt, verliert er zunächst seinen alten Panzer und ist dann solange, bis ihm ein neuer gewachsen ist, ganz und gar schutzlos. Während dieser Zeit schwebt er in großer Gefahr. So ungefähr geht es den Jugendlichen. Und, sich einen neuen Panzer zu fabrizieren, das kostet so viele Tränen und so viel Schweiß, dass es beinahe so ist, als würde man ihn ausschwitzen. ... Die Adoleszenz, das ist das Drama des Hummers." ( F.Dolto, Von der Schwierigkeit, erwachsen zu werden, 1989, S.15f )

Wer sich von etwas Liebgewonnenem verabschieden muss, der ist verletzlich und sehr leicht kränkbar. So geht es auch den Mädchen und Jungen, die sich in ihrer Rolle als Jugendliche noch nicht zurecht gefunden haben. Diese Übergangsphase ist eine Zeit des Ringens um Selbstakzeptanz, um Anerkennung, Sicherheit und Zugehörigkeit.

Zoff, rüpelhaftes Verhalten und Kummer sind typisch für dieses Lebensalter. Besonders die Jungen verhalten sich provozierend, können sich schlecht konzentrieren, sind unangepasst, rutschen u. U. sogar in dissoziales Verhalten hinein. Das Gefühl von Zerrissenheit, das Schwanken zwischen dem Empfinden, großartig zu sein oder doch ganz klein und hilflos, können zu einem Strudel werden, der zu Experimenten mit unterschiedlichen Drogen und Alkohol führt. Da kommt ein Konfirmand von der KU-Freizeit zurück und meint: " Boh eh, die haben Wodka aus der Flasche getrunken, die waren ziemlich besoffen." Ob das Ganze nun wirklich passiert ist oder eher Phantasie und in das Reich der Wünsche und Ängste gehört, bleibt offen und soll wohl auch gar nicht endgültig geklärt werden.

 

Die Aufgabe, erwachsen zu werden

Ich spreche gezielt von der Aufgabe, erwachsen zu werden, und nehme in dieser Weise eine pädagogische Blickrichtung für das Phänomen Adoleszenz ein. Wer eine Aufgabe zu lösen oder zu bewältigen hat, der ist mit seinen Fähigkeiten gefragt. Er oder sie muss sich anstrengen; Aufgaben erledigen sich nicht von selber, ich muss mich ihnen stellen. Man kann versuchen, sie aufzuschieben oder sie zu übersehen – in der Regel untaugliche Bewältigungsstrategien.

Mir ist dieser Aspekt sehr wichtig, weil er die Betroffenen ernst nimmt in der Selbständigkeit ihrer Entwicklung. Denn sie sind ihre körperlichen und sozialen Veränderung nicht einfach nur ausgeliefert, auch wenn sie es selber so erleben. Sie sind nicht nur Opfer einer Erwachsenenwelt, die etwas mit ihnen macht oder gemacht hat. Vielmehr ist das Miteinander von Kindern und Erwachsenen ein wechselseitiger Prozess, an dem die Kinder ebenso aktiv beteiligt sind wie ihre Eltern und der gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen unterliegt. Die Übergangszeit, um die es geht, ist bestimmt von der Aufgabe, erwachsen zu werden. Da ist jedes Kind selber gefragt, mit seiner Bereitschaft, seiner Fähigkeit und seinen Möglichkeiten, seien es die erworbenen oder diejenigen, die ihm durch seine Natur mitgegeben sind.

Gewiss spielt sich Entwicklung nicht ohne die Beziehung zur Welt, z.B. zu den Eltern und zur Schule ab, aber erwachsen werden kann ein Kind nur selber. Allerdings ist der pädagogische Aspekt auch nur einer von mehreren, unter dem die Entwicklung von Jugendlichen betrachtet werden kann. Der Stellenwert, der dem Einzelnen, dem handelnden Subjekt, in dieser Zeit zukommt, ist unterschiedlich bewertet worden.

Pestalozzi hatte schon 1871 gemeint: "Der Mensch ist ein Werk der Natur, der Gesellschaft und seiner selbst." Die Adoleszenz ist exemplarisch als lebensgeschichtliche Phase anzusehen, in der dieser Zusammenhang zwischen körperlichen, psychischen und sozialen Prozessen besonders deutlich wird. Dementsprechend kann die Forschung zum Thema in drei unterschiedliche Betrachtungsweisen aufgeteilt werden. Im Folgenden orientiere ich mich an den Darlegungen von Helmut Fend.

Es gibt zum einen den Forschungsstrang, der den inneren Entwicklungsgesetzen des Menschen nachgeht. Im Mittelpunkt stehen Überlegungen zu den biologischen und genetischen Voraussetzungen von Wachstum und Reife. Auf dem Hintergrund evolutionärer Grundannahmen (s.o.) stellte die anfängliche Beschäftigung mit dem Phänomen Jugend den Versuch dar, die innere Eigengesetzlichkeit menschlicher Lebensläufe aufzuspüren. Die Entwicklungsgesetze nehmen den Status von universalen Seelenstrukturen ein. Diese Betrachtungsweise verbindet sich bis in die jüngste Gegenwart u. a. mit der Entwicklungspsychologie von Charlotte Bühler. Als empirisches Material benutzte sie die Tagebuchaufzeichnungen Jugendlicher, aus denen sie versucht, die innere Logik der Entwicklungsgesetze zu erheben. Sie zielen, auf dem Weg über mehrere Stufen, hin auf das Stadium von Reife und Vollkommenheit. Der Sinn der Entwicklung ergibt sich für Bühler aus dem, was war, und dem, was folgt.

Demgegenüber hatte sich in der Forschung der 60er und 70er Jahren vor allem die Außenperspektive etabliert, was m.E. auch der Ausdruck und die Folge gewachsener empirischer Forschungsmöglichkeiten darstellt. In den Blick genommen wurden die Lebensumstände und die gesellschaftlichen Konstellationen als Bedingungen der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Jugendliches Verhalten, Denken und Empfinden wurden nun hauptsächlich unter der Perspektive der Abhängigkeit von äußeren Bedingungen untersucht. Das Interesse an den inneren Entfaltungskräften, die die Entwicklung beeinflussen, wird abgelöst von der primären Bedeutung des gesellschaftlichen Rahmens, in dem dies geschieht. Man redet von "Sozialisation".

Eine dritte Perspektive setzte sich in den darauf folgenden Jahren durch: das handelnde Subjekt wird in den Vordergrund gerückt und somit die Eigenbeteiligung und Eigenverantwortung des einzelnen betont. Dies kann als Versuch angesehen werden, weder die Perspektive "Entwicklung ohne Kontext" noch die Perspektive "Kontext ohne Entwicklung" (H. Fend) zu einer sich ausschließenden Alternative werden zu lassen. Der Mensch ist weder nur passiv von inneren Entwicklungskräften bestimmt, noch untätig äußeren Einflüssen ausgesetzt. Vielmehr setzten sie sich stets handelnd mit den verwobenen Bedingungen ihrer Entwicklung auseinander. Entwicklung ist ein vom Subjekt selbst getragener Prozess, dessen Verlauf allerdings von den personalen und sozialen Ressourcen abhängig ist, die dem Einzelnen zur Verfügung stehen. Dazu gehört auch die stärkere Wahrnehmung der Zielperspektive von Entwicklung, die diese Betrachtungsweise unterstützt.

Wenn ich also von der Aufgabe, erwachsen zu werden, spreche, nehme ich mit meinen Überlegungen die dritte Perspektive ein. Allerdings tue ich es auf dem Hintergrund tiefenpsychologischer Überlegungen, die ja, wenn man Pestalozzi folgt, eher in den Bereich der Natur gehören.

Kinder im Übergang von der Kindheit zur Jugend haben die Aufgabe, erwachsen zu werden, in verschiedenen Lebensbereichen zu bewältigen: Zunächst auf der intrapersonalen Ebene. Gemeint sind die biologischen und psychischen Veränderungen, es geht um die Veränderung des Körpers und die neu erwachende Sexualität. Die zweite Ebene der Aufgabe, erwachsen zu werden, ist interpersonell zu verstehen. Hier ist über das sich ändernde soziale Beziehungsgefüge der Mädchen und Jungen zu sprechen. Die sozialen Beziehungen zum eigenen, zum anderen Geschlecht verändern sich, ebenso zu den Eltern und dem übrigen erwachsenen Lebensumfeld. Der dritte Bereich ist durch kulturelle Aufgaben bestimmt. Im Lebensumfeld von Schule und Bildung muss das Kind nun immer selbstverantwortlicher handeln und ein Werte- und Normensystem entwickeln, mit dem es sich identifizieren kann. Was möchte ich so machen wie meine Eltern? Was möchte ich übernehmen und was nicht ? Um die Beantwortung dieser Fragen kommt der Jugendliche nicht herum. Und nicht zuletzt muss der Jugendliche ein zu ihm passendes Maß für seinen Umgang mit Konsum und Freizeit herausfinden.

Diese Aufgaben, so meine These, bündeln sich in der Anforderung, eine eigene Identität zu entwickeln. Wobei ich, bei aller Problematik des Begriffs, unter Identität zunächst ganz unbestimmt das Empfinden meine, "im eigenen Körper zu Hause zu sein, ein Gefühl zu wissen, wohin man geht, und eine innere Überzeugung von der antizipierten Bestätigung durch die, auf die es ankommt." (E. H. Erikson, Jugend und Krise, 1972 S. 170) In der Zielperspektive geht es also bei der Aufgabe, erwachsen zu werden, im genaueren darum, eine Antwort auf die Frage zu finden: Wer bin ich? Affektiv bestimmt wird dieser Prozess durch das Erleben von Trauer und Wut, denn Trennung und Abschied sind zu verarbeiten.

 

Der tiefenpsychologische Zugang zum Thema

In diesem Abschnitt meines Vortrages möchte ich einige tiefenpsychologische Überlegungen zum Thema vorstellen. Die besondere Bedeutung der tiefenpsychologischen Sichtweise sehe ich nach wie vor zum einen in der Annahme des Unbewussten, also in der Prämisse, Entwicklung vollziehe sich als Prozess mit Konflikten, und zum anderen in der Wertfreiheit, mit der sie diese Prozesse verfolgt. Ihnen ist vielleicht der Satz Augustins bekannt: "Ich danke Gott, dass ich für meine Träume nichts kann." Der tiefenpsychologische Zugang zum Thema begrenzt m.E. die Versuche, menschliche Entwicklung "in den Griff" bekommen zu wollen. Bei allen pädagogischen Bemühungen bleibt die Aufgabe, erwachsen zu werden und die Aufgabe, beim Erwachsenwerden hilfreich zur Seite zu stehen, von dieser Unverfügbarkeit affiziert.

Bei meinen Überlegungen greife ich auf zentrale Vorstellungen von Anna Freud und auf das Standardwerk von Peter Blos zurück und ergänze dies durch Anmerkungen zur Bedeutung der Geschlechterdifferenz.

Zunächst erinnere ich stichwortartig an die zentralen Topoi psychoanalytischen Denkens. Leitend ist die Vorstellung, dass aus der Entwicklungsgeschichte der Libido, ihren Konflikten mit den Normen der Umwelt und den tatsächlichen Möglichkeiten zur Triebbefriedigung, sich die Struktur der Psyche herausbildet.

Diese psychosexuelle Entwicklungsgeschichte verbindet sich mit den Stichworten orale – anale – ödipale Phase. Die Antriebskraft seelischer Bewegungen nannte Freud Libido. Diese bindet sich im Lauf der Entwicklung zunächst an den oralen und analen Bereich. Um das 5. Lebensjahr herum verschiebt sich die Libido auf soziale Objekte. Sie verquickt sich in der Weise mit den sozialen Beziehungen, dass sich die sexuellen Wünsche auf das gegengeschlechtliche Elternteil richten. Diese Wünsche lösen Eifersucht aus, Schuldgefühle und Angst. Um mit den Konflikten fertig zu werden, hilft sich die Seele mit einem Trick: sie übernimmt die elterlichen Wert- und Normvorstellungen, nimmt auf diese Weise die elterlichen Objekte in Besitz, und kann ihnen auf diese Weise eher standhalten. Eine neue regulative Instanz gegenüber den inneren Trieben hat sich entwickelt: das Über-Ich. Zwar ist die psychische Entwicklung damit noch nicht abgeschlossen, aber die Libido tritt für die nächste Phase in den Hintergrund und ist auf entsexualisierte Art an die Eltern gebunden; das ist die Latenzzeit.

Mit der Pubertät, der zweiten Geburt, ändert sich wieder alles, denn das Ineinander von Triebgeschichte, sozialen Beziehungen und psychischer Strukturbildung wird neu gestaltet. Drei Aspekte sind zu nennen: 1) Die Sexualerregung ist inzwischen eindeutig genital bestimmt. 2) Die libidinösen Objektbesetzungen orientieren sich um, lösen sich von den Eltern ab und beziehen sich außerhalb der Familie auf Gleichaltrige desselben oder des anderen Geschlechtes. 3) Als Konsequenz der Ablösung bildet sich eine neue psychische Instanz – das Ich-Ideal – welches das von den Eltern geprägte Über-Ich in den Hintergrund treten lässt. Soweit die Rahmenvorstellung, die sich in der weiteren Theoriebildung besonders durch die weibliche Sichtweise differenzierte und weiterentwickelt wurde.

 

Anna Freuds Beitrag

Für Anna Freud ist der Schmerz wesentlicher Bestandteil von Veränderung; ein Gedanke, den ich nicht nur für das therapeutische Handeln zentral finde. Entwicklung geschieht nicht gefühllos, sondern vollzieht sich als heftige affektive Reaktion. Gedanken muss man sich demzufolge eher machen, wenn sie harmonisch und auffällig ruhig verläuft. Die Pubertät ist "ihrem Wesen nach die Unterbrechung einer Periode friedlichen Wachstums" , so dass " das Weiterbestehen von innerem Gleichgewicht und Harmonie ... eine abnorme, nicht eine normale Erscheinung ist." (Anna Freud, Probleme der Pubertät, Psyche 1960, S.1ff) Das Kind muss das Gleichgewicht von Ich – Es und Über-Ich, das es in der Latenzzeit gefunden hat, aufgeben, damit sich eine neue, erwachsene Persönlichkeitsstruktur bilden kann. Der qualitative und quantitative Anstieg der Triebenergie lässt den Jugendliche ruhelos, leidenschaftlich und egoistisch werden. Er fühlt sich einsam, ist dann aber auch wieder extrem begeistert und idealistisch, sucht die Lebenssteigerung. "Während der Dauer der Pubertät kann der Jugendliche nicht anders: er wehrt seine Triebregungen ab, gibt ihnen aber auch nach; er vollbringt Wunder an Selbstbeherrschung, ist aber auch Spielball seiner Gefühle; er liebt seine Eltern und hasst sie zugleich; er ist gleichzeitig in voller Revolte und voller Abhängigkeit..." (a.a.O., S.22)

Anna Freud hebt zwei Aspekte hervor: Die Wiederbelebung der libidinösen Beziehung zum gegengeschlechtlichen Elternteil muss aufgegeben werden, das härteste Stück der Seelenarbeit, und die Intensivierung der Triebe muss verkraftet werden. Die Bedeutung ihres Beitrags zur psychoanalytischen Theoriebildung liegt u. a. in der Herausarbeitung der Abwehrmechanismen. Sie beschreibt recht eindrücklich, welche Beziehungsmuster Jugendliche entwickeln, mit deren Hilfe sie sich gegen die infantilen Bindungen zur Wehr setzen. 1. Abwehr mit Hilfe von Libidoverschiebung: Unvermittelt ziehen sich diese Jugendlichen vom Elternhaus zurück. Um dem Gefühle der Isolierung zu entgehen, werden Ersatzpersonen gesucht, die den Eltern möglichst unähnlich sind. Oder sie suchen den Halt in einer sozialen oder dissozialen Ersatzfamilie. 2. Abwehr durch Verkehrung der Affekte ins Gegenteil: Für die Entwicklung des Jugendlichen stellt diese typische Reaktion eine weniger günstige Variante dar. Die Affekte verkehren sich ins Gegenteil; aus Liebe wird Hass, aus Bewunderung wird Verachtung, aus Abhängigkeit wird Revolte. Die Libido bleibt aber negativ an die elterlichen Objekte gebunden, Angst und Schuldgefühle nehmen nicht ab, und die Entwicklung hin zu mehr Autonomie ist verstellt. Die Jugendlichen verleugnen ihre positiven Gefühle und verhalten sich demonstrativ feindselig. Die Aggression kann von den Objekten aber auch abgezogen werden, richtet sich dann gegen sich selbst und führt zu Depressionen bis hin zu Suizidversuchen. 3. Bei der dritten Möglichkeit handelt es sich um den Rückzug auf sich selbst, die Rückwendung der Libido auf die eigene Person. Die Betroffenen wenden sich von der Außenwelt ab, zentrieren ihre Aufmerksamkeit überwertig auf den eigenen Körper, Hypochondrie und Größenphantasien sind die Konsequenz. Im extremen Fall kann die Angst vor der Objektbindung so groß werden, dass der Jugendliche "auf die früheste Stufe der Beziehung zur Außenwelt" zurückgreift und "die Unterscheidung zwischen Innen- und Außenwelt (Realitätsprüfung) wird vorübergehend außer Kraft gesetzt" (a.a.O.,S.19) .

Wo die Abwehr gegen die Besetzung der infantilen Objekte misslingt, kann es zu pathologischen Entwicklungen kommen, z. B. zur Entwicklung von Essstörungen. A. Freud führt die jugendliche Askese und deren Variante, die Kompromisslosigkeit moralischer Prinzipien an. Sexuelle und aggressive Triebimpulse, aber auch Nahrung und Schlaf werden leidenschaftlich bekämpft aus Angst, von den eigenen Triebimpulsen überwältigt zu werden; abgelehnt wird der Lustgewinn an sich. Oder die Wert- und Normenvorstellungen werden absolut gesetzt. "Solche Jugendlichen verfolgen das phantastische Ziel einer extremen Einseitigkeit, dürfen nur Geist sein oder nur Körper, nur aktiv oder nur passiv ... Unerreichtes Ideal (ist) eine Existenz, in der entweder das Triebleben sich ungestört durch die Ichinstanzen ausbreiten oder das Ich ungestört vom Es seine Ziele verfolgen kann." (a.a.O., S.20) Gegensätze bleiben unvermittelt nebeneinander stehen, die Welt ist schwarz oder weiß.

 

Die Adoleszenztheorie von Peter Blos

Peter Blos erweitert das Modell Anna Freuds vor allem durch die zeitliche Perspektive des Entwicklungsprozesses. Wie sie geht er von der Veränderung der Triebstruktur aus, bezieht aber neben der libidinösen Besetzung anderer Personen auch die des eigenen Selbst oder der von symbolischen Gestalten ein. Weiter spricht auch er von einer Reorganisation der psychischen Struktur mit dem neu entstehenden Ich-Ideal. Beim Übergang von der Kindheit in die Adoleszenz sieht Blos idealtypisch folgende fünf Phasen: Die Präadoleszenz – die Frühadoleszenz – die eigentliche Adoleszenz – die Spätadoleszenz – die Postadoleszenz. Im Zusammenspiel von Natur, Gesellschaft und Individuum sieht Blos die Pubertät als Werk der Natur, die Adoleszenz aber als Werk des Menschen. (P. Blos, Adoleszenz, 5.Aufl. 1992, S.149)

Die Präadoleszenz. Nach der Latenzzeit, in der das Kind gelernt hat, zwischen Phantasie und Realität zu unterscheiden, logisch zu denken und sich weiter sein soziales Verständnis, Einfühlungsvermögen und altruistische Gefühle konsolidiert haben, treten die ersten Verunsicherungen im Alter von 10-12 Jahren auf. Bisher hatte sich das Kind in seinen Lebensvorstellungen an den Eltern orientiert und seinen Körper eingesetzt, um seelische Zustände auszudrücken. Die Stabilität der erreichten Ich-Funktionen beeinflusst nicht unerheblich den Fortgang der Entwicklung.

Im Anschluss an A. Freud unterstreicht Blos die quantitative Triebzunahme als wesentliches Charakteristikum der neuen Entwicklungsstufe. "Was auch immer die Erziehung der vorhergehenden Jahre an Triebbeherrschung und sozialer Einordnung erreicht hat, scheint nun zur Auflösung verurteilt." (a.a.O. S.72)

Mädchen sind in dieser Zeit körperlich sehr stark, den Jungen oftmals sogar überlegen, sie wachsen eher und schneller als die Jungen und wollen sich mit ihnen messen; in dieser Phase erleben sie einen Aktivitätsschub. Die Jungen beginnen sich langsam affektiv von der Mutter zu lösen, sie zeigen eine mädchenfeindliche Einstellung, setzen diese herab, blasen sich auf und protzen. Sie können sich über die billigsten Blondinenwitze schlapp lachen, ihr Verhalten zeigt stark anale Züge. Ein Junge äußert sich so: "Mein Lieblingswort ist Scheiße... Je älter ich werde, desto schmutziger werde ich ..." (a.a.O. S. 74) In diesem Kontext ist sicher auch das zielbewusste Sammeln von Briefmarken, Stickern jeder Art, Münzen etc. zu verstehen. Die Phantasien sind von Größenvorstellungen besetzt und kreisen um Kampf, Sieg und Niederlage; die Ängstlichkeit wird sorgsam versteckt. Endgültig muss der Junge in diesem Stadium seinen Wunsch nach einem Baby (Brust, Passivität) aufgeben.

Mit 13 beginnt die – Frühadoleszenz (13-15 ) – oder auch Pubertät (Pubes: Körperbehaarung). Die Triebimpulse nehmen zu; sowohl das Mädchen wie der Junge orientieren sich an extrafamiliären Objekten. Das Kind ist nun auf die Schwelle der Geschlechtsreifung getreten, es gibt keinen Weg mehr zurück. Das Charakteristikum dieser Phase liegt in der Absetzung von den inzestuösen Liebesobjekten. Diese Entwicklung geht einher mit stark regressiven Zuständen. Besonders die Jungen lehnen es ab, sich zu waschen und konzentriert zu lernen. Stundenlang hängen sie vor dem TV, unbeobachtet schauen sie dann auch die Teletubbies, sonst gehört GZSZ zum Standardprogramm. Zoff gibt es einfach um alles, besonders die Buben sind grob und laut miteinander. Die Distanzierung von Mutter und Vater wird immer deutlicher und setzt nicht nur den Kindern zu. Betroffene Eltern betiteln ihren Erfahrungsbericht mit dem Satz: "Und plötzlich sind sie 13 – oder die Kunst, einen Kaktus zu umarmen." Küsse sind "megaout" und werden demonstrativ weggewischt. Die Haare sind von besonderer Bedeutung. Mädchen äußern ihre Phantasien weniger im Verhalten, entwickeln stattdessen romantische Vorstellungen von der Liebe. Sie beginnen, sich einem Tagebuch anzuvertrauen, nehmen mit einer fiktiven Person das Gespräch auf. Erotische Phantasien werden an Objekte gebunden, die faktisch unerreichbar sind wie z.B. Popstars. Es gibt kaum ein Mädchen, das besonders in dieser Zeit nicht davon träumt, zu reiten oder gar ein Pferd zu besitzen, Symbol für Stärke und Schutz, das sich aber auch führen und kontrollieren lässt. Blos weist darauf hin, dass diese Schwärmereien und raumgreifenden Phantasien der Mädchen eine wichtige Schutzfunktion vor vorzeitigem Geschlechtsverkehr darstellen. Sie sind sich ihrer Geschlechtsidentität noch weit unsicherer als die Jungen in dem Alter, mit dem Vorsprung – so meine ich – dass sie ihre Bisexualität weniger verdrängen müssen als diese.

Die mittlere – eigentliche – Adoleszenz vollzieht sich im Alter von 15-17 Jahren. Die alten libidinösen Bindungen sind in den Hintergrund getreten, neue psychische Strukturen bilden sich heraus. Übergangsweise konzentriert sich die Triebenergie auf die eigene Person, die großartig imaginiert wird. "Die geschlechtsgerechte Aufgabe dieser Phase liegt in der Ausarbeitung der Femininität und Maskulinität." (a.a.O., S. 148) Noch sind die Jugendlichen stark auf die Gruppe der Gleichaltrigen angewiesen, die das schwankende Selbstwertgefühl stützen. Die Identität ist vor allem durch die Gruppe bestimmt, an die sich die Jugendlichen gebunden haben. Die Erfahrung, nützlich zu sein, stärkt das Selbstvertrauen. Im mentalen Bereich steht die Frage: Wer bin ich? im Vordergrund. In dieser Zeit zeigen die Jugendlichen durchaus einen Hang zum Extremen, der sich dem Gespräch widersetzt. "Ganz oder gar nicht" – "wer nicht für mich ist, ist gegen mich", wird zur Grundhaltung der Welt gegenüber, die eng mit der positiven Besetzung der eigenen Person verbunden ist. Die unerwiderte Liebe zum anderen Geschlecht löst dramatische Gefühle aus, der Jugendliche fühlt sich in seiner psychischen Existenz bedroht. Die Abwehrstrategien gegen die neuen heftigen sexuellen Impulse können sich auch in einer kompromisslosen Abkehr von allem Lustvollen darstellen, das asketische Ideal gewinnt mit seinem Ausschließlichkeitsanspruch die Oberhand. Bei Mädchen kann es auf der Symptomebene zum Ausbruch von anorektischem oder bulimischem Verhalten kommen. Das Tagebuchschreiben stellt demgegenüber für viele Jugendliche eine hilfreiche Möglichkeit dar, Ordnung in die verworrene und schwankende Gefühlswelt zu bringen.

Späte Adoleszenz. Blos gibt für diese Phase das Alter von 18 – 20Jahren an. Die Aufgabe dieser Zeit besteht darin, zu einem gewachsenen Selbstvertrauen zu kommen, so dass die beunruhigende Frage nach der eigenen Identität in den Hintergrund treten kann. Die libidinöse Beziehung zum anderen Geschlecht ist bei den allermeisten Jugendlichen eindeutig. Das Ich-Ideal wird nicht mehr so stark von den eigenen Größenvorstellungen gelenkt, Selbst- und Fremdwahrnehmung greifen besser ineinander über. Der Jugendliche kann sich selber realitätsangemessener einschätzen und gewinnt klarere Vorstellungen von seinem zukünftigen Leben. Gelingt dieser Prozess nicht, dann wendet er sich destruktiv nach außen in Form von dissozialem Verhalten, oder aber nach innen in Form von Suizidalität, Depressionen oder selbstzerrstörerischem Verhalten. Unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen hat sich der Prozess der Identitätsentwicklung stetig prolongiert, so dass die Postadoleszenz (21-25) in ihrer Dauer variiert. Allerdings kann man davon ausgehen, dass sich die psychischen Strukturen, mittels derer der einzelne seine Lebenserfahrungen verarbeitet, in diesem Alter herausgebildet und gefunden haben. Berufseintritt und Familiengründung beschließen den Prozess.

Aus der skizzierten Darstellung der Entwicklungsphasen lässt sich die Aufgabe der Adoleszenz aus tiefenpsychologischer Sicht thesenartig so zusammenfassen: Mädchen und Jungen müssen sich in dieser sehr sensiblen Zeit ihres Lebens von den inzestuösen Liebesobjekten ihrer Kindheit absetzen. Dazu verhilft ihnen die wachsende sexuelle und aggressive Triebenergie, die in die Persönlichkeit integriert werden muss. Es bildet sich ein Ich-Ideal, das mit dem Leben vereinbar sein muss. Auf diesem Weg wird die Loslösung aus der familiären Welt und ein eigenständiges Bewegen in der Öffentlichkeit möglich. Ziel dieser Entwicklung ist eine stabile Geschlechtsidentität und die Aneignung einer Lebensperspektive, die Sinn verspricht.

 

Die Entwicklung der Mädchen in der Pubertät oder:
Die Auswirkungen der Geschlechterdifferenz

Die psychoanalytische Entwicklungstheorie wird seit jeher mit den Einwänden konfrontiert, zum einen die männliche Entwicklung zum Paradigma zu erheben, wobei die Entwicklung der Mädchen als Nebenform erscheine, zum anderen dem aus der Freudschen Tradition herkommenden Missverständnis zu unterliegen, bei der Frau handele es sich um ein Mangelwesen, das die Kränkung des fehlenden Penis erst mit der Geburt eines Kindes überwinde. In den letzten 30 Jahren hat es vielfältige Neuansätze für eine Weiblichkeitskonzeption in tiefenpsychologischer Perspektive gegeben. Luzid finde ich in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass Geschlechtsspezifität etwas ist, was für den anderen von Anfang sinnfällig ist, aus der Perspektive des Kindes sich aber erst entwickelt und mit Konflikten verbunden ist. Eva S. Poluda versteht die psychosexuelle Entwicklung als interaktionelles Geschehen, vergleichbar einer Ellipse mit zwei Brennpunkten. Geschlechtsrollen werden nicht nur zum Zwecke gesellschaftlicher Zuweisungen eingeübt, sondern die Entwicklung des Bewusstseins, Frau oder Mann zu sein, vollzieht sich als innerseelischer Vorgang, der nicht frei verfügbar ist und in dem Phantasien und Symbolen eine wichtige Funktion zukommt. (Eva S. Poluda: Die psychosexuelle Entwicklung der Geschlechter im Vergleich, in: Forum der Psychoanalyse, Heft 2, 1999, S. 101ff)

Als ein Gesichtspunkt in diesem Zusammenhang ist das unterschiedliche Bindungs- und Trennungsverhalten von Jungen und Mädchen untersucht worden. Die Tatsache, dass die erste Beziehungsperson für beide Geschlechter nach wie vor – wie in anderen Kulturen auch – vorzugsweise eine Frau ist, wird für die weibliche und männliche Entwicklung der Geschlechtsidentität als folgenreich angesehen. Mädchen wachsen mit dem Identitätsgewinn auf, dasselbe Geschlecht wie die Mutter zu haben. Die Identifikation mit der gleichgeschlechtlichen Mutter ist die Basis ihrer weiblichen Geschlechtsidentitätsbildung und hängt nicht, wie bei den Jungen, von der Verarbeitung der Differenz zur Mutter ab. Mädchen erleben sich als kontinuierlicher und verbundener mit der äußeren Objektwelt und auch als anders auf ihre innere Objektwelt bezogen. Die Desidentifikation von der primären Liebesbeziehung geschieht beim Mädchen später. Trennungs- und Individuationsprozesse dauern bei Mädchen also deswegen länger, weil sie sich aus dem Gleichklang einer gleichgeschlechtlichen Beziehung heraus lösen müssen. Sexuell anstößige Phantasien oder auch heftige aggressive Bestrebungen werden häufiger verleugnet, auf die Mutter projiziert und vor allem eher den Jungen zugestanden. "Je intensiver und enger die Bindung zwischen Mutter und Tochter ist, umso desexualisierter und ‚bindungsaffizierter’ ist die Ich- und Identitätsentwicklung." ( Mechthild M. Jansen, Trennung und Bindung bei adoleszenten Mädchen aus psychoanalytischer Sicht, 1992, S.269) Demzufolge fühlen sich Männer in ihrer Geschlechtsidentität eher durch Nähe, Intimität und Passivität bedroht, während Frauen eher Probleme mit offen geäußerter Aggressivität, Autonomie und Trennung haben.

Die Herausbildung weiblicher Körperformen, primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale sowie die Menarche erlebt das Mädchen ambivalent. Zwar nähert es sich endlich dem Körper seiner Mutter an, andererseits entstehen starke Phantasien und Ängste. Ruth Waldeck weist der Menstruation eine zentrale Funktion für die weibliche Identitätsbildung zu, was durch die Beobachtung gestützt wird, dass sich bei spätem Auftreten der Menarche Mädchen benachteiligt vorkommen, zurückgesetzt fühlen. Das Mädchen muss sich dann aber mit seiner blutenden Vagina, seiner Fruchtbarkeit und dem Generationenauftrag auseinandersetzen. Wesentlich für die Verarbeitung sind gesellschaftlich bedingte Vorstellungen und Tabus, aber auch das weibliche Selbstverständnis der Mutter, wie sie selber zu sich als Frau steht. Negative Einstellungen erschweren eine adäquate libidinöse Besetzung und Integration der inneren Genitalität; Ängste und Phantasien über eine Verletzung, Beraubung oder Zerstörung des inneren Raumes werden wiederbelebt. Wichtig finde ich in diesem Kontext wahrzunehmen, dass die Menstruation heutzutage zwar den Stellenwert von Normalität genießt, sie aber in der Öffentlichkeit nach wie vor unter dem Aspekt der Reinheit/Hygiene verhandelt wird.

Die Menstruation ist von großer Bedeutung für den Prozess der Individuation und Ablösung von Mädchen, weil sie zyklisch das Erleben von Trennung und Verlust – des Körpersekretes – ins Bewusstsein ruft. Ich hatte betont, dass das Mädchen seine Weiblichkeit durch eine Identifizierung mit der Mutter erwirbt, was seinen Wunsch nach Bindung und Kontinuität im Beziehungsgeschehen ausgeprägt erscheinen lässt, aber auch die Ablösung von der Mutter erschwert: "Ich schaue in den Spiegel und sehe meine Mutter". Die entstehenden starken Ängste und Aggressionen erscheinen deswegen so bedrohlich, weil mit der Ablehnung der Mutter immer auch die eigene Weiblichkeit abgewertet wird. Das Mädchen ist zwar einerseits durch seine Menstruation endlich so wie die Mutter, andererseits werden die frühkindlichen Phantasien wiederbelebt, nach denen die Mutter dem Mädchen nicht alles gegeben hat, was ihm zusteht. Der Ablösungsprozess von der Mutter als erstem Liebesobjekt ist für Mädchen also besonders konflikthaft. Da kann die größere Freiheit im Vergleich mit den Jungen, die ihnen gesellschaftlich für das Experimentieren mit ihrer Weiblichkeit zugestanden wird, nur ein schwacher Trost sein.

 

Die Bedeutung von außer-familiären Entwicklungsräumen

In diesem Abschnitt sei kurz skizziert, wie Jugendlichen bei der Aufgabe, erwachsen zu werden, zur Seite gestanden werden kann. Wenn die Pubertät eine Übergangsphase ist, in der sich Jungen und Mädchen neu orientieren müssen, sich das Verhältnis zum Inneren und zum Äußeren anders ordnet, dann brauchen Jugendliche Übergangsräume zwischen Familie und Gesellschaft. Die Bereitstellung von Übergangsräumen durch die Erwachsenenwelt ist ein nicht unerheblicher Faktor, wenn es auf Seiten der Jugendlichen darum geht, der Aufgabe, erwachsen zu werden, auch entsprechen zu können. Aus diesem Bedürfnis heraus erklärt sich m E. die Attraktivität z. B. von KU- Freizeiten oder auch von Aufenthalten in Schullandheimen etc.

Die Jugendlichen brauchen "familiäre Vorposten", die sowohl die Ungebundenheit der Familie, als auch die Sicherheit eines vertrauten Rahmens gewährleisten. Das Leben der Jugendlichen vollzieht sich als Existenzform des Exodus, als Lehr- und Wanderjahre. Aus dem Paradies des Ineinsseins mit der Mutter sind sie vertrieben worden, es ist verloren gegangen. Nun wird es in grandiosen Naturerlebnissen, Zeiten schier unendlich dauernder Computerspiele oder in der Disco gesucht. Übergangsräume, die den Jugendlichen in seiner Entwicklung fördern, müssen demnach Platz für seine regressiven Bedürfnisse bieten, dürfen aber auf die Herausforderung und die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit natürlicher Autorität nicht verzichten.

Helm Stierlin stellt seinem Buch "Eltern und Kinder" die Geschichte vom verlorenen Sohn als Motto voran. Aufgrund empirischer Untersuchungen befasst er sich mit der Frage, warum Jugendliche sich abrupt von ihrem Elternhaus abwenden. Ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit rückt er die elterliche Beteiligung am Beziehungsgeschehen. Stierlin unterscheidet drei Beziehungsmodi: die Bindung, die Delegation und die Ausstoßung. Überwiegt der Bindungsmodus, bleiben die Kinder in der elterlichen Fürsorge gefangen, leben unter der Käseglocke ihrer Fürsorge. Herrscht der Beziehungsmodus der Delegation vor, ist es den Kindern zwar eher möglich, sich aus dem unmittelbaren elterlichen Gesichtskreis zu entfernen, aber sie bleiben an die "lange Leine der Loyalität" gebunden und führen unbewusst die Aufträge und Wünsche der Eltern aus. Wo der Ausstoßungsmodus bestimmend wirkt, verzerren die Eltern den Ablösungsprozess, indem die Kinder vernachlässigt werden und ihnen die nötige Fürsorge vorenthalten bleibt. Dies geschieht deshalb, weil die Eltern auf diese Weise versuchen, ihre eigenen Lebenskonflikte zu lösen. Auf diese Weise wird es Jugendlichen aber sehr schwer gemacht, vorhandene Übergangsräume zu nutzen oder neue zu entdecken.

Die Eltern haben weiter, so Stierlin – und ich weite dies auf alle aus, die mit Jugendlichen in der Zeit der Adoleszenz zu tun haben – mit über vierzig den Höhepunkt ihres Lebens erreicht. Der Platz in der Gesellschaft ist im allgemeinen gefunden. Nun erleben sie, dass die libidinösen und aggressiven Triebwünsche ihrer Kinder anwachsen, während ihre eigenen abnehmen; dasselbe gilt für die kognitive und moralische Entwicklung. Der alternde Professor Rath im Film "Der blaue Engel" ist dafür ein anschauliches Beispiel. Während die Jugendlichen die Aufgabe haben, ihre Loyalitätsbindungen zu überprüfen, neu zu gestalten oder wenigstens zu modifizieren, stehen Erwachsene vor der Aufgabe, diese zu bestätigen. Obwohl die traditionellen Glaubensvorstellungen für viele fragwürdig geworden sind, gewinnt, so Stierlin, "das religiöse Bedürfnis an Stärke; in diesem Bedürfnis spiegelt sich die ursprüngliche Bedeutung des Wortes religare ... fest binden, mit seinen Wurzeln verbinden, treu sein. Zusätzlich zur Bestätigung bestehender Loyalitäten und Bindungen scheint eine kontemplative Haltung in bezug auf das Leben und die Welt nötig zu sein, sobald man sich auf den Tod hinbewegt." (H. Stierlin, Eltern und Kinder, 1980, S.40)

Günstig für die Entwicklung der Jugendlichen ist es demnach, wenn ihnen Erwachsene emotional zur Seite stehen, die selber stabil sind und ihnen jene äußere Stütze bieten, die ihrem Inneren noch fehlt. Weiter, wenn sie ihre Position als vorangehende Generation ernst nehmen und akzeptieren lernen, dass sie aller Voraussicht nach vor ihren Kindern sterben werden. Erwachsene helfen den Jugendlichen am ehesten damit, wenn sie zu sich selber und zu ihrem Leben stehen.

"Alles, was man seinen Kindern mitgeben kann, sind Wurzeln und Flügel" (Mark Twain)

 

Literatur

  • Peter Blos: Adoleszenz, Stuttgart 1992
  • Francoise Dolto: Von den Schwierigkeiten, erwachsen zu werden, Stuttgart 1999
  • Erik H. Erikson: Jugend und Krise, Frankfurt am Main 1972
  • Helmut Fend: Entwicklungspsychologie des Jugendalters, Opladen 2000
  • Karin Flaake, Vera King: Weibliche Adoleszenz. Zur Sozialisation junger Frauen, Frankfurt am Main 1992
  • Anna Freud: Probleme der Pubertät, in: Psyche 14, 1960, S.1-24
  • Mechthild M. Jansen, Annemarie Jockenhövel-Poth: Trennung und Bindung bei adoleszenten Mädchen aus psychoanalytischer Sicht, in: K. Flaake, V. King, Weibliche Adoleszenz, 1992, S.266 ff
  • Louise Kaplan: Abschied von der Kindheit. Eine Studie über die Adoleszenz, Stuttgart 1988
  • Moses Laufer/M. Egle Laufer: Adoleszenz und Entwicklungskrise, Stuttgart 1989
  • Eva S. Poluda: Die psychosexuelle Entwicklung der Geschlechter im Vergleich, in: Forum für Psychoanalyse Bd. 15, Juni 1999, S. 101 – 119
  • Jean-Jacques Rousseau, Emile oder über die Erziehung, Reclam Stuttgart 1980
  • Die verletzlichen Jahre, hrsg. v. Richard Riess
  • Helm Stierlin: Eltern und Kinder, Frankfurt am Main 1980
  • Ruth Waldeck: Die Frau ohne Hände. Über Sexualität und Selbständigkeit, in: K. Flaake, V. King, Weibliche Adoleszenz 1992, S. 186 ff
 

Text aus Loccumer Pelikan

3/2001