Xavier Naidoo
Bekennender Christ oder Wahnsinns-Marketingstratege?

von Volker Jörn Walpuski

 

Ein Gegen-Standpunkt zu Thomas Klies "Nicht von dieser Welt"

Prinzipiell begrüße ich es, wenn in der Jugendarbeit mit Musik, das heißt einem großen Stück Lebenswelt der Jugendlichen, gearbeitet wird. Doch zu dem Artikel von Thomas Klie möchte ich in einigen Punkten anders argumentieren.

Im Wesentlichen zielt meine Kritik auf die Person Xavier Naidoos selbst, sehe ich ihn doch ganz anders als Thomas Klie.

Lasse ich mir den Vergleich mit Franziskus noch stirnrunzelnd gefallen – Naidoo gibt wenige Interviews, lebt sehr zurückgezogen und steht der glamourösen Popszene kritisch gegenüber – frage ich mich, was ein "postmoderne[r] Herz-Jesu-DJ" sein mag.

Doch zu meinem Bild von Xavier Naidoo. Das von Xavier Naidoo oft berichtete und von Thomas Klie auch angeführte Bekehrungserlebnis gestehe ich ihm gern zu. Doch manches lässt mich an Naidoos Bekenntnis zum Christentum zweifeln. In meinen Augen bekennt er einen Glauben, dem unbedingte christliche Elemente fehlen. Dazu Beispiele aus anderen Texten seines Debütalbums "Nicht von dieser Welt" und einige theologische Reflexionen.

 

Ein Auszug aus dem Text seines Liedes "Freisein"1

"Glaubst du, dass dein Leben / Bereits geschrieben steht / Und dass irgendwo ein Weiser / Für dein Tun die Konsequenzen trägt / Glaubst du, dass von allen Leben auf der Welt eins / Wertvoller ist als deins / Wenn du das glaubst, dann wirst du nie sehen / Und verstehen was ich mein wenn ich sag´: ich will frei sein (let freedom reign 3x)2 / frei wie der Wind wenn er weht / ich will frei sein (let freedom reign 3x) / frei wie ein Stern der am Himmel steht ..."

Nein, mein Leben steht nicht bereits geschrieben. Aber ein Weiser, wenn ich ihn mal – wohl auch mit Bauchschmerzen – so nenne, namens Jesus Christus hat die Konsequenzen meines Tuns bereits vor 2000 Jahren getragen. Sein Leben war wertvoller als meins, denn er gab sein Leben für alle Menschen. Freiheit wird gerade nicht darin bestehen, dass ich für mein Tun alle Konsequenzen selbst tragen muss. Gottes Vergebung schenkt mir die Freiheit. Diese Freiheit nimmt mir die Angst, die mich unfrei macht, und ermöglicht mir, wirklich frei und damit auch verantwortungsvoll zu handeln.

 

Ein Auszug aus "20.000 Meilen"3

"1000 fette Jahre stehen uns bevor / drum zeig´ wozu wir fähig sind / mach meine Tür zu einem himmlischen Tor / durch das man goldene Gaben bringt / es geht um mein Leben / ich leg es in deine Hand / komm mir entgegen / in unserem heiligen Land / gib mir den Morgen danach / weck mich auf, wenn ich schlaf / mach uns groß wie ein Heer / 20.000 Meilen über dem Meer"

Biblische Bilder und die biblische Sprache verfehlen ihre Wirkung nie, sei es in der Werbung oder auch immer wieder in der Musik: 1000 fette Jahre, goldene Gaben, heiliges Land, ... in anderen Texten wird noch der Kelch voller Tränen erwähnt, das Heer, finsteres Tal. Unter den Bildern können wir uns etwas vorstellen oder schnell etwas mit ihnen assoziieren. Im einfachsten Fall den christlichen Glauben oder die Kirche, den Pastor und den KU. Aber Naidoos Bilder beinhalten mehr: eine Prophezeiung. Wie ein roter Faden zieht sie sich durch das Album, die Prophezeiung von der Wiederkehr Christi, die nach seiner Meinung unmittelbar bevorsteht, wie er im WDR-Interview4 bekannte. Deutlich wird dies auch im nächsten Auszug.
 

Ein Auszug aus "Gute Aussichten"5

"1000 Jahre sind ein Tag / in der Welt, aus der ich herkam, in dem Leben, wie ich’s mag / glaubt mir wenn ich sag’ dass ich mich manchmal selber frag’ / wie ich eure Art, mit mir und meinen umzugehen, ertrag’ / doch ich schätz’es is’n bisschen mehr Weitsicht und ‘n bisschen mehr Sinn / für die Blinden und die Tauben, die nicht wissen wer ich bin / denn in wenigen Tagen wird sich einiges erklären / und selbst die, die mich nicht ehren, werden sich nicht länger wehren / Ref: ich hab’ gute Aussichten durch weise Voraussichten / ihr könnt allen ausrichten, es ist die Zeit des Mannes mit / guten Aussichten durch weise Voraussichten / ihr könnt allen ausrichten, es ist soweit".


Eine Latenz, die Thomas Klie anfragt, möchte ich als beabsichtigt erklären: Xavier Naidoo singt aus Sicht des wiederkehrenden Messias. Singt er nur aus dessen Sicht oder versteht er sich sogar als dieser? Dazu passt das Christusmonogramm auf allen seinen CD-Covers, offensichtlich sein persönliches Logo.6 Dazu passt auch folgendes Zitat, das sich auf der Homepage seines Musikverlages PelhamPowerProductions (3P) fand:7 "Aber Xavier Naidoo (gesprochen wie das englische Wort ‚saviour’= der Retter’) geht es um mehr. [...] Und der eben zufällig mit einer unglaublichen Stimme gesegnet ist, und noch viel zufälliger auf den Namen ‚Erlöser’ getauft ist. "8 Etymologisch gibt es keine Verbindung zwischen "Xavier" und "Saviour", denn der Name stammt vom spanischen Heiligen Franz von Xaver9 ab. Mir scheint hier eine massive Mythologisierung stattzufinden.

Noch ein Zitat von der 3P-Homepage: "Ist Euch das, was ihr da hört, alles zuviel des Pathos? Zuviel mythologisch versponnener Christentumkram? Gar zuviel Seele für Dich? Vielleicht ist er auch wirklich einfach bloß ein Verrückter, dessen Wahnidee sich verselbständigt hat."10 Mir scheint vielmehr, dass hier mit viel Geschick ein Mythos aufgebaut werden soll. Xavier Naidoo ist ein Shooting-Star, sein erstes Album ein Bestseller. Er ist der einzige Künstler im deutschsprachigen Raum, der seinen Glauben so massiv öffentlich vertritt, nicht nur in seinen Texten. Sein Glauben gehört unbedingt zu seinem Image und ist mit Sicherheit auch ein Grund für seinen Erfolg. Denn damit füllt er die Lücke zwischen Popidol und Religion mehr als jeder andere Star: Für ihn gelten andere Maßstäbe, um ihn bildet sich ein Nimbus, er wird zum anfassbaren Bindeglied zwischen Himmel und Erde.

Xavier Naidoo wurde mittlerweile mit Auszeichnungen überschüttet, hat sein Album und die Live-CD millionenfach verkauft. Da kann das oben angeführte Zitat11 eine ganz neue Bedeutung bekommen. Denn Naidoo will sein Leben unbedingt als Milliardär beenden und hat kürzlich als weiteren Schritt dazu seine eigene Plattenfirma gegründet.12 Inwieweit dieses Lebensziel mit seinem publizierten Glauben kongruent ist, sei dahingestellt.

Was von Xavier Naidoo im Gedächtnis bleibt: Er bekennt sich zum Christentum (aber interessanterweise nicht halb so intensiv zu Christus). Er zitiert ausdrucksstarke biblische Bilder und Zusammenhänge, aber er schert sich nicht darum, ‚was Christum treibet’, hier im Sinne der Rechtfertigungslehre als hermeneutischem Schlüssel der biblischen Überlieferung. Seine Texte mögen religiöse Themen und Bilder behandeln, aber ob sie in Jesu Sinn sind, bezweifele ich. Evangelischer Theologie stehen sie jedenfalls an vielen Stellen konträr gegenüber. Und so bleibt für mich am Ende die Frage stehen, ob seine Bekenntnisse nicht einfach eine geniale Marketingstrategie, sein Image sind. Eine Strategie, die in den USA (wo Naidoo vor seinem hiesigen Erfolg kurze Zeit gelebt und gearbeitet hat) durchaus bekannt ist. Denn dort werden christliche Kreise immer wieder mit Bekenntnissen religiöser Pop- und RockmusikerInnen13 versorgt. Und da diese Kreise nicht klein sind, bedeutet ein Erfolg bei ihnen meist auch einen großen Erfolg im ganzen Land. Zwar bleibt die Frage bestehen, ob die MusikerInnen ihre Texte ernst meinen. Aber warum sollte man mit wahren oder vorgegebenen Bekenntnissen nicht ein paar schnelle Mark verdienen? Und es stellt sich im Zusammenhang Xavier Naidoos die Frage, von wem die Texte wirklich sind. Wenn Naidoo seinen Glauben zur Sprache bringen will, warum liegen dann die Textrechte überwiegend bei Moses Pelham und Martin Haas?14

Xavier Naidoo bleibt von daher in seinen Intentionen, seinem Selbstverständnis, mit seinem Gottesbild für mich fragwürdig und auf jeden Fall kritisch zu betrachten. Gerade deshalb ist jedoch eine Auseinandersetzung mit ihm und seiner Musik sowohl in RU als auch KU fruchtbar. Ich kann mir gut vorstellen, den von ihm angeführten biblischen Bildern mit einer Konkordanz auf die Spur zu kommen. Eine Diskussion über Gottesbilder zu beginnen. Oder der Frage nachzugehen, welche Gefühle seine Musik und seine Texte bei einzelnen auslösen.

Abschließend ein kleiner Exkurs zu Thomas Klies praktischem Vorschlag, die KonfirmandInnen einen eigenen Rap-Song aus einem Psalm schreiben zu lassen:

Zunächst ist zu bemerken, dass Xavier Naidoo Pop singt, weder HipHop noch Rap, auch wenn er als erster deutschsprachiger Soulsänger gehandelt wird. In der Varietät der Popularmusik fällt es schwer, klar zwischen einzelnen Stilen zu trennen, da viele Stile Elemente aus anderen aufnehmen. Wenn Naidoo also Pop singt, heißt das nicht, dass seine Musik nicht Elemente aus Soul oder Rap enthält.15 Insbesondere für den von Thomas Klie angeführten Titel mag das gelten (er liegt mir nicht vor).

Der Definition des Dudens, dass Rap auf einem rhythmischen Sprechgesang basiert, kann ich mich anschließen. Nicht jedoch dem Gedanken von Thomas Klie, dass es "eine unkompliziert und relativ schnell auch von Laien zu produzierende Gebrauchslyrik" sei. Rap ist eine Musikform, die ein sehr hohes Rhythmusgefühl verlangt. Rap ist oft Spontaneität16 und insbesondere die Fähigkeit, kreativ mit Sprache umzugehen, denn der Witz, von dem Rap lebt, ist, dass sich der Satzsinn über das Zeilenende hinaus bewegt. Ein sehr deutliches Beispiel von TicTacToe:

"...Du sitzt die ganze Nacht mit deiner Fernbedienung vor der Glotze

du zappst durch die Programme auf der Suche nach ner

nackten Frau, oh wow, du träumst von einem Dreier

dabei packst du dir erst mal locker lässig an die

Sachen die dir Freude machen da lässt du dich nicht lange bitten

in deinem Kopf hast du ein Bild von riesengroßen

braunen Augen die du so liebst..."17


In diesem wenig religiösen Text wird an der Sprache auch die Herkunft des Rap deutlich: Es ist die Gosse. Jede und jeder, der schon einmal versucht hat, gängige HipHop-Stücke selbst zu singen, weiß, wie schwer das ist. Ich finde es also erschreckend praxisfern, wenn Thomas Klie für den KU zu rappen vorschlägt, und dabei zudem außer acht lässt, dass insbesondere Sologesang wie der Rap der Altersstufe schwer fällt. Im übrigen stehen nur selten "abgebrochen[e] Melodiephrasen"18 zur Verfügung, die Rap gerade Einsteigern sehr erleichtern. Wer also mit KonfirmandInnen Rappen will, sollte sich diesbezüglich fähige Menschen von außen dazuholen.

 

Anmerkungen

  1. Veröffentlicht auf Xavier Naidoo, Nicht von dieser Welt, und Sabrina Setlur, Die neue S-Klasse, bei 3P-Music. Musik/Text: Moses Pelham, Martin Haas / Sabrina Setlur
  2. Laut Auskunft von Markus Onyuru aus dem Hause 3p ein Sample aus einer Rede Martin Luther Kings.
  3. Veröffentlicht auf Xavier Naidoo, Nicht von dieser Welt, Musik und Text: Pelham, Haas / Naidoo, auf der CD ist auch das Video dieses Titels
  4. Talkshow "Zimmer frei", gesendet vom WDR Ende 1998
  5. Veröffentlicht auf Xavier Naidoo, Nicht von dieser Welt, Musik und Text: Pelham, Haas / Pelham
  6. CD-Alben: Live, Nicht von dieser Welt. Singleauskoppelungen aus dem Album: Bis an die Sterne, Eigentlich gut, Sie sieht mich nicht, Führ mich ans Licht, Nicht von dieser Welt, 20.000 Meilen.
  7. www.3-p.de. Mittlerweile (20.03.00) ist der Text dort verändert, es findet sich nur eine Erfolgschronologie.
  8. Thomas Klie sieht hierin eine vielleicht gewagte Interpretation im Sinne postmoderner Mehrfachcodierungen. Doch die Wortwahl der Homepage ist eindeutiger: "gesegnet, Erlöser, getauft". Damit wird Naidoo eindeutig in einen christlichen oder gar messianischen Kontext gerückt.
  9. Xaver, Xavier: Herkunft spanisch, ohne Bedeutung. Der Name war ursprünglich ein Doppelname, der vom hl. Franz Xaver (16. Jh.) stammt. Seinen Beinamen Xaver erhielt er nach seinem Geburtsort, dem Schloss Xavier (heute: Javier) in Navarra (Spanien). Er gehört zu den Gründern des Jesuitenordens und wirkte als Apostel in Indien und Japan. Javier ist heute ein gebräuchlicher Name in spanischsprachigen Ländern.
  10. Siehe Fußnote 6
  11. "mach meine Tür zu einem himmlischen Tor / durch das man goldene Gaben bringt / es geht um mein Leben", op. cit. [3]
  12. Vergleiche Buss, Christian, "Fromm, reich, hip", in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt Nr. 39, Seite 40
  13. Nicht allzu altes aber deutliches Beispiel, hier ganz unkritisch und ohne Frage nach dem Motiv: Joan Osborne "One of us", veröffentlicht 1996
  14. Moses Pelham ist Gründer und Eigentümer des schnell wachsenden Plattenlabels 3p (PelhamPowerProductions), das unter anderem auch Sabrina Setlur ("Die neue S-Klasse", "Aus der Sicht und mit den Worten von...") verlegt. 3p versteht sich als große Familie mit einem hohen Zusammengehörigkeitsgefühl. Aus diesem Grunde hatte Xavier Naidoo mit dem Titel "Freisein" ein Debut auf der Setlur-CD (siehe Fußnote 1). Auffällig ist, dass auch die Texte von Sabrina Setlur oftmals zweideutig sind.
  15. Unter dem ‚Dach’ der Popmusik finden sich Soul, Rap und HipHop. Der Soul ist ursprünglich eine Musikbewegung der schwarzen Amerikaner, die sich gegen die Verschärfung der US-amerikanischen Rassenproblematik richtete. Nachdem der Soul geglättet und kommerzialisiert wurde, entwickelte sich daraus die HipHop-Kultur mit dem Rap als (Solo/Duett-)Sprechgesang. Sie entstand in sozialschwachen Unterschichtvierteln der amerikanischen Großstädte und wurde zur kreativen Ausdrucksform für Rassen-, Banden-, Gewalt- und Armutserlebnisse. Demnach sind sowohl Soul als auch Rap/HipHop durch das soziale Umfeld stark beeinflusste und ein Lebensgefühl zum Ausdruck bringende Musikstile. Sie sind im Gegensatz zum Rock’n Roll nicht für den Massenkonsum konzipiert, sondern erhielten sich die Möglichkeit, spontan und vor kleinem Publikum gesungen zu werden. (Vgl. dazu Ziegenrücker, Wieland/Wicke, Peter, Sachlexikon Popularmusik, Mainz 21989 oder Rumpf, Wolfgang, Stairway to Heaven. Kleine Geschichte der Popmusik von Rock’n Roll bis Techno, München 1993)
  16. Es gibt im Rap die Disziplin "Freestyle". Der Rappende muss darin in einer bestimmten Zeit spontan einen Text rappen. Text, der sich reimt und zugleich einen Inhalt hat. Xavier Naidoo zeigte sein Können in dieser Disziplin in der Talkshow "Zimmer frei" (gesendet vom WDR Ende 1998).
  17. Furz, veröffentlicht auf TicTacToe, Klappe die 2te, BMG Ariola Hamburg GmbH 1997, Text: TicTacToe, C.A. Wohlfromm und T. Börger
  18. Der Duden, zitiert nach Thomas Klie
 

Text aus Loccumer Pelikan

2/2000