Zwischen Abraham und Zachäus

von Kathrin Stoebe
 

 

 

Wie gewinnt man Schülerinnen und Schüler für dieses Vorhaben?

"Nächstes Jahr findet der 30. Evangelische Kirchentag in Hannover statt. Und stellt euch vor, es gibt Kinder, die wissen gar nichts über Abraham und Jesus, über Taufe, die Arche Noah oder Petrus Vielleicht wissen sie noch nicht einmal, warum wir Weihnachten feiern!! Wir wollen für sie ein Lexikon verfassen. Zu jedem Buchstaben des Alphabets einigen wir uns in der Klasse auf einen Begriff und erklären, malen und gestalten diesen Begriff auf zwei Seiten. Das Lexikon soll informativ, interessant und schön sein. Wir machen ein ABC des Glaubens und können es als Vorbereitung für den Kirchentag ausstellen!"

Nach so einer Vorrede ist das erste Empfinden der Schüler oft: Wir bekommen nichts vorgesetzt, was andere schon gedacht haben, wir sollen und dürfen hier etwas selbst machen, was es noch gar nicht gibt und das motiviert. Für das Erstellen eines Bibellexikons braucht es Hand, Herz und Kopf. Im Schuljahr lässt sich das Vorhaben am besten im 2. Halbjahr der 6. Klasse platzieren, denn die spannenden Themen im Lehrbuch sind nach eineinhalb Jahren schon ein wenig gelichtet. 

Das ist der Plan

Wir erstellen ein Bibellexikon

Vorarbeiten:

  1. Besorge dir zwei karierte Hefte (DIN A 5)
  2. Teile für jeden Begriff eine Doppelseite ein
  3. Wir einigen uns gemeinsam auf 26 Begriffe von A bis Z
  4. Hausaufgabe für die Lehrerin / den Lehrer: Geeignete Bibelstellen für jeden Begriff finden

    Ausführung:
     
  5. Begriff oben links als Überschrift aufschreiben
  6. Bibelstelle aus dem AT oder NT darunter setzen
  7. Kleiner Kommentar (z.B. "Verstehst du, was du da liest?" Apg. 8,30 Was passiert? Wer sagt was, zu wem? Warum? Was meinst du dazu? Liedvers, eigene Idee …)
  8. Gestalte die Seite so, dass sie dir gefällt!

  

Wie kommt man dahin? 

Sich auf Begriffe einigen

Zum ersten Mal wird es spannend, wenn man sich zu den Buchstaben des Alphabets auf Begriffe einigen soll, denn diese werden heiß diskutiert. Zu A gibt es Adam, Abraham, Abendmahl. Was nimmt man? Nach welchen Kriterien wählt man aus? Die Antwort lautet: Lassen Sie die Schüler selbst Kriterien entwickeln, und Sie sind schon mitten im Thema: Ist Adam wichtiger zu wissen als Abendmahl? Muss man das, was Jesus gemacht hat, nicht eher wissen als irgendetwas von Adam? Aber ohne Adam hätte es Jesus gar nicht gegeben! Und wie ist das mit Abraham, ist das nicht der Stammvater des Glaubens? Der ist wirklich am wichtigsten! Da gibt es doch die Geschichte mit den Sternen, die könnte man schön malen, auch ein Kriterium. Tja – wie entscheiden?

Bei G ist das einfacher. Da traut sich keiner gegen G wie Gott zu votieren. Vielleicht kommt höchstens noch Glaube dagegen an. Aber ohne Gott brauchen wir nicht von Glauben zu reden. Also: 1 : 0 für Gott.
Interessant war auch die Entwicklung bei "heilig" – ein schönes Stichwort. Aber als wir dann bei dem Buchstaben waren, stellte sich heraus, dass sich niemand wirklich etwas darunter vorstellen konnte; der Begriff fiel nachträglich wieder durch. Auch das ist ein bedenkenswertes Ergebnis. Wer oder was ist heute heilig? Ausschlafen am Wochenende oder in Ruhe shoppen gehen – das ist auch 6. Klässlern für ein Bibellexikon zu platt. Hier kann man sich an einer viel gesuchten Kompetenz erfreuen: SchülerInnen bringen sehr wohl religiöses Empfinden mit!

Bei dem Unternehmen Bibellexikon ist einmal mehr der Weg das Ziel. Das Finden von Begriffen hat einen Prozesscharakter, der eine große Wachheit mobilisiert. Es gibt wirklich Kämpfe, wenn die Schüler einmal angebissen haben, denn es geht um etwas: Sie wollen ihre Begriffe durchbekommen. Ein Bibellexikon ohne F wie Fisch ist undenkbar! Zugegeben: Man muss ein wenig lenken, um möglichst Stichworte zu finden, die in der Bibel vorkommen. Es handelt sich schließlich um ein Bibellexikon, also gibt es durchaus Ausschlusskriterien – und Martin Luther steht da leider nicht darin.
Ein Tipp: Sich erst einmal das halbe Alphabet vornehmen und mit der Gestaltung beginnen.

 

Bibelstellen finden

Nehmen wir einmal an, Sie haben sich mit der Klasse auf das ganze oder halbe Alphabet geeinigt; nun kommt wirklich die Hausaufgabe für die Lehrerin/den Lehrer. Mit Hilfe einer Konkordanz sucht man sich geeignete Textstellen heraus. (vgl. Liste "Ein Vorschlag") Diese bedeuten eine gewisse Richtschnur und auch Vertiefung zu dem, was die SchülerInnen von vorangegangenem Unterricht schon wissen (erste Anfänge theologischer Sachkompetenz). Die Bibelstellen dürfen möglichst nicht zu lang sein (höchstens 2 bis 3 Verse). Im Unterricht schlagen wir dann gemeinsam die entsprechenden Bibelstellen auf, und die Schüler schreiben sie sauber in ihr Bibellexikon ab. Dabei lässt sich die Erfahrung machen, dass die Kinder sich gern kreuz und quer durch die Bibel schicken lassen. Es ist ein kleines Nebenprodukt dieser Aktion: erstes Zurechtfinden in der Bibel und Aufschlagen üben.

 

Kommentar schreiben

Bevor das Verfassen der Kommentare beginnt, kann man den Schülern die Geschichte von Philippus und dem Kämmerer aus dem Morgenland (Apg. 8, 26 - 40) erzählen, denn die SchülerInnen treten mit dem Bibellexikon in die Rolle des Philippus! Drei Aspekte sind besonders hervorzuheben: Es war immerhin ein Engel des Herrn, der Philippus zu diesem Unwissenden führte (V. 26); des Weiteren lässt sich die Frage des Kämmerers schön entfalten: "Ich bitte dich, von wem redet der?" (V.34) Und zum Dritten lohnt sich doch das Ergebnis: Er zog seine Straße fröhlich (V. 39).

Im Unterricht sprechen wir natürlich über die Bibelstellen, die den jeweiligen Buchstaben des Alphabets zugeordnet wurden, und das ist die Vorbereitung für den kleinen Kommentar. Hier sollte man einerseits die Erwartungen nicht zu hoch schrauben, andererseits sich auch überraschen lassen. Der Weltzugang von Kindern in diesem Alter bezieht sich nach Fowlers "Stufen des Glaubens" primär auf das Konkrete und Anschauliche. Von daher kommt man ihnen mit narrativen oder anschaulichen Texten (bzw. Versen) angemessen entgegen. Es gibt aber auch Kinder, die schon Interesse an den inneren Erfahrungen und Gefühlen von Menschen haben; z. B. der ungläubige Thomas wird verstanden oder Petrus, der weint, als er seinen Verrat spürt. Natürlich weisen die Kommentare ein ganz unterschiedliches Niveau auf: Manch einer wiederholt die Geschichte schlicht mit eigenen Worten, eine andere greift das auf, was im Unterricht besprochen wurde, wieder andere holen sich etwas aus Encarta und manch einer schreibt seine eigene Meinung zum Thema auf. Z.B. "Abraham hat großes Vertrauen zu Gott. Er gibt alles auf, weil Gott es so will. Das finde ich ganz schön mutig, schließlich hätte es auch anders enden können." Oder: "Engel verkünden meistens gute Botschaften. Die Menschen denken, Engel sind immer blond und schön, dabei kann jeder ein Engel für andere Menschen sein."

Das Verfassen der Kommentare eignet sich gut als Hausaufgabe, die in der nächsten Stunde vorgestellt werden sollte.

 

Gestaltung

Die Gestaltung ist in dieser Klassenstufe häufig ein Selbstläufer. Zuweilen kann man den Schülern eine Hilfestellung an die Hand geben (z. B. bei "I = Israel" eine Karte von Israel), aber das Illustrieren von Mappen kennen sie aus Welt und Umweltkunde oder aus Deutsch, wenn Gedichte oder Geschichten verziert werden sollen (z. B. beim Lesetagebuch). Wenn jemand dazu keine Lust hat, ermuntern Sie die Schüler, sich Bilder aus dem Internet auszudrucken (z.B.: http://suche.web.de/search/pichp oder http://www.bilder.de). Auch eine thematisch passende Kopie aus dem Religionsbuch erfüllt ihren Zweck.

 

Der Zeitrahmen

Wenn man gut durchkommt, schafft man in einer Schulstunde einen Buchstaben. Das bedeutet, das Unternehmen dauert 13 Wochen! Da ist eine lange Zeit, um einen Spannungsbogen zu halten. So ist es sinnvoll, das Vorhaben "Bibellexikon" vor und nach die Osterferien zu legen, denn man kann die Zäsur durch die Ferien nutzen. Inhaltlich wird ein so großer Bogen abgeschritten, dass man kein schlechtes Gewissen bekommen muss, die Themen des Lehrbuches nicht abgearbeitet zu haben.

 

Fazit

Das Ziel des Bibellexikons ist, die Welt des Glaubens als geordnete Vielfalt in den Blick zu bekommen. Damit knüpft man an eine entwicklungspsychologische Sicht dieses Alters von Schülern an. Untersuchungen zur Weltbildentwicklung von 10 bis 12-Jährigen lassen sich m. E. so fokussieren, dass die Kinder mit einer ersten umfassenden Ordnung der Welt beschäftigt sind, wobei diese Welt für sie weithin eine sinnlich erfahrbare Wirklichkeit darstellt. Deshalb stellen wir etwas Konkretes her. Man kann sagen, dass das Erfassen, Ordnen und Gestalten von Wirklichkeit zu den grundlegenden Entwicklungsaufgaben in dieser Alterstufe gehört. Es ist nicht vermessen, das Bibellexikon genau in diesen Horizont zu stellen. Schließlich geht es darum, Ordnung in die Vielfalt von theologischen Inhalten zu bekommen und, dies elementarisiert in einer kreativen und damit konkreten Art und Weise. Zudem verschafft es ungeheure Befriedigung, ein Bibellexikon mit 26 Buchstaben tatsächlich fertig zu stellen. Das ist Religionsunterricht mit vorzeigbarem Ergebnis! An unserer Schule wurden alle Bibellexika beim Tag der offenen Tür ausgestellt.

 

Literatur

  • James W. Fowler: Stufen des Glaubens. Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach Sinn, Gütersloh 1991
  • Friedrich Schweitzer: Die Suche nach eigenem Glauben. Einführung in die Religionspädagogik des Jugendalters, Gütersloh 1996
  • Friedrich Schweitzer/ Karl Ernst Nipkow u.a.: Religionsunterricht und Entwicklungspsychologie. Elementarisierung in der Praxis, Gütersloh 1995
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2004

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