Portfolio im Religionsunterricht
Eine Möglichkeit nachhaltigen Lernens

von Uta Pohl-Patalong

 

Auf der Suche nach bibeldidaktischen Zugängen

In der religionspädagogischen Theorie und Praxis gibt es ein zunehmendes Interesse an der Bibel. Bibeldidaktische Veranstaltungen haben in der ersten und zweiten Ausbildungsphase und teilweise auch in der religionspädagogischen Fortbildung großen Zulauf. Dabei ist (angehenden) Lehrkräften durchgehend bewusst, dass die Bibel religionsdidaktisch keinesfalls in Konkurrenz zu den lernenden Subjekten, also den Schülerinnen und Schülern mit ihren Themen und Fragen, steht. Gesucht sind Zugänge, die es den Kindern und Jugendlichen ermöglichen, die biblischen Texte als interessant und relevant für ihr persönliches Leben zu entdecken und zu erfahren. Sie sollen neugierig werden auf die “alten Texte” und sie als aktuell für die Gegenwart und ihre Lebenssituation erfahren. Bibeltext und Lebens-“text” (im Sinne der ursprünglichen Bedeutung von “tex­tum” – “Gewebe”) sollen sich begegnen, berühren, durchdringen – und im Idealfall sich gegenseitig auslegen. Klar ist auch, dass die Bibel den Schülerinnen und Schülern didaktisch nicht “aufgepfropft” werden darf, sondern sie sich als Subjekte ernst genommen fühlen müssen. Zudem sollen die Zugänge Spaß machen, und zwar möglichst in allen Altersstufen.

Insofern ist es nicht erstaunlich, dass nach einer Phase, in der der historische Abstand zu den biblischen Texten und ihre Fremdheit zur heutigen Lebenswelt besonders betont wurden, heute wieder stärker nach direkter Begegnung, nach Berührung, nach unmittelbarem Angesprochenwerden von den Texten gefragt wird. Unterschiedliche kreative Zugänge und Methoden dazu sind in den letzten Jahrzehnten entwickelt worden. Nicht alle eignen sich jedoch für den schulischen Kontext mit seinen besonderen Bedingungen. Bibeldidaktische Zugänge für die Schule müssen zeitlich gut begrenzbar und auch in Lerngruppen mit Spannungen untereinander durchführbar sein, sie müssen hinreichend Distanzierungsmöglichkeiten enthalten und sollten sich einer Ertragssicherung nicht völlig versperren.

Ein Zugang zu biblischen Texten, der die inhaltlichen und strukturellen Kriterien erfüllt, ist der Bibliolog. Bibliolog ist eine in Europa noch recht junge Form, mit einer Gruppe, Gemeinde oder auch Schulklasse einen biblischen Text gemeinsam zu entdecken und so auszulegen, dass seine Bedeutung für das eigene Leben unmittelbar erlebbar wird. Entwickelt wurde der Bibliolog von Peter Pitzele, einem nordamerikanischen Juden, auf der Grundlage seiner literaturwissenschaftlichen und psychodramatischen Kenntnisse. Peter Pitzele versteht den Bibliolog vor seinem jüdischen Hintergrund als modernen “Midrasch” – der jüdische Weg, biblische Texte dadurch auszulegen, dass man sich für die Fragen interessiert, die der Text aufwirft, aber nicht beantwortet. Wie die Rabbiner der Antike nennt Peter Pitzele dies das “weiße Feuer”, das zwischen dem “schwarzen Feuer” der Buchstaben lodert. Wenn man das “weiße Feuer”, die Zwischenräume zwischen den Buchstaben des Textes, schürt, dann eröffnet dies die Möglichkeit, seine eigenen Lebenserfahrungen mit den biblischen Texten zu verbinden und dadurch dem Text auf neue Weise nahe zu kommen. Man verlässt dabei die distanzierte Position des Gegenübers zum Text und tritt sozusagen selbst in die Geschichte ein. So kann unmittelbar deutlich werden, was die Bibel mit dem eigenen Leben zu tun hat. Gleichzeitig ermöglicht die Rollenidentifikation jederzeit Distanz – denn es ist ja die biblische Gestalt, die sich äußert, nicht die eigene Person. Dies macht es in der Regel auch Schülerinnen und Schülern mit anderen Religionszugehörigkeiten leichter teilzunehmen. Das Ziel des Bibliologs verbleibt zudem im Bereich der Texterkenntnis. Dass die jeweilige Füllung der Rollen auch etwas mit der Lebensgeschichte der Beteiligten zu tun hat, spüren diese in der Regel selbst, sind aber nicht genötigt, es zu thematisieren.

 

Bibliolog konkret

Konkret sieht dies so aus: Die Leitung führt nach einer kurzen Erläuterung der “Spielregeln” in eine biblische Ge­schichte hinein. Sie erzählt die Situation, möglicherweise den Zusammenhang der Geschichte und regt die Fantasie der Teilnehmenden an, so dass sie sich gut in die Szene hineinversetzen können. Sind historische oder sozialgeschichtliche Informationen nötig, um die Geschichte zu verstehen oder um Irritationen zu vermeiden, können diese dabei vermittelt werden. Sie liest dann einen oder mehrere Verse aus der Bibel. Dann weist sie den Schülerinnen und Schülern die Rolle einer biblischen Gestalt zu und spricht sie in dieser an.

Wer möchte, äußert sich dazu (nacheinander) in dieser Rolle, also in der Ich-Form. Die Anwesenden identifizieren sich mit der biblischen Gestalt, erkunden sie sozusagen “von innen”. Gleichzeitig füllen sie die Rolle und ihr Verständnis dieser biblischen Person aber mit ihren persönlichen Erfahrungen und Zugängen.

Die Äußerungen werden von der Leitung sprachlich aufgenommen und verstärkt. Mit dieser Technik des “echoing” werden eher leise Aussagen für alle hörbar, und nur angedeutete emotionale Gehalte werden hervorgehoben. Damit wird einerseits jede Äußerung als wertvolle subjektive Aussage gewürdigt. Andererseits bekommen diejenigen, die sich äußern, die Chance, sich selbst noch ein wenig besser zu verstehen und noch tiefer in die Rolle hineinzukommen. Dieses echoing verlangt von der Leitung neben der Fähigkeit zur Empathie und einem guten Kontakt zu den Einzelnen ein hohes Maß an Übung, denn Missverstehen und Fehlinterpretationen entmutigen und verkehren die Chance des Bibliologs in ihr Gegenteil. Wichtig ist zudem, dass von der Leitung die Rolle nicht “besser” ausgefüllt wird, sondern die Identifikation der jeweiligen Person das Entscheidende bleibt. Dies ist – im pädagogischen Kontext besonders wichtig – der entscheidende Unterschied zum “Lehrerecho”, das zu recht deshalb verpönt ist, weil es die Aussagen der Schülerinnen und Schüler abwertet. Den Unterschied zu einer wertschätzenden, die eigene Aussage in ihrer Kostbarkeit und Einzigartigkeit deutlich machenden Haltung spüren Kinder und Jugendliche in aller Regel sehr genau. Entscheidend ist, dass die Lehrkraft im Bibliolog tatsächlich Distanz gewinnt zu den Kategorien “richtig” und “falsch” und es ihr gelingt, jede Aussage als eine mögliche wertvolle Entdeckung des Textes zu verstehen und zu würdigen. Selbst vordergründig als “provokativ” erscheinende Aussagen enthalten eigentlich immer einen inhaltlich interessanten Kern, der sich als Aussage der biblischen Rolle deutlich machen lässt. Auch dafür besitzt das echoing eine wichtige Funktion.

Wenn Inhalte nur angedeutet werden, kann als “interviewing” auch nachgefragt werden. Die Leitung muss dabei jedoch in der Linie der Teilnehmenden bleiben, es ist nicht ihre Aufgabe, einen Aspekt hervorzulocken, der sie selbst interessiert oder den sie bislang zu wenig beachtet findet.

Nach einigen Äußerungen lenkt die Leitung zum Text zurück. Ein nächster Satz oder Abschnitt wird gelesen. Erneut wird an einer Stelle inne gehalten, wo Fragen an den Text offen bleiben. Die Klasse bekommt erneut eine Rolle zugewiesen, die entweder eine andere Person oder auch die gleiche Person in einer späteren Situation sein kann. Erneut äußern sich Schülerinnen und Schüler.

Wichtig dabei ist nur, dass der Bibliolog im Rahmen des Textes verbleibt. Es können nur Fragen gestellt werden, die im Text auch tatsächlich offen bleiben – wird anschließend erzählt, was die Person tut, kann also nicht danach gefragt werden.

Nach einigen Szenen wird der Bibliolog abgeschlossen. Die Leitung entlässt die Gemeinde aus den Rollen und führt in die Gegenwart zurück. Die unterschiedlichen Aussagen und damit auch die unterschiedlichen Zugänge zum biblischen Text bleiben nebeneinander stehen und werden nicht in eine einheitliche Botschaft aufgelöst.

 

Praxisbeispiel: Ein Bibliolog zu den Hebammen Schifra und Pua (Exodus 1,15-21)1

Die vierte Klasse einer Hamburger Grundschule, in der ich Religion unterrichte, beschäftigt sich mit der Mose-Überlieferung. Wie beim Hamburger Modell des “Religionsunterrichts für alle unter evangelischer Verantwortung” üblich, nehmen alle Kinder der Klasse am Religionsunterricht teil, egal ob sie einer, und wenn ja, welcher Konfession und Religion angehören.

Wir hatten die Einheit begonnen mit den Erfahrungen der Israeliten als Sklavinnen und Sklaven in Ägypten und von Sklaverei allgemein. Wir hatten über die Ungeheuerlichkeit, dass Menschen andere Menschen für ihren Besitz halten, gesprochen und über die Rolle des Pharaos im alten Ägypten, der sich als Gott verstand. Dies beschäftigte die Kinder – gleich welcher Religionszugehörigkeit – sehr, und sie formulierten deutlich: Kein Mensch darf von sich behaupten, Gott oder wie Gott zu sein!

In der dritten Stunde der Einheit möchte ich die Schülerinnen und Schüler nun mit der biblischen Erzählung von dem Befehl des Pharaos an die Hebammen Schifra und Pua, die männlichen Neugeborenen zu töten, bekannt machen (Exodus 1,15-21). Dies ist nicht nur ein wichtiger Baustein für die Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten, sondern thematisiert auch den Umgang mit Befehlen einer menschenverachtenden Autorität und stellt nicht zuletzt zwei der – im Religionsunterricht immer noch vernachlässigten – biblischen Frauengestalten in den Mittelpunkt. Ich möchte dies mit einem Bibliolog tun, der sich nicht nur für die Geschichte gut eignet, sondern in besonderer Weise die Chance zur Identifikation und zur Auseinandersetzung mit eigenen Einstellungen eröffnet. Methodisch hat die Klasse schon einige Erfahrungen mit bibliologischen Zugängen zu biblischen Texten gemacht, beispielsweise zur Weihnachtsgeschichte. Die “Spielregeln” sind ihr bekannt, ich erinnere aber noch einmal daran.

Dann führe ich in die Geschichte von den beiden Hebammen Schifra und Pua ein (die Namen lösen Nachfragen und Gekicher aus, ich schreibe sie an die Tafel). Ich erzähle, was Hebammen taten und tun und erinnere an die Situation der Israeliten in Ägypten. Dann lese ich aus der Gütersloher Erzählbibel vor (Redeanteile der Lehrerin inklusive Echoing im Folgenden kursiv):2

Da rief Pharao, der König Ägyptens, die Hebammen Schifra und Pua zu sich und befahl ihnen: “Wenn ihr einer Hebräerin bei der Geburt helft, dann passt genau auf, ob ein Junge oder ein Mädchen geboren wird: Die Jungen tötet, die Mädchen lasst leben!”

Ihr seid jetzt eine der beiden Hebammen, Schifra oder Pua. Schifra, Pua, der mächtige Pharao befiehlt dir: Du sollst die Babys, denen du auf die Welt hilfst, töten, wenn es Jungen sind. Schifra, Pua, was meinst du dazu? Wie reagierst du?

Spontan sind einige Finger oben.

  • Ich mach’ das nicht. Ich helfe doch Babys, dass sie leben, und mach’ sie nicht tot!

Das bringe ich nicht fertig. Mein Job ist, dass Babys leben und nicht sterben!

  • Der Pharao hat ja wohl einen Knall! Das kann der doch nicht machen!

Das ist ein furchtbarer Befehl, und der König ist kein normaler Mensch mehr, wenn er das befiehlt.

  • Genau, was bildet der sich eigentlich ein.

Was denkt der eigentlich, wer er ist, so etwas zu befehlen.

  • Der denkt, er ist Gott, und das ist er nicht, und das darf er auch gar nicht denken.

Pharao macht sich selbst zum Gott, wenn er über Leben und Tod entscheiden will, und das darf kein Mensch!

  • Aber was soll ich denn machen? Wenn ich das nicht mache, bringt der Pharao vielleicht mich um.

Ich habe Angst, was das für mich heißt, wenn ich das nicht tue. Wenn ich die Babys nicht töte, werde ich vielleicht selbst getötet.

  • Der Pharao ist dann bestimmt furchtbar sauer, wenn wir das nicht machen.

Ich fühle mich ganz schön klein und hilflos und fürchte mich vor dem Zorn des mächtigen Königs.

  • Ich glaub’ nicht, dass der Pharao mich umbringt! Gott will bestimmt nicht, dass ich die Babys umbringe, und dann beschützt er mich auch vor dem Pharao.

Ich bin sicher, dass Gott will, dass Kinder leben. Und dann beschützt er mich auch, wenn ich mich dem Pharao widersetze und tue, was Gott will.

 

Hören wir, wie die Geschichte weitergeht. Die Bibel erzählt: Schifra und Pua aber taten nicht, was Pharao ihnen befohlen hatte, denn sie kannten GOTT. Als Pharao merkte, dass sie sich seinem Befehl widersetzten, stellte er sie zur Rede.

Ihr seid nun der Pharao. Pharao, du hast gemerkt, dass die beiden Hebammen nicht tun, was du gesagt hast, und hast ihnen nun befohlen, zu dir zu kommen. Pharao, was denkst du über die beiden Hebammen, während du darauf wartest, dass sie zu dir kommen?

  • Die spinnen wohl! Ich bin doch der Pharao, und die müssen tun, was ich sage!

Die missachten einfach meine Macht und tun so, als wäre ich gar nicht so mächtig! Das kränkt mich!

  • Unverschämte Frauen! Vielleicht sollte ich die selbst töten lassen!

Diese beiden Frauen machen mich wütend! Die sollen spüren, was es heißt, sich mir zu widersetzen.

  • Genau, Kopf ab!

Ich werde sie töten lassen, dann habe ich das letzte Wort!

  • Warum machen die das denn nicht. Die müssen doch Angst haben vor mir…?

Ich frage mich schon, woher die den Mut nehmen, einfach nicht zu tun, was ich sage.

  • Was die wohl gleich sagen?

Ich bin auch etwas neugierig, was sie als Entschuldigung vorbringen – muss schon eine gute sein.

 

Die Bibel erzählt, was die Hebammen vorbringen:

Da erzählten sie ihm: “Wir können gar nichts tun: Die hebräischen Frauen sind stark und bringen ihre Kinder ohne unsere Hilfe zur Welt.”

Du bist noch einmal eine der Hebammen. Schifra, Pua, du behauptest dem Pharao gegenüber, dass ihr gar nichts dafür könnt, dass ihr die Babys nicht tötet, weil ihr immer zu spät kommt. Wie ist das für dich, das zum König zu sagen?

  • Ist doch ’ne gute Idee, wir können eben nix dafür.

Super Ausrede, mit der habe ich mich gut rausgewunden.

  • Bestimmt glaubt uns das der Pharao nicht und ist trotzdem sauer.

Ich fürchte, der Pharao durchschaut uns, dass wir die Babys gar nicht töten wollen, und ich habe Angst vor seinem Zorn.

  • Diese frechen Hebammen, das stimmt doch gar nicht!

Da meldet sich der Pharao noch einmal zu Wort. Ich, Pharao, bin empört über diese beiden Frauen, trauen die sich einfach, mir, dem mächtigsten Mann der Welt, so eine billige Ausrede ins Gesicht zu sagen! Die haben ja überhaupt keine Angst vor mir!

  • Die mach’ ich tot!

Ich werde mich an denen rächen, damit sie merken, wer stärker ist!

  • Pharao, du kannst uns gar nichts!

Ich fühle mich stark und mutig und trete dir entgegen, Pharao!

  • Und außerdem: Gott hilft uns bestimmt.

Unser Gott ist mächtiger als du, und er ist auf unserer Seite.

Die Bibel sagt dazu: So leisteten die beiden Hebammen dem mächtigen Pharao Widerstand und verwirklichten Gottes Versprechen. Das Volk Israel wuchs weiter. Gott rechnete Schifra und Pua ihren Mut hoch an und verschaffte ihnen Ansehen über viele Generationen hinweg.

Vielen Dank, Schifra, Pua und Pharao, dass ihr hier wart und uns erzählt habt, wie das damals für euch war. Vielen Dank, liebe 4b, dafür, dass ihr den Menschen aus der Bibel eure Stimmen geliehen habt. Ihr seid nun nicht mehr Schifra, Pua und Pharao, sondern wieder ihr selbst. Und als ihr selbst hört ihr jetzt noch einmal die ganze Geschichte …

(Ich lese die Geschichte noch einmal)

 

Mehrdeutigkeit entdecken und Wertschätzung erfahren

Der Bibliolog geht davon aus, dass biblische Texte immer mehrdeutig sind: Es gibt nicht die eine feststehende Botschaft eines Textes, die wir erkennen müssten, um den Text “richtig” zu erfassen, sondern jeder Text hat unterschiedliche und prinzipiell nicht abschließbare Deutungsmöglichkeiten. Diese Mehrdeutigkeit bringt der Bibliolog zur Sprache und fördert sie: Schülerinnen und Schüler erfahren im Bibliolog, dass ihnen Kompetenz im Umgang mit der Bibel zugetraut wird und ihre Deutungsversuche Wertschätzung erfahren. Theologisch kann dies durchaus als eine Realisierung des “Priestertums aller Gläubigen” verstanden werden.

Insofern kann im Bibliolog nicht mit inhaltlich vorher feststehenden Lernzielen gearbeitet werden. Diese können höchstens auf einer eher formalen Ebene angesiedelt sein, beispielsweise als Ziel, dass eine Auseinandersetzung erfolgt sein soll. Es ist jedoch nicht nur legitim, sondern gehört konstitutiv zum Bibliolog hinzu, dass die Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Aspekte der Texte als wichtig erachten und mitnehmen. Eine Ertragssicherung kann im Anschluss an den Bibliolog dennoch erfolgen, wenn man vermeidet, einzelne Aussagen als besonders wichtig hervorzuheben und den gemeinsamen Prozess dadurch zu entwerten. Erarbeitet man jedoch gemeinsam mit der Klasse, was sie im Text Wesentliches entdeckt haben und was ihnen wichtig erscheint (jenseits konkreter Aussagen, die im Bibliolog getätigt wurden), wird das Geschehen des Bibliolog sinnvoll noch einmal gebündelt. In jedem Fall ist es immer wieder beeindruckend, wie genau sich Schülerinnen und Schüler auch nach längerer Zeit noch an biblische Texte erinnern, die sie als Bibliolog erlebt haben.

Erlebt eine Klasse diesen Zugang öfter, ergibt sich nicht selten eine Veränderung im Klima des Religionsunterrichts, manchmal sogar in der Klasse. Die dem Bibliolog eigene grundlegende Wertschätzung von Personen und ihren Äußerungen beeinflusst offensichtlich auch über den konkreten Bibliolog hinaus. Macht die Lehrkraft konsequent durch ihre Haltung, methodisch aber v.a. durch das echoing, deutlich, dass wirklich jeder Beitrag gleich wertvoll und wichtig ist, ermutigt das Schülerinnen und Schüler enorm, sich in ihren Äußerungen immer weiter vorzuwagen. Nicht selten formulieren Kinder und Jugendliche dann (auf ihrer Sprachebene) berührende und beeindruckende tief theologische Aussagen. Dies geschieht übrigens ganz unabhängig von religiösem Wissen oder religiöser Prägung und auch unabhängig von sonstigem schulischen Leistungsniveau.

 

Bibliolog lernen

Erfahrungsgemäß funktioniert Bibliolog in allen Schulformen (auch in der Förderschule!), in allen Altersstufen und in (fast) allen Klassen. Unverzichtbar ist dabei jedoch, dass man als Lehrkraft den Umgang mit dem Bibliolog fundiert lernt. Bibliolog ist in der Praxis wesentlich komplexer, als er beim Erleben oder Lesen wirkt. Er erfordert spezielle Fähigkeiten, die nicht durch andere bibeldidaktische Erfahrungen zu ersetzen sind. Ignoriert man dies, gehen Bibliologe nicht immer sofort schief, stoßen aber in der Regel rasch an Grenzen oder geraten in schwierige Situationen, die für die Schülerinnen und Schüler eine schlechte Erfahrung mit dem Bibliolog oder – noch schlimmer – mit der Bibel bedeuten. Die insgesamt viertätige Fortbildung, die auch an zwei Wochenenden stattfinden kann, ist demgegenüber eine sehr sinnvolle Investition. Mittlerweile gibt es auch speziell für Lehrkräfte gedachte Kurse. Informationen über alle Bibliolog-Fortbildungen finden sich unter www.bibliolog.de.

 

Anmerkungen

  1. Ich dokumentiere den Bibliolog hier so, wie ich ihn durchgeführt habe. Die Äußerungen der Schülerinnen und Schüler habe ich aus dem Gedächtnis notiert. Zum besseren Verständnis sind alle Äußerungen, die von mir kamen, kursiv gesetzt – also die jeweiligen Einleitungen in die Rolle, das echoing und das interviewing.
  2. Bei Bibliologen mit Kindern und Jugendlichen ist es oft nicht sinnvoll, die für Erwachsene gebräuchlichen Bibelübersetzungen zu wählen, weil das Verstehen durch die Sprache erschwert werden kann und der Nachvollzug der Handlung durch unbekannte Wörter gehemmt wird. Viele Kinderbibeln haben jedoch den Nachteil, dass sie im Text schon so viel Deutung vornehmen, dass sich die Kinder kaum noch selbst mit ihren Deutungen eintragen können. Die neu erschienene Gütersloher Erzählbibel (Diana Klöppner / Kerstin Schiffner, Gütersloher Erzählbibel. Mit Bildern von Juliana Heidenreich, Gütersloh 2004) ist damit relativ zurückhaltend, so dass sie sich für Bibliologe mit Schulkindern gut eignet. Gelegentlich ist es aber auch bei dieser sinnvoll, Deutungen von Handlungen wegzulassen, wenn diese nicht schon im Originaltext der hebräischen oder griechischen Bibel stehen.

 

Literatur

  • Pohl-Patalong, Uta: Bibliolog. Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule. Band 1: Grundformen, Stuttgart 2009
  • Pohl-Patalong, Uta / Aigner, Maria Elisabeth: Bibliolog. Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule. Band 2: Aufbauformen, Stuttgart 200
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2010

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