Was hilft gegen Cyber-Mobbing?
Methoden für die Präventionsarbeit

von Andrea Buskotte, Helge Kraus und Tanja Opitz

 

Chatten, skypen, posten, up- und downloaden: Alltägliches Vokabular von Mädchen und Jungen, das illustriert, wie selbstverständlich die Kommunikation per Internet ist. Praktisch alle (älteren) Jugendlichen besitzen ein Handy und einen Computer, die meisten sind täglich online. Durchschnittlich verbringen Jugendliche in Deutschland mehr als zwei Stunden pro Tag im Internet. Den größten Teil dieser Zeit nutzen sie für die Kommunikation in Online-Netzwerken und mit Instant Messenger. Jeder zweite Jugendliche loggt sich täglich in seiner Online-Community ein, die meisten von ihnen sogar mehrmals täglich. Zwei Drittel der User haben Fotos oder Filme von sich ins Netz gestellt, jeder Vierte hat dort seine Kontaktdaten veröffentlicht (JIM-Studie 2010). Das Internet ist aus dem Leben der meisten Mädchen und Jungen also nicht mehr wegzudenken. Online- und Offline-Kommunikation sind eng miteinander verknüpft:

  • „Ohne das Internet ist man abgegrenzt. Mit Internet ist man mittendrin und bekommt mit, was alles passiert. Man ist mit Freunden und Familie verbunden.“
  • „Meine Freunde sind in Facebook und darum habe ich auch Facebook.“
  • „Man bleibt auf dem aktuellen Stand über Dinge, die die Gegend, Schule und Freunde angehen.“
  • „Es macht Spaß und man kann da auch Spiele spielen und chatten. Man kann lesen, was einer macht.“1

Neben Spaß, Informationen und Kommunikation mit Freunden bietet das Internet auch Gelegenheiten für Gemeinheiten, Schikane und Gewalt, die als Cyber-Mobbing (oder Cyber-Bullying) bezeichnet werden. Eine allgemein gültige Begriffsbestimmung hat sich bisher nicht durchgesetzt. Studien zu Cyber-Mobbing lehnen sich in der Regel an Definitionskriterien für (Offline-)Mobbing an: die Absicht, jemanden zu schädigen oder zu verletzen, ein „Macht“-Ungleichgewicht zwischen den handelnden Personen und den Betroffenen und die Wiederholung / Dauerhaftigkeit der Übergriffe. „Cyber-Mobbing ist die Nutzung von Handy- oder Internetanwendungen, wie z. B. Foren, Weblogs oder Instant Messenger, um andere Personen zu diffamieren, sie bloßzustellen oder ihren sozialen Beziehungen Schaden zuzufügen. Dies kann in schriftlicher Form, durch Anrufe oder durch die Veröffentlichung von Fotos oder Videos stattfinden. Dabei ist der Täter dem Opfer überlegen, denn das Opfer hat nur geringe Möglichkeiten sich zu verteidigen. Werden solche Aggressionen mehr als zwei- oder dreimal über öffentliche Kanäle verbreitet, spricht man von Cyber-Mobbing.“ (Fawzi, 2009, S. 66).

Erste Studien haben gezeigt, dass Cyber-Mobbing für viele Jugendliche ein Thema ist. Abhängig von den Befragungsmethoden und der zugrunde gelegten Definition von Cyber-Mobbing kommen aktuelle Studien zu dem Ergebnis, dass ein Fünftel bis ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland bereits Erfahrungen mit Cyber-Mobbing haben, entweder weil sie selbst Attacken erlebt haben, weil sie solche Angriffe im Freundeskreis mitbekommen haben oder weil sie selbst Übergriffe begangen haben (Sitzer u.a. 2012; Jim-Studie 2010; Pieschl, Porsch 2012).

Jugendliche selbst differenzieren bei Konflikten und Attacken im Netz zwischen „Spaß-Streit“, Meinungsverschiedenheiten, Streit und Mobbing, wobei (Cyber-)Mobbing von den Jugendlichen als Sammelbegriff für ein aggressives Konflikthandeln gebraucht wird, das nach dem eigenen moralischen Verständnis zu weit geht (Wagner u.a. 2012). Gleichzeitig kommt in den Einschätzungen der Jugendlichen zum Ausdruck, dass sie Beschimpfungen, Beleidigungen und Ausgrenzungen unter bestimmten Umständen als akzeptable Möglichkeiten betrachten, Konflikte auszutragen.

 

Mobbing per Mausklick

Mobbing unter Kindern und Jugendlichen ist kein Phänomen, das erst durch die Vollausstattung mit Internetanschlüssen und die Erfindung von Online-Communities entstanden ist. Mobbing per Mausklick ist vielmehr das alte Problem im neuen Gewand. Es geht um Gemeinheit, Feindseligkeit, Aggression, um das Ausspielen von Überlegenheit, um Demütigung und Blamage. Neu an Cyber-Mobbing sind die Verbreitungsgeschwindigkeit und der Wirkungsradius. Wenn jemand auf dem Schulhof gemobbt wird, kann er/sie – vielleicht – weggehen und ausweichen. Es gibt – hoffentlich – Lebensbereiche, in die das Mobbing nicht eindringt: die Familie, Freundschaften, die Clique, die Freizeit. Cyber-Mobbing dagegen endet nicht mit Schulschluss, die Attacken und Demütigungen kommen auf dem Handy und auf dem Laptop überall an, auch zu Hause – und das rund um die Uhr. Gemobbt wird in unterschiedlichen Formen:

  • Per SMS und E-Mail werden beleidigende oder bedrohliche Nachrichten geschickt.
  • Unter den Fotos oder auf der Pinnwand des Profils werden gehässige oder diffamierende Kommentare hinterlassen.
  • Unter Slogans wie „Wir hassen …“ gründen Mobber so genannte Hass-Gruppen, um über die betreffende Person zu lästern, sie zu demütigen und auszuschließen.
  • Um das soziale Ansehen anderer zu ruinieren, erstellen Jugendliche Fake-Profile oder Fake-Webseiten, auf denen die Betroffenen lächerlich gemacht werden.
  • Auch das Hochladen von Fotos oder Videos, die jemanden in einer peinlichen Situation zeigen – in der Realität oder auf einem manipulierten Bild – sind eine geeignete Methode, andere zu schikanieren oder zu blamieren.

 

M 1:  Film „Let’s fight it together“

Einsatz:  Sensibilisierung für Betroffene von Cyber-Mobbing
Dauer:     15 bis 20 Min.
Material: Laptop, Beamer (oder Fernsehgerät), Internetzugang

Thema / Ziel:
Durch das Schauen des Films sollen die Mädchen und Jungen für das Thema und die verschiedenen Rollen bei Cyber-Mobbing-Prozessen sensibilisiert werden und die Strukturen erkennen. Durch die Einnahme der verschiedenen Rollen soll ein Perspektivwechsel ermöglicht werden.

Durchführung:
Bevor Sie den Film vorführen, sollten Sie ihn sich zunächst alleine anschauen, um sich zu vergewissern, dass dieser für Ihre Gruppe geeignet ist. Für die intensive Auseinandersetzung, werden die TN in vier (oder fünf) Zuschauergruppen eingeteilt. Jede Gruppe soll sich während des Films auf jeweils eine der folgenden Personen bzw. Gruppen konzentrieren:

  • Joe (das Opfer)
  • Kim (die Täterin)
  • die Klassenkameraden
  • die Mutter
  • evtl.: fünfte Gruppe die Klassenlehrerin.
     

An der Stelle im Film, an der Joes Mutter das Video findet (als Text erscheint „Cyberbullying ist Bullying“), wird der Film gestoppt. Nun sollen die verschiedenen Gruppen aus „ihrer“ Perspektive erzählen, was passiert ist. Danach sollte dann in jedem Fall der Film nochmals bis zum Ende gezeigt werden.

Reflexion / Auswertung:

  • Wie haben die einzelnen Akteure gehandelt?
  • Welchen Grund könnte es für das jeweilige Handeln geben?
  • Ist die Darstellung und die Geschichte realistisch?
  • Kann so etwas auch hier passieren? Warum? Warum nicht?
  • Wie könnte der Film ausgehen?
     

Erfahrung:
Wegen der Distanz zum Filmgeschehen kann man über die Personen im Film einfacher diskutieren als über reale Mobbing-Situationen im direkten Umfeld. Oftmals werden im Gespräch weitere Beispiele eingebracht (die aus den Medien bekannt sind oder aus dem direkten – schulischen – Umfeld stammen). Sie eignen sich gut, um die Frage nach der Häufigkeit von Cyber-Mobbing zu thematisieren und die Wichtigkeit des Themas zu verdeutlichen.

Einige Klassen können das Ende des Films schwer abwarten. Dann kann das Ende des Films gezeigt und die Diskussion mit dem Wissen, dass es gut ausgegangen ist, wieder fortgeführt werden.
Im Anschluss an die Diskussion eignet sich das Erstellen einer Definition zum Thema Cyber-Mobbing.

Charakteristisch für Cyber-Mobbing ist die Langlebigkeit solcher Aktionen: Einmal im Netz, sind die Daten oft kaum zu löschen, Betroffene sind immer wieder mit den Beleidigungen konfrontiert – und mit dem Wissen, dass die Attacken immer wieder auffindbar sind. Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass Cyber-Mobbing-Attacken recht risikolos verübt werden können. Es gibt keinen direkten Kontakt zwischen Mobber und Gemobbten, die Angreifer können „anonym“ agieren, was möglicherweise die Hemmschwellen, sich an solchen Aktivitäten zu beteiligen, senkt. Es fehlt auch eine unmittelbare Reaktion, die dem Angreifer zeigt, ob er den/die Betroffene/n ärgert oder verletzt, traurig oder wütend macht.

In den bisherigen Studien zeigt sich im Übrigen, dass Gehässigkeiten und Drohungen im Netz nicht aus der großen weiten Welt kommen, sondern häufig eng verknüpft sind mit dem direkten Umfeld der Betroffenen. Konflikte aus der Schule oder aus der Clique werden gleichzeitig in der Internetkommunikation ausgetragen. Und umgekehrt: Attacken im Netz können als Konfrontationen in der Schule oder als Angriff an der Bushaltestelle weitergeführt werden. Mobbing im Cyberspace ist oft die Fortsetzung von Offline-Schikane mit elektronischen Mitteln.

 

Die Folgen von Cyber-Mobbing

Nicht jeder gedankenlose verbale Ausrutscher, nicht jedes hochgeladene peinliche Bild ist ein zielgerichteter Cyber-Mobbing-Akt. Zu Mobbing gehört die böse Absicht. Bei der Kommunikation per Handy und Internet fehlen in der Regel nonverbale Signale wie Gestik und Mimik, das kann Missverständnisse über die Intentionen einer Äußerung verursachen. Aber im Internet kann auch ein spaßig gemeinter Kommentar oder ein aus Gedankenlosigkeit veröffentlichtes peinliches Bild unangenehme Folgen für Betroffenen haben. Das Internet vergisst nichts. Wenn Inhalte an einer Stelle im Netz gelöscht worden sind, können sie als Kopien an anderer Stelle wieder auftauchen. So können auch einmalige oder versehentliche Fehlgriffe lange und problematisch nachwirken.

Wie einschneidend die Folgen für die Betroffenen sind, hängt von verschiedenen Umständen ab. Einige Jugendliche nehmen Attacken im Netz nicht besonders schwer: Schließlich kann man Beleidigungen per E-Mail wegklicken und Einträge auf der Facebook-Seite löschen. Aber nicht jede/r kann eine Beleidigung lässig beiseite schieben und vergessen. Vor allem, wenn die Angriffe im Netz Teil einer dauernden Schikane oder Konfliktsituation in der Klasse oder Clique sind – und wenn klar geworden ist, dass das Mobbing auf vielen Kanälen verbreitet und vervielfältigt wird, ist das nicht leicht zu verdauen. Cyber-Mobbing kann also sehr belastend werden.

Ein Teil der Betroffenen leidet erheblich unter den Anfeindungen. „Befreundet“ und „beliebt“ zu sein, soziales Ansehen unter Gleichaltrigen zu genießen, hat für Heranwachsende einen hohen Stellenwert und ist eine wesentliche Basis für das Selbstwertgefühl. Gemobbt, also sozial isoliert oder lächerlich gemacht zu werden, kann deswegen eine schwere Erschütterung des seelischen Gleichgewichts bedeuten. Opfer von Mobbing erleben erheblichen Stress, der wiederum kann zu psychosomatischen Reaktionen, Ängsten und Depressionen führen, in manchen Situationen sogar zu Selbstmordgedanken. Mobbing kann das Selbstvertrauen untergraben, die schulischen Leistungen gefährden, aber auch zu aggressiven und feindseligen Reaktionen führen.

Zu den Folgen von Cyber-Mobbing gehört auch, dass es – für die Mobber – häufig keine Folgen hat. Eine Studie der Universität Bielefeld (Sitzer u.a., a.a.O., S. 25) bestätigt, das mehr als die Hälfte derjenigen, die Cyber-Mobbing ausgeübt hatten, keinerlei Konsequenzen erfahren haben. Immerhin hat fast jeder Fünfte sich nach seiner Tat schlecht gefühlt, aber nur etwa jeweils jeder siebte Täter hatte deswegen Ärger mit Eltern, mit Lehrern oder mit der Schule. Einige Täter wurden zudem als Folge ihres Handelns selbst Opfer von Attacken.

Über die (straf)rechtlichen Konsequenzen von Cyber-Attacken sind sich viele Jugendliche nicht im Klaren. Sie sind sich selten darüber bewusst, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist und dass Beleidigungen, Drohungen, Verletzungen der Intimsphäre und des Rechts am eigenen Bild rechtlichen Folgen nach sich ziehen können.

 

Was hilft bei Cyber-Mobbing?

Wenn man Jugendliche fragt, wie sie sich eine Unterstützung bei Übergriffen im Netz vorstellen, zeigt sich deutlich, dass sie vorwiegend Gleichaltrige, vor allem Freunde und Freundinnen, als potentielle Helferinnen und Helfer betrachten (Wagner u.a., a.a.O.). Jugendliche trauen anderen Jugendlichen eher als Erwachsenen zu, die Mobbing-Situation richtig einschätzen und angemessen reagieren zu können. Dieser Befund korrespondiert mit Forschungsergebnissen, die zeigen, dass nur wenige betroffene Jugendliche Erwachsene (Eltern, Lehrkräfte) bei Cyber-Mobbing-Erfahrungen ins Vertrauen ziehen, offenbar auch deswegen, weil sie von dieser Seite Sanktionen oder Einschränkungen befürchten(Pieschl, Porsch, a.a.O.). Peer-to-Peer-Beziehungen sind vor diesem Hintergrund ein wichtiger Ansatzpunkt für Entlastung und Hilfe.

Neben der grundsätzlichen Bereitschaft, Freunde in Cyber-Mobbing-Situationen zu trösten und zu unterstützen, thematisieren Jugendliche in den einschlägigen Befragungen jedoch auch die Grenzen ihrer Hilfemöglichkeiten und ihrer Hilfsbereitschaft (Wagner, a.a.O., Pfetsch). Aktives Eingreifen können sich die meisten Jugendlichen vor allem vorstellen, wenn das Mobbing enge Freunde und Freundinnen betrifft oder wenn der Vorfall mit schwerer (körperlicher) Gewalt oder ähnlich gravierenden Umständen verbunden ist. Zudem befürchten viele Jugendliche, dass sie durch eigenes Eingreifen selbst in Schwierigkeiten geraten und Opfer von Mobbing werden könnten. Darüber hinaus sind Jugendliche manchmal ratlos, was sie in einer konkreten Situation tun könnten.

Wie bei anderen Formen von Grenzverletzungen und Gewalt sind deshalb auch bei Cyber-Mobbing Erwachsene gefragt – als Ansprechpartner und -partnerinnen für betroffene Mädchen und Jungen, als Verantwortliche für die Beendigung von Mobbingprozessen und bei der Vorbeugung. Mit dieser Zielsetzung hat die Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen ein Projekt2 entwickelt, das erwachsenen pädagogischen Fachkräften mit Methoden und Materialien für die Präventionsarbeit mit Mädchen und Jungen unterstützen will. Ziele des Projekts sind:

  • die Sensibilisierung von Mädchen und Jungen für die Folgen von Cyber-Mobbing,
  • die Erarbeitung von Ideen und Strategien für (Selbst-)Schutz und Zivilcourage,
  • die Vermittlung von Informationen über rechtliche Rahmenbedingungen und Konsequenzen.

 

Rechtliche Rahmenbedingungen und Konsequenzen

Es gibt kein spezielles Anti-Cyber-Mobbing-Gesetz, verschiedene Tatbestände des Strafgesetzbuches können jedoch zur Anwendung kommen. Cyber-Mobbing kann eine Beleidigung oder Verleumdung sein, als Nachstellung, Bedrohung oder Nötigung bewertet werden (Clausen-Muradian 2010). Auch die Verletzung des Rechts am eigenen Bild kann strafrechtlich geahndet werden. Neben strafrechtlichen Sanktionen kann Cyber-Mobbing auch zivilrechtliche Ansprüche – Schadensersatz und Schmerzensgeld – begründen. Vor diesem Hintergrund können im Rahmen von Präventionsprojekten Informationen zu rechtlichen Konsequenzen für Mobbenden benannt bzw. im Rahmen einer Recherche erarbeitet werden.

 

Medienkompetenz und Gewaltprävention

Die Konzeption des Projekts zielt darauf ab, dass die Jugendlichen sich das Thema Cyber-Mobbing selbst erarbeiten. Viele Jugendliche haben eine hohe technische Medienkompetenz und kennen sich beim Thema Social Media gut aus. Dieses Expertenwissen kann und sollte in Präventionsprojekten genutzt werden, wenn es darum geht, Mädchen und Jungen für Cyber-Mobbing und die Folgen zu sensibilisieren. Jugendliche sollen verstehen, wie gravierend solche Attacken für die Betroffenen und ihr Umfeld sein können, mit welchen weit reichenden Konsequenzen zu rechnen ist und dass die Folgen für die Opfer langwierig und schwer vorhersehbar sind.

Um sich in eine Mobbingsituation hineinzuversetzen, eignet sich der Film „Let’s fight it together“ (unter www.klicksafe.de ist der Film unter „Spots“ online verfügbar) (M 1). An der Hauptfigur Joe können Zuschauer und Zuschauerinnen die Situation Betroffener nachempfinden und die Perspektiven anderer Beteiligter reflektieren. Es kommt zwar vor, dass Jugendliche mit Blick auf das Opfer Sätze wie „Da hat er doch selber schuld!“ oder „Warum wehrt sie sich denn nicht?“ äußern. Gleichzeitig gibt es immer Gegenstimmen, die artikulieren können, wer bei Mobbing im Unrecht ist. Daraus ergeben sich Ansatzpunkte für die Diskussion, Argumentation und eigene Positionierung. Die Mitschüler und Mitschülerinnen und Freunde sind in diesem Prozess oft wichtiger als die Erwachsenen. Dennoch ist es wichtig, dass Erwachsene hier Denkanstöße geben und eine klare Position gegen Gewalt und Übergriffe beziehen. 

In der Nachbereitung des Films können persönliche „Schmerzgrenzen“ für Beleidigungen und Online-Attacken besprochen werden: Möglicherweise variieren die Grenzen individuell, wichtig ist es in jedem Fall zu vermitteln, dass die Grenzen anderer zu respektieren sind. Als wichtige Erkenntnis sollte hier auch klar werden, dass der oder die Betroffene entscheidet, ob eine Aktion schlimm oder nicht schlimm ist und nicht diejenigen, die die Aktion ausführen (M 2)!

 

M 2: Sie haben Post!

Einsatz:  Grenzverletzungen und eigene Grenzen erkennen
Dauer:     ca. 30 min
Material:  Briefumschläge mit beleidigenden Nachrichten

Thema / Ziel:
Die Jugendlichen erhalten einen Brief mit einer Beschimpfung. Sie können sich in die Opferperspektive einfühlen und die damit verbundenen Gefühle reflektieren.

Durchführung:
Die Jugendlichen sitzen in einem Stuhlkreis. Jede/r bekommt einen Briefumschlag, der eine Beleidigung (z.B. Arschloch, Freak, Schlampe etc.) enthält. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen sich den Inhalt des Briefumschlages allein anschauen und darüber nicht mit anderen sprechen. Die Briefe werden wieder eingesammelt. Im Anschluss diskutiert die Gruppe über persönliche Grenzen von Beleidigung und dass diese von Person zu Person unterschiedlich sind.

Die Briefe mit den darin enthaltenen beleidigenden Nachrichten müssen vorher in ausreichender Anzahl vorbereitet werden. Sinnvoll ist, dass eine andere Gruppe Jugendlicher die Beleidigungen auf Kärtchen schreibt, damit wirken sie authentischer und es ist sichergestellt, dass die Beleidigungen der Jugendsprache dieser Gruppe entsprechen.

Reflexion / Auswertung:
Bei dem Gespräch im Anschluss geht es um die persönlichen Grenzen der Teilnehmenden. Viele Jugendliche meinen, sie hätten keine Beleidigungsgrenze, deshalb ist es sinnvoll, mit gezielten Fragen mögliche Grenzen und Grenzverletzungen zu thematisieren, wie beispielsweise:

  • Wie geht es euch damit?
  • Wo liegt die Grenze für Beleidigungen?
  • Wie sehen die anderen das?
  • Wie ist das, wenn die Beleidigungen nicht aufhören?
  • Wo ist eure persönliche Grenze?
  • Wie fühlt sich das an, wenn du so etwas jeden Tag bekommst?
  • Was wäre es, wenn das auf deinem Pullover steht?
     

Das Gespräch muss kein allgemein gültiges Ergebnis haben. Aussagen bleiben nebeneinander stehen und es ist nicht erforderlich, dass alle Jugendlichen auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Wichtig ist nur zu betonen, dass es subjektive Unterschiede bei der Wahrnehmung von Beleidigungen gibt, die zu respektieren sind.
 

Erfahrung:
Trotz der Brisanz der Übung eignet sie sich sehr gut als Methode zum Thema „Grenzverletzungen selbst erkennen“. Mädchen und Jungen, die vielleicht selbst Erfahrungen mit Beschimpfungen im Internet gemacht haben, sehen bei dieser Übung, dass nicht alle eine solche Beleidigung so einfach hinnehmen. Darüber ins Gespräch zu kommen, wie man sich in einer solchen Situation fühlt, kann dann auch eine positive Erfahrung für alle sein. Wenn Sie die Gruppe kennen, können Sie im Vorfeld besser einschätzen, ob Sie sich diese Übung und die danach entstehende Diskussion zutrauen oder ob die Übung die Gruppe überfordern würde.
Schimpfworte werden je nach Alter, Geschlecht, sozialer und kultureller Hintergründe verschieden aufgefasst und bewertet. Häufig gehören ursprünglich diskriminierende Begriffe unter Jugendlichen zum Alltag und zum normalen Wortrepertoire. Sie haben durch ihre Normalität teilweise längst den beleidigenden Gehalt verloren. Das sollte bei der Anleitung dieser Methode einbezogen werden.

Bei der Auswertung sollte vermieden werden, direkt über einzelne Wörter zu sprechen, weil dadurch zu sehr der Spaß an den Wörtern in den Fokus gerät. Wichtig ist, dass die beleidigenden Nachrichten den Beleidigungen entsprechen, die die Jugendlichen tatsächlich benutzen.

Auf dieser Grundlage können Ideen und Strategien für (Selbst-)Schutz und Zivilcourage erarbeitet werden. Hier sind konkrete Anregungen sinnvoll, wie man sich vor Online-Übergriffen schützen kann, wen man zur Unterstützung gewinnen könnte und welche Gegenstrategien möglich sind.
Jeder und jede sollte sich genau überlegen, was er und sie im Internet von sich preisgibt, welche Bilder er und sie von sich hochlädt, welche Kontaktdaten und Informationen im Profil öffentlich zu sehen sind – oder eben nicht. Insgesamt gilt: Je mehr Details man von sich darstellt, umso größer wird das Risiko, dass sie gegen einen verwendet werden.

Viele Jugendliche finden es völlig unproblematisch und attraktiv, dass „alle“ die neuesten Einträge, Hobbys und Vorlieben auf der Pinnwand sehen können. Zum Diskutieren und als Anregungen zum Nachdenken kann darauf hingewiesen werden,

  • dass auch die Eltern, Lehrer oder die Ex-Freundin die Einträge sehen können;
  • dass manche selbst eingestellten Informationen eine Angriffsfläche gegenüber potentiellen Mobbern bieten können;
  • dass Kontaktdaten und weitere persönliche Informationen nicht für Fremde gedacht sind – und die Freunde diese Daten sowieso kennen und sie nicht im Netz suchen müssen;
  • dass Fotos oder Filme heruntergeladen, manipuliert oder verändert werden können;
  • dass ein Hochladen von Inhalten in der Regel nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

In diesem Zusammenhang kann man darauf hinweisen, dass man sich so gut wie möglich schützen sollte, Attacken aber nie hundertprozentig verhindern kann.

 

(Selbst-)Schutz und Zivilcourage

Wer Ziel von Cyber-Mobbing wird, fühlt sich in der Regel schlecht: verunsichert, beschämt, vielleicht verängstigt oder sogar bedroht. In so einer Lage ist es nicht leicht, besonnen und couragiert zu handeln – aber es gibt einiges, das Mobbing-Opfer tun können, um die Situation unter Kontrolle zu bekommen.

  • Nicht reagieren: Wer mobbt, will verletzen, beleidigen, Angst verbreiten. Wenn Betroffene keine Reaktion gegenüber dem Absender zeigen, besteht eine Chance, dass der Angreifer irgendwann aufgibt. Wenn die unangenehmen Nachrichten trotzdem nicht aufhören, sollte man einen neuen E-Mail-Account anlegen und/oder sich eine neue Handy-Nummer besorgen.
  • Ignorieren – melden – sperren: Bei vielen Online-Communities, sozialen Netzwerken, Chats, Instant Messenger gibt es die Möglichkeit, unerwünschte Nachrichten zu „ignorieren“ oder zu „sperren“, d.h. den Kontakt abzulehnen, sodass die Nachrichten die Betroffenen nicht erreichen. Darüber hinaus kann man Personen „melden“, um so dem Betreiber der Seite zu signalisieren, dass hier jemand gegen die Nutzungsbedingungen verstößt.
  • Beweise sichern: Nicht immer hört das Mobbing von selbst auf, in einigen Fällen ist es nötig, sich aktiv zu wehren. Beweise (z.B. Kopien von Nachrichten oder Screenshots von Bildern) können nicht nur für eine Anzeige bei der Polizei sinnvoll sein, nützlich sind sie auch für die Aufklärung und Konfliktschlichtung in der Schule – oder einfach, um Freunden oder Eltern zu zeigen, was passiert ist, und sich bei ihnen Unterstützung zu holen.
  • Unterstützung aktivieren: Verheimlichen bringt nichts – das gilt bei jeder Art von Mobbing, auch bei Cyber-Mobbing. Es ist gut, mit Menschen seines Vertrauens darüber zu reden – als Trost, als emotionale Unterstützung –, aber auch, um zu überlegen, welche Gegenmaßnahmen man ergreifen will. Auch wenn das Mobbing schon eine Weile andauert, ist das kein Grund, stumm zu leiden und zu schweigen.

Bei (Cyber-)Mobbing-Vorfällen gibt es in vielen Fällen Bystander, also „Zuschauer“ und „Mitwisser“. Möglicherweise greifen sie nicht zum Schutz der Betroffenen ein, weil sie fürchten, dann selbst zur Zielscheibe von Attacken zu werden – oft genug aber auch, weil sie nicht wissen, wie man eingreifen könnte.

  • Andere unterstützen: Wer merkt, dass jemand im Netz oder per Handy systematisch niedergemacht oder sogar bedroht wird, kann helfen, indem er/sie die Nachrichtenkette abbricht, peinliche und diffamierende Bilder oder Nachrichten nicht weiterschickt, sondern löscht – es sei denn, der Betreffende braucht sie als Beweise. Mädchen und Jungen sollte klar werden, dass es Betroffene auch verletzen kann, wenn jemandem eine Hass-Gruppe „gefällt“ oder jemand in einer solchen Gruppe Mitglied ist. Ein erster Schritt zur Unterstützung wäre also, sich nicht an solchen Gruppen zu beteiligen und ggf. Betroffene über die Existenz einer solchen Gruppe (oder eines Fake-Profils o.Ä.) zu informieren.

Für ein aktives Eingreifen müssen konkrete Ideen entwickelt und auch geübt werden. Dazu eignen sich Rollenspiele (M 3) – in fiktiven Situationen können Handlungen ausprobiert und im Nachhinein reflektiert und bewertet werden. So haben die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler einen geschützten Raum, Ideen zu testen, zu variieren und zu reflektieren.

 

M 3: Rollenspiele

Einsatz:  Cyber-Mobbing verstehen und verhindern lernen
Dauer:     45 bis 60 min

Thema / Ziel:
Durch Rollenspiele versetzen sich die Jugendlichen in eine Cyber-Mobbing-Situation. Sie fühlen sich in die verschiedenen Perspektiven (Täter/innen, Betroffene, Zeugen etc.) ein. Sie reflektieren über Zivilcourage und suchen nach Konfliktlösungen.

Durchführung:
Die Teilnehmenden sollen eine Cyber-Mobbing-Situation nachspielen. Dazu teilen Sie sich in vier gleich große Gruppen nach Affinität ein, d.h. sie entscheiden selbst, mit wem sie in eine Gruppe gehen. Jede Kleingruppe hat die Aufgabe, sich in 15 bis 20 min ein Rollenspiel zu überlegen und Cyber-Mobbing so realistisch wie möglich darzustellen. Zudem überlegen sie sich für einen zweiten Durchgang, wie sie die Situation lösen würden. Das Rollenspiel sollte nicht länger als 5 Min. dauern. Bei der Präsentation der Rollenspiele gibt es Darsteller/innen und Zuschauer/innen. Die Bühne sollte von dem Publikum sichtbar getrennt sein, um die Wirkung des Rollenspiels zu erhöhen. Im Anschluss an den ersten Durchgang spielen die Gruppen jeweils die Variante mit der Lösungsstrategie. Beim Darstellen ist Kreativität gefordert, da sich eine Cyber-Mobbing-Situation nicht so einfach spielen lässt. Sie können beispielsweise zwei Tische aufbauen, die die jeweiligen Computer symbolisieren. An einem Tisch sitzen mehrere Jugendliche und lachen und am Nebentisch sitzt ein/e Betroffene/r, der/die eine gemeine Mail o.ä. von den anderen geschickt bekommt. Darüber hinaus gibt es natürlich auch die Möglichkeit eine Szene zu spielen, in der sich die verschiedenen Beteiligten persönlich treffen und auf eine Online-Attacke reagieren oder diese Anlass für weitere Gemeinheiten ist.

Reflexion / Auswertung:

  • Wie haben sich die Betroffenen des Cyber-Mobbing gefühlt?
  • Wie war es für die Mobber?
  • Ist der gezeigte Lösungsansatz realistisch? Wie würdet Ihr handeln?
  • Welche Möglichkeiten gäbe es in dieser Situation einzugreifen und dem/r Betroffenen beizustehen?
     

Erfahrung:
Jugendliche kennen sich aus mit Situationen, in denen jemand ausgeschlossen wird, vielleicht haben sie den Ausschluss sogar selbst erfahren. Häufig haben sie sogar schon Cyber-Mobbing erlebt. In der Regel sind die Jugendlichen sehr kreativ bei der Entwicklung kleiner Rollenspiele. Die Einteilung nach Affinität ist ein heikler Punkt, weil Jugendliche übrig bleiben können, die nicht gemocht werden. Ist dies im Vorfeld abzusehen, sollten Sie überlegen, eine andere Methode zur Einteilung zu wählen. Die Rollenspiele können oft emotional aufgeladen sein, denn sie sind nah an der erlebten Realität, und aus diesem Grund sollten sich die Jugendlichen idealerweise ihre Mitspieler/innen selbst aussuchen.

Die Intensität der Rollenspielsituationen ist nicht zu unterschätzen. Es sollte vermieden werden, Jugendliche in bestimmte Rollen zu zwingen und sie womöglich eigene Erfahrungen erneut durchleben zu lassen. Die Jugendlichen wissen sehr genau, wann sie sich etwas zutrauen und wann sie es lieber sein lassen.

Variante:
Anstatt kleine Gruppen à vier bis fünf Personen ihre eigenen Rollenspiele entwickeln zu lassen, können Situationen vorgegeben werden. Dies könnte zum Beispiel die Situation in dem Bus aus dem Film „Let’s fight it together“ sein. Die Jugendlichen in dem Bus treiben den Betroffenen durch Beleidigungen als „looser“ in die Enge. Die Jugendlichen können sich gut in diese Situation hineindenken und sie nachspielen. Es sollte dann auch an Interventionsmöglichkeiten und Zivilcourage gearbeitet werden.

 Anmerkungen

  1. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest; JIMplus, Nahaufnahmen 2011: http://www.mpfs.de/index.php?id=515
  2. Das Projekt „Cyber-Mobbing: Medienkompetenz trifft Gewalt-prävention“ wird vom niedersächsischen Sozialminis-terium finanziell unterstützt. Informationen im Internet unter www.jugendschutz-niedersachsen.de
     

Literatur

  • Clausen-Muradian, Elisabeth: (Rechts-)Frei im Cyberspace? Cyber-Mobbing – rechtlich gesehen, in: Landesstelle Jugendschutz, Cyber-Mobbing. Medienpädagogik trifft Gewaltprävention, Hannover 2010
  • Fawzi, Nayla: Cyber-Mobbing. Ursachen und Auswirkungen von Mobbing im Internet. Baden-Baden 2009
  • Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM-Studie 2010, Basisuntersuchung zum Medienumgang 12-19jährige, Stuttgart 2010 und JIM-Studie 2011, Jugend, Information, (Multi-)Media, Stuttgart 2011
  • Pfetsch, Jan: Studie „Bystander von Mobbing“, TU Berlin, Pädagogische Psychologie, http://www.paedpsy.tu-berlin.de/fileadmin/fg236/Jan_Pfetsch/Pfetsch_Kurzbericht_Studie_Bystander_von_Cyber-Mobbing.pdf
  • Pieschl, Stephanie/Porsch, Torsten: Schluss mit Cybermobbing, Weinheim, Basel 2012
  • Sitzer, Peter u.a.: Cyberbullying bei Schülerinnen und Schülern, Ergebnisbericht der Online-Studie, Universität Bielefeld, 2012
  • Wagner, Ulrike u.a.: Wo der Spaß aufhört. Jugendliche und ihre Perspektive auf Konflikte in sozialen Netzwerkdienste, JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München 2012
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2013

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