"Welche Rolle spielt das Gebet in Deinem Alltag?"
Fiktive Interviews im Religionsunterricht der Sekundarstufe I

von Dietmar Peter

 

Beten ist ein wesentlicher Bestandteil des christlichen Lebens. Dieses ist den meisten Schülerinnen und Schülern in Klassen der Sekundarstufe I bekannt. Dennoch ist es aufgrund der Ferne oder Nähe der Jugendlichen zum Thema nicht einfach, im Unterricht über das Gebet und mögliche individuelle Ausgestaltungsformen ins Gespräch zu kommen. Für die einen ist das Gebet selbstverständlicher Bestandteil des eigenen Lebens. Andere wiederum beten nur in Ausnahmesituationen – weil sie z.B. bestimmte Wünsche oder Ängste haben. Einer weiteren Gruppe ist jegliche Gebetspraxis fremd oder sie lehnt das Gebet grundsätzlich (und damit die Auseinandersetzung darüber) ab. In der Regel beschreiben diese Jugendlichen das Thema als bedeutungslos und lebensfern. Steht eine solche Blockade erst einmal im Raum, werden Unterrichtende nur unter großen Mühen eine thematische Auseinandersetzung initiieren können. Hier ist einer der Gründe zu vermuten, warum das Thema eher selten Unterrichtsgegenstand des Religionsunterrichts wird.

Insgesamt bietet es sich bei solchen oder ähnlichen "Blockadethemen" an, den Schülerinnen und Schülern die Auseinandersetzung mittels eines Perspektivwechsels zu ermöglichen. Die damit verbundene Distanzierung gelingt durch die Einführung fiktiver Personen, die stellvertretend verschiedene Positionen zum Unterrichtsgegenstand einnehmen.

Ein mögliches Vorgehen in diesem Sinne ist es, die SchülerInnen aufzufordern sich in die Rolle von JournalistInnen in einer Zeitungsredaktion zu versetzen. Ihre Aufgabe ist es, mehrere Interviews für die Zeitung zu machen. Damit die Interviews vielfältige Meinungen wiedergeben, ist es notwendig, möglichst unterschiedliche InterviewpartnerInnen zu finden. Die Suche findet mittels verschiedener Zeitschriften statt. Hieraus schneiden die Jugendlichen in Gruppen (5 bis 6) sechs bis acht Personen aus, die sie gerne einmal befragen würden. Wichtig ist, dass die zu Interviewenden nicht berühmt sind, so dass die sich anschließende Phase der Identitätsbeschreibung möglichst offen stattfinden kann. Die gefundenen Personen werden ausgeschnitten und kleben sie auf eine große Pappe (DIN A 2) geklebt. Auf einem kleinen vorgefertigten Kärtchen werden den Bildern nun fiktive Daten, wie z.B. Name, Alter, Beruf, Familienstand etc., zugeordnet. Ggf. können die SchülerInnen auch kleine Geschichten über die Personen erfinden. Ziel dieser Phase ist es, dass die Schüler am Ende möglichst genaue Merkmale und Eigenschaften ihrer InterviewpartnerInnen beschreiben können. Das Plakat kann entsprechend des angefügten Materialblatts gestaltet werden (M1).

In einem nächsten Schritt geht es darum, die Personen zu interviewen. Vor diesem Schritt wird den Jugendlichen das bis dahin unbekannte Interviewthema von der Redaktion (LehrerIn) mitgeteilt und in die Mitte des Plakats geschrieben. In diesem Fall geht es um die Frage "Welche Rolle spielt das Gebet in Deinem/Ihrem Alltag?" Die Jugendlichen überlegen nun in den Gruppen, was die betreffenden Personen zu der Frage vermutlich antworten würden. Dabei greifen sie auf Bekanntes, Vorurteile und Fantasien zurück. Diese werden zu

nächst in der Kleingruppe diskutiert. Es ist darauf zu achten, dass die erfundenen Aussagen möglichst realistisch sind, d.h. zu den vorher festgelegten Personenmerkmalen und Eigenschaften passen. Die Meinungen sind von den fiktiven InterviewpartnerInnen zu begründen. Haben sich die SchülerInnen auf eine mögliche Aussage geeinigt, wird diese auf vorbereiteten Sprechblasen notiert und zu den jeweiligen Personen geklebt.

Vorurteile, Einstellungen und das Wissen der SchülerInnen werden auf diese Weise erkundet und zur Sprache gebracht. Das fiktive Gegenüber wird zur Projektionsfläche und bietet den SchülerInnen eine schützende Distanz zur Auseinandersetzung mit anderen Positionen. Dabei müssen sie sich zu den formulierten Stellungnahmen ins Verhältnis setzen. Gleichzeitig erfährt das Thema durch die methodische Verfremdung seine Diskussionswürdigkeit.

In einem nächsten Schritt werden die Gruppenarbeiten vorgestellt. Hierzu stellen die Gruppen ihre Protagonisten und deren Einstellungen zum Thema vor. Die Äußerungen werden in der Klasse gesammelt und gemeinsam systematisiert.

Ggf. kann die/der Unterrichtende im Anschluss auch noch einen Schritt weiter gehen und einzelne SchülerInnen in der Rolle einzelner fiktiver Personen in eine Talkshow bitten. Nachdem die jeweiligen Rollen kurz vorgestellt wurden, erhalten die TeilnehmerInnen der Talkshow entsprechende Namensschilder. Die Rolle des Talkmasters wird von einem Jugendlichen aus dem Kreis der Schülerinnen und Schüler oder vom Unterrichtenden übernommen. Im Rahmen der Talkshow soll eine Auseinandersetzung mit dem Thema Beten auf dem Hintergrund der Erfahrungen der fiktiven Personen geführt werden. Zitate prominenter Personen werden dabei ebenfalls ins Spiel gebracht und diskutiert (siehe M2). Im abschließenden Unterrichtsgespräch ist die Talkshow auszuwerten.

Ziel der Bausteine ist es, eine grundlegende Offenheit für das Thema Gebet zu erzeugen. Im Rahmen der Interviews und der Talkshow sollen die Schülerinnen und Schüler Bedeutungen des Gebets auf die Spur kommen und systematisieren. In einem zweiten Schritt gilt es herauszuarbeiten, dass die Bedeutung des Gebets für den einzelnen eng mit biographischen Einflüssen korrespondiert.

Benötigte Materialen: Bilder aus Zeitschriften, Papier mit Sprechblasen zum Ausschneiden, Scheren, Plakatkarton, Stifte, Kleber/Klebestift(e)


M1

 

 M2

 
 

„Ich bete jeden Abend. Als Resümee des Tages und aus dem Bedürfnis, sich an jemanden zu wenden."
Marius Müller-Westernhagen

 
   

„Ich bete ständig innerlich, ohne die Hände zu falten. Es gibt auch Momente, in denen ich die Arme emporstrecke, auf den Boden knie und laut Gott preise. Ich versuche jeden Tag, inständig mit Gott verbunden zu sein."
Xavier Naidoo

 
 

„Beten heißt: in der Luft Gottes atmen."
Friedrich von Bodelschwingh

 
 
   

„Zwei Lebensstützen hat das Leben, Arbeit und Gebet heißen sie."
gefunden auf einem Haus

 
 

„Ich habe beim Casting, vor allem während der schweren Wochen in Ibiza, viel gebetet. Ohne Gottes Hilfe hätte ich nie den Einzug ins Finale geschafft."
Giovanni von der Gruppe BroSis über das „Popstar"-Casting auf Ibiza

 
 
   

„Ich bete zu Gott, dass er mir die Kraft gibt, das zu überstehen. Gott gibt und nimmt."
Sammy Kuffour (Bayern München) nach dem Tod
seines Sohnes

 
 

 

Welche Rolle spielt das Gebet in Deinem/Ihrem Alltag?

 
 
 
 

„Ich habe soviel Arbeit, dass ich nicht auskomme ohne täglich mindestens drei Stunden meiner besten Zeit dem Gebet zu widmen."
Martin Luther

 
   

„Ich bete oft, wenn ich heil nach Hause komme."
Michael Schuhmacher

 
 

„Es ist richtig, dass ich sehr gläubig bin und jeden Tag bete. Ich schöpfe Kraft daraus, und das hilft mir, wenn Sie so wollen, auch bei meiner Arbeit als Trainer. Es ist auch trostreich, zu wissen, dass es vielleicht doch noch etwas gibt nach dem Tod."
Ottmar Hitzfeld (Trainer Bayern München)

 

„Ich bin Christin, ich bete täglich und gehe in die Kirche."
Britney Spears

 
 
 

„Ich bete vor jedem Spiel und sogar noch vor dem Anpfiff auf dem Spielfeld. ... Als mein schwerer Fehler am Herzen festgestellt wurde und ich nie mehr Fußball spielen sollte, hatte ich nur noch eine große Hoffnung: Die auf Gott, und der hat mir geholfen. Dafür bin ich sehr dankbar."
Gerald Asamoah (Schalke 04)

 
 
 
 

„Ich glaube absolut an Treue und bete vor jedem Auftritt mit meinem Vater Psalm 91. Darin geht es um innere Kraft und Stärke."
Shakira

 
   

"Sorge und Niedergeschlagenheit treiben mich ins Gebet, und das Gebet vertreibt Sorge und Niedergeschlagenheit."
Phillip Melanchthon

 

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2003

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