Die Zukunft des Konfirmandenunterrichts

von Hans-Martin Lübking

 

 

Einige Richtungsanzeigen

Ich beginne mit einigen Schlaglichtern:

1.) Da ist ein Vorstellungsgottesdienst der Konfirmandinnen und Konfirmanden in der Kirchengemeinde Bad Rehburg oder Nienburg oder Bramsche am 8.3.2004: Zum Thema "Unsere Welt in zwanzig Jahren" haben siebzehn 14- und 15-Jährige den Gottesdienst weitgehend selbst erarbeitet und gestaltet. Sie haben das Thema selbst ausgewählt und den liturgischen Ablauf zusammengestellt, die Lieder ausgesucht und einen Song selber geschrieben. Sie haben Fürbitten formuliert - zu Fotos, wie die Welt in 20 Jahren hoffentlich oder hoffentlich nicht aussieht, und eine Szene ausgearbeitet, die einige von ihnen vorspielen: "Zu Besuch im Jahr 2024". Zwei Mädchen halten die Predigt. In der Kirche wird spontan geklatscht. Alle feiern das Abendmahl, die Konfirmanden gehen durch die Reihen und teilen es aus. Am Ende laden die Konfirmandinnen und Konfirmanden alle ins Gemeindehaus ein, zu Kaffee und Kuchen und hinterher Suppe, aber auch zu einer Ausstellungseröffnung.

Teil II: Sie haben ihre Konfirmandenzeit dokumentiert: Texte, die im Unterricht entstanden sind; Fotos von den Freizeiten; Songs, die für den Gottesdienst geschrieben wurden; ihren Beitrag für das Lokalradio; Eindrücke von den Praktika; Zeitungsartikel von ihrer Aktion mit der Jugendarbeit; Fotos von sich selbst und der Gruppe und ihre wichtigsten Eindrücke von den anderthalb Jahren, die hinter ihnen liegen. Eltern sind erschienen, einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Gemeindeglieder, die Mitglieder des Presbyteriums bzw. Kirchenvorstands. Stolz führen die Konfirmandinnen und Konfirmanden durch die Ausstellung, erläutern sie und geben Auskunft, wenn sie angesprochen werden. Man kann ein kleines Heft kaufen, das sie zusammengestellt haben, mit Fotos, kleinen Gebeten und Texten, RAPs und Geschichten, entstanden in den vergangenen anderthalb Jahren.

Nun folgt Teil III, anknüpfend an den alten Gedanken der Konfirmandenprüfung, aber ihn umkehrend: die "Prüfung der Gemeinde". Die Jugendlichen erzählen, was ihnen aufgefallen ist und sie stellen Fragen: ob der Gottesdienst so sein muss, wie er ist; warum es keine Jugendarbeit für Mädchen gibt; wieso soviel Geld für die Renovierung der Orgel da war, es aber kein Geld für die Instrumente der Jugendband gibt, usw. Die Mitglieder des Kirchenvorstands hören den Jugendlichen zu und versuchen zu antworten, soweit sie es können. Einige Eltern mischen sich ein. Das Gespräch wird lebhafter. Einige Jugendliche machen Vorschläge, Gemeindeglieder sind erstaunt. Die Vorschläge sind gar nicht revolutionär, sondern ganz pragmatisch und sehr vernünftig...

Teil IV: Es ist halb eins, die Konfirmanden sind k.o., alle freuen sich aufs Essen. Es gibt Gulaschsuppe. Auch die, die vorher noch unterschiedlicher Meinung waren, teilen die Teller aus, richten die Tische, setzen sich zusammen und essen.

Vorstellungsgottesdienst der Konfirmandinnen und Konfirmanden in Bad Rehburg oder Nienburg oder Bramsche am 8.3.2004.

  • Ich habe mit dieser Szene begonnen, weil sie manches von dem bündelt, was ich mir für die Zukunft des Konfirmandenunterrichts erhoffe (Sie merken, ich bin kein Utopist, sondern bekennender Realist und versuche, bestehende Praxis pragmatisch zu verbessern):
  • Auf Dauer hat der Konfirmandenunterricht keine Zukunft, wenn er nur die Privatveranstaltung der Pfarrerin oder des Pfarrers und einiger Teamer ist. Er ist eine Veranstaltung der Gemeinde und er muss einen hohen Stellenwert in der Gemeinde bekommen.
  • In Zukunft sollten wir das, was in der Konfirmandenzeit geschieht, entsteht und produziert wird, ernster nehmen. Es hat Gewicht, es ist interessant. Konfirmanden sind meist die interessanteste Gemeindegruppe, wenn wir es nur bemerken würden. Sie sind nicht die Zukunft der Kirche, sondern deren Gegenwart. Sie sind keine defizitären Wesen, die in erster Linie noch abgefüllt oder aufgefüllt werden müssten; nein, sie haben etwas drauf und müssen es auch mal zeigen können.
  • Der Konfirmandenunterricht der Zukunft muss demokratischer werden, noch ist er weitgehend ein vordemokratisches Fossil. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden müssen mehr am Geschehen beteiligt werden, ja sie müssen Rechte bekommen.
     

Ich möchte das, was ich jetzt angedeutet habe, in 6 Punkten etwas genauer, im Blick auf die Zeit aber auch mehr in Thesenform erläutern.

2) In Zukunft sollte der Konfirmandenunterricht auf der Basis eines Kontraktes stattfinden, in dem sich die Beteiligten über das Programm, die nötige Mitwirkung, die Formen und die Ziele in der Konfirmandenarbeit verständigen. Damit meine ich: Es gibt einen Jahrgangseckplan mit wesentlichen Spielräumen - Themen und Projekte, Freizeiten und Feiern, Gottesdienste und Praktika. Nicht alles ist festgelegt, es gibt Alternativen und Spielräume für Ideen der Konfirmanden. Die Gemeinde macht ein Angebot: "Das kannst du von uns erwarten" - sie setzt aber auch auf das Interesse und die Mitwirkung der Konfirmandinnen und Konfirmanden. Es gibt Konfirmandensprecher, es gibt eine institutionalisierte Beteiligung bei der Gestaltung der thematischen Freiräume, bei der Planung von Projekten und Freizeiten, bei der Klärung von Konflikten. Ab und zu und wenn nötig wird der Kontrakt thematisiert, überprüft und angepasst. Mir ist wichtig: Der Kontrakt sorgt für mehr Verbindlichkeit, nicht nur bei den Jugendlichen, sondern - noch wichtiger - auch bei den Unterrichtenden.

3) Ausgangspunkt des Konfirmandenunterrichts der Zukunft müssen zunächst die Konfirmandinnen und Konfirmanden selbst sein: ihre Situation, ihre Fragen, ihr Erfahrungs- und Verstehenshorizont. Das ist nicht neu, das steht seit 20 Jahren in jeder ernstzunehmenden Veröffentlichung zum Konfirmandenunterricht. Mir scheint es zur Zeit fast wichtiger zu sein, zu betonen, was Konfirmandenorientierung nicht heißen kann: Konfirmandenorientierung ersetzt die Inhalte nicht. Es ist modisch geworden zu sagen: "Die Menschen sind wichtiger als der Themenplan" (U. Schwab). Das ist abstrakt richtig. Zugleich gilt aber doch: Wer in scheinbarer Annäherung an die Lebenswelt Jugendlicher ohne thematischen Plan immer gerade das zum Thema macht, was bei den Jugendlichen oder in der Gruppe gerade dran zu sein scheint, dreht sich nicht nur bald im Kreis, sondern veranstaltet auch einen autoritären Unterricht. Konfirmandenorientierung ist auch nicht mit Erlebnisorientierung gleichzusetzen. Wer darauf setzt, hat Konfirmandinnen und Konfirmanden eigentlich schon als blöd abgeschrieben. Gewiss: Konfirmandenunterricht soll Spaß machen; aber nur was interessant ist, macht auf Dauer Spaß.
Konfirmandenorientierung konkretisiert sich letztlich in Beteiligung und Mitgestaltung - im mitplanen, mit auswählen, mitentscheiden und mitvertreten können.

4) Natürlich hoffe ich, dass Methodenvielfalt und Handlungsorientierung in der Praxis weiter zunehmen und für den Konfirmandenunterricht der Zukunft selbstverständlicher sein werden als noch zur Zeit. Und nach wie vor ist es für mich zentral, dass die Konfirmandinnen und Konfirmanden in dieser Zeit lernen können, dass der christliche Glaube etwas mit ihren Fragen und Problemen zu tun hat. Doch mir scheint es an der Zeit, etwas anderes zu betonen: In der Konfirmandenzeit müssen die Jugendlichen etwas Neues lernen und erfahren können, in religiösen Fragen selbständiger und d.h. auch sprach- und ausdrucksfähiger werden, muss es auch zu Erkenntnis- und Erfahrungsfortschritten kommen. Wenn ein Konfirmand auch nach der Konfirmation noch nicht weiß, dass man mit der Taufe Mitglied in der Kirche wird oder Martin Luther nicht die Kirche gegründet hat, dann halte ich das für eine Bankrotterklärung des Unterrichts. Kurz: Im Konfirmandenunterricht muss auch etwas dabei herauskommen. Es kann nicht nur darum gehen, eine schöne Zeit miteinander zu verbringen oder die Beziehungen untereinander zu bearbeiten. Es darf nicht der Unterricht der unbeantwortet gebliebenen Fragen sein.
Was Fulbert Steffensky für den Religionsunterricht gesagt hat, gilt auch für den Konfirmandenunterricht: "Ich kann mir keinen Religionsunterricht vorstellen, der nicht auch etwas Missionarisches hat; nicht Missionierung für die Kirchen, wohl aber für die Bilder der Lebensrettung. Tradition verstehe ich als eine Überlieferung der Bilder der Lebensrettung, die Menschen miteinander teilen. Dass das Leben kostbar ist; dass Gott es liebt; dass einmal die Tränen abgewischt werden sollen; dass wir zur Freiheit berufen und dass die Armen die ersten Adressaten des Evangeliums sind, das sagt, das singt, das spielt uns diese Tradition in vielen Geschichten und Bildern vor." Und ich ergänze: Diese Geschichten und Bilder dürfen wir den Jugendlichen in einer Zeit der Leichtgläubigkeit und einer grassierenden religiösen Warenhausmentalität um Gottes willen nicht vorenthalten.

5) Als therapeutische Veranstaltung für 12- bis 14-Jährige wäre der Konfirmandenunterricht überfordert. Trotzdem sollte er, auch in Zukunft, eine seelsorgerliche Dimension haben. In jeder Konfirmandengruppe sitzen inzwischen Jugendliche mit erheblichen Problembelastungen - von krimineller Auffälligkeit bis zu erheblichem Schuldruck, mit Essstörungen oder mit Gewalterfahrungen. Wir werden ihre Probleme im Konfirmandenunterricht nicht lösen können und wir sollten uns hüten, solche Fälle selbst bearbeiten zu wollen. Aber wir dürfen den Unterricht auch nicht unbeeindruckt von der Situation dieser Jugendlichen einfach durchziehen. Wir können eine erkennbare Anlaufstelle sein, vielleicht Hilfen vermitteln, eventuell sollten wir uns auch einmischen. Das setzt aber ein Interesse an den einzelnen Personen sowie eine genauere Wahrnehmung ihrer Situation voraus, die wir nicht durch Shell-Studien, sondern durch Zusammensein mit ihnen, bei Freizeiten, beim gemeinsamen Fußballspiel, beim Eisessen usw., und durch gezielte Fortbildung erwerben können.
Alle Indizien weisen darauf hin, dass wir in Zukunft mit einer weiter wachsenden sozialen Schere und mit einer Zunahme von psychischen Belastungen bei Jugendlichen rechnen müssen. Dies wird auch die Konfirmandenarbeit tangieren.

6) Auch in Zukunft werden die unterrichtenden Personen eine entscheidende Bedeutung für die Qualität der Konfirmandenarbeit haben. Hierzu könnte man jetzt mehr als eine Stunde reden. Ich beschränke mich auf einige wenige Bemerkungen:

  • Wo weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kontinuierlich in der Konfirmandenarbeit mitwirken, profitiert diese Arbeit von neuen Ideen, wird sie methodisch vielseitiger, steigt die Motivation, ist der Unterricht zumindest immer ein vorbereiteter - wird er aber auch vorbereitungsintensiver. Die Zukunft gehört dem Team in der Konfirmandenarbeit - aber auch die Teamer brauchen Aus- und Fortbildung und Beratung.
  • Ich plädiere seit langem dafür, den Konfirmandenunterricht in Zukunft in Zusammenarbeit mit der Jugendarbeit als Veranstaltung der Gemeinde für Jugendliche zu organisieren. Ein solcher Unterricht, wie immer er nach den konkreten Möglichkeiten vor Ort auch aussieht, basiert auf einer gemeinsamen Planung und Zusammenarbeit von Pfarrern, Jugendmitarbeitern und Ehrenamtlichen von Anfang an. Nach wie vor glaube ich, dass das Konzept viel für sich hat, nur hat sich in den letzten Jahren die Jugendarbeit oft als problematischer Partner erwiesen: Sie hat zur Zeit mehr Akzeptanzprobleme als der Konfirmandenunterricht.
  • Wo aus unterschiedlichen Gründen kein Team zustande kommt, müssen aber doch die Arbeitsbedingungen für Einzel-Unterrichtende gravierend verbessert werden. Unsere westfälische Untersuchung zum Konfirmandenunterricht hat deutlich gezeigt: Die unterrichtenden Pfarrerinnen und Pfarrer wissen in der Regel selbst, wie sie ihren Unterricht verändern oder verbessern müssten, aber sie kommen nicht dazu oder sie haben nicht die Mittel dazu. Viel mehr als bisher müssen die einzelnen Landeskirchen m. E. in Fortbildung, in Materialien, in eine Service-Infrastruktur investieren. Hier kann man von den Katholiken nur lernen.
  • Schließlich: Wir brauchen auch für den Konfirmandenunterricht Formen von Qualitätssicherung. Hier stehen wir noch am Anfang, doch die Aufgabe ist überfällig. Alle weiteren Bemühungen um eine gute Konfirmandenarbeit werden unterlaufen, wenn der Unterricht ein viertel Jahr ausfällt, von fortbildungsresistenten Pfarrern erteilt wird, in ungeeigneten Räumen stattfindet oder von einer chaotischen Zettelwirtschaft begleitet wird. Wir brauchen beschreibbare und umsetzbare Qualitätsmerkmale für den Konfirmandenunterricht.
     

7) Der Konfirmandenunterricht ist, blickt man auf seine Geschichte, ein Erfolgsmodell der evangelischen Kirche. Zugleich ist er bisher ein Billigmodell gewesen, er hat in der Ausstattung und in der Aufmerksamkeit einer Landeskirche aber auch der Gemeinden keinen hohen Stellenwert. In den meisten Gemeinden läuft er weitgehend "nebenher", außer den Unterrichtenden bekommt kaum einer etwas von ihm mit. Doch führt der Konfirmandenunterricht ein Winkeldasein in der Gemeinde, dann registrieren die Konfirmandinnen und Konfirmanden: "So wichtig kann es nun auch nicht sein" - mögen sich einzelne Unterrichtende auch noch soviel Mühe geben. Auf Dauer kann der Konfirmandenunterricht nur dann ein Erfolgsmodell bleiben, wenn er in Zukunft kein Billigmodell mehr ist. Das gilt nicht nur für den Konfirmandenunterricht, sondern auch für andere Formen kirchlicher Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Wir brauchen darum eine Initiative für und mit Kindern und Jugendlichen in der Kirche, eine Kinder- und Jugendbewegung, die in den nächsten zehn Jahren ins Zentrum kirchlicher Arbeit rücken sollte. Damit Sie sich vorstellen können, wie so etwas konkret aussehen kann, nenne ich Ihnen einige Richtungsanzeigen:

  1. In jedem Ort, in jeder Gemeinde sollten Kinder von 6-12 Jahren die Möglichkeit haben, jeden Tag von montags bis freitags in geöffnete Kinderräume, in einen Kinderklub oder in eine vergleichbare Einrichtung gehen zu können, die von der Evang. Kirche organisiert wird oder an der sie kooperativ beteiligt ist.
  2. In jedem Ort, in jedem Stadtteil sollte es ein von Jugendlichen mitverantwortetes Jugendcafé oder Jugendbüro geben, einen Treffpunkt, eine Kontakt- oder Informationsbörse, eine Anlaufstelle für Beratung.
  3. Keine Gemeinde, keine Region ohne Jugendgottesdienste!
  4. In jeder Gemeinde sollte es einen Kinder- und Jugendbeirat geben. Dieses Gremium nimmt in Delegation des Presbyteriums die Kompetenzen für den Bereich der Kinder und Jugendlichen wahr.
  5. Für das nächste Jahrzehnt sollten wir eine Initiative für religiöse Erziehung in den Arbeitsfeldern verabreden, für die wir selbst verantwortlich sind: Von den Krabbelgruppen bis zum Kindergottesdienst.
  6. Keine Gemeinde ohne Kontakte zu den Schulen in ihrem Umfeld.
  7. Für die Jugendlichen, die ehrenamtlich in der Kirche mitarbeiten, sollten wir einen Service aufbauen: Kostenlose Fortbildung, verbilligte Freizeiten, besondere Mitwirkungsmöglichkeiten usw.
  8. Ich träume davon, dass wir in den nächsten Jahren eine gute, witzige, interessante kirchliche Jugendzeitung für die Region produzieren - ohne kirchlichen Stallgeruch, also keine Jugendseite im Sonntagsblatt, sondern weitgehend von Jugendlichen mitgemacht, ausgelegt und verteilt in Schulen, Jugendhäusern, an Treffpunkten.


Schließen möchte ich mit einem Ausblick. Es gibt ein Land in Nordwesteuropa, in dem die evangelische Kirche wächst. Das ist Finnland. Der Konfirmandenunterricht ist ein Renner, er ist unter Jugendlichen "in". Fragt man finnische Kirchenleute, warum das so ist, lautet fast immer die Antwort: "Die Arbeit mit Jugendlichen hat in unserer Kirche eine Priorität."

 

Text aus Loccumer Pelikan

1/1998