Die Lutherbibel – eine robuste Übersetzung mit Reibungsflächen
Welche Bibel für den Konfirmandenunterricht? – pro Lutherbibel

von Florian Schneider

 

Der Herr ist mein Hirte.“ „Euch ist heute der Heiland geboren.“ „Und Saul ging hinein, um seine Füße zu decken.“

Sonntag. 10 Uhr. Ein Kirchenvorsteher liest eine Epistel. Er liest die Lutherübersetzung. Was werden die anwesenden Konfirmandinnen und Konfirmanden verstehen? Sie begegnen einer Sprachwelt, die ihnen aus dem Unterricht vertraut ist, sie finden Bibelworte aus dem Unterricht im Gottesdienst wieder. Die gottesdienstliche Funktion biblischer Texte ist ein wichtiges Kriterium in der Frage, welche Bibelübersetzung dem Unterricht in der Regel zugrunde liegt. Solange die Lutherübersetzung im gottesdienstlichen Kontext gebräuchlich ist und die Konfirmandinnen und Konfirmanden in das gottesdienstliche Geschehen integriert werden sollen, wird an der guten alten Lutherübersetzung kaum ein Weg vorbei führen.

Gut. Und alt. Und bestimmt ungewohnt und altbacken für jüngere Ohren. „Verstehst du, was du liest?“ Konfirmandinnen und Konfirmanden werden nicht immer nicken. Mutmaßlich: unmittelbares Unverständnis, in dem ich jedoch kreative und didaktische Potenziale der Lutherübersetzung sehe. Die Zumutung religiösen Lernens liegt in der Begegnung mit einer fremden Wirklichkeit und deren fremder Sprachwelt. Gerade die Fremdheit, die herausfordert und zur Reaktion provoziert, weckt Neugier und produziert Aha-Erlebnisse. Die Lutherbibel ist weniger das Ziel, sondern der Ausgangspunkt der religionspädagogischen Arbeit. Religion ist Arbeit, religiöses Lernen ebenso. Es ist ein Akt der Wertschätzung, jungen Erwachsenen das nicht zu ersparen. Eine Bibelübersetzung darf Religion nicht möglichst billig machen, sondern muss einen Aneignungsprozess initiieren. Auf dem Weg zum Verstehen werden die Jugendlichen eine bessere – ihre – Übersetzung finden. Erst in ihren Worten und ihrer Sprache ausgesprochen ist etwas wirklich ihr Eigentum. Diese aneignende Arbeit bedarf eines externen Impulses, ist aber unvertretbar. Anbiedernde Übersetzungen unterstellen Faulheit und leiten nicht zur religiösen Arbeit an.

So sehr Luther dem Volk aufs Maul geschaut hat, ebenso sehr hat er eine plumpe Wiederholung des spezifischen Idioms der Zeitgenossen, eine Anbiederung, vermieden: Saul geht hin und deckt seine Füße (1Sam 24,4). Konfirmanden sind sehr sensibel für falsche Augenhöhe und aufgesetzte Jugendlichkeit. Mit der Lutherübersetzung wird ihnen eine elementare und lebenssatte Sprache zugemutet – allerdings ohne kumpelhaften Gestus.

Sie können sich an ihr reiben, und damit gibt die Lutherbibel den Startschuss für Aneignungsprozesse. Wenn ich mich als Konfirmand an den Worten „Heiland“ und „Hirte“ gestoßen und meine Übersetzung gefunden habe, dann wird der Einsatz der Lutherbibel ein nachhaltiges Ergebnis bewirken. Nachhaltig, weil selbst erarbeitet. Dass „der Herr mein Hirte“ ist, mag in jeder Hinsicht ein fremdes Sprachspiel sein. Aber es wird, wenn ich diese Worte im Unterricht lese und ihnen meinen Klang unterlege, eine weitreichende Bewegung, eine kleine Performance entstehen. Ich kann in Psalm 23 hineinkriechen, ohne zu verstehen, was eigentlich ein „Stecken“ ist. Ich kann den Psalm – gar nicht stumpf – abschreiben (auf kostbares Pergament) und erahne den Wert dessen, was ich da in der Hand halte. Vielleicht staune ich als Konfirmand auch, wenn ich am Sonntag registriere, mit welchem Schwung und welcher Andacht dieser Psalm mit den Worten, die auch ich im Unterricht nachgekaut habe, gelesen und gebetet wird.

Die deutsche Bibelgesellschaft hat jüngst das Neue Testament nach Luther in einer wasserfesten Ausgabe herausgegeben (ISBN: 978-3-438-02316-2): Eine Bibel, die extremen Witterungsverhältnissen stand hält. Eine Bibel, die bereit für jeden Einsatz ist, die selbst dann noch trägt, wenn „das Wasser mir bis an die Kehle“ geht (Ps 69,2). Die Lutherübersetzung ist eine derart robuste Übersetzung, dass wir sie aus der Hand und Jugendlichen in die Hand geben können.

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2011

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