Wider die Tornister-Didaktik
Auswendiglernen in der Konfirmandenarbeit – Contra

von Burkhardt Nolte

 

Wir brauchen relevante Texte der biblisch-christlichen Tradition! Die Erfahrung mit unseren Konfis zeigt nämlich durchgängig, dass viele an einen Gott glauben, aber nicht mehr an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Vater Jesu Christi. Das Auswendiglernen von klassischen Texten wie dem „Psalm 23“, den „10 Geboten“, usw. bringt aufs Deutlichste zur Sprache, dass der Glaube an Gott ein bestimmter ist.

Also spricht eigentlich nichts dagegen. Allerdings wird dies häufig mit einer Verheißung versehen, die dieser Methode nicht zukommt. Gerade deshalb ist es nötig, hier Warnschilder aufzustellen.


Auswendiglernen als Didaktik der Selbstrechtfertigung

Gibt es am Ende der Konfirmandenzeit eine Prüfung, können die Konfis z.B. das „Vater Unser“ oder die „Zehn Gebote“ auswendig. Also haben sie genug gelernt und können zur Konfirmation zugelassen werden. Zugleich legen aber die Unterrichtenden Rechenschaft über ihren KU ab, und der Kirchenvorstand signalisiert, dass der KU das Qualitätssiegel „gut“ erhält. Wer jedoch den KU didaktisch mit einem solchen Globalziel ausstattet, hat zwar am Ende einen theologischen Grundkurs absolviert, stellt jedoch nicht die entscheidenden Fragen. Kenntnisse über den Aufbau beispielsweise des „Vater unsers“ oder eine angemessene Gebetshaltung sind in meinen Augen nicht maßgeblich für eine gute Qualität von KU. Theologisch gesprochen muss Konfirmandenarbeit Vertrauen bildend sein: Konfis sollen der Wirklichkeit Gottes in ihrem Leben auf die Spur kommen. Die relevante Frage – um beim Beispiel „Vater unser“ zu bleiben – lautet daher nicht, wie Beten funktioniert, sondern ob!


Auswendiglernen als „Tornisterdidaktik“

„Man weiß ja nie, wozu sie es gebrauchen können.“ Hinter diesem beliebten Argument für das Auswendiglernen steht die Überzeugung, dass die Konfizeit zwar nicht für die Jugendlichen jetzt, aber doch für irgendeinen in der Zukunft liegenden Zeitpunkt gut sein wird, quasi als Gepäck für schwere Zeiten. Das Gefährliche an diesem Argument ist, dass es zutrifft. Unsere Großelterngeneration wird nicht müde, uns davon zu erzählen, wie sehr sie sich in den Bunkern während des Zweiten Weltkriegs an der tröstlichen Botschaft beispielsweise des 23. Psalmes festhalten konnten: „...und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück“.

Didaktisch darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass Jugendliche jetzt in diesem Augenblick, in dem sie u.a. mit dem 23. Psalm konfrontiert werden, von der tröstlichen Botschaft profitieren können, ja sollten. Warum kennen denn Konfis Lieder, wie die von der Band „Silbermond“ auswendig, wenn es da z.B. heißt: „Gib mir einfach nur ein bisschen Halt in einer Welt, in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas, das bleibt.“ Das wäre es doch, wenn wir gemeinsam im KU entdecken, dass der 23. Psalm genau davon erzählt, und wenn wir mit den Jugendlichen darüber ins Gespräch kommen, an welchen Stellen ihr Leben bedroht ist, sich also im finsteren Tal befindet, und wie wohltuend es ist, zugleich zu erleben, dass sie bei Gott bleibenden Halt finden können.

Auswendigkönnen ist etwas anderes als Auswendiglernen! Wer etwas wirklich auswendig kann – und zwar weil ihm/ihr die Relevanz jetzt und heute einleuchtet – der kann es auch noch in zehn Jahren.

Fazit: Das, was Konfis am Ende ihrer Konfizeit auswendig können, ohne dass sie es explizit gelernt haben, ist die Nagelprobe dafür, was für sie relevant geworden ist. Die Konfis geben mit der so genannten Prüfung Auskunft darüber, ob sie gute Nahrung für sich und für unsere Welt erhalten haben.

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2009

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