Das „Menschenbild“ von Hermann Buß
Anstoß zu An-Sicht und An-Denken

von Silke Leonhard 

 

Manchmal faszinieren uns Bilder so, dass sie uns nicht loslassen. Dann wird das Sehen zum Betrachten und das Betrachten zur Neubegegnung und die Begegnung zur Gestaltung. So geht es mir mit dem „Menschenbild“ von Hermann Buß, das im Rahmen der Ausstellung „SeeRäume“ drei Monate in den Räumen der Ev. Akademie und des RPI Loccum gehangen hat. Kunst kann den Alltag in anderes Licht stellen, vertraute und fremde Blickwinkel auf das Leben changieren lassen und dazu bewegen, ästhetische Zugänge zu theologischen Themen auf sich zukommen zu lassen. Die folgende Andachtspartitur ist die Überarbeitungsfassung einer Morgenandacht, die in der hauseigenen Kapelle gehalten wurde. Begegnungen mit dem „Menschenbild“ als Anlass und Werkstück zum religiösen Lernen sind in den begleitenden methodischen Überlegungen zum bilddidaktischen Umgang im Religions- oder Konfirmandenunterricht festgehalten.

 

Andacht: Vom Menschenbild


Begrüßung
Lied EG 437, 1-4: Er weckt mich alle Morgen
Gemeinsames Gebet im Wechsel: EG 715 – Psalm 30

Meditation zu Hermann Buß‘ „Menschenbild“

Den habe ich schon mal irgendwo gesehen. Der kommt mir bekannt vor. Neulich war’s, da habe ich den schon mal gesehen.

Liebe Andachtsgemeinde, das kann schon sein. Vielleicht haben Sie den schon mal gesehen. Vielleicht neulich, in der Johanneskapelle der Klosterkirche in Loccum. Der ostfriesische Künstler Hermann Buß, von dem dieses Bild stammt, hatte die Kapelle zur 850-Jahrfeier des Klosters Loccum ausgemalt. Auf einer der vier Gewölbewände ist die zentrale Gestalt dieses Bildes mitten in einer Menschenmenge zu sehen, abgetaucht, aber mit dem Blau des Kapuzenpullis unverkennbar. Da ist er ein Außenseiter, in anderem Stil, unpassend, der aus einer Menge entfernt wird.

Und während der Ausstellung der Sammlung „SeeRäume“ , die in den Gängen der Evangelischen Akademie und des Religionspädagogischen Instituts Loccum hängt, begegnet mir genau dieses Bild auch bei uns. Inmitten der anderen eher grauen Bilder fällt es auf, schön das herausstechende Blau, das Bild im Kontext der anderen als eines, auf dem die See, das Meer gar keinen Fluchtpunkt bildet. Als ob es nicht ganz dazugehört. Denn die See, die Ferne, die Weite, die auf den anderen Bildern der Ausstellung zwar unterbrochen ist, aber doch einen Horizont bildet, wird nicht so richtig sichtbar. Oder doch?

Wer das Tafelbild in der Johanneskapelle in Loccum kennt, denkt: Diese Gestalt hat sich der Künstler hier nochmal richtig herausgepickt und den Zoom auf sie draufgehalten. In der Entstehung der beiden Bilder ist es jedoch umgekehrt: Dieses Bild war der Anfang. Dieses Bild wurde ihm so wichtig, wurde mitgetragen, dass er den jungen Mann und seine Haltung noch einmal in einen anderen Kontext gestellt hat. Er hat ihn mitgenommen in die Kirche.

Den habe ich schon mal irgendwo gesehen. Der kommt mir bekannt vor. Die Haltung kommt uns bekannt vor. Der junge Mann hängt ein bisschen in den Seilen – nein, genauer: in den Armen zweier Männer, die in ihrer Arbeitskleidung richtig zupacken. Der Rechte stützt ihn vielleicht sogar mit dem Knie. Fällt er herunter? Droht er gleich zu sinken und so dreckig zu werden wie die anderen beiden? Dann sind seine schicke Cargohose und der seemannsblaue Hoody hin, dann ist er nicht mehr so rein. So ist auch zu sehen, dass er noch gar nicht auf dem Boden gelegen haben kann. Fällt er also, würde er liegen, wenn die starken Arme nicht wären – einer rechts, einer links, die ihm buchstäblich unter die Arme greifen. Sein Blick geht zu Boden, aber wenn man in sein Gesicht schaut, sieht man auch, dass dort nicht – oder zumindest nicht nur – Verzweiflung sein kann. Kein Stirnrunzeln, keine vollkommene Zerknitterung. Vielleicht ist er froh, dass ihn die beiden anderen halten? Denn eigentlich ist diese Position alles andere als wünschenswert.

Den habe ich schon mal irgendwo gesehen. Neulich, in der Stadt, als sich einer demonstrativ auf den Boden setzte, ein Zeichen setzen wollte gegen den Konsum. Und neulich auf dem Schulhof, als der hagere Junge zusammenklappte, nachdem die anderen ihn geärgert hatten. Wie gut, dass zwei Bauarbeiter in der Nähe standen, die ihn aufgefangen haben – so schnell konnte die Pausenaufsicht gar nicht gucken.

Den habe ich schon mal irgendwo gesehen. Einer, der auf dem Weg ins Meer war, der seinem Leben ein Ende setzen wollte. Doch dann waren da zwei andere am Meer, ganz zufällig und doch, als hätten sie in diesem Moment der Verzweiflung des jungen Mannes nirgendwo anders besser sein sollen. Sie halten ihn fest, halten ihn davon ab, vom Suizid, halten ihn am Leben.

Hermann Buß hat diesem Bild den Titel „Menschenbild“ gegeben. Mit diesem Namen hinterfragt es ganz klar, was mir täglich vor Augen ist. Worauf schaue ich, wenn ich den Menschen vor mir sehe? Prägt meine Arbeit in der Schule und an anderen Bildungsorten, vom starken, leistungsbereiten Menschen auszugehen, vom tollen Menschen, der so viel lernen und erreichen könnte, um sein Leben in die Hand zu nehmen, um klug zu werden? Oder sehe ich mit gesenktem Blick enttäuscht auf die Veränderungen der Kindheit und Jugend, die im Vergleich zu früher vieles nicht mehr erreicht? Meine eigenen Menschenbilder prägen meinen Blick. Was wir sehen, blickt uns an : Gegenwärtige Bildung lebt von Bildern von Menschen, die sie entwerfen. In ihnen spiegelt sich, worauf wir achten. Und Bildung geht nicht ohne Bilder.

Denn pädagogisches Handeln braucht etwas Konkretes. Dazu zählen z. B. Vorbilder: sich so schön und anmutig bewegen zu können wie olympische Athletinnen, so klasse Fußball spielen zu können wie Messi, so weise zu sein wie Gandhi oder Mandela, so viel zu bewirken wie Humboldt, ... – so klug zu werden, dass man Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden kann. Wir suchen Maßgaben, an denen gemessen werden kann: Fähigkeiten, Fertigkeiten, Kenntnisse, Kompetenzen. Was wäre Bildung ohne Ziele? So wie Fußball ohne Tor, die Symphonie ohne ihren Schlussakkord, eine Schullaufbahn ohne Abschluss. Die Verführung liegt nahe, Menschenbilder zu Standards zu erheben. Dabei legen wir das Maß und Urteil von außen an den Menschen an; dann wird das Bild zum Bildnis.

Du sollst dir kein Bildnis machen – wohl aber sehen und am Bild das Sehen lernen, die Wahrnehmung schärfen, das Hinsehen üben. Wir sehen durch einen Spiegel ein dunkles Bild, so beschreibt es der Korintherbrief (1. Kor 13,12f). Jeder und jede von uns wird etwas und jemand anderes Bekanntes sehen in diesem Menschenbild. Es bleibt aber auch etwas verborgen, fremd, in der Konkretheit der Person. So schimmern verschiedene, gegensätzliche Seiten des Menschseins durch – der Gefallene und der Getragene, das stürzende Leid und das Aufhebende, erhebende Aufrichtung, Tod und Auferstehung. Auch in dieser Hinsicht habe ich den schon mal irgendwo gesehen. Auf einem anderen Bild, zumindest in ähnlicher Haltung. Da war er vorher nicht stehend, sondern hängend, ganz ähnlich wie der am Kreuz. Dieses Menschenbild von Hermann Buß erinnert an die Abnahme des Gekreuzigten – ein starkes Motiv in der Passionsthematik: Er ist heruntergekommen, heruntergenommen vom Kreuz. Bei aller Kraft ist das nicht das Ende.

Der Vers vom Sehen durch einen Spiegel geht aber noch weiter: „Wir sehen durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ Ich sehe in ihm den Starken, sehe das Fallende, sehe das Auffangen. Da sinkt jemand oder rebelliert. Ich sehe mein Kämpfen, mein Stolpern, das nicht mehr Können, wenn ich nicht weiter weiß. Ein Menschenbild wie dieses bietet mir den Perspektivenwechsel an. Wir sehen die Gesichter derjenigen, die auffangen, oft nicht. Vielleicht steckt hierin gerade deswegen eine Aufforderung, in diesem Menschenbild auch das Erbarmen zu sehen. Bußzeit und Passionszeit mit der Zeit für ein Bild von Buß zu verbinden, zeigt: Die Not vor uns ist sichtbar, die Unterstützungen für die anfälligen Situationen und Menschen sind angedeutet. Es könnten auch Gottes Arme sein, der beim Aufrichten hilft und dessen Gesicht nicht immer sichtbar ist. Oft sind nicht nur unsere Augen gefragt, mit denen wir auf das Leid hinsehen, sondern zusätzlich unsere Arme und Hände, mit denen wir Leidende unterstützen. Dafür schenke Gott uns Blicke von Angesicht zu Angesicht und einen starken Arm. Amen.


Lied: EG 171: Bewahre uns, Gott

Vater Unser

Segen

Herr, wir leben hier – segne uns.
Du lässt uns selbst gehen – behüte uns.
Du schickst uns auf unseren Lebenswegen in die Welt der Anderen –
lass dein Angesicht leuchten über uns.
Amen.

 

Didaktisch-methodische Überlegungen


Rahmengestaltung zur lebensweltlichen Situierung des zentralen Bildmotivs
Hermann Buß hat sein „Menschenbild“ wiederholt verwendet: In einem Tafelbild der Loccumer Klosterkapelle ist die Figur in einen neuen situativen Kontext gestellt – die Gestalt wird zu einem, der buchstäblich aus der Menschenmenge herausfällt bzw. herausgezogen wird. Dieser Weg der motivischen Kontextualisierung, mit welcher der Künstler selbst arbeitet, ist auch für die unterrichtliche Praxis in Religionsunterricht und Konfirmandenarbeit hilfreich: Das Bild kann auf einem DIN A 3 Blatt so positioniert werden, dass rundherum Platz ist, die Situation des Gefallenen bzw. Getragenen darzustellen. Dazu entwerfen die Lernenden eine Situation, entscheiden darüber, ob oberhalb oder unterhalb des dargestellten Ausschnitts etwas zu sehen sein soll und gestalten den Kontext um das Bild herum mit Blei- oder Buntstiften. Sichtbar wird an den räumlichen und motivischen Proportionen der lebensweltliche und religiöse Bezug der Figur, aber auch der Bedeutungsakzent bei der eigenen Wahrnehmung des Bildes als Menschenbild.

 

Fokussierung einzelner Bildelemente und Erschließung der Leiblichkeit des Bildes
Um einzelne Teile des Bildes zu fokussieren und deren Rolle im Gesamt des Menschenbildes zu ermitteln, können sie durch eine optische Untermalung bzw. Umrandung (z. B. auf OHP mithilfe farbiger Folienstücke oder bei einem digitalen Bild durch eine Umrahmung bzw. Isolierung) hervorgehoben werden. Auch Papiermasken bieten diese Möglichkeit durch bewusstes Ab- und Aufdecken von Finessen. Das vergrößerte Übertragen eines Ausschnitts auf Papier wirkt wie das Heranzoomen und schärft die Konzentration auf ein Detail. Hier bieten sich die Knie an (Fallen sie oder werden sie gestreckt?) und die je unterschiedlichen Hände, die auch im Vergleich mit anderen berühmten künstlerischen Darstellungen von Händen verdeutlicht werden. Stets wird dabei die Wirkung der Darstellung einbezogen.

Genauer erschließt sich die buchstäbliche Haltung des dargestellten Menschen durch eine leibliche Perspektivenübernahme, indem das Bild nachgestellt wird. Drei Lernende imitieren die Haltungen leiblich, diese werden für einen Moment eingeforen und die Haltungen kommen aus der Innenperspektive zur Sprache. Anschließend kann das Bild verflüssigt werden, indem die Lernenden Bewegungsrichtungen erproben. Diese Prozesse werden reflektiert: Welche Richtung erscheint den Darstellern, welche den Betrachtern wahrscheinlicher? So können Deutungen erweitert wie präzisiert und die symbolische Ordnung des Bildes erfasst werden. Dabei können auch assoziierte Redewendungen wie „unter die Arme greifen“ oder der Text der Lieddichtungen von Arno Pötzsch: „Du kannst nicht tiefer fallen“ unterstützen.

 

Theologische Kontextualisierung im Horizont anderer Menschenbilder und praktischer Verortungen
Im Zusammenhang mit der Passionsthematik wäre das Menschenbild dahingehend (z. B. auch durch die Interpretation von Mk 15, 42-47) zu orientieren und zu begründen, inwieweit eher Passions- oder Auferstehungsmotivik verarbeitet wird. Könnte es sich um ein Jesusbild handeln? Schließlich kann vor dem Horizont gängiger anderer Menschenbilder der Stellenwert dieser künstlerischen Darstellung als Bild vom Menschen diskutiert werden. Inwieweit thematisiert es ein würdiges Bild vom lebenswerten Leben? Die Tatsache, dass Hermann Buß auch Altarbilder geschaffen hat, führt zu der unterrichtlichen Frage nach der praktisch-theologischen Funktion des Bildes. Denkbar wäre ein fiktiver Gestaltungsauftrag nach folgendem Muster: Im Kirchenvorstand eines Dorfes wird diskutiert, ob das „Menschenbild“ von Hermann Buß ein mögliches Altarbild für die Dorfkirche sein könnte. Sammelt Argumente dafür und dagegen, wägt diese ab und formuliert ein Plädoyer für die kommende Kirchenvorstandssitzung!

 

Anmerkungen

  1. Siehe auch http://www.hermannbuss.info/image.php?id=66, abgerufen am 22.1.2014.
  2. Gemeinsame Ausstellung des RPI und der Ev. Akademie Loccum zu Werken des Künstlers Hermann Buß vom 19.10.13 bis 10.01.14.
  3. Titelzitat von Georges Didi-Huberman: Was wir sehen, blickt uns an. Zur Metapsychologie des Bildes. München 1999.
  4. Vgl. Arend de Vries / Christian Stäblein (Hg.): Buß-Bilder. Johannes-Kapelle Kloster Loccum. Hannover, 11.
  5. Vgl. z. B. Michelangelo, Mathias Grünewaldt, Arnold Schönberg, Georg Baselitz etc.
  6. Vertonungen in EG 533 von Hans-Georg Bertram 1986 oder im Kanon von Ulfert Smidt 2010.
 
Herrmann Buß, Menschenbilder, 2011