Die Kirche braucht orientierende Texte
Auswendig lernen in der Konfirmandenarbeit – pro

von Martin Hinderer

 

Die Kirche braucht orientierende Texte, die einen Kernbestand an Einsichten wiedergeben, die zum Glauben notwendig sind. Texte, die auf Verständigung und Vergewisserung über alle Generationen und Konfessionen hinweg angelegt sind, wie das Glaubensbekenntnis oder die Zehn Gebote. Und so hat das Auswendiglernen von Bibel- und Katechismustexten noch immer einen festen Platz im Konfirmandenunterricht. Die meisten Texte, die gelernt werden, sind eingebunden in Lebenszusammenhänge der Gemeinde oder auch des persönlichen Lebens: das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, der Taufbefehl, die Abendmahlsworte, die Zehn Gebote und Psalm 23.

Luthers bahnbrechende Einsicht sollte dabei aber nicht in Vergessenheit geraten: Der Lernweg kann und darf nur im Dialog mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden gegangen werden. Die Frage „Was bringt’s?“ ist als Frage nach der Bedeutsamkeit des christlichen Glaubens für das eigene Leben zu verstehen. Die Jugendlichen müssen eine eigene Sprache finden, um die überlieferten Glaubensinhalte auch mit ihren Worten ausdrücken zu können. Und umgekehrt bleiben geprägte Worte als Deutungen der Tradition für den Diskurs bedeutsam.

Jugendliche wissen unglaublich viel auswendig: Lieder aus ihrer Musikszene, das Fernsehprogramm ihrer Lieblingssoaps oder die Gehaltskategorien der Fußballbundesligaprofis. Doch sie lernen dies auf eine andere Art und Weise auswendig, als es der Lernstoff für Schule oder Konfirmandenarbeit erfordert. Lernverse, die isoliert gelernt werden, bleiben zusammenhangloses Wissen und verschwinden schnell wieder aus dem Gedächtnis. Je vernetzter dagegen Inhalte sind, je vielfältiger sie miteinander verbunden sind, desto leichter können sie erinnert und im Landzeitgedächtnis verankert werden. Entscheidend ist deshalb die Verbindung, die die Lebenswelt der Texte mit der Lebenswelt der Konfirmandinnen und Konfirmanden hat.

Darum eignet sich der „Lernstoff“ nicht als Hausaufgabe, der dann aus dem Kurzzeitgedächtnis abgespult wird. Um den Texten aber die Bedeutung zu geben, die sie für die christliche Tradition haben, ist das Auswendiglernen eine unterrichtliche Aufgabe. Ein Teil der Unterrichtszeit sollte daher für das Memorieren verwendet werden.

Besser als im Unterricht, wo die Lernkontrolle schnell zum Mittel der Disziplinierung wird und das Abhören die intellektuell Schwächeren benachteiligt, ist das Memorieren der Texte im liturgischen Vollzug oder im Gottesdienst selbst. So sind die elementaren Texte in ihrem ursprünglichen Erlebenszusammenhang verankert.

Die Texte haben eine besondere Sprachform, die nicht die Sprache der Jugendlichen ist. Um einen Zugang zu finden, spielt nicht die Art und Weise wie der Text gesprochen wird eine besondere Rolle, sondern auch der Ort, an dem gesprochen wird. Dazu ist eine besondere Form der Inszenierung wichtig, die nicht im Abspulen von Texten bestehen kann. Durch verschiedene Formen der Inszenierung entstehen Klang- und Sprachräume ganz eigener Art. Die Fremdheit der Texte kann für Jugendliche interessant, vielleicht in ihrer Fremdheit sogar anziehend wirken.

Alles, was im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt werden soll, sollte im Unterricht auch auf möglichst vielfältige Weise bearbeitet und besprochen werden. Es braucht einen Lernrahmen, in dem die Texte in einem einsichtigen Zusammenhang stehen. Nur wenn das Gelernte über die reine Rezeption hinaus von Bedeutung ist, hat es auch eine Chance ins Langzeitgedächtnis zu gelangen, weil es auch relevant für das Leben ist.1


Anmerkungen

  1. Zu Methoden für das Auswendiglernen vgl. Martin Hinderer, Vom In- und Auswendiglernen im Konfirmandenunterricht, in: Anknüpfen update 2 – Praxisideen für die Konfirmandenarbeit, Stuttgart 2005, 39-42.
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2009

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