Gott in der Jury
Ein Unterrichtsbaustein zum Thema Kinderarmut und dem Filmprojekt Zukunft(s)gestalten

von Ute Beyer-Henneberger, Felix Emrich, Steffen Marklein und Sönke v. Stemm

 

Ende des Jahres 2008 hat die Hannoversche Landeskirche unter dem Titel „Zukunft(s)gestalten“ einen Filmwettbewerb angeregt. Junge Filmemacherinnen und Filmemacher waren eingeladen, das Thema Kinderarmut in einem kurzen Filmspot aufzuarbeiten. Die fünf besten Filme wurden auf einer DVD an alle Kirchengemeinden versandt mit dem Ziel, in Gemeindeabenden, Gottesdiensten oder in der Konfirmandenarbeit den besten Film zu küren. Der Siegerfilm „Finn und Tom“ läuft im Frühsommer als Spot in den norddeutschen Kinos und macht eindringlich auf Kinderarmut in Deutschland aufmerksam.

Screenshots und der Film sind unter www.evlka.de/zukunftsgestalten im Internet zu finden. Im Folgenden einige Impulse, um diesen Film im Unterricht zu verwenden.

 

Zielsetzung:
Eine Doppelstunde zum Thema Kinderarmut

Kurze Filmspots eignen sich gut für die Verwendung in der Sekundarstufe I. Filme, auch kurze Spots, sind Teil der Lebenswelt von Jugendlichen. Der vorliegende Film birgt jedoch eine gewisse Herausforderung für den Einsatz mit Jugendlichen, da sämtliche handelnden Personen im Kindergarten- oder Grundschulalter sind. Für die Jugendlichen wird es kaum möglich sein, sich mit ihnen zu identifizieren. Wir schlagen vor, mit der sich ergebenden Distanz zu arbeiten und den Jugendlichen von vornherein eine Beobachter-Rolle zuzuweisen.
Ziele der vorliegenden Arbeitseinheit sind:

  • Sensibilisierung von Jugendlichen für Kinderarmut in Deutschland,
  • Erkennen von Dimensionen und Indikatoren von Kinderarmut,
  • Begegnung mit der biblischen Tradition des Protestes gegen Armut sowie mit biblischen Visionen gelingenden Lebens,
  • kreatives Nachdenken und Transfer der Filme in die Alltagswelt der Jugendlichen.
    Wir schlagen vor, die Arbeitseinheit mit Praktika in sozialen und diakonischen Einrichtungen zu verbinden bzw. in umfassende thematische Zusammenhänge einzubauen, wie zum Beispiel:
  • Lebensträume und Zukunftsgestaltung
  • Gerechtigkeit und Solidarität
  • Diakonie

 

Erarbeitung: Du bist die Jury

Wir gehen davon aus, dass in den Unterrichtsgruppen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Armut präsent sind und auch betroffene Jugendliche dabei sind. Wir wollen daher zunächst einen indirekten, analytischen Zugang ermöglichen. Die Idee ist, den Umgang der Filme mit der Kinderarmut in Deutschland selbst zum Thema zu machen und die Konfirmandengruppe zur Jury über „Finn und Tom“ zu ernennen. Die Jugendlichen bekommen (in Kleingruppen) die Aufgabe, nach bestimmten Kriterien den Film zu sichten, zu bewerten und sich damit nachträglich an der landesweiten Abstimmung über die Filme zu beteiligen.1

Arbeitsauftrag 1:
Ihr seid die Jury über einen Kurzfilm zum Thema Kinderarmut! „Finn und Tom“ läuft auch in deutschen Kinos. Schaut Euch den Film an und bewertet ihn einzeln oder in Zweiergruppen anhand folgender Fragen:

  • Woran erkennt man die Armut der Kinder in dem Film?
  • Was fehlt? Welche anderen Kennzeichen von Armut kennst Du?
  • Welche Mittel setzt der Film ein, um auf Armut aufmerksam zu machen? Sind die Mittel gut gewählt?
  • Versuche den Film auf einer Skala von 1 bis 5 zu bewerten.
     

Arbeitsauftrag 2:
Halte Dein Ergebnis fest und bringe Argumente für die Bewertung des Filmes in ein Gruppengespräch ein. Die Argumente werden ebenfalls festgehalten. Überlegt gemeinsam noch andere Beispiele, wie man die Armut von Kindern in Deutschland darstellen kann.

 

Vertiefung: Gott in der Jury

In diesem Schritt wollen wir Jugendliche mit den biblischen Traditionen bekannt machen, die Protest gegen die Armut formulieren und Visionen gelingenden Lebens enthalten. Methodisch soll dies so geschehen, dass Bibelworte des Alten und Neuen Testamentes mit dem Film in Beziehung gesetzt werden.2

  1. Wahrnehmen von Bibelworten: In einer gestalteten Mitte werden Bibelworte auf DIN-A-4-Zetteln ausgelegt. Die Jugendlichen werden gebeten, diese Worte zu lesen und sich paarweise über den Inhalt auszutauschen. Dabei kann leise Musik im Hintergrund laufen.
  2. Beziehung zu dem Film herstellen: Screenshots3 des Films werden im Raum ausgehängt, die an den Inhalt des Filmes erinnern. Arbeitsauftrag (zu zweit): Stellt Euch vor, Gott gibt einen Kommentar zu dem Film. Legt Gott ein Bibelwort in den Mund und ordnet es den Screenshots zu. Überlegt Euch, an welcher Stelle des Filmes und wie die Bibelworte besonders gut wirken (ggf. nochmals den Film anschauen).
  3. Präsentation: Der Film wird noch einmal ohne Ton vorgeführt und die Bibelworte werden an den entsprechenden Stellen parallel inszeniert.

 

Weiterführung: Neuvertonung des Kurzfilms

Wir schlagen vor, die Verbindung von Film und Bibelworten weiter zu führen und dabei ein Medium einzusetzen, dass den Jugendlichen von you-tube usw. sehr vertraut ist: einen eigenen Spot drehen bzw. einen vorhandenen Film neu vertonen.

  • Die Jugendlichen werden gebeten, den Kurzfilm in Kleingruppen zu bearbeiten und dabei nicht nur die Bibelworte einzusetzen, sondern insgesamt einen neuen Ton für den Film zu erstellen. Innerhalb der Gruppen empfiehlt sich eine Arbeitsteilung:
  • „Verkündiger“: Welche(n) der Bibelverse wollen wir wo im Film sprechen?
  • „Musiker“: Welches Lied oder welche Lieder können den Film untermalen?
  • „Kamerateam“: Nimmt das fertige Produkt auf Fotohandy oder Camcorder auf.
  • „Regisseur(e)“: Leitung des Projekts „Unser you tube-Film zur Kinderarmut“
     


Nötiges Material:

  • Beamer oder Fernseher und DVD-Player (oder Laptop) zum Abspielen des Filmes ohne Ton,
  • ausgewählte Bibelworte und weiterer Text zum Film,
  • Musikauswahl im mp3-Format auf Handy,
  • ein filmfähiges Handy oder eine Digitalkamera pro Filmgruppe, mit dem sowohl der vorhandene Film als auch der neue Ton aufgenommen werden,
  • ein Laptop mit Kartenlesegerät o. bluetooth (bei großer Gruppe ggf. mit Beamer) zur Präsentation des neuen Filmes.

 

Die vorhandenen Handys sollen zielgerichtet im Unterricht eingesetzt werden. Denkbar ist auch eine Hausaufgabe in Gruppenarbeit, bei der die Jugendlichen you-tube-Filme zum Thema Kinderarmut (ggf. auch selber sichten und) bearbeiten.

 

Anmerkungen

  1. Sollte es die Zeit zulassen, können auch alle fünf Filme auf der DVD zum Einsatz gebracht werden. Die Jury hätte dann über den besten Film zu entscheiden. Der DVD liegt eine entsprechende Arbeitshilfe (für die Konfirmandenarbeit) bei.
  2. Vgl. die Liste von Bibelworten im Internet sowie Anna-Barbara Naß-Gehrke, Die Bibel – Das Buch der Armen, in: Teufelskreis Armut, Loccum 2008, 48-49 sowie Michael Steinmeyer, Gottes Option für die Armen – Arm und Reich in der Bibel, in: Teufelskreis Armut, Loccum 2008, 49-52.
  3. Screenshots sind Einzelbilder aus einem Film. Sie lassen sich mit einer integrierten Schnappschuss-Option des DVD-Players herstellen. Weitere Tipps zur Herstellung von Screenshots siehe unter www.rpi-loccum.de/online-bibliothek/medienpädagogik.


DVD-Tipp

Schüpp, Chris: Armut mit den Augen der Kinder sehen: Videoclips von Jugendlichen zum Thema the oneminutesJr., 2006


Literatur

  • Beyer-Henneberger, Ute, Emrich, Felix, Steinmeyer, Michael (Hgg.): Teufelskreis Armut. Armut als Thema in der Konfirmandenarbeit, Arbeitshilfen KU 27, Loccum 2008
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2009

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