„Bei mir bist du schön“
Fotoshooting zur Gottebenbildlichkeit von Frau und Mann
Eine Unterrichtseinheit für die Sekundarstufe I oder die Konfirmandenarbeit

von Melanie Beiner und Sönke von Stemm

 

Schönsein wollen und sich zeigen – zwei Beobachtungen

Es ist Samstagabend, kurz bevor die Abschlussparty der Konfirmandenfreizeit beginnt. Daniel sitzt im Aufenthaltsraum, und um ihn herum springen fünf Mädchen. In der Hand halten sie, was ihre Schminktäschchen so hergeben: Wimperntusche, Rouge, Make-up, Eyeliner, Lippenstift. Daniel soll zum Mädchen geschminkt werden. Dabei sitzt er nicht gefesselt, und eine Wette verloren hat er auch nicht. Er ist einverstanden mit der Prozedur, genießt sichtlich die Aufmerksamkeit der Damenwelt und stellt sich mutig und wohl auch etwas neugierig diesem Experiment. Nach zwanzig Minuten ist es geglückt: aus dem verwaschenen T-Shirt und den Schlabber-Jeans guckt oben ein hübsches, weiblich geschminktes Antlitz hervor. Die sechs Jungendlichen und auch alle anderen, die gucken kommen, sind beeindruckt: Daniel sieht toll aus.

Es ist Sonntagmorgen, Vorstellungsgottesdienst der Konfirmandinnen und Konfirmanden. Daniel ist wieder abgeschminkt, und es ist auch nicht der Sonntag nach der Party. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden haben alle einen Part in diesem Gottesdienst; sie kommen nach vorne, sprechen Gebete, machen Anspiele, lesen aus dem Evangelium. Manche sind nervös, andere haben aber keine Mühe, laut und deutlich ins Mikro zu sprechen und sich vorne gut sichtbar für die Gemeinde aufzustellen.

In unserer Arbeit mit Jugendlichen im Alter von zwölf bis 14 haben wir unabhängig voneinander diese Erfahrungen gemacht: Jugendliche heute können leichter mit Situationen von Selbstdarstellung umgehen als noch vor einigen Jahren. Sie lernen – auch in der Schule – ihr Wissen und vor allem sich selbst so zu präsentieren, dass sie hörbar, sichtbar und selbstbewusst wahrgenommen werden. Dies gilt nicht für alle, aber unser Eindruck ist, dass die Tendenz, sich darstellen zu können zunimmt. Und auch die erste Beobachtung entstammt unabhängig voneinander unser beider Erfahrung aus der Praxis: Es macht manchen Jugendlichen Spaß, ist nicht unbedingt “ekelig”, sich als Junge von Mädchen schminken zu lassen, auch wenn es nicht alle lieben oder sich gar so zeigen wollen.

 

Selbstbilder und Konstruktionen – pädagogische Herausforderungen

Selbstbilder entstehen durch die Auseinandersetzung mit Vor-Bildern, durch das Ausprobieren von Haltungen, Handlungen und Ausdrucksweisen, durch Identifikation und Abgrenzung. Die Entwicklung des Selbstbildes ist demzufolge gebunden an soziale Interaktion. Dabei spielt die Frage der Anerkennung oder Ablehnung von Darstellungen des Selbst, sei es in einem bestimmten Verhalten, einem Körperausdruck oder im Sprachstil durch andere eine große Rolle. In der Gender-Forschung ist – auch wenn die Bedeutung des biologischen Geschlechts für die Rollenzuschreibungen wieder stärker diskutiert wird – die Relevanz des sozialen Geschlechts, also der je gesellschaftlichen Zuschreibungen von dem, was “männlich” und “weiblich” ist, für die Ausprägung von Selbstbildern als Mann oder Frau unumstritten. Die vor allem in westlichen Gesellschaften ausgeprägte dichotomische Sicht, die nur “den Mann” und “die Frau” kennt und ihm und ihr je festgefügte Rollen zuschreibt, wird in den Forschungen der letzten Jahre stark hinterfragt. Es geht um eine Wahrnehmung der “Achsen der Differenz”, um Unterschiede und Ungleichheiten auch innerhalb der Geschlechter.1 Und es wird auf die Vielfalt von individuellen Geschlechteridentitäten aufmerksam gemacht, die über den einfachen Gegensatz von Mann und Frau hinausgehen.

Diese Vielfalt von individuellen Selbstbildern zu fördern, ist das Grundanliegen pädagogischer Arbeit. Das Ausprobieren von klassischen körperlichen Ausdrucksformen des eigenen, aber auch des je anderen Geschlechts, wie die oben beschriebene “Schminkaktion”, ist ein – wenn auch nicht immer so öffentlich inszenierter – Bestandteil in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Wir wollen ermöglichen, dass Kinder und Jugendliche ihr je eigenes Selbst entwickeln und dabei auch ihre je eigene geschlechtliche Identität und Ausprägung finden. Gendersensible Didaktik hilft nicht nur bei der Wahrnehmung und Anerkennung von Unterschieden in der Gesellschaft, sondern auch dabei, eine Wahrnehmung und Anerkennung eigener Leiblichkeit zu entwickeln.

 

Männlich und weiblich als Bild Gottes geschaffen – biblische Verankerung

Für die Begründung und Verankerung der Relevanz von Selbstbildern und deren leibhaften Ausdrucksformen im Rahmen theologischer Aussagen über den Menschen soll auf die biblische Aussage von der Gottebenbildlichkeit des Menschen in Genesis 1,27 zurückgegriffen werden:

“Da sprach Gott: Wir wollen Menschen machen – als unser Bild, etwa in unserer Gestalt. Sie sollen niederzwingen die Fische des Meeres, die Flugtiere des Himmels, das Vieh, die ganze Erde, alle Kriechtiere, die auf dem Boden kriechen. Da schuf Gott Adam, die Menschen als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich (hat er/hat sie) hat Gott sie geschaffen. Dann segnete Gott sie, in dem Gott zu ihnen sprach: `Seid fruchtbar, vermehrt euch, füllt die Erde…Und Gott sah alles, was Gott gemacht hatte: Siehe hin, es ist sehr gut.”

Vor allem in der theologischen Ethik und in der Debatte um die Verantwortung des Menschen für den Umgang mit der Schöpfung hat der Text seine Wirkung in der modernen Auslegungsgeschichte entfaltet. Daneben wurde er dank der feministischen Theologie als alttestamentliches Zeugnis für die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Gottesbeziehung ins Bewusstsein gebracht.

Vergegenwärtigt man sich die Herkunft der Rede von der Gottebenbildlichkeit, dann kommt dabei vor allem die Bedeutung der Gestalthaftigkeit, die bildhafte Repräsentation in den Blick: Die alttestamentliche Rede von der Gottebenbildlichkeit wurzelt in der altorientalischen Vorstellung des Königs als des Repräsentanten Gottes. Das Bild steht dabei stellvertretend für die Anwesenheit der Person. Es ist nicht “nur” Abbild, sondern wirkt durch Gestalt, durch (körperliche) Präsenz. Dem Bild, der Gestalt, wird ein eigener Machtraum und damit eine selbstständige Wirkweise zugestanden – dies eröffnet das Handeln des Menschen in Freiheit. Übertragen auf die Gottebenbildlichkeit des Menschen bedeutet das, dass der Mensch Gott in seiner und ihrer Gestalt und Wirkung in der Schöpfung verkörpert und repräsentiert. Diese Repräsentation wird konkret in der je verschiedenen Prägung menschlicher Gestalt: als Mann und Frau wird Gott greifbar.

 

Körper haben – Leib sein: theologisch-anthropologische Intentionen

Allerdings geht es bei der Präsenz nicht nur um die körperliche Darstellung und Anwesenheit. Verbunden mit dem Gedanken der Gottebenbildlichkeit ist eine zweifache Bestimmung menschlichen Daseins: Zum einen geht es um den Auftrag einer (verantwortlichen) Herrschaft, zum anderen geht es um die Segenszusage, fruchtbar zu sein und damit als Mensch bzw. als Mann und Frau Bestand auf dieser Erde zu haben.

Erst mit dieser Bestimmung, mit dieser Sinngebung ist die Gestalt des Menschen nicht bloßer Körper, sozusagen Mittel zum Zweck göttlicher Selbstdarstellung in sichtbarer Form, sondern Leib als je individuelle Symbolisierung des göttlichen Daseins in einem jeden und einer jeden Einzelnen.

“Wir haben demnach nicht nur einen Körper, über den wir verfügen, sondern sind zugleich auch ein Leib, über den wir eben nicht verfügen. Dieser Leib ist (…) die Dimension des inneren Erlebens.”2 Trägt man diese soziologische Einsicht in eine theologische Lehre vom Menschen ein, dann bedeutet dies: Gerade die Vorstellung, dass ich mein inneres Bild von mir nicht allein und ausschließlich selbst produzieren kann, macht die Gottebenbildlichkeit und damit die Würde, aber auch die Bürde menschlichen Daseins aus.

Zugespitzt bedeutet das: Mir kann die Repräsentation Gottes in der Welt gelingen, ich kann aber auch an ihr scheitern – und zwar je nachdem, ob ich den Sinn meines Daseins zum Ausdruck bringe oder nicht. Schönheit in theologischem Sinn bedeutet nicht die Übereinstimmung des Körpers mit den gesellschaftlichen Vorstellungen über eine bestimmte Leibform, sondern die Übereinstimmung der sinnlichen Präsenz mit meiner göttlichen Bestimmung: Ich gebe mich so zu erkennen, wie Gott mich gedacht und gemacht hat.

 

Bei mir bist du schön – didaktische Konsequenzen

Christlich-religiöse Bildung hat das Ziel, das je eigene Selbstbild der Person und die sie umgebende Welt im Lichte der christlichen Gewissheit der Gegenwart Gottes verstehbar und deutbar zu machen. Es wird in den unterschiedlichen Bildungsprozessen sozusagen ein Referenzrahmen für das eigene Dasein zur Verfügung gestellt und es wird die Fähigkeit eingeübt, sich in den unterschiedlichen Situationen menschlichen Daseins sowie bei Entscheidungen und Urteilen darauf beziehen zu können.

Im weitesten Sinne geht es bei dieser Einheit um die (prozessbezogene) Kompetenz, religiöse Spuren und Dimensionen in der persönlichen Lebenswelt zu entdecken, und darum, die Einzigkeit und Würde jedes Menschen als christlichen Grundwert zu erläutern.3

Gottebenbildlichkeit zeigt sich in leibhafter Präsenz, d.h. in der Art und Weise, wie ich mit mir umgehe, mich darstelle, verhalte, äußere. Gottebenbildlichkeit ist nicht an eine bestimmte Gestalt gebunden, sondern zeigt sich in der Vielfalt des geschöpflichen Daseins, zu der auch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und innerhalb ihrer gehören. Menschen sind dabei nicht an bestimmte Rollen gebunden, können aber immer nur in bestimmten sozialen Bezügen handeln und sich darstellen. Bestimmung menschlichen Daseins ist es, mit dem mir gegebenen Leib und mit dem mir gegebenen Sinn meines Daseins Gottes Gegenwart präsent zu machen.

Blickt man auf die eingangs erwähnten Beispiele, so scheint uns die Befürchtung, im Alter der Jugendlichen sind Rollen längst festgelegt und die Distanz zwischen Jungen und Mädchen schon viel zu groß, jedenfalls nicht durchgängig angebracht zu sein. Im Gegenteil gelingt es Kindern und Jugendlichen offensichtlich viel spontaner, mit Rollenzuschreibungen zu spielen, sie auch immer wieder ironisierend aufzunehmen, damit infrage zu stellen und zu verändern. Hilfreich kann es dabei sein, das Setting so zu wählen, dass klar ist, dass es sich hier um eine Möglichkeit handelt, etwas auszuprobieren bzw. anzuprobieren, was später wieder abgelegt werden kann.

Insgesamt geht es uns darum, den Zuspruch und die Zusage zu betonen, die mit der Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit verbunden ist. Dies umso mehr, als gesellschaftlich die Fähigkeit zur Selbstdarstellung und Präsentation an Bedeutung gewinnt. Dies kann man kritisch sehen, sollte man aber nicht ignorieren. Auf jeden Fall ist es notwendig, den Umgang mit Selbstdarstellungen zu erlernen und zu reflektieren. In Kinder- und Jugendshows werden Selbstinszenierungen und “Talente” wie Singen, Tanzen, Musizieren etc. immer häufiger zum Unterhaltungsgegenstand, wobei – je nach Showkonzept – Lob und Ermutigung von anfangenden Begabungen enthalten sein können, aber auch – wie in Sendungen á la “DSDS” – der gnadenlose Umgang mit Überschätzungen und unrealistischen Erwartungen der Jungen und Mädchen öffentlich vorgeführt wird.

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und dem leibhaften Ausdruck menschlichen Daseins als Gottebenbildlichkeit setzt deshalb voraus, dass es nur um eine Anerkennung eigener und anderer Leiblichkeit gehen kann. Denn “Einzigartigkeit” und “Würde” können gar nicht anders als in Form von Anerkennung und Ermutigung verstehbar gemacht werden.

 

Ziele der Einheit

Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mit der Bedeutung und den Grenzen geschlechtlicher Rollen auseinander. Sie deuten die Rede von der Gottebenbildlichkeit von Mann und Frau und beziehen sie auf sich selbst.

 

Ablauf der Einheit

1. “Was ist es denn – Mädchen oder Junge?”
Infragestellen klassischer Merkmale von Mädchen und Jungen

In einem ersten Schritt soll die “gewohnte” Perspektive auf typisch Männliches und typisch Weibliches durch eine Perspektive auf Differenzen und Zwischentöne gelenkt werden.

Die Schülerinnen und Schüler bekommen Fotos mit Körperausschnitten bzw. Namen. (M 1) Sie sollen das Ge­schlecht bestimmen und begründen, was dafür spricht, dass es sich um einen Jungen/ ein Mädchen handelt.

M 1

Junge oder Mädchen

 

 

2. Typisch Junge – typisch Mädchen? Ein Gruppenspiel
Jeder Schüler und jede Schülerin bekommt einen Zettel mit dem Namen eines anderen Gruppenmitglieds. Die Aufgabe ist es, sich eine Eigenschaft dieser Person zu vergegenwärtigen und aufzuschreiben. (XY ist still, lustig, redet gerne). Um mit diesen Angaben vorsichtig umzugehen, schlagen wir vor, dass dies in Form von persönlichen Aussagen geschieht: “Ich kenne XY als…, ich erlebe ihn / sie als …” Um negativen Wertungen vorzubeugen, können auch Eigenschaften auf Zetteln vorbereitet werden, aus denen ausgewählt wird. Um wen es geht, muss nicht verraten werden. Ist die Gruppe klein, können auch zwei Eigenschaften pro Person aufgeschrieben werden.

Nun werden die Eigenschaften zwei Plakaten zugeordnet. Auf dem einen ist ein Umriss eines Jungen, auf dem anderen ein Umriss eines Mädchens zu sehen. Die Jugendlichen haben die Aufgabe, ihre Karte diesen Umrissen zuzuordnen. War die Person ein Junge, gehört die Karte in den Jungenumriss, war die Person ein Mädchen in den Mädchenumriss. Anschließend wird das Ergebnis betrachtet. Folgende Fragen können Impulse für eine Diskussion sein:

  • Unterscheiden sich die Eigenschaften?
  • Häufen sich Eigenschaften auf der Mädchen- und Jungenseite?
  • Lässt sich “Typisches” erkennen?


Evtl. kann es auch gelingen, dass im Rahmen der Diskussion Schülerinnen und Schüler Eigenschaften von sich oder anderen nennen, die “eigentlich” dem anderen Geschlecht zuzuordnen sind.

 

3. Geschlechtermerkmale – anerzogen oder von Gott gegeben?

3.1 Gottesbilder – männlich/weiblich – verschieden
Biblische Gottesbilder werden in Schriftform ausgelegt (weiblich und männlich):


“Gott, du bist wie eine Freundin”;
“Gott ist wie eine Mutter”;
“Gott, du bist wie eine Frau, die Brot backt”;
“Gott ist wie ein Vater”;
“Gott, du mein Schutz und mein Heil”;
“Gott, du bist wie einer, der mich immer bewacht”;
“Gott, du bist schön und prächtig geschmückt”
“Gott, du bist wie ein Richter”;
“Gott, du bist wie ein leises Säuseln.”


In Kleingruppen suchen sich die Schülerinnen und Schüler ein Gottesbild aus.

Passende Bilder sollen dazu gesucht/gestellt und fotografiert oder als Standbild dargestellt werden. Aufgabe dazu:

a. “Überlegt euch, was Gott tut, wenn Gott als Frau, Freundin, Vater bezeichnet wird. Durch welche Geste, durch welchen Ausdruck kann das Frau/Freundin/Vater-Sein dargestellt werden?”

b. In 1. Mose 1,27 heißt es: “Und Gott schuf den Menschen als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich.” – “Sucht Bildpaare der Gottesbilder, die gut zusammen passen. Begründet, warum: (weil sie sich ergänzen, weil beides wichtig ist …)”

 

3.2       Als Mann und Frau geschaffen – anerzogen oder gottgegeben?
a. Thesen zu sex und gender – Positionsbestimmung:
Die Schülerinnen und Schüler bekommen Thesen, die Zweigeschlechtlichkeit eher biologisch und eher soziologisch deuten. Sie sollen sich dazu positionieren, evtl. auf einer Zustimmungs-Skala von 1 bis 10, die auf dem Boden ausgelegt ist. Nach jeder These wird kurz auf die jeweilige Positionierung eingegangen.


“Es ist angeboren, dass Frauen sich besser um Kinder kümmern können als Männer.”
“Jungs sind besser im Rechnen und in Physik, Mädchen in den Sprachen.”
“Jungen werden weniger zu Hausarbeit erzogen als Mädchen.”
“Mädchen sind fleißiger als Jungen.”
“Jungen sind durchsetzungsfähiger als Mädchen.”
“Jungen werden in ihrer Kraftausübung mehr gebremst als Mädchen.”
“Jungen und Mädchen werden von den gleichen Eltern unterschiedlich behandelt.”
“Kleine Jungen sollten nie rosa Sachen tragen.”
“Mädchen können mit Maschinen genauso gut oder schlecht umgehen wie Jungs.”
“Jungen werden in der Schule benachteiligt, Frauen im Beruf.”


b. Text lesen (M 2): “Wie werden die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen im Text erklärt?”


M 2

Typisch Mädchen – typisch Junge?

Von Gabriele Möller

Das erste Wort, das mein kleiner Sohn sprach, war Mama. Das zweite war Auto. Letzteres benutzt er seither ungefähr 1,3 Millionen mal so oft wie das erste. Mein Mann und ich sind unschuldig: Es gab keine Prägung unsererseits in diese Richtung. Sein Erstlingsspielzeug war von der großen Schwester geerbt und enthielt wenige Fahrzeuge. Inzwischen rollt eine bereifte Armada über unser Laminat, die ohrenbetäubend brummt und jault (und dazu einlädt, darauf auszurutschen). Fährt die Müllabfuhr draußen vor, klebt mein Sohn zuverlässig mit der Nase am Fenster. Und ob Mama, Papa oder ein Nachbar nach Hause kommen, erkennt er schon am Motorengeräusch des jeweiligen Wagens. Typisch Junge also? So einfach ist es nicht. Denn auch sein Puppenwagen sowie die Kinderküche werden von unserem Zweijährigen gern bespielt. Und vom Gemüt her ist er bisher so sanft, wie man es gern kleinen Mädchen zuschreibt. Gibt es wirklich charakteristische Verhaltensweisen für jedes Geschlecht? Und wenn ja, sind sie angeboren oder anerzogen? (…)

 

Vorurteil oder Wahrheit?

Jungen sind aggressiver als Mädchen

Der Eindruck vieler Eltern stimmt: Jungen sind nach der Beobachtung von Wissenschaftlern tatsächlich etwas aggressiver als Mädchen. Schon im dritten Lebensjahr beginnen Jungen, Dinge mit dem ganzen Körper zu stoßen und zu schieben und Spielzeuge zusammenkrachen zu lassen. Bereits vierjährige Jungen mögen Wettkämpfe und beschäftigen sich viel mit dem Thema Gewinnen oder Verlieren. Aber woher kommt das? Man nimmt an, dass das Testosteron hier eine wichtige Rolle spielt, ein Hormon, das mit Kampfgeist in Verbindung gebracht wird, so Susan Gilbert in ihrem Buch “Typisch Junge! Typisch Mädchen”. Und die Historikerin Susa Schindler ergänzt in ihrer Untersuchung: Es gibt die Theorie, dass Hormone auch die Entwicklung des Gehirns steuern. So dass Jungen und Mädchen ein jeweils anderes Gehirngeschlecht hätten, da sie im Mutterleib unterschiedlich hohen Mengen an weiblichen und männlichen Sexualhormonen ausgesetzt waren. Ein wichtiger Grund ist aber auch, dass Eltern mit Jungen schon früh anders, nämlich rauer umgehen als mit Mädchen. Und dass in unserer Gesellschaft aggressives Verhalten bei Jungen eher als normal angesehen und mehr toleriert wird. Auch das Fernsehen führt vor, dass Konkurrenz typisch männlich ist: Dort werden vor allem männlich geprägte Wettkampf-Sportarten (Fußball) übertragen. Es ist keine Frage, dass Jungen die zumeist männlichen Sporthelden nachahmen, erklärt Gilbert. Auch in Zeichentrickfilmen für die Kleinsten werden männliche Figuren deutlich aggressiver dargestellt als weibliche. Etwas Erstaunliches fanden die Forscher ebenfalls heraus: Im Gegensatz zu Mädchenfreundschaften beeinflusst Konkurrenzverhalten Jungenfreundschaften nicht negativ es gehört schon für kleine Jungs einfach dazu.

 

Mädchen sind fürsorglicher

Wenn Mädchen im Kindergartenalter ein kleines Baby sehen, machen sie oft entzückt oh und drücken den Wunsch aus, es zu halten und es zu füttern, während Jungen hier oft mit Gleichgültigkeit reagieren. Mädchen scheinen also mehr Interesse an Babies und am Imitieren von versorgenden Verhaltensweisen (“Mutter-Vater-Kind”-Spiele) zu haben. Ursache könnten die weiblichen Geschlechtshormone sein, die bereits im Mutterleib wirksam wurden. Sie sollen die Fähigkeit zum Mitfühlen verstärken. Genaues wissen die Fachleute aber noch nicht. Auch Nachahmung spielt eine Rolle: Immer noch sehen sie, dass vor allem Mama (selbst wenn sie berufstätig ist) den Haushalt schmeißt und für die Versorgung der Kinder zuständig ist. Dies spiegelt sich in ihrem Spiel wider. Dennoch können auch Jungen sehr fürsorgliches Verhalten zeigen. Experten betonen, dass es der Gesellschaft gut täte, wenn Eltern ihren Söhnen oft Gelegenheit dazu geben würden (Trösten von kleinen Geschwistern, Pflege von Tieren)denn hier hat Wut keinen Platz: Fürsorglichkeit kann ein Gegenmittel gegen Gewalt sein, betont die amerikanische Gender (= Geschlechter) -forscherin Carol Nagy Jacklin.

Aus: www.urbia.de/topics/article?id=9467

 

c. “Schreibt einen kurzen Ratgeber (10 Regeln) für eure Eltern, wie Sie mit Euch als Jungen, als Mädchen umgehen sollten!” Vergleicht zwischen Jungen und Mädchen. Welche Gemeinsamkeiten gibt es, welche Unterschiede?

 

4. “Bei mir bist du schön” – Fotoshooting zur Gottebenbildlichkeit

a. Die Schülerinnen und Schüler bearbeiten den Text zur Gottebenbildlichkeit des Menschen aus 1. Mose 1,27 (M 3) mit Hilfe folgender Fragen:

  • Welche Fähigkeiten und Eigenschaften haben Menschen nach dem ersten Schöpfungsbericht?
  • Werden im ersten Schöpfungsbericht Kennzeichen genannt, die Frau und Mann voneinander unterscheiden?
  • Warum werden deiner Auffassung nach Menschen als Frau und Mann geschaffen?
  • Menschen – Mädchen und Jungen gleichermaßen – sind nach dem ersten Schöpfungsbericht das Ebenbild Gottes. Diskutiere mit deiner Nachbarin/ deinem Nachbarn, welche Eigenschaften von Mädchen und Jungen sichtbar machen, dass sie Ebenbild Gottes sind.

 


M 3

Der Schöpfungsbericht: 
Gottes Ebenbild in Frau und Mann (1. Mose 1,26-28.31)

 

Da sprach Gott: “Wir wollen Menschen
machen– als unser Bild, etwa in unserer Gestalt.
Sie sollen niederzwingen die Fische des Meeres,
die Flugtiere des Himmels, das Vieh, die ganze
Erde, alle Kriechtiere, die auf dem Boden
kriechen.” Da schuf Gott Adam, die Menschen
als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie
geschaffen, männlich und weiblich (hat er/hat sie)
hat Gott sie geschaffen.

Dann segnete Gott sie, in dem Gott zu ihnen
sprach: “Seid fruchtbar, vermehrt euch, füllt die
Erde … Und Gott sah alles, was Gott gemacht
hatte: Sieh hin, es ist sehr gut. Es wurde Abend,
es wurde Morgen: der sechste Tag!

Bibel in gerechter Sprache (2006)

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen
machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da
herrschen über die Fische im Meer und über
die Vögel unter dem Himmel und über das
Vieh und über alle Tiere des Feldes und über
alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott
schuf den Menschen zu seinem Bild, zum Bilde
Gottes schuf er ihn; und er schuf sie als Mann
und Frau.

Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen:
Seid fruchtbar und mehret euch du füllet die
Erde… Und Gott sah an alles, was er gemacht
hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus
Abend und Morgen der sechste Tag!

Lutherbibel (1984)

b.         Ich – ein Ebenbild Gottes?!
Die Schülerinnen und Schüler erhalten die Aufgabe, eine Eigenschaft von sich oder ein Körperteil als Kennzeichen der Ebenbildlichkeit Gottes zu präsentieren. Sie können sich das selbst aussuchen, in Rollen schlüpfen, sich schminken (lassen), alternativ kann auch in Partnerarbeit der / die jeweils andere sagen, was ihr / ihm am anderen gefällt.

Wichtig ist, dass die präsentierte Auswahl eine kurze Begründung erhält. Beispiele: “Meine Hände sind wie die Hände Gottes, denn sie schützen Tiere.” “Mein Mund ist wie der Mund Gottes, denn ich lache gerne.”

Als Methode der Präsentation empfehlen wir ein Fotoshooting und eine Fotoausstellung bzw. die Herstellung eines Fotobuches (M 4). Unter die Fotos wird der jeweilige Satz gestellt, der die Eigenschaften des Ebenbild Gottes kenntlich macht. Anschließend werden die Ergebnisse betrachtet.

Als vertiefender Impuls kann ein kleiner Film eingesetzt werden, der Antwort auf die Frage gibt, ob nur das als “gut” (1. Mose 1,31) bezeichnet werden kann, was perfekt ist: “Dove: Werbung mit kleinen Fehlern”. Der Film zeigt die Entstehung eines Werbespots, in dem Frauen bewusst ihre Narben zeigen und sie nicht als Fehler, sondern als besondere Identitätsmerkmale entdecken: “Wa(h)re Schönheit”, 16 Filmsequenzen, vier interaktive Menüs, 32 Bilder, Arbeitsmaterial, FWU 2006. Weitere Filme auch im Internet unter www.initia tivefuerwahreschoenheit.de.

M 4

“Meine Hand ist wie die Hand Gottes …” – eine Fotoausstellung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Anmerkungen

  • Regina Becker-Schmidt/Gudrun-Axeli Knapp: Feministische Theorien. Zu Einführung, 4. Aufl. Hamburg 2007, 105.
  • Paula-Irene Villa, APuZ 18, 2007, S. 19.
  • Vgl. Kerncurriculum für das Gymnasium Kl. 5/6 Kompetenzbereich Ethik. Kompetenzformulierungen, die die Genderperspektive ausdrücklicher einschließen, finden sich in den Kerncurricula nicht.
     

Literatur

  • Karle, Isolde: “Da ist nicht mehr Mann noch Frau”. Theologie jenseits der Geschlechterdifferenz, Gütersloh 2006.
  • Stock, Konrad / Roth, Michael: Glaube und Schönheit. Beiträge zur theologischen Ästhetik, Aachen 2000.
  • Pithan, Annebelle u.a.: Gender, Religion, Bildung. Ein Beitrag zu einer Religionspädagogik der Vielfalt. Gütersloh, 2009.
  • Becker-Schmidt, Regina / Knapp, Gudrun-Axeli: Feministische Theorien. Zur Einführung. Hamburg, 4. Aufl. 2007.

 

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2010

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