Nicht von dieser Welt
Mit Xavier Naidoo den Religions- oder Konfirmandenunterricht gestalten

von Thomas Klie

 

Kennen Sie Xavier Naidoo? Falls nicht, dann ist Ihnen bislang eines der bemerkenswertesten Phänomene der deutschen Popszene verborgen geblieben. Ein HipHop-Künstler, der in kürzester Zeit fast schon Kultstatus für sich beanspruchen kann. Sein Debütalbum Nicht von dieser Welt kletterte innerhalb weniger Wochen auf Platz 3 der Charts. Noch über ein Jahr seit Veröffentlichung hielt sich das Album beständig in den Top 20 und erlangte bereits mit über einer Million verkauften Platten Doppelplatin. Im März 1999 erhielt der Künstler im Rahmen der ECHO-Verleihung den nationalen Nachwuchspreis der deutschen Phonoakademie.

Die Konzerte mit Xavier Naidoo (sprich: /sejvia naidú/) sind ein absolutes Muss und lange im voraus ausverkauft. Ein Autogramm von ihm zu bekommen, ist ungefähr so schwer wie das Unterfangen, eine Konfirmandengruppe für den sonntäglichen Kirchgang zu begeistern. Wenngleich sie natürlich in Scharen in das Gotteshaus strömten, träte dort Xavier auf und sänge einige seiner durch und durch religiösen Songs. Andächtig und bewegt würden sie dem Titel ‘Führ mich ans Licht’ lauschen ("Deinen Namen trägt mein Herz / Dein Fehlen ist mein Schmerz / So rein zu sein wie Du ..."), hunderte flackernder Feuerzeuge würden die Kirche erhellen, wenn der Titelsong ‘Nicht von dieser Welt’ erklänge ("Sie ist nicht von dieser Welt / die Liebe, die mich am Leben hält ..."), und die alte biblische Weisheit ‘Ernten was man sät’ (vgl. Gal 6,7) würde mit jugendlicher Inbrunst auswendig mitgesungen ("Wenn ich weiter an dich glaub / loderst du in mir ...").

Xavier Naidoo – eine Mischung aus popkulturellem Franziskus und postmodernem Herz-Jesu-DJ. Zu fromm für den üblichen Glamour, zu zauberhaft für’s schnelle Etikett, zu rein um wahr zu sein.

Im STERN 15/99 wird ein Bekehrungserlebnis wie folgt beschrieben: "Es geschah an Silvester. Wie das eben so ist. Da macht sich leicht Melancholie breit. Wenn man nichts zu tun hat, allein zu Hause ist. Da tut man schon mal eigenartige Dinge. Holt sich schon mal die Bibel des Vaters, der erst vor wenigen Monaten gestorben ist aus dem Flurschrank, legt Bob Marley auf und sucht nach Zeichen, ob das Leben nicht doch irgendwie anders sein könnte. Das Leben ist irgendwie anders geworden nach diesem Silvester vor sieben Jahren. ‚Das war wie ein Flash‘, sagt Xavier Naidoo. Der dunkelhäutige Junge aus Mannheim-Wallstadt, lokaler Musical-Star, gefürchteter Türsteher und bewundertes Badehosen-Model, legte von da an die Bibel nicht mehr aus der Hand. ‚Ich bin einfach krass abgefahren.‘ Zu krass für die meisten seiner Freunde, die schnell genug hatten von diesem uncoolen Gefasel und sich hinter vorgehaltener Hand für den frisch Erweckten amüsierten." (47)

Xavier Naidoo ist Sohn einer südafrikanischen Mutter und hat väterlicherseits indische Vorfahren. Bis heute ist er zahlender katholischer Christ. Es heißt, er habe eine Stiftung gegründet und unterstütze mit seinen Platten-Millionen Obdachlose und Arbeitslose in seiner Heimatstadt Mannheim.

Wohlan denn – dies scheint ganz offensichtlich der Stoff zu sein, aus dem schülerorientierte KU-Stunden zu entwerfen sind!

Einen Popsong zum Unterrichtsgegenstand zu machen, heißt zunächst, ihn als eine Erscheinungsform kulturellen Alltagsverhaltens und als Matrix jugendlichen Selbstverständnisses zu thematisieren. Anlässe, Formen und Intensität des Musikkonsums sind wichtige Zeichen für Zugehörigkeiten; sie signalisieren Szene-Identitäten, Enkulturation und sozialisatorische Passagen. Der über einen Popsong gesteuerte unterrichtliche Diskurs macht sich also das kulturelle Erfahrungswissen der Jugendlichen zu Nutze. Die hier beschriebene Unterrichtssequenz orientiert sich an der Optik des CD-Covers und an der Textgestalt des ersten Titels auf der CD ‘Seid ihr mit mir’.

 

Das Cover – die Christus-Devotion

Das Cover bietet das Brustbild des Künstlers: ein junger dunkelhäutiger Mann (am rechten Bildrand) mit feinen Gesichtszügen und schwarzer Hornbrille. Vom Outfit sind ein helles Sakko und ein Rollkragen-Pullover erkennbar – alles Ton in Ton. Der Blick ist auf eine helle Fläche am oberen linken Bildrand gerichtet (ein Fenster?). Von dort fällt auch das Licht auf das Gesicht des Pop-Stars. Genau auf der Fluchtlinie Lichtquelle – Gesicht befinden sich die goldfarbenen Christus-Insignien X und P. Darunter prangt ebenfalls im Goldton der Namenszug Xavier Naidoo.

Ein unterrichtlich motivierter diachroner Vergleich des visuellen Codes auf dem Cover (M 2) bringt verblüffende Parallelen ans Licht: Lukas Cranachs d.Ä. Sinnbild des lutherischen (Predigt-) Gottesdienstes (M 1) ist bis ins Detail analog codiert. Der Bildaufbau strukturiert sich durch die von rechts nach links verlaufende semantische Achse: Prediger/Popstar – Kruzifix/Christus-Insignien – Fenster/Licht. Beide Szenarien geben der Predigt im Zeichen des Kreuzes bildhaften Ausdruck. Hier predigt/singt jemand in der Vollmacht des Gekreuzigten. Und wenn das Wort vom Kreuz gleichsam als Resonanzraum Gestalt annimmt, dann hüllt das "helle Licht des Evangeliums" (2. Kor 4, 4) diesen Raum in einen milden Glanz. Der von Cranach ins Bild gesetzten Hörergemeinde entspricht die auf der Medien-Ikone funktional vorausgesetzte millionenfache Hörerschaft.

 

Xavier/saviour – der Retter

Das phonetische Spiel mit dem englisch auszusprechenden Vornamen fördert eine weitere Christus-Analogie zutage: Xavier als der Retter (saviour). Verbirgt sich hier ein latenter Anspruch? Vermittelt sich mit dieser CD eine messianische Botschaft? Eine gewagte Hypothese, gewiss – und doch: Das dadurch eröffnete postmoderne Spiel der Doppel- und Mehrfachcodierungen hielte diese Lesart durchaus offen.

Das "du musst mich bezeugen" am Ende des Songs provoziert geradezu, hier formal analog strukturierte neutestamentliche Aussagen didaktisch in Anschlag zu bringen: "Wer nun mich bekennt vor den Menschen ... Wer mich aber verleugnet vor den Menschen..." (Mt 10, 32) oder: "Wir bezeugen, was wir gesehen haben..." (Joh 3, 11) oder: "Diese Werke bezeugen, dass mich mein Vater gesandt hat..." (Joh 5, 36).

Wer erhebt hier welche Verheißung? In welcher Weise beglaubigt sich der Verheißende? In welchem Verhältnis stehen Subjekt und Objekt der Verheißung? Wer hat hier wem zu glauben, und welche Konsequenzen zeitigt dieser Glaubensakt jeweils? Zu wem oder was müssen sich die derart Angesprochenen bekennen? Der paulinische Lehrsatz, nach dem Glauben eine Folge des "Anhörens" ist (Rö 10, 17), scheint sich nicht nur biblisch-christlich zu bewahrheiten, sondern auch popkulturell.

 

Der Klangraum im heiligen Raum

Kommen zum Moment des Messianischen auch noch Spurenelemente missionarischen Eifers? Immerhin singt der /saviour/ in deutscher, also uns unmittelbar verständlicher Sprache. Was liegt also näher, als den frommen deutsch-sprachigen Gesang in einem angemessenen räumlichen Kontext erklingen zu lassen. Vermag etwa der (Deutungs-) Kontext eines Kirchenraums den Aussagehorizont unseres Songs in besonderer Weise zu erschließen?

Die semantischen Potentiale eines Pop-Songs erschöpfen sich nämlich keineswegs darin, lediglich Vehikel für textliche Botschaften zu sein. Reduziert man ihn im Unterricht auf einen vertonten Text, dann verschenkt man unter der hand nicht nur eine Fülle von kreativen Gestaltungsmöglichkeiten. Problematischer ist jedoch, dass man zugleich dem Phänomen des Klangs zu wenig Bedeutung beimisst. Zwar steht die Textaussage im Vordergrund, der musikalischen Gestalt eignet jedoch mehr als nur eine rein dienende Funktion. HipHop ist ein komplexes Artefakt im Medium des Klangs. Wie jede Form von Musik entwirft er eigene Raumstrukturen und vermittelt so eine intensive zeit-räumliche Erfahrung. Im Modus des Hörens fühlen sich die Zuhörerenden in einen synthetischen Klangraum versetzt. Diese Wahrnehmung besteht zunächst völlig unabhängig davon, ob dieser Raum durch entsprechende Bewegungen (z. B. Tanz, Gebärden) auch faktisch nachvollzogen oder erschlossen wird. Strukturiert wird dieser für die Rezeption eines Liedtext es ausschlaggebende Resonanzraum in erster Linie durch die klanglichen und die rhythmischen Elemente der Musik. "Wer schaut, geht zu einem Objekt auf Distanz; Hören ist dagegen nur als In-Sein denkbar", so beschreibt es der Theologe und Musiktheoretiker Bernd Schwarze. Man kann darum nicht einfach nach einer ‘Bedeutung’ unter Absehung von Form und Ausdruck fragen. Denn die Wahrnehmung des Klangbildes und der musikalischen Gestalt eines Musikstückes korreliert immer auch mit inhaltlichen Fragestellungen bzw. hier mit der Botschaft des Liedtextes. Die ästhetische Dimension des Musikhörens hält Aspekte von Bedeutung und Intentionalität als Formfragen präsent und relativiert damit letztlich die Unterscheidung zwischen Form und Inhalt. Dies gilt es in dem hier vorgeschlagenen Unterrichtssegment umzusetzen.

Der Unterrichtende wagt mit seiner Konfirmandengruppe ein ungewöhnliches Experiment: In einer ersten Runde wird der tragbare CD-Player in der Kirche platziert und ‘Seid ihr mit mir’ erklingt. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden treten mit diesem Klangraum-Experiment in einen wechselseitigen Vermittlungsprozess ein. Er ist dadurch gekennzeichnet, dass Religion in den Raumresonanzen, die die religiöse Botschaft über den Klang im sakralen Raum entfaltet, eine wahrnehmbare und kommunizierbare Gestalt bekommt und sich so selbst erschließen und entdecken lässt. Die Aufgabenstellung lautet nun, zunächst die Musik in Gesten zu "übersetzen". Welche Gebärden, welche Körperhaltung entsprechen dieser Musik? Knien (Gebet!), rhythmische Bewegung (Tanz!), gehen (Begehung!), sitzen (Predigt-Hören), liegen? Einige aus der Gruppe probieren verschiedene Körperhaltungen aus – andere beobachten. Jede der gleichsam somatischen Deutungen wird anschließend eingehend erörtert und auf Plausibilität befragt. Welche Verkörperung macht warum Sinn?

In einem zweiten Durchgang zieht die Gruppe mit dem Player durch die Kirche und probiert aus, wo bzw. von wo dieser Song erklingen muss, um in diesem Gotteshaus "stimmig" zu sein. Muss der Song von den Gemeindebänken her erklingen (gleichsam als "Gemeindelied")? Wie verändert er sich, wenn man Xavier Naidoo von der Orgelempore hört (in Funktion des "Liturgen")? Macht einer der Songs etwa im Altarraum Sinn? Oder sollte er gar vom Altar aus in Richtung Gemeinde erschallen (in liturgisch-verkündender Funktion)?

Bei dieser Übung geht es nicht um die Inszenierung eines ungewöhnlichen und darum wohl auch motivierenden Events. Hier ereignet sich im gelingenden Fall ein Stück exemplarischer liturgischer Bildung. Denn die Konfirmandengruppe wird nur handlungs- und damit deutungsfähig, wenn sie sich zuvor mit der sakralen Topographie ihres Kirchraums vertraut gemacht hat. Sie kann die Schraffur des architektonischen Raums nur dann mit dem Klangraum des Songs korrelieren, wenn sie um die theologische Bedeutungszuschreibung der Himmelsrichtungen und um die liturgische Funktion der Sub-Räume innerhalb der Kirche weiß. 

M1

(Lukas Cranach d.Ä.)

M2

 


(Cover Xavier Naidoo)

 

Die Christus-Insignien (XP) – formgleich auch auf der CD selbst, wie auch auf der Rückseite des Covers – bilden gleichsam den hermeneutischen Schlüssel zum Verstehen der Songtexte. An keiner Stelle fällt das Wort /Gott/ oder /Jesus/ bzw. /Christus/, und doch wird metaphernreich mit fast jeder Silbe auf den inkarnierten christlichen Gott angespielt. Das Chi/rho ist das Vorzeichen, das die religiös-christliche Lesart bzw. Hörweise der auf der CD versammelten 14 Titel bestimmt. "Ich werd‘ vor DIR für DICH sein", so lautet das prägnante Credo eines seiner selbst bewussten Predigers vor dem Herrn, eines Gottesdieners, der seine Botschaft fest im Blick hat.

  

M 3

Xavier Naidoo: Seid ihr mit mir?

Hier spricht Xavier Naidoo.
Und bevor ich anfange zu singen, will ich noch’n paar Worte sprechen.
Denn: Ich hab‘ auf diesen Moment gewartet wie kleine Kinder auf Weihnachten.
Hab‘ die letzten 10 Jahre gearbeitet als sei ich besessen, obwohl ich das Gegenteil bin.
Ich möchte dir danken, indem ich dich wissen lasse, dass mein einstiger Traum nun durch dich Realität wird, weil es mein Traum war, von dir gehört zu werden.

Ich weiß nicht viel, aber was ich weiß, möchte‘ ich mit dir teilen.
Gerade jetzt schließt sich der Kreis,
Denn: Du hörst es und es steht zwischen den Zeilen.
Sieh‘ mit deinen Augen, hör mit deinen Ohren,
Fühl‘ mit deinem Herzen: Hier kommt Mannheim’s Sohn.

Ref.: Seid ihr mit mir. Seid ihr mit mir.
Seid Ihr bereit für die Stimme Mannheim’s Sohns?
Eure Ohren und eure Herzen sind mein Thron.

Jetzt, wo du mich hörst, wird sich sehr bald entscheiden,
wer ich für dich bin und ob Du der bist, den ich meine.
Denn: Alles, was ich brauch‘, ist jemand der zuhört,
jemand der mitfühlt, dem ich sagen kann, was ich spür‘.

Wenn du das bist, dann weißt du, auch ich bin
Wie ein Waisenkind: Im Leintuch eingehüllt vor deiner Tür.
Heb‘ es auf, ich geb‘ dir alles, was ich habe:
Jedes Wort und jeder Ton sind für dich bestimmt.
Hör‘ mich nur an – das ist mein Lohn.

Mittlerweile haben sich sicher einige von uns
Verabschiedet, aber solange du mit mir bist,
werde ich fortfahren und nicht einsam sein.

Erst ab jenem Tag, an dem sie gehört werden,
erhalten meine Worte ihren Sinn.
Alles, was ich sag‘, wird erst wahr durch einen Hörer,
der verstehen kann, wer ich bin.
Du musst mich bezeugen! Geh zu deinen Freunden und sag:
‘In Mannheim lebt ein Mann, der macht Musik aus unseren Träumen.
Und sei mit mir.’

Musik und Text: Pelham, Haas/Pelham

  

M 4

Psalm 130
Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.

Herr, höre meine Stimme!
Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!
Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst –
Herr, wer wird bestehen?
Denn bei dir ist die Vergebung,
dass man dich fürchte.
Ich harre des Herrn, meine Seele harret,
und ich hoffe auf sein Wort.
Meine Seele, wartet auf den Herrn,
mehr als die Wächter auf den Morgen;
mehr als die Wächter auf den Morgen
hoffe Israel auf den Herrn!
Denn bei dem Herren ist die Gnade
Und viel Erlösung bei ihm.
Und er wird Israel erlösen
Aus allen seinen Sünden.

 
‘Seid ihr mit mir’ als Ko-Text zu Psalm 130

Es ist natürlich nicht zuletzt die Textgestalt, die eine religionspädagogische Ingebrauchnahme von ‘Seid ihr mit mir’ induziert. Schon beim oberflächlichen ersten Zuhören lassen sich mühelos biblische Anklänge und Metaphern konnotieren: der ungewöhnliche Genitiv "die Stimme Mannheims Sohns" (vgl. Joh 5, 25), das in ein Leintuch eingehüllte Waisenkind (vgl. Ex 2, 3 oder Mk 15, 46), seid ihr mit mir – ich bin mit Dir (vgl. Jes 43, 1f). Naidoos Text lebt von diesen Doppel- und Mehrfachkodierungen.

Der Vergleich mit einem biblischen Text legt sich also nahe. Vom Aussageduktus und von der Liedform her ergibt sich eine unmittelbare Korrespondenz zu Psalm 130, Luthers Lieblingspsalm. Auch hier wendet sich das lyrische ICH an ein nicht real präsentes DU, auch hier begegnet die Bitte um Erhörung und auch hier kommt ein großes Vertrauen in das Erhört-Werden durch das angesprochene DU zum Ausdruck.

Vermag ein Text den jeweils anderen zu erschließen? Welche Konsonanzen oder Spannungen ergeben sich zwischen Pop-Wirklichkeit und biblischer Wahrheit? (Bei beiden handelt es sich um Vertrauensgebete eines Einzelnen, allerdings ist in Ps 130, 8 der HERR der saviour Israels.) An welchen Stellen wird der Song zum Psalm und umgekehrt?

Es gehört zu den Funktionsbedingungen, dass beide Texturen performativ Gestalt annehmen; sie erklingen als Lieder, also in einem (liturgisch-)musikalischen Vortrag. In einem ersten Unterrichtsschritt könnte darum die Lerngruppe diese und andere Strukturanalogien benennen und erörtern.

In einem weiteren Schritt kann dann der Versuch unternommen werden, Ps 130 im Sinne von ‘Seid ihr mit mir’ umzutexten. Dazu werden die Vers-Anfänge des Psalms als offene Formulierungsimpulse untereinander geschrieben (am besten auf einem vorbereiteten Arbeitsblatt):

"Aus der Tiefe rufe ich ...
Herr, höre...
Lass deine Ohren ...
Wenn du, Herr, ...
usf."

Die Jugendlichen komplettieren dann mit ihren Worten und Assoziationen die Verse. Sie tragen ihre Erfahrungen in den Psalm ein und machen ihn auf diesem Wege für sich biographisch bedeutsam.

Und was käme erst dabei heraus, wenn die Gruppe im Anschluss daran, aus dieser Psalm-Paraphrase einen Rap-Song komponierte? Rap-Musik basiert lt. DUDEN auf einem "rhythmischen Sprechgesang zu abgebrochenen Melodiephrasen" – also eine unkompliziert und relativ schnell auch von Laien zu produzierende Gebrauchslyrik. Der so entstandene Rap könnte nun einem eingehenden Vergleich mit klassischen Adaptionen von Psalm 130 unterzogen werden: EG 597 "Aus der Tiefe rufe ich zu dir" bzw. EG 299 "Aus tiefer Not schrei ich zu dir". (Auf diese Weise käme auch das ansonsten so "langweilige" Unterrichtsmedium Gesangbuch produktiv ins Spiel.) Könnte Xavier Naidoo auch diesen "Song" auf einem seiner HipHop-Konzerte bringen? Inwieweit lebt ein Stück Gesang von seinen Gebrauchskontexten? Welche Konventionen sind für die Aufführung von Gesang leitend? Inwieweit lebt ein Stück Gesang von dem, der es singt bzw. aufführt? Und in welchem Verhältnis stehen dabei Subjekt und affektive Gestaltung? Wird ein Gesangstext wirklich "erst wahr durch einen Hörer, der verstehen kann, wer ich bin" (Naidoo, Beter, Gläubige)?

 

Mediale Kommunikation über Religion

Ein weiterer, im Konfirmandenunterricht wohl eher noch exotischer Zugang zum Phänomen Xavier Naidoo bietet sich über die medialen Vernetzungsoptionen. Platziert man unsere CD im CD-Rom-Fach des PC, dann stellt man fest, dass dort – musikalisch unterlegt – als Icon das bereits oben beschriebene Platten-Cover erscheint. Als ‘Links’ laden VIDEO und INTERNET zum Anklicken ein. Klickt man VIDEO an, dann inszeniert sich automatisch der Videoclip von "Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer" (von derselben CD) auf dem Bildschirm.

Im anderen Falle (INTERNET anklicken) gelangt man direkt über das Internet (vorausgesetzt man ist online) auf die Homepage des 3p-Platten-Labels, wo über Xavier Naidoo und andere Pop-Größen informiert wird. Unter anderem kann man sich dort auch die Songtexte herunterladen. Nur ein paar Maus-Klicks entfernt im www stößt man auf die Xavier Naidoo Fan-page von Tobi und Gregor (http://xavier-naidoo.musicpage.de). Dort finden sich eine Fülle religionspädagogisch relevanter Einträge und Kommentare von den zumeist jugendlichen Fans. Wir verlassen also das Medium und beschäftigen uns mit dem Bedingungsgefüge, hier: mit dem pop-kulturellen, interaktiven Rand des Mediums.

Ein Andreas schreibt dort (12.1.2000):
"Am genialsten finde ich an Xavier, dass er so offen zu seinem Glauben an GOTT steht. Seine Texte bringen diese Botschaft auch unglaublich metaphorisch rüber. Leider blieb es mir bis jetzt verwehrt, ihn live zu sehen."


Elena schreibt:
"Ein Gefühl schiebt tief in meine Seele... Ich fliege, fühle mich leicht und glücklich. Diese ist die Musik von Xavier.
Visselhövede, 21.1.2000"


Und schließlich eine Nina:

"Ich möchte eigentlich nur loswerden, dass man nur hoffen kann, dass Xavier auf dem Stil – seine Musik in Verbindung mit Gott und/oder Bibel – weiterhin so produzieren wird. Denn das fehlt allemal in der Musikszene und ist mehr wie wichtig."

Die Gesprächsansätze drängen sich förmlich auf. Der Unterrichtende bittet diejenigen unter seinen Konfirmandinnen und Konfirmanden mit Internet-Anschluss (mittlerweile wohl schon die Mehrheit), sich ebenfalls dort einzutragen, um so in Kontakt mit den Fans zu treten. Natürlich werden die Themen und Meinungen rund um Xavier Naidoo vorher im Unterricht erarbeitet, und natürlich werden die empfangenen Botschaften in der darauffolgenden Stunde in der Gesamtgruppe eingehend kommentiert. Auf diesem Wege lernen die KonfirmandInnen, mit gleichaltrigen Jugendlichen in einen (digitalen) Diskurs über Religion einzutreten – ein ansonsten sicher nur schwer zu erreichendes Unterrichtsziel.

 

Text aus Loccumer Pelikan

2/2000