Konfirmandenarbeit mit ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen:
Ein Modell der persönlichen Begleitung

Im Gespräch mit Pastorin Silke Deyda

 

Loccumer Pelikan: Frau Deyda, in ihrer Kirchengemeinde gehen Sie einen neuen Weg in der Konfirmandenarbeit. Würden Sie uns davon erzählen?

Silke Deyda: Mir ist vor einiger Zeit ein Zitat von Antoine de Saint-Exupery in die Hände gefallen, das erläutert eigentlich ganz gut mein Gemeindekonzept: „Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten und die Arbeit einzuteilen, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Das knüpft daran an, dass ich in meiner Gemeinde sehr viel von Mitarbeiterpflege halte, aber nicht in dem Sinne, dass ich sage: Wir haben hier noch Arbeit zu vergeben, sondern dass ich versuche, eine Atmosphäre zu schaffen, in der wir gerne zusammen arbeiten und ein gemeinsames Ziel haben. So war das auch mit der Konfirmandenarbeit. Ich bin seit 2001 in der Gemeinde Eickeloh-Hademstorf und habe von Anfang an dem Kirchenvorstand immer wieder etwas von den Konfirmanden erzählt.
 

LP: Also haben Sie mit dem Thema „Konfirmanden“ sozusagen die Sehnsucht nach der Meer geweckt?

Deyda: Ja, ich habe den Kirchenvorstehern einfach von den Konfirmanden erzählt wie von Menschen, die uns nahe stehen. Auch von Einzelnen. Die kennen sich alle, die Gemeinde ist ja nicht so groß, und ich habe erzählt, wie es im KU [Konfirmandenunterricht] läuft, wie die Konfirmanden sich verhalten, und welche Freuden und Sorgen ich mit ihnen habe. Ich wollte von Anfang an deutlich machen: Nicht ich habe hier KU zu erteilen, sondern wir haben gemeinsam Konfirmanden. Es sind die Konfirmanden der Gemeinde, für die auch der Kirchenvorstand verantwortlich ist. Ich bin zwar für den Unterricht verantwortlich, aber es sind unsere Konfirmanden, und nicht etwa nur meine.

Dann wurde es mit den Konfirmanden einmal sehr schwierig. Wir hatten viele dabei, die gar nicht willens, vielleicht auch gar nicht in der Lage waren, geistig zu arbeiten und die viel gestört haben. Und als wir gemeinsam darüber sprachen, sagte ein Kirchenvorsteher: „Da könnte ich doch helfen. Ich nehme mal diese ganz „schwierigen“ – ich kenne ja deren Familien – und gehe mit ihnen über den Friedhof. Wir gucken uns die Grabsteine an und ich erzähle ihnen dazu mal die Geschichten von diesen Menschen.“

Diese Idee fand ich gut. Und als der Kirchenvorsteher sich den Konfirmanden vorstellte, merkte ich, dass die Konfirmanden ganz interessiert waren. Da kam jetzt einer aus dem Kirchenvorstand, aus der Gemeinde, der gar nicht diesen Unterricht erteilen musste, sondern der freiwillig kam und sich für sie interessierte. Das war ein fühlbarer Unterschied.

Dieser Kirchenvorsteher hat dann drei Konfirmanden mitgenommen und ist mit ihnen während des Unterrichts über den Friedhof gegangen und hat ihnen Geschichten von den Menschen erzählt, deren Namen auf den Grabsteinen standen. Er hat versucht, die Konfirmanden so neugierig auf ihre Gemeinde zu machen, die aus vielen Generationen besteht. Das war eine Antwort an die „Störer“: „Wir nehmen euer Signal wahr und wir machen mit euch mal ganz etwas anderes!“
 

LP: Wie ging es dann weiter?

Deyda: Auf der Beziehungsebene hat sich viel verändert. Seitdem haben die Konfirmanden den Kirchenvorsteher ganz anders im Ort gegrüßt und eine Verbindung mit ihm empfunden. Die Atmosphäre wurde auch im Unterricht besser. Die Konfirmanden fühlten sich sichtlich mehr ernst genommen. Und mir ist klar geworden, wie wichtig das war, und dass die ganze Gemeindearbeit viel mehr als ein gemeinsames Projekt sehen müssen. Der Konfirmandenunterricht muss lebendig mit der Gemeindearbeit verbunden sein, er darf nicht für sich stehen.

Ich habe dann angefangen, bewusst Leute zu suchen, die wie der Kirchenvorsteher nicht im Elternalter der Konfirmanden waren, sondern im Großelternalter der Konfirmanden. Mit den Eltern gibt es eine Ablösungsphase in diesem Alter, aber mit den Großeltern ist das Verhältnis oft offener. Dann habe ich weitere gesucht, nicht nur im Kirchenvorstand. Da waren Frauen und Männer, auf die ich nach und nach zugegangen bin.
 

LP: Haben Sie weitere Leute gefunden?

Deyda: Ja, das ist sehr positiv aufgenommen worden. Alle waren über 60, ich habe bewusst auf das „Großelternalter“ geachtet, weil mir das eben gut und entspannt erschien. Eine Frau z.B., die Krankenschwester war, ist seitdem ganz regelmäßig im KU dabei. Sie hat richtig Spaß daran gefunden, mit den Konfirmanden zu sprechen und sie zu begleiten. Sie empfindet sich als eine Art „Patin“ der Konfirmanden. Sie ist mir eine große Hilfe und hat ein gutes Gespür für die Konfirmanden.

Dann hat ein Anderer mit Blick auf eine Konfirmanden-Taufe gesagt: „Ich mach mit den Konfirmanden auch eine Aktion und hole mit ihnen auf dem Trecker das Taufwasser aus der Aller.“ Das war für die Konfirmanden auch eine tolle Aktion. Und die Küsterin hat angeboten, dass man ein Praktikum bei ihr machen kann, Lieder anstecken, Kerzen anzünden, Glocken läuten und den Gottesdienst mit vorbereiten.
 

LP: Wie kann man sich denn die Struktur der Arbeit vorstellen? Machen manche „Paten“ nur in einzelnen Projekten mit, oder auch regelmäßig im Unterricht?

Deyda: Es gibt beide Möglichkeiten. Die meisten Leute sind für eine begrenzte Zeit dabei. Aber in jedem Fall entstehen persönliche Kontakte zwischen den Generationen. Die Konfirmanden werden auch mal nach Hause eingeladen, z.B. um gemeinsam Brot für das Abendmahl zu backen.

Am Donnerstag haben wir eineinhalb Stunden Unterricht für alle. Da teilen wir uns manchmal in kleinere Gruppen, damit auch die Schüchternen mal etwas sagen mögen.
 

LP: Also Sie haben für die Gruppen eine feste Begleitperson und manchmal kommen auch andere Erwachsene dazu?

Deyda: Ja, manche machen eben nur phasenweise mit, da gibt es z.B. einen Mann, der in der alten Schmiede von Eickeloh für Konfirmanden Schmiedearbeiten anbietet. Diese Gruppe hat z.B. einen Leuchter fürs Gemeindehaus gemacht und eine Kerzenschale für die Kirche. Dieser Mitarbeiter sieht das bewusst als Teil der Konfirmandenarbeit. Er möchte die Konfirmanden in eine praktische Arbeit einbinden, ihnen etwas beibringen und Gesprächspartner sein.
 

LP: Wie wirkt sich das dann auf die Gemeinde aus?

Deyda: Ich habe gemerkt, dass gerade das Arbeiten in der alten Schmiede sehr gut ankommt bei uns auf dem Lande. Die Leute sehen, da wird von der Kirche aus wirklich etwas gemacht mit den Jugendlichen. In die Schmiede gehen natürlich auch die, denen dieses Handwerkliche mehr liegt und die es manchmal auch mit der eher geistigen Arbeit im KU schwer haben. So wird das Handwerk aufgewertet und in die Gemeindearbeit integriert.

Nach der Konfirmation sind die Konfirmierten dann in die Schmiede gekommen, um sich mit dieser Unterstützung eine Halfpipe zum Skaten zu schweißen. Gemeinsam mit dem Mitarbeiter sind sie in den Gemeinderat gegangen, um die Finanzierung zu besprechen. Sie haben dann ihre „Jugendarbeit“ selbst in die Hand genommen und nicht gewartet, bis ihnen etwas vorgesetzt wird.
Was für mich besonders schön ist: Ich habe ganz viele Gesprächspartner, mit denen ich über den Konfirmandenunterricht oder über die Konfirmanden reden kann. Ich bin so keine einsame Kämpferin, die sich alleine zuhause überlegt, was ich mit den Konfirmanden machen kann, sondern ich empfinde das so, dass diese Arbeit jetzt eingebettet ist in die Gemeindearbeit. Das ist ein Konzept, das sich eigentlich durch die Praxis entwickelt hat, nicht am Schreibtisch.

Und diese Mitarbeit der „Paten“ wird auch von Anderen in der Gemeinde sehr positiv wahrgenommen. Sie genießen Achtung, weil die Gemeinde ja auch weiß, dass der Umgang mit Jugendlichen in diesem Alter nicht einfach ist.
 

LP: Welches Bild von Gemeinde steht bei Ihnen da im Hintergrund?

Deyda: Es ist mir ein Anliegen, dass sich möglichst viele Talente in der Gemeinde entfalten können, also im Grunde nach 1Kor 12: „Viele Gaben, ein Geist“. Ich fühle mich für diese Mitarbeiterpflege und diese „Erweckung“ der Ehrenamtlichen zuständig – mit Hilfe des Kirchenvorstandes.

Mir ist wichtig, dass ich nicht alles alleine mache, sondern dass auch Andere ihre Gaben mit Freude einbringen können – und zwar sehr selbstständig. Sie müssen mir keine Rechenschaft ablegen und ich mache keine Vorschriften. Sie kommen von alleine und möchten über ihre Ideen und Projekte sprechen.

Nach der Renovierung des Gemeindehauses haben wir bei der Einweihung einen Spruch ausgesucht, der über der Tür des Hauses hängt: „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.“ Das ist eigentlich auch mein Konzept. Also, da habe ich mich sehr gut verstanden gefühlt (lacht).
 

LP: Wie sieht es aus mit der Beteiligung der Jugendlichen im Gottesdienst?

Deyda: Ja, die gibt es auch. Das passiert aber nicht regelmäßig, sondern so wie wir es schaffen und auch je nach Talent. Es gab mal Gruppen, die konnten gut Theater spielen, die haben dann Geschichten vom verlorenen Sohn und verlorenen Vater vorgespielt. Und andere, die haben eben in der Schmiede eine große Kerzenschale geschmiedet, in der jetzt alle, die in den Gottesdienst gehen, am Anfang eine Kerze für sich anzünden können. Das wird jetzt gerade von den nächsten Konfirmanden besonders wahrgenommen. Der neue Jahrgang will gerne singen und Musik machen.
 

LP: Worin, meinen Sie, besteht die Stärke Ihres Ansatzes?

Deyda: Auf alle Fälle, dass eben nicht alles an meine Gaben gebunden ist, die ja auch nur spezielle sind, sondern dass eben dadurch, das diese Paten so verschieden sind, auch unterschiedliche Gaben der Konfirmanden angesprochen werden können. Das habe ich sofort als große Bereicherung, aber auch als Erleichterung empfunden. Und dann macht eben alles mehr Spaß und mehr Freude. Natürlich bereite ich den Unterricht auch mit den „Paten“ vor und habe so auch das Gespräch auf dieser Ebene. Deswegen lohnt sich dieses Projekt auf jeden Fall, und ich würde das sehr Anderen empfehlen, gerade weil mehrere Ebenen so verbunden sind.

Als ich einmal eine Zeitlang krank war, ist der KU weitergegangen. Und zwar auf dieser Basis. Da ist dann keine Kollege gekommen und hat vertreten, sondern das konnten und wollten dann die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen selbst.
 

LP: Werden da die Kollegen in der Pfarrerschaft nicht neidisch?

Deyda: Also ich habe von manchen Kollegen gehört: „Ja, das mag ja sein, dass das da geht, aber bei uns gibt es diese Leute nicht.“ Oder: „Die sind doch eigentlich nicht gut genug ausgebildet für Konfirmandenunterricht.“ Das sehe ich aber als eine Ansatz- oder Konzeptfrage – ich finde in meiner Gemeinde immer wieder neue Mitarbeiter und neue Gaben, aber ich erkenne ihre Fähigkeiten auch an. Ich sage nicht, man muss Theologie studiert haben, um KU geben zu können. Ich meine, ich bin ja auch noch da, und ich bereite den Unterricht auch inhaltlich langfristig vor, aber ich kann das ja auch teilen mit anderen und deren Gaben genauso schätzen.
 

LP: Worauf müsste man achten, wenn man eine solche Arbeit in anderen Gemeinden probieren will?

Deyda: Ich würde sehr diese Zielgruppe der über sechzigjährigen im Blick haben, weil die wirklich mehr Zeit haben als die Eltern der Konfirmanden, und manchmal auch eine Aufgabe suchen. Gerade wenn sie Frührentner oder Arbeitslose sind. Viele von denen haben noch sehr viel zu geben und noch viel Kraft. Viele aus dieser Gruppe haben sich über ihr Leben und auch Glaubensfragen mehr Gedanken gemacht als wir vielleicht denken. Ich würde ihnen aber nicht sagen: Man darf da nur mitmachen, wenn man in einem Jahr drei Seminare im RPI gemacht hat oder so (lacht), dann würden viele nicht mitmachen.
 

LP: Ist bei ihrem Konzept die Kirche voll von jungen Leuten?

Deyda: Nein, aber die Kontakte gehen auch nach der Konfirmation weiter, weil da etwas gewachsen ist. Es ist also nicht so, dass die Konfirmanden jetzt durch dieses Modell hinterher viel mehr zur Kirche gehen als in anderen Gemeinden, sie haben auch eine Ablösungsphase. Aber trotzdem ist da eine gute Beziehung zwischen dem Team und den ehemaligen Konfirmanden, wenn man sich mal wieder trifft. Und das ist ja auch viel Wert, auf der Basis kann wieder was anderes wachsen.

Wenn die Konfirmanden dann in 25 Jahren Silberne Konfirmation haben, dann werden die sich auch an all die Gesichter erinnern, die bei ihnen dabei waren – nicht nur an ihre Pastorin. Das ist dann wirklich ein Unterschied. Diese Konfirmanden werden dann sicher sagen: „Da war noch Frau M., und da war noch die, und da war der, und was haben die alles mit uns angestellt.“
 

LP: Vielen Dank, Frau Deyda, und alles Gute für Ihre weitere Arbeit.

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2008

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