„Ich danke Dir für mein Leben, Jesus.“
Erfahrungen aus einem Konfirmanden-Projekt für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf

von Harm Cordes

 

Was ist das? Eine Konfirmation erregt Anstoß

„Muss das sein? Eine Konfirmation am 1. Advent. Und dann noch die Kinder aus der Lebenshilfe?“ Diese empörte Frage stellte eine Gottesdienstbesucherin, als sie am 1. Advent 2007 den Gottesdienst in der Christus-Kirche Syke besuchen wollte. Sie wollte Adventslieder singen – das Gottesdienstblatt jedoch wies ganze zwei Adventslieder auf, und es ließ einen Familien-Gottesdienst erwarten. Sie hoffte auf Kerzen, eine schöne Predigt und vorweihnachtliche Stimmung – stattdessen warteten in der Turmhalle zwölf aufgeregte Jugendliche auf den Einzug in die Kirche. Zwei von ihnen im Rollstuhl sitzend, zwei von ihren Lehrerinnen begleitet, die übrigen acht ebenfalls geistig oder körperlich behindert. Muss so eine Konfirmation am 1. Advent stattfinden?

 

Was wir wollten: KU für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf

Muss das sein? Für zwei Lehrerinnen der sonder- und heilpädagogisch orientierten Erlenschule in Syke, einer staatlich anerkannten Tagesbildungsstätte in Trägerschaft der Lebenshilfe Syke, war das keine Frage: „Unsere Schüler sollen auch konfirmiert werden. Sie sollen einen Konfirmandenunterricht bekommen, der zu ihnen passt.“ So lautete ihr Wunsch, den sie an die Kirchengemeinde Syke herantrugen, und dessen sich wenig später der Kirchenkreis Syke-Hoya annahm. Der Kirchenkreisvorstand beschloss, einen Konfirmandenunterricht für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf anzubieten, dessen Konzipierung einem Pastor und den beiden Lehrerinnen als ehrenamtlichen Mitarbeitern anvertraut wurde.

 

Was im Vorfeld wichtig war: Strukturen und Absprachen

Die Planungsphase dauerte vom August bis November 2006, und im Rückblick war es hilfreich, so frühzeitig und intensiv mit der Vorbereitung unseres Konfirmandenjahres begonnen zu haben. Zum einen bestand vor Beginn des eigentlichen Unterrichts Gelegenheit zu einer persönlichen und fachlichen Annäherung zwischen uns als Unterrichtenden. Es galt Vorurteile abzubauen („Hast Du überhaupt schon mal mit Behinderten gearbeitet?“), geistliche und theologische Voraussetzungen auszutauschen („Warum ist Dir der Unterricht so wichtig? Was möchtest Du den Jugendlichen vermitteln?“) und Rahmendaten für den Unterricht zu besprechen („Welche Themen sollen vorkommen? Welche Methoden sind denkbar?“).

Als hilfreich erwies sich bald nach Beginn der Vorbereitungen ein Besuch in der Erlenschule, in der die potentiellen Konfirmanden unterrichtet werden. Zu diesem Besuch gehörte das Gespräch mit dem damaligen Schulleiter, dessen Unterstützung wir gewinnen wollten. Er räumte uns ein, die bestehenden Kontakte zu Schülern und Eltern zu nutzen, um auf das KU-Projekt hinzuweisen, er gestattete den Lehrerinnen, einen kleinen Teil ihrer Arbeitszeit für die Unterrichts-Vorbereitung zu nutzen, und er bot uns an, im Bedarfsfalle die Räumlichkeiten der Schule zu nutzen. Unterstützung, von der wir sehr profitiert haben.

Ebenso wichtig waren bei diesem Besuch erste Begegnungen mit den Jugendlichen. Ich lernte Waldemar kennen, einen siebzehnjährigen Deutschrussen, der sich förmlich danach sehnte, konfirmiert zu werden; ich erlebte, wie Samira in ihrem Rollstuhl saß und gefüttert wurde, ohne von meiner Anwesenheit Notiz zu nehmen; beim Frühstück begann Mona mich mit ersten Fragen über Gott und Jesus zu löchern …

Im November 2006 hatten wir ein Konzept für „unsere“ Konfirmandengruppe ausgearbeitet. Der Unterricht sollte von Januar 2007 bis Dezember 2007 dauern und mit der Konfirmation am 1. Advent abschließen. Aus praktischen Erwägungen legten wir den Termin auf freitags von 14.30 bis 16.00 Uhr fest. Als Ort wählten wir die Räumlichkeiten der Kirchengemeinde Syke. Diese hatten den Vorteil, dass die Schüler nach der Schule problemlos mit ihrem Schulbus dorthin gebracht werden konnten. Außerdem ist das Gemeindehaus behindertengerecht eingerichtet und die Kirche, in der wir häufig den Unterricht durchführten, liegt dem Gemeindehaus direkt gegenüber und ist mit dem Rollstuhl zu befahren.

Anfang November 2006 wurden alle in Frage kommenden Eltern und Schüler der Erlenschule in einem Brief des Superintendenten über das geplante Projekt „Konfirmandenunterricht für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf“ informiert und zu einem Elternabend eingeladen. Der Elternabend machte das große, bisweilen sehr unterschiedliche Interesse deutlich. Zwölf Eltern wollten ihr Kind für den Unterricht anmelden und brachten ihre Wünsche ein: Der Unterricht solle möglichst bald beginnen, war der Wunsch einer Familie, der Zustand ihres Kindes verschlechtere sich von Woche zu Woche. Mehrere Eltern wollten ihre Kinder wohl in unserer Gruppe unterrichten, aber in der Heimatgemeinde konfirmieren lassen, eine Möglichkeit, die wir selbst für ungünstig hielten, den Eltern aber durchaus als Option offen hielten. An einer Konfirmanden-Freizeit bestand auf Seiten der Eltern kein Interesse; sie äußerten den Wunsch nach besonderen Treffen der Konfirmandengruppe, an denen die übrigen Familien-Mitglieder teilnehmen könnten.

Was unsere Gruppe getragen hat

Rituale
Einige wenige Rituale zogen sich durch das ganze Jahr und gaben unseren Treffen einen festen Rahmen. Diese Rituale führten wir in der ersten Stunde ein und behielten sie, abgesehen von wenigen Details, bis zum letzten Treffen bei.

Am Anfang der Stunde stand eine kleine Liturgie: In der Mitte eines Stuhlkreises lag eine Decke, auf der eine noch nicht entzündete Kerze stand. Beides hatten wir in der ersten Stunde gemeinschaftlich gestaltet. Als alle Konfirmanden ihren Platz eingenommen hatten, begrüßte sie einer der Mitarbeiter. Anschließend sangen wir das Lied „Lasst uns miteinander“ (EG 563, Niedersachsen/Bremen); ein Konfirmand entzündete die Kerze; es folgte das Lied „Die Kerze brennt“1. Den Abschluss des Eingangsrituals bildete eine Gesprächsrunde. Dazu reichten wir im Stuhlkreis einen Gegenstand herum, dessen Betrachtung zum Thema der Stunde überleitete. Bei der Auswahl der Gegenstände achteten wir darauf, dass diese möglichst mit vielen Sinnen wahrzunehmen waren. Vor unserem ersten Besuch in der Kirche gaben wir beispielsweise das Schlüsselbund mit dem Kirchenschlüssel herum: Die Konfirmanden durften raten, zu welchem Schloss so große Schlüssel passen könnten; die Konfirmanden, die weniger gut sehen konnten, ertasteten die Form der Schlüssel, fühlten das kalte, glatte Eisen; das Geklimper des Schlüsselbundes erwies sich als ein vertrauter und anregender akustischer Reiz. Nach der Einstiegsrunde waren alle Konfirmanden gleich gespannt, wohin die Stunde uns führen könnte. Keine Frage, dass es einer von ihnen war, der den Schlüssel zur Kirche getragen und die Kirche damit aufgeschlossen hat, in der wir den Unterricht fortsetzten.

Für unsere Gruppe hat sich dieses Eingangsritual als tragendes Element erwiesen. Schon nach zwei oder drei Unterrichtsstunden hatten sich die Konfirmanden die Liedtexte eingeprägt, der Ablauf des Begrüßungsteils war ihnen vertraut und sie fanden sich gut in die Unterrichtssituation ein.

Ähnliche Bedeutung hatte das Schlussritual: Dazu gehörte, dass wir miteinander das Vaterunser beteten und die Bitten mit Gebärden ausdrückten; anschließend reichten wir uns die Hände und sangen das Lied „Das wünsch ich sehr“ (EG 608). Im Laufe des Jahres kam als drittes Element ein Reim dazu, den die Jugendlichen aus der Schule kannten und für den KU abwandelten. Sie klatschten im Takt und sagten dazu: „Eins – zwei – Drei – Konfer ist vorbei!“ Damit war der Unterricht beendet.

Soweit der ritualisierte Rahmen unserer Stunden, den mancher Leser belächeln mag. Kann das nicht jeder? Muss das so ausführlich geschildert werden? Ja, das muss es. Gerade weil es für uns als Unterrichtende immer wieder schwer war, an diesem einfachen, so unspektakulären Rahmen festzuhalten. Dem permanent nach Neuerung, Originalität und Anerkennung strebenden pädagogischen Macher kann es in den Fingern jucken, Neues, ganz Anderes, viel Besseres auszuprobieren. Dennoch hat sich die Treue zu unseren Ritualen bewährt; und das nicht nur für den Unterricht. Ebenso saßen im Konfirmations-Gottesdienst zwölf begeisterte Jugendliche in der ersten Reihe, sie waren glücklich, dass „ihre“ Lieder gesungen wurden, sie konnten mitklatschen, mitsingen und fühlten sich in diesem für sie so wichtigen Gottesdienst wie zu Hause. Weil eben vieles so war wie immer. Welche Pastorin, welcher Pastor würde davon nicht träumen?

Wertschätzung für die Jugendlichen
Erst im Verlauf des Unterrichts wurde mir deutlich, welche Bedeutung unsere Wertschätzung für die Jugendlichen an sich hatte. Die Erfahrung, nichts wert zu sein, nichts zu können, nichts zu bedeuten, machen sie in ihrem Leben zur Genüge: Wenn über sie, aber nicht mit ihnen geredet wird; wenn mit dem Finger auf sie gezeigt wird; wenn sie angestarrt, ausgelacht oder nicht ernst genommen werden. Eine Erfahrung, die einige von ihnen auch mit Kirche gemacht hatten, als sie den Konfirmandenunterricht in ihrer örtlichen Kirchengemeinde besucht und bald abgebrochen hatten, weil sie sich ausgegrenzt oder nicht anerkannt fühlten.

Umso wichtiger war es uns, in der Art und Weise, wie wir den Unterricht gestaltet haben, den Konfirmanden unsere Wertschätzung zu vermitteln und sie auf die Wertschätzung Gottes für alle Menschen zu verweisen. Unsere Jugendlichen haben es genossen, dass sie in einem besonderen Gottesdienst, den die Hauptkonfirmanden der Kirchengemeinde Syke gestalteten, als neue Konfirmandengruppe begrüßt wurden. Sie waren stolz darauf, dass ihr Bild von der Auferstehungs-Geschichte die Titelseite des Gemeindebriefs der Kirchengemeinde Syke zierte. Und die Tatsache, dass der Superintendent im Konfirmationsgottesdienst ein Grußwort an die Konfirmierten und ihre Eltern richtete, war für sie und ihre Familien sinnfälliger Ausdruck der Bedeutung, die auch von kirchlicher Seite ihrem großen Tag beigemessen wurde.

Welche Wirkung diese Wertschätzung hatte, lernten wir an einem Mädchen, dessen Eltern sie zuerst nur mit halbem Herzen in unserer Gruppe angemeldet hatten. Sie scheuten sich ihr Kind, das zu den leistungsstärksten Mitgliedern unserer Gruppe gehörte, mit geistig und körperlich behinderten Jugendlichen unterrichten zu lassen. Und es stand für sie nicht zur Debatte, dass ihre Tochter in dieser Gruppe konfirmiert werden könnte. Wider Erwarten besuchte das Mädchen den Unterricht gerne und fühlte sich in der Gruppe wohl. Sie gewann, bedingt durch andere äußere Umstände, deutlich an Selbstbewusstsein und Lebensfreude, was ihre Eltern auch mit dem Besuch des Konfirmandenunterrichts in Verbindung brachten.

Daraus erwuchs bei den Eltern ein Sinneswandel. Hatten sie ursprünglich die Konfirmation ihrer Tochter gemeinsam mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden unserer Gruppe ausgeschlossen, wünschten sie diese nun sehr entschieden: „Wir haben unseren Verwandten gesagt, dass sie zu Hause bleiben sollen, wenn sie es nicht gut finden, dass unsere Tochter im Rahmen eines Konfirmandenunterrichts für geistig und körperlich Behinderte unterrichtet und konfirmiert wird. Wir sind dankbar für die persönliche Entwicklung unserer Tochter. Das alleine zählt.“

Dass zur Wertschätzung auch Konsequenz und Strenge gehören, versteht sich von selbst. Es ist eine Form der Achtung, wenn ein Mädchen, das dazu neigt, zu schnell und undeutlich zu reden, wieder und wieder gebeten wird, deutlich und langsam zu sprechen. Nur so kann sie ihren Beitrag zum Unterricht leisten, der ihren Möglichkeiten entspricht; nur so kann sie das Erfolgserlebnis haben, das sie sich wünscht. Und natürlich muss der pubertierende Jugendliche, behindert oder nicht, zur Ordnung gerufen oder gebracht werden, wenn er die für die Gruppe gültigen Regeln missachtet. Gerade der ernste Ordnungsruf macht ihm deutlich: „Du bist wichtig. Darum benimm Dich so, wie es für unsere Gruppe gut ist.“

Das Mitarbeiter-Team
Ohne die fachlichen Kenntnisse der zwei ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die sie für den persönlichen und fachlichen Umgang mit den Jugendlichen einbrachten, hätte unser Projekt nicht stattfinden können. Sie konnten die Leistungsfähigkeit der Jugendlichen einschätzen, sie wussten um deren gesundheitliche Beeinträchtigung; sie wussten, auf welchem Weg wir die Begabungen und Interessen der Jugendlichen fördern konnten; und sie waren bereit, dieses Wissen mit mir zu teilen. Umgekehrt waren die theologischen und religionspädagogischen Kenntnisse, die ich einbringen konnte, wichtig für die inhaltliche und thematische Gestaltung des Unterrichts. Der regelmäßige Austausch vor den Gruppenstunden und die Reflexion im Nachklang hat uns die Möglichkeit gegeben, von einander zu lernen.
 

Was sich bewährt hat

Inhalte und Gestaltung des Unterrichts
Stellt sich dem Unterrichtenden im KU jedes Jahr aufs Neue die Frage, welchen Stoff, welche Themen er im Unterricht behandeln soll, bekommt diese Frage für einen KU mit geistig und körperlich behinderten Jugendlichen viel größeres Gewicht.

Welche Inhalte sind wesentlich, wenn ein Jugendlicher als einzige Reaktion auf taktile und laute akustische Impulse für einen Moment den Kopf hebt, die Augen verdreht oder aus seinem Halbschlaf aufwacht? Wie kommuniziert man mit einem jungen Menschen, an dessen Gesichtsausdruck sich wohl Gefühle ablesen lassen, sich die übrige Kommunikation aber auf das Handzeichen „Daumen runter“ für „Nein“ bzw. „Schlecht“ und „Daumen hoch“ für „Ja“ bzw. „Gut“ beschränkt? Wie wird man ihnen gerecht, wenn in der selben Gruppe Schüler sitzen, die lesen und schreiben können, sprachlich und gedanklich sehr gewandt sind und im KU Neues über Gott und den christlichen Glauben lernen möchten? Gibt es Themen, die unbedingt behandelt werden müssen? Gebote, Glaubensbekenntnis, Jesus Christus, Abendmahl …?

Ungeachtet dieser Schwierigkeiten einigten wir uns auf einen Stoffplan, den wir weitgehend eingehalten haben. Für das Kennenlernen und die Eingewöhnung in der Gemeinde planten wir den ersten Monat ein, bevor wir uns bis zu den Osterferien neutestamentlichen Geschichten zuwandten. Die Wochen vor und nach den Osterferien gehörten den Passions- und Ostergeschichten; danach beschäftigten wir uns mit Psalm 23, während nach den Sommerferien die zehn Gebote und die Vorbereitung des Abendmahlsgottesdienstes breiten Raum einnahmen. Nach dem Abendmahlsgottesdienst, den wir bewusst zeitlich von der Konfirmation getrennt hatten, blieb Zeit für die Planung der Konfirmation.

Kurz: das inhaltliche Gerüst bildeten durchaus die katechetischen Stücke, die man üblicherweise im KU erwartet. Überdies kamen wir dem Jahreszyklus folgend auf die Feste des Kirchenjahres zu sprechen, regelmäßige Aufenthalte in der Kirche festigten die Vertrautheit mit dem gottesdienstlichen Raum, mit den Konfirmanden gestaltete Gottesdienste bildeten die Einführung in den Gottesdienst.

Methoden
Für die Methodenwahl stellte die große Leistungsspanne zwischen den Konfirmandinnen und Konfirmanden eine Herausforderung dar. Faktisch nötigte sie uns dazu, dass wir bei der Planung jeder Stunde, jedes Arbeitsschritts keine homogene Gruppe vor Augen hatten, sondern für einzelne Konfirmandinnen und Konfirmanden Aufgaben und Inhalte formulieren mussten.

Wie das dennoch gelingen kann, zeigt unsere Bearbeitung der Ostergeschichte. Vor den Osterferien hatten wir in einem Kreuzweg mit unseren Konfirmanden die Passionsgeschichte nachempfunden. Noch im Konfirmandenraum hatten wir miteinander Brot und Weintrauben gegessen, bevor wir uns auf den weiteren Weg machten; wir hatten ein kleines Kreuz gebastelt, in das jeder einen Nagel schlug; unter einem Kreuzigungsbild in der Kirche erzählten wir die Geschichte vom Tod Jesu; am Kruzifix auf dem Altar der Christus-Kirche legten wir Blumen nieder.

Als wir nach den Osterferien wieder zusammenkamen erinnerten sich einzelne Konfirmanden an den Kreuzweg: „Der Jesus ist doch tot“, fasste ein Konfirmand ihre Eindrücke zusammen. Die Idee für die nächsten Stunden war es, die Ostergeschichte zu erzählen und dazu ein Bild zu gestalten. Wir entschieden uns für eine schematische lebensgroße Darstellung des Felsens, in dem die Grabhöhle Jesu eingehauen ist; die Höhle selbst sollte von einem hellen Licht erleuchtet sein; und als Zeichen des neuen Lebens und der Verwandlung, sollten Schmetterlinge in den Farben des Regenbogens aus der Höhle flattern. Bei der Umsetzung konnten alle Konfirmanden mitwirken: mit Schwämmen wurden die einfarbigen Flächen ausgemalt; andere Konfirmanden gestalteten die mehrfarbigen Flächen gemäß unserer Vorlage; wieder andere schnitten die Schmetterlinge aus; und bei der abschließenden Befestigung des Bildes an der Korkwand war wiederum die ganze Gruppe beteiligt. Nicht zu vergessen, dass die Erarbeitung mit Gesprächen über die Oster-Geschichte verbunden war.

Eine vielseitige Methode, die wir mehrmals einsetzten, war die Verklanglichung biblischer Geschichten mit Hilfe orffscher Instrumente. Diese Methode legte sich insofern nahe, als auch hier jeder Jugendliche nach seinen Möglichkeiten einbezogen werden kann. Angefangen bei kleinen Rasseln, über Triangeln, Klanghölzer bis hin zu Xylophonen stand uns ein breites Repertoire an Instrumenten zur Verfügung.

Das Beispiel der Geschichte von der Sturmstillung macht deutlich, wie wir vorgegangen sind: Zu Beginn lagen die Instrumente in der Mitte des Stuhlkreises, um sie mit den Jugendlichen zu entdecken. Dazu durften sie sich Instrumente aus der Mitte nehmen, sie anfassen und ihre Klänge ausprobieren. Dann wurde die Geschichte in einem eigens hierfür erarbeiteten Erzählvorschlag vorgelesen und von den Konfirmanden nacherzählt. Nun erklärten wir den Konfirmanden, dass wir die Geschichte mithilfe unserer Instrumente nachspielen wollten. Dazu sollten sie zusammentragen, welche Geräusche, Bewegungen, Gefühle in der Geschichte vorkommen, die mit den Instrumenten zu gestalten wären. Wer und was da plötzlich wichtig und geräuschvoll war: Jesus, die Jünger, das Meer, der Sturm, die Wolken. Von der Zuordnung einzelner Instrumente zu bestimmten Geräuschen und Personen hatten die Konfirmanden ebenso klare Vorstellungen: Die Rolle des Jesus sollte das Xylophon übernehmen, das Rauschen der Wellen sollten die Rasseln darstellen, den Sturm die Schellen und Pauken usw.

Nachdem die Zuordnung geschehen war, wählte jeder Konfirmand sein Instrument, seine Rolle, und die Geschichte wurde noch einmal vorgelesen und von den Klängen der jeweils angesprochenen Instrumente untermalt: Plötzlich lag die Stille des Abends ebenso im Raum wie der aufziehende Sturm uns bedrängte; die Panik der Jünger, gespielt von der Triangel, ging genauso zu Herzen, wie der Sturm im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Paukenschlag beendet wurde. Ganz zu schweigen von der veränderten Dramatik, die sich ergab, als die Konfirmanden die Instrumente untereinander austauschten und die Geschichte ganz neu verklanglicht wurde.

Überhaupt spielten Klänge, Musik, Lieder eine große Rolle in unserem Konfirmanden-Jahr. Die Jugendlichen haben mit wachsender Begeisterung gesungen. Dazu suchten wir eingängige Lieder aus, deren Texte nicht zu lang und gut auswendig zu lernen waren. Beim Einüben war es hilfreich, die Texte mit den Konfirmanden erst zu sprechen, bevor der Gesang eingeübt wurde. Und es hat sich gezeigt, dass ein einmal gelernter Text nicht verändert werden durfte; als wir Mitarbeiter einmal beim Eingangsritual nicht die in der ersten Stunde eingeführte Textfassung des Liedes „Lasst uns miteinander“ sangen, führte dieses bei den Konfirmanden zu großer, die Stunde über anhaltender Verwirrung.

Genauso wichtig wie der Gesang war die Unterstützung der Lieder durch Klatschen, willkürliche und unwillkürliche Köperbewegungen, oder durch zum Text passende Bewegungen. Wechsel in Tempo und Lautstärke (EG 433) haben unsere Jugendliche begeistert aufgenommen; und selbst diejenigen, die sonst wenig am Unterricht teilnehmen konnten, waren in solchen Momenten hellwach und mit lachendem Gesicht dabei. Allerdings haben wir auch gemerkt, dass es viel Zeit und Geduld braucht, Lieder einzuüben und dass ein zu großes Repertoire an Liedern die Konfirmanden eher verwirrte.2

Aus dem Alltag der Erlenschule, in der die Jugendlichen mit der Gebärdensprache vertraut gemacht werden, adaptierten wir eine weitere Methode, mit der wir gute Erfahrungen machten. Wir entwickelten mit ihnen – in Ermangelung einer geeigneten Vorlage – Gebärden zu den zehn Geboten und übten diese mit ihnen ein. Die Jugendlichen haben diese Anregung sofort aufgenommen und die Gebärden zu den Geboten schnell erlernt und bis zum Ende des Unterrichts erinnert. Häufig waren es nicht die Worte, die ihnen als erstes wieder einfielen, sondern die Gebärden, durch deren Vollzug sie sich an den Wortlaut der Gebote erinnerten.

Eine tragende Säule waren über das Jahr verteilte Gottesdienste, die wir miteinander vorbereitet haben. Sie bildeten jeweils den Abschluss einzelner Abschnitte im KU-Jahr und fanden am letzten Samstag vor den Oster-, Sommer- und Herbst-Ferien statt. Dabei kam uns zugute, dass in der Syker Kirchengemeinde samstags abends um 18.00 Uhr ein Wochenschluss-Gottesdienst gefeiert wird, der liturgisch wenig geprägt ist, den wir unseren Ansprüchen und Möglichkeiten gemäß gestalten konnten.

Die Liedauswahl stimmten wir auf die Bedürfnisse unserer Gruppe ab; unsere Konfirmanden arbeiteten bei der Gottesdienstgestaltung mit und erlebten sich so als vollwertige Gemeindeglieder, die mit ihren Möglichkeiten und Gaben am Gemeindeleben teilnehmen. Anlässlich dieser Gottesdienste nahmen wir die Bitte der Eltern auf, Treffen im größeren Rahmen mit Eltern und Geschwistern durchzuführen. Vor dem Gottesdienst luden wir zum gemeinsamen Kaffeetrinken und zum Austausch ein; eine Einladung, die von der Hälfte der Eltern gerne angenommen wurde.

Bleibt ein Tabu-Bruch zu gestehen (und weiterzuempfehlen!): wir haben mit unseren Konfirmanden das Abendmahl geübt! Das heißt, wir haben wohl auf die Liturgie einschließlich der Einsetzungsworte verzichtet, aber wir haben eben doch einen großen Halbkreis um den Altar gemacht; jede, jeder durfte eine Hostie probieren und bekam einen Schluck Traubensaft aus den Einzelkelchen zu trinken …

All die Schwierigkeiten und Fragen, die sich bei dieser Übung ergaben, haben unsere Probe gerechtfertigt: bei einem Mädchen stellte sich heraus, dass sie die Oblate nicht essen konnte; einzelne Jugendliche hatten Schwierigkeiten beim Trinken aus dem kleinen Einzelkelch; bei einem Jungen bedurfte es langen Zuredens, bis er seine Weigerung aufgab, das ihm vermeintlich unbekannte Getränk zu trinken. Beim Abendmahls-Gottesdienst eine Woche später waren diese Unsicherheiten abgebaut und wir wussten um die Schwierigkeiten, auf die wir bei der Gestaltung des Abendmahls Rücksicht nehmen konnten.
 

Was mich überrascht hat

Drei Erfahrungen haben mich besonders überrascht: Ihre Begeisterung, ihre existentiellen Fragen und ihr elementares Verständnis für einzelne Symbole.

  1. Die Freude der Konfirmanden am KU ist schon angeklungen. In der Regel war es so, dass sie fröhlich und mit einem Lachen aus ihrem Schulbus stiegen und in den Unterricht gingen. Wie in keiner anderen Konfirmandengruppe konnten wir miteinander lachen, ohne große Hemmungen haben sich die Konfirmanden auf jede Form von Aktivitäten eingelassen, und je länger wir uns kannten, desto selbstverständlicher wurde die Umarmung bei der Begrüßung und zum Abschied.
  2. Die Geschichte von der Heilung des Gichtbrüchigen löste bei einzelnen existentielle Fragen aus, die im Laufe des Konfirmandenjahres immer wieder auftauchten. Zwei davon sind mir lebhaft in Erinnerung: „Warum hat Jesus nicht alle Menschen gesund gemacht?“ und „Was bedeutet es, wenn die Bibel sagt, dass die Eltern etwas falsch machen und es den Kindern dafür schlecht geht?“ Fragen eines behinderten jungen Menschen, der seine Behinderung vor dem Hintergrund der biblischen Geschichten zu verstehen versucht: „Warum macht Jesus mich nicht gesund?“ so war die erste Frage gemeint und die zweite: „Haben meine Eltern etwa gesündigt, und ich muss dafür büßen?“. Fragen, deren Bedeutung uns erst nach und nach klar wurde, und denen wir in der Gruppe und in persönlichen Gesprächen nachzugehen versuchten, um den Jugendlichen dabei zu helfen, ihre Lebenserfahrung mit dem christlichen Glauben in Einklang zu bringen.
  3. Schließlich hat mich das elementare Symbolverständnis unserer Jugendlichen erstaunt. Die Bedeutung der Licht-Symbolik im Glauben wie im Gottesdienst lag für sie bei unserem ersten Besuch in der Kirche quasi auf der Hand. „Licht bringt Wärme und Leben“, erklärten sie die Bedeutung der Kerzen im Gottesdienst, und auf die Frage: „Was hat das mit Gott zu tun“ antworteten sie ohne zu zögern: „Gott gibt uns doch auch Wärme und Leben.“ Als wir gegen Ende der Unterrichtszeit auf die Symbolik des Abendmahls zu sprechen kamen, erklärte ein Mädchen die Bedeutung von Brot und Wein mit den Worten: „Mit dem Brot und dem Wein bekommt jeder ein Stück von Gottes Liebe ab.“
     

Was mich berührt hat

  1. Wie geschildert, hatten wir in der letzten Stunde vor den Osterferien einen kleinen Kreuzweg durch die Kirche gestaltet. Zum Abschluss bekam jeder Konfirmand eine Blume, um sie am Kreuz Jesu niederzulegen und Jesus noch etwas zu sagen. Es war bewegend, mit welcher Andacht die Konfirmanden an das Kreuz traten, ihre Blumen niederlegten und dem Gekreuzigten ihre Gedanken und Wünsche zusprachen. Am meisten hat mich ein Konfirmand berührt, der durch seine körperlichen und geistigen Behinderungen stark beeinträchtig ist. Mit großem Ernst stellte er sich vor das Kreuz, legte seine Blume nieder, dann zog ein Lachen über sein Gesicht und er sagte: „Ich danke Dir für mein Leben, Jesus.“ Wie schön, wenn Konfirmandenunterricht Räume eröffnet, in denen solche Bekenntnisse, Gebete ausgesprochen werden können; zumal unter Bedingungen, wie sie unsere Gruppe gekennzeichnet haben.
  2. Der gemeinsame Abendmahls-Gottesdienst fand zwei Monate vor der Konfirmation statt, und wir haben ihn mit einem Abendessen im Anschluss verbunden. Die Feier des Abendmahls im Kreis der Familien war ein Höhepunkt in unserem gemeinsamen Jahr. Die Eltern haben es genossen, mit ihren Kindern zum Abendmahl zu gehen, ohne sich beobachtet zu fühlen, und ohne Angst, ihr Kind könne unangenehm auffallen oder etwas falsch machen. Dass wir für den gesamten Gottesdienst einen riesigen Stuhlkreis vor dem Altar der Weyher Kirche aufgestellt hatten, in dem wir sitzen, singen, beten und feiern konnten, trug wesentlich zu diesem Erleben bei und rechtfertigte unsere Entscheidung, aus diesem Anlass die Syker Kirche zu verlassen.
  3. Nichts hat mich in dem zurückliegenden Konfirmanden-Jahr mehr gerührt, als der Konfirmations-Gottesdienst selbst. Wie glücklich, ja stolz waren unsere Jugendlichen, als sie in die Kirche einzogen und sich gut 300 Menschen für ihren Einzug erhoben! Wie haben ihre Augen gestrahlt, als sie in der ersten Reihe saßen und sie an vielen Details merkten, dass es in diesem Gottesdienst um sie, um ihren Glauben, ihr Leben ging! Und der Konfirmationsspruch „Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ hat für mich eine neue Tiefe bekommen, weil er bei der Einsegnung einem Mädchens zugesprochen wurde, das aufgrund seiner schweren Behinderung für den Rest seines Lebens auf intensivste Pflege und Zuwendung durch ihre Angehörigen und Betreuer angewiesen sein wird!
     

Was ich anders machen würde

  1. Ausgehend von der Tatsache, dass der 23. Psalm und die Rede von Gott als dem guten Hirten zum Grundbestand christlicher Rede von Gott gehören, nahmen wir dieses Thema in unseren Stoffplan auf. Die Stunden zu diesem Thema waren mühsam und wenig gewinnbringend. Keiner der Jugendlichen hatte je einen Hirten gesehen, die Lebens- und Erfahrungswelt eines Hirten und seiner Schafherde waren ihnen völlig fremd; einzig das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lk. 15, 1-7) hat sie angesprochen. Gleichwohl haben die Jugendliche mit Freude ein Mobile zum Thema gebastelt3 und dieses am Ende der Einheit stolz mit nach Hause genommen.
  2. Gegen Ende des KU-Jahres haben wir den Verzicht auf eine gemeinsame Freizeit bedauert. Wir hatten den Zusammenhalt, der in der Gruppe entstehen würde, nicht richtig eingeschätzt und uns war das große Bedürfnis der Jugendlichen nach einer gemeinsamen Unternehmung im Rahmen ihrer KU-Gruppe nicht bewusst. Im Verlauf des Jahres noch kurzfristig eine Freizeit zu organisieren, war uns aber nicht möglich.
  3. Ungeachtet der guten Zusammenarbeit ist uns im Laufe des Jahres klar geworden, dass eine Gruppe wie unsere einen vierten Mitarbeiter hätte gebrauchen können; als zusätzlichen Helfer für die Stunden und um das Fehlen eines Mitarbeiters im Krankheitsfalle zu kompensieren.
     

Was bleibt?!

Der Konfirmationsgottesdienst ist vorbei, die Konfirmanden sitzen fröhlich in den Autos auf dem Weg zur Konfirmationsfeier, ihrer Konfirmation.  Da tritt die alte Dame, die sich vor dem Gottesdienst über die anstehende Konfirmation beklagt hatte, in das Gemeindebüro. Ob sie noch mal kurz etwas sagen dürfe. Der Gottesdienst habe sie sehr bewegt. Diese Freude der Konfirmandinnen und Konfirmanden. Diese Freude über den Gottesdienst und die Aufnahme in die Gemeinde. Sie wisse jetzt, warum die Konfirmation an diesem besonderen Tag sein musste. Einen schönen 1. Advent dann noch!
 

Anmerkungen

  1. Liederheft für Kirche mit Kindern, KIMMIK-Praxis 36, Nr. 2.
  2. Weitere Hinweise und Beispiele bei Schick, Renate/ Gottschalk-Kirchner, Monika: Schüler mit geistigen Behinderungen erleben Musik – Beispiele aus unserer religionspädagogischen Praxis, in: Mork, Carsten (Hg.): Musik im Konfirmandenunterricht (Arbeitshilfen KU Nr. 18), Loccum 1998, S. 48-57.
  3. Vgl. den Bastelvorschlag in: Komm, lass uns feiern. Die Bibel für Kinder mit Fragen zum Leben. Erzählt von Mathias Jeschke. Illustriert von Rüdiger Pfeffer, Stuttgart 2006, S. 158f.
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2008

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