Eine Tauflandschaft

von Heike Breuer, Mareile Grzanna, Petra Lemmel

 

 

Thema "Taufe" im Konfirmandenunterricht

I.
Ende Februar 1996 traf sich der Vikariatskurs 50/Celle in Loccum zur Einführung in den Konfirmandenunterricht. Diese Phase fand ihren Abschluss in der Erarbeitung von Unterrichtseinheiten zum Thema ‘Taufe’, die wir in Kleingruppenarbeit konzipierten und anschließend im Plenum einander präsentierten.

Bei dem im folgenden von uns vorgestellten Projekt handelt es sich um die Idee einer sog. "Tauflandschaft", die wir in unserer Gruppe entwickelt und erarbeitet haben, und die anschließend in zwei Vikariatsgemeinden in Lüneburg und Oldendorf zur praktischen Anwendung gelangten. Für die praktische Durchführung vor Ort wurde die ursprüngliche Idee der Loccumer Tauflandschaft von den Vikarinnen leicht abgewandelt und den unterschiedlichen Rahmenbedingungen der jeweiligen Konfirmandenunterrichtsmodelle angeglichen, in denen die Unterrichtseinheit ‘Taufe’ durchgeführt wurde.

In Lüneburg z.B. wird Konfirmandenunterricht im Kurssystem erteilt. Die Konfirmanden, mit denen die Vikarin arbeitete, waren Teilnehmer des  A-Kurses . Die Unterrichtseinheit im August 1996 umfasste am Stück eine ganze Woche und fand ihren Abschluss in einem Gottesdienst, in dem zwei Konfirmanden getauft wurden.

In Oldendorf wird Konfirmandenunterricht in traditioneller Form mit Vor- und Hauptkonfirmanden und je einer Unterrichtsstunde á 60 Minuten pro Woche durchgeführt. Die Teilnehmer am Projekt der Tauflandschaft im Juni 1996 waren Hauptkonfirmanden; die Unterrichtseinheit erstreckte sich über 3 Wochenstunden.

Unser im KU-Kurs entwickeltes Modell der ‘Tauflandschaft’ stellt auf einer stabilen Unterlage (Pappe oder Holz) verschiedene Aspekte und Perspektiven, die mit und in der Taufe impliziert sind, in anschaulicher, greifbarer Gestalt unverbunden nebeneinander. Zu diesem Zweck haben wir die konkreten Bestandteile und Elemente, die traditionell und konstitutiv zum kirchlichen Taufritual dazugehören, wie z.B. das Tauflied, das Taufbecken, Taufwasser etc., bildnerisch rekonstruiert. Abstrakte theologische Bedeutungsgehalte der Taufe haben wir in Form eines Symbols nachgebildet. Biblische Begründungszusammenhänge z.B. Taufbefehl, Taufe Jesu, haben wir direkt durch Angabe der Belegstelle und durch stellvertretende Zeichen in die Tauflandschaft integriert.

Die leitende Intention für die Konfirmandenunterrichtseinheit war es, den Kindern in spielerischer Form zunächst einen Ausgangspunkt bei ihnen vertrauten und bekannten Aspekten von Taufe zu ermöglichen, um von da aus über die Erschließung von unbekannten und unverständlichen Taufelementen hinzuführen zur Aneignung von individuell bedeutsamen Sinngehaltes der Taufe. Mit Hilfe der Tauflandschaft gelang es in anschaulicher Weise, den Kindern einen Ein- und Überblick über die hermeneutische Vielfalt und Mehrdeutigkeit des Taufaktes zu vermitteln, wie auch die teilweise historisch bedingte und wandelbare Gestalt seiner rituellen Ausführung transparent zu machen. Die Kinder lernten so, zwischen dem theologisch unabdingbaren Kerngehalt der Taufe und ihren zufälligen, indifferenten Rahmenaspekten zu differenzieren.

 

Zwei Erfahrungsberichte:

II. Ev. - luth. St. Stephanus-Gemeinde Lüneburg 

Die fünf Stationen der Tauflandschaft

Die Tauflandschaft besteht aus fünf Stationen, die jeweils eine Unterrichtseinheit darstellen:

  1. Unterrichtseinheit ‘Taufbrunnen’
  2. ‘Wasser’,
  3. ‘Taufe Jesu’,
  4. ‘Mein Vorname’
  5. ‘Das Taufkleid’

Zu 1:
Gesamt- und Detailaufnahmen des Taufbrunnens sind als Schwarzweißfotos auf Karton geklebt und zu einem kleinen Album zusammengeheftet. Dieses selbstgebastelte Fotoalbum lädt zum Blättern und Betrachten ein. Durch das Medium des Fotos und Konzentration auf Details wird bei einem Zoom die Aufmerksamkeit der Kinder auf die in Symbolen und Bildern dargestellten Geschichten des Taufbrunnens gerichtet.

Zu 2:
Ein einfaches Glas mit Wasser und Tröpfchen aus Fotokarton stellten die Unterrichtseinheit zum Thema Wasser (Wasser ist gefährlich, Wasser ist lebensnotwendig, Wasser ist schön) dar.

Zu 3:
Die beiden Egli-Figuren (Jesus und Johannes) zeigen, wie die Taufe Jesu ausgesehen haben könnte. Die Taube trägt einen Briefumschlag im Schnabel, mit dem Text von Lk 3,22: "Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen".

Zu 4:
Die auf Fotokarton aufgeklebten Geburtsanzeigen regen die Kinder an, über die Bedeutung ihres eigenen Vornamens (warum haben meine Eltern mich so genannt? Wie gefällt mir mein Name? Würde ich gerne anders heißen?) nachzudenken.

Zu 5:
Der weiße Babystrampler mit der Taufkerze steht für die Unterrichtseinheit ‘Taufkleid’. Im Laufe der Woche wurde die weiße Farbe des Taufkleides thematisiert. Dieses ergab sich aus einem Besuch in der hiesigen Baptisten-Kirche. Die Praxis des Untertauchens bei einer Taufe und das lange weiße Taufkleid des Täuflings beeindruckte die Kinder.

 

Vorstellen der Tauflandschaft

Nach einem Einführungstag, der den Kindern des A-Kurses helfen sollte, sich untereinander und die Gruppenleiter besser kennenzulernen, habe ich die Tauflandschaft am zweiten Tag der Kurswoche im Plenum den ca. 30 Kindern im Alter von 10 bis 11 Jahren vorgestellt. Dazu habe ich die Tauflandschaft auf einem Tisch im Kirchenraum der St.Stephanus-Gemeinde aufgebaut.

Zunächst einmal war für mich wichtig, dass die Kursteilnehmer sich die Tauflandschaft in aller Ruhe, ohne irgendwelche Vorgaben anschauen. Die Kinder standen im Kreis um die Tauflandschaft und wurden aufgefordert, die einzelnen Gegenstände zu berühren, sie in die Hand zu nehmen und vielleicht etwas damit anzufangen. (Ausnahme bildeten die Egli-Figuren). Die Konfirmanden waren sehr interessiert. Der Babystrampler wurde in die Hand genommen. ("Passt der mir? Den will ich jetzt anziehen.")

Die Funktionstüchtigkeit der Rassel, die ich zu den Geburtsanzeigen gelegt habe, musste natürlich auch überprüft werden. Am interessantesten war meiner Beobachtung nach die ‘Taufe Jesu’ für die Kinder. Was war das für eine Geschichte? Die Egli-Figuren übten eine starke Faszination aus ("Die haben ja gar keine Gesichter, wer ist das?"). Der Briefumschlag im Schnabel der Taube wurde von vielen geöffnet und dann vorgelesen. Allgemeines Erstaunen über den Text war die Reaktion. Nach der ersten Phase des Betrachtens und Berührens sind wir im Plenum die einzelnen Stationen gemeinsam durchgegangen. Bei den Egli-Figuren sind die Kinder schnell darauf gekommen, dass hier die Taufe Jesu dargestellt wird - Johannes der Täufer war ihnen zunächst einmal unbekannt.

 

Platzierung der Tauffiguren

Am ersten Tag haben die Kinder für die Tauflandschaft kleine Figuren aus vorgefertigten Holzstücken gebastelt und sie z.B. mit Wolle und Goldpapier verziert, so dass es ihre ganz eigenen und persönlichen Figuren wurden. Sie wussten aber nicht, wofür diese Figuren noch gebraucht werden. Sie erhielten dann den Arbeitsauftrag, ihre Figuren auf eine Station zu platzieren z.B. eine Station, die sie am meisten interessiert oder eine Station, von deren dargestelltem Thema sie vielleicht schon etwas wussten oder etwas wissen möchten. Für mich war es nun interessant, zu sehen, welche Station von den Kindern favorisiert wurde. Die meisten stellten ihre Figuren zu Jesus und Johannes. Da wollten alle dabei sein. Aber auch die Station mit Babystrampler und Taufkerze erfreute sich großer Beliebtheit. Hier platzierte sich der Rest. Ein mutiges Mädchen setzte ihre Figur zu den Geburtsanzeigen, stellte sie aber später, als sie dort allein blieb, zu einer anderen Station. Das Wasser und der Taufbrunnen haben erst in den Kleingruppen Beachtung gefunden, dann aber zu sehr intensiven Gesprächen angeregt. Insgesamt haben die Kinder die Tauflandschaft gut angenommen. Auch außerhalb der Unterrichtseinheiten gingen die Kinder immer wieder zu dem Tisch und nahmen einzelne Gegenstände in die Hand.

 

III. Die Tauflandschaft in der Kirchengemeinde Oldendorf Kreis Stade.

Die Tauflandschaft musste möglichst flexibel und transportabel gestaltet sein, da in der Kirchengemeinde Oldendorf nicht hinreichend Raum ist, um diese in der Zeit zwischen den KU-Stunden stehen zu lassen. Ich wollte sie zudem auch für weitere Unterrichtsstunden benutzen, die nichts mit dem Thema ‘Taufe’ zu tun hatten. So entstand diese Landschaft auf einem Tuch, auf das mit Stoffmalfarbe große, farbige Stationen gemalt wurden, die zum Thema Taufe gestaltet waren.

 

Unterrichtsverlauf

1. Stunde: Einstieg in das Thema ‘Taufe’
In der Stunde zuvor wurde als Hausaufgabe eine runde Holzscheibe an jeden Konfirmanden verteilt. Die Aufgabe bestand darin, diese Naturscheiben für sich selbst zu gestalten. Es wurde von mir ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese Spielsteine zur nächsten Unterrichtsstunde mitzubringen sind. Bei den Konfirmanden löste die Aufgabe schon Neugier aus: "Was machen wir denn damit?"

Die Neugier hielt bis zum Unterricht eine Woche später an. Etliche Konfirmanden hatten mit viel Mühe den Stein zu "ihrem" Stein gemacht. Der (schon befürchtete) Nachteil hingegen war, dass einige Konfirmanden den Spielstein nicht wieder mitgebracht hatten. Meine Empfehlung daher: Reservesteine vorbereiten oder - bei genügender Zeit - diese erst im Unterricht zu gestalten und im Gruppenraum aufzubewahren.

Schon bald erkannten die Konfirmanden, dass sich alles auf dem Tuch um das Thema ‘Taufe’ drehte: Taufkleid, Wasser, Taufbefehl, biblische Taufgeschichte. Gleichzeitig brachten sie dann die Spielsteine ein (Impuls:"Überlegt, bei welcher Station ihr euch am liebsten aufhalten möchtet!"). Das führte dazu, dass an manchen Stationen viele Steine lagen, an manchen nur ein Stein lag. Gemeinsam wurden die Stationen nun erschlossen. Es ergab sich ein  - z.T. reges - Unterrichtsgespräch, in dem Verständnisse und Missverständnisse zur Sprache kamen. Als Ergebnissicherung übertrugen die Konfirmanden die einzelnen Stationen, ihre Bedeutung und den eigenen Standort auf ein Arbeitsblatt, auf dem die Felder der Stationen verzeichnet waren.

Die Stunde schloss mit dem nochmaligen, wiederum gleichzeitigen Einbringen kleinerer Spielsteine: "Was würdest du dir gerne noch genauer ansehen?". Dabei landeten fast alle Steine bei den Themen ‘Konfirmation’ und ‘Wasser’. Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass es ein sehr heißer Tag war. Gemeinsam wurde beschlossen, am Thema ‘Wasser’ die Taufe zu vertiefen. Dort waren die meisten Steine gelandet.


2.Stunde:
In der nächsten Woche gestaltete ich die Tauflandschaft um. Sie wurde eine Wasserlandschaft, um mit ihrer Hilfe den Konfirmanden die verschiedenen Aspekte des Wassers zu zeigen (Mineralwasser= nötig zum Leben, Eiswürfel= erfrischen ,dabei gleichzeitig auch die lebensbedrohende Dimension des Wassers). Die Konfirmanden erkannten sofort Spiel und Regel wieder. Ihre Reaktionen reichten von "Nicht schon wieder" bis zu "Ich weiß schon, wohin ich mich stelle". Die Faszination des Spieles hielt diesmal leider nicht so lange an. Dies mag eine Ursache in der Auswahl der Stationen und auch in der Unterrichtssituation (letzte Stunde vor den Ferien!) seinen Grund haben.

Die Konfirmanden arbeiteten dann in Gruppenarbeit den Aspekt des Wassers auf, für den sie sich entschieden hatten.

In der folgenden Stunde der Unterrichtseinheit verzichtete ich auf den Einsatz der Tauflandschaft.

 

IV. Fazit:

Die Tauflandschaft bietet unserer Ansicht nach eine gute Möglichkeit, den Konfirmandenunterricht offener zu gestalten. Dank ihrer Flexibilität bezüglich der Gestaltung ist die Anzahl der Stationen den örtlichen Gegebenheiten anpassbar; sie eignet sich sowohl für traditionelle wie auch experimentelle Unterrichtsformen und ebenso für Kinder verschiedener Altersstufen. Sie erweckt bei ihnen starkes Interesse und ermöglicht die aktive und ganzheitliche Teilnahme am Unterricht. Sie können sich mit ihrer ganzen Person am Unterricht beteiligen und werden emotional angesprochen.

Den Unterrichtenden wird eine anschauliche Präsentation diverser Aspekte des Unterrichtsgegenstandes - hier am Beispiel der Taufe - ermöglicht. Diese bleiben nicht abstrakt, stehen konkret, begreifbar im Raum. Dem Unterrichtenden ist es möglich, die Vorerfahrungen der Kinder festzustellen und im Unterricht zu integrieren. Gleichzeitig bietet die Tauflandschaft dem Unterrichtenden auch die Möglichkeit, den Verlauf des Unterrichts durch das Einbringen einer eigenen Spielfigur oder die Auswahl der Stationen zu lenken. Der Aufwand, die Tauflandschaft herzustellen, lohnt sich unserer Meinung nach, sehr!

 

Text aus Loccumer Pelikan

1/1997