"Die pinke Jacke"

von Christian Berndt

 

Konfis schreiben ihr eigenes Weihnachtsspiel
 

Das Problem
Wo bekomme ich alle Jahre wieder ein Weihnachtsspiel her, das

  • nicht langweilig und abgegriffen wirkt, sondern den Sinn und Geist von Weihnachten neu in unserer Zeit erscheinen lässt?
  • sich innerhalb einer begrenzten Zeit (fünf bis sechs Termine) einüben lässt?
  • von Konfirmandinnen und Konfirmanden gerne und mit Spaß gespielt werden kann?
  • zu den engen Verhältnissen einer Kapelle mit nur neun Quadratmeter Altarraum passt?
  • und bei der Rollenanzahl so flexibel ist, dass alle Konfirmandinnen und Konfirmanden, die mitspielen möchten, dies auch können?

Diese Fragen stellen sich mir in jedem Spätsommer und Herbst, weil in meiner Gemeinde die Hauptkonfirmandinnen und -konfirmanden traditionell während der Christvesper ein Weihnachtsspiel aufführen.


Ein Versuch
Mit fertigen Stücken aus Büchern oder dem Internet konnte ich dem hinter den Fragen liegenden Anspruch in den letzten Jahren immer schwerer gerecht werden. Daher wollte ich einen für mich neuen Weg ausprobieren und mit einer Gruppe von Konfirmandinnen und Konfirmanden ein eigenes Stück schreiben. Im Folgenden skizziere ich, wie wir im Jahr 2003 das moderne Weihnachtsspiel "Die pinke Jacke" selbst entwickelt, geschrieben und aufgeführt haben.


Die Gruppe:
Von insgesamt 30 Hauptkonfirmandinnen und -konfirmanden möchten 16 ein modernes Weihnachtsspiel aufführen. Dazu werden die bisherigen zwei Gruppen neu aufgeteilt, damit alle potenziellen Spielerinnen und Spieler zusammen planen und üben können. Der Unterricht findet alle 14 Tage in Doppelstunden statt.

Die Gruppe hat schon etwas Erfahrung mit Rollenspiel und bibliodramatischen Elementen. Sie ist hoch motiviert. Der Zusammenhalt in der Gruppe ist, bis auf eine Außenseiterin, groß.

 

Erste Doppelstunde: Ein Spiel wird geboren

Aufgabe:
Innerhalb von zehn Minuten in frei gewählten Gruppen bis zu fünf Personen eine Szene zum Thema "Heiligabend in diesem Jahr" erarbeiten und anschließend gleich im Plenum vorspielen


Präsentation:
Die Szenen werden auf die Bühne gebracht und gewürdigt.

Spielfindung/Diskussion: Wollen wir ein fertiges Weihnachtsspiel aufführen oder ein eigenes schreiben? Dazu lasse ich das Stück des Vorjahres in Rollen lesen. Ein weiteres Stück bringe ich als Alternative ein. Im Plenum wird entschieden, welches Stück gespielt werden soll.


Erfahrung:
Vermutlich gerade wegen der kurzen Vorbereitungszeit entstanden sehr lebendige, treffende Szenen, die die Konfis mit Begeisterung spielten. Beispiel: In einer Szene wünscht sich ein kleines Kind einen Weihnachtsbaum. Die Mutter lehnt dies mit heftigen Worten ab. Eine ältere Frau beobachtet jedoch die Auseinandersetzung und kauft dem jammernden Kind den Baum. Die Mutter kommt damit nicht gut zurecht, aber das Kind freut sich.

Aus den vorhandenen Szenen wird gemeinsam die Grundidee für das Stück entwickelt: Die Szenen werden als Erlebnisse einer Konfirmandin am Heiligen Abend aneinander gereiht. Diese hat Weihnachten mit der Familie Ärger und verlässt wütend das Haus, um einfach heraus zu kommen, aber auch um nach der Bedeutung von Weihnachten zu suchen (erste Szene). Sie begegnet einer Freundin (zweite Szene) und zieht mit ihr durch die Stadt. Dort erleben die beiden die schon vorgeführten Szenen als Beobachterinnen.

Während der Erarbeitung dieser Grundidee kommt es zu einem intensiven Gespräch über die Bedeutung von Weihnachten, Geschenken und der Familie.

 

Zweite Doppelstunde: Das Skript

Aufgabe in zwei Gruppen, dann im Plenum:
Aus den bisherigen Spielideen/Szenen ein Weihnachtsspiel skizzieren. Dazu können die bisherigen Szenen geordnet, neue Szenen ergänzt, alte Szenen gestrichen werden. Wenn das Grundgerüst des Spieles steht, werden die Rollen, soweit sie schon feststehen, vergeben. In der restlichen Zeit schreiben die Jugendlichen in fünf Kleingruppen "ihre" jeweiligen Szenen, d. h. die Szenen, in denen sie selber mitspielen, auf und arbeiten sie weiter aus.


Erfahrung:
Trotz des vierzehntägigen Abstandes sind die beim letzten Mal gespielten Szenen sehr präsent. Schritt für Schritt wird ein Drehbuch aus acht Szenen erarbeitet. Einige Jugendliche möchten "ihre" Szenen zu Hause weiter bearbeiten.

 

Dritte Doppelstunde: Das Skript

Aufgabe:
In Kleingruppen an den jeweiligen Szenen weiter schreiben. Wenn eine Gruppe fertig ist, nimmt sie sich eine der noch zu schreibenden Szenen vor.


Erfahrung:
Nach dieser Doppelstunde sind sechs von acht Szenen größtenteils fertig. Eine Rolle muss neu vergeben werden, weil sich die Rollen beim Schreiben geändert haben. Eine Konfirmandin übernimmt eine zweite Rolle. Zwei Konfirmandinnen erklären sich bereit, die Texte abzutippen und mir innerhalb von einer Woche zu geben. In der bis zum nächsten Treffen verbleibenden Woche mache ich leichte Korrekturen und ergänze eineinhalb Szenen, die gedanklich im Plenum vorbereitet, aber noch nicht ausgearbeitet waren. (Zeitaufwand: ca. vier Stunden

 

Vierte Doppelstunde: Proben

Aufgabe:
Das jetzt schriftlich vorliegende Spiel in den verteilten Rollen durchlesen, Änderungswünsche einarbeiten und in Gruppen proben.


Erfahrung:

Die Jugendlichen spielen weiterhin mit viel Lust und schreiben einige Sätze nach ihrem Sprachgebrauch mehrfach um. Schwierig ist nur, die beiden Hauptdarstellerinnen überall proben zu lassen, da eine von ihnen in sechs, die andere in allen acht Szenen vorkommt. Die beiden haben zwar viel Text. Da sie ihn aber zum Großteil selbst mit geschrieben haben, lernen sie ihn schnell.

 

Fünfte und sechste Doppelstunde: Probe und Generalprobe

In der Zeit kurz vor Heiligabend werden die wenigen Requisiten wie Weihnachtsmannkostüm, Weihnachtsbaum, Handys, Tisch, Querflöten, Chipstüten usw. sowie die Beleuchtung hinzugefügt. Ein besonderes Augenmerk gilt der engen Bühne in der Kapelle und dem Sprechen.


Heiligabend: Aufführung
Mit viel Applaus werden die Konfirmandinnen und Konfirmanden für die Premiere ihres Weihnachtsspieles belohnt. Die Kapelle ist mit ca. 270 Personen bis auf den letzten Platz belegt.


Fazit
Mit einer motivierten Gruppe kann die Erarbeitung und Aufführung eines eigenen Stückes auch in kurzer Zeit gelingen. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden waren einschließlich der Außenseiterin mit Begeisterung dabei, weil es ihr Stück war, mit ihrer Lebenswelt und ihrer Sprache. Sie konnten sich mit ihrer ganzen Kreativität und Spielfreude einbringen und erzählen auch fast zwei Jahre nach der Aufführung noch von ihrem Spiel.

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2005

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