Konfirmandenelternarbeit:
Ansätze und Möglichkeiten der Konfirmandenelternarbeit und ihre Bedeutung für die Mitgliederbindung

von Ute Beyer-Henneberger

 

In den Leitlinien für den Konfirmandenunterricht der Nordelbischen Ev.-luth. Kirche von 1980 ist in etwas sprödem Stil, der solchen Verlautbarungen oft eigen ist, Folgendes zur Konfirmandenarbeit zu lesen: „Ein wesentlicher Bestandteil des Konfirmandenunterrichts ist die Zusammenarbeit mit den Eltern. Ziel der Zusammenarbeit mit den Eltern ist es, die Beziehung von Unterricht und Familiensituation zu klären und gegenseitige Hilfen in der Begleitung der Jugendlichen anzubieten. Die Eltern sollen dabei Verständnis für den Konfirmandenunterricht gewinnen, ihre Verantwortung erkennen und zur Mitarbeit eingeladen werden.“1

Ob solch ein vor allem die Eltern forderndes Unternehmen wirklich Erfolg hat, sei dahingestellt. Interessant ist an diesen Leitsätzen Zweierlei: So deutlich wie hier wird in keinen landeskirchlichen Rahmenrichtlinien Konfirmandenelternarbeit als konstitutiver Teil der Konfirmandenarbeit gesehen und eingefordert. In unseren hannoverschen Rahmenrichtlinien findet sich lediglich der Hinweis, die Eltern und Familien der Kinder und Jugendlichen nicht aus dem Blick zu verlieren und auch für sie eine einladende Gemeinde zu sein. Zum zweiten wird deutlich: Mitnichten ist die Konfirmandenzeit mit der eigenen Konfirmation zu Ende. KU ist eine lebenslange Aufgabe! So schnell wird man mit dem Thema nicht fertig! Spätestens mit dem Beginn der Konfirmandenzeit der eigenen Kinder geht es erneut los! Aber das muss ja nicht schlecht sein – weder für die Eltern noch für die Kirchengemeinde und Kirche insgesamt. Es entspricht dem Wesen von Glaubensfragen, dass man sie nicht in einer bestimmten Lebensphase behandeln und dann da acta legen kann. Aber wie sinnvoll ist diese Investition angesichts immer verdichteter Arbeitszusammenhänge? Wer hat eigentlich einen Nutzen davon? Und: Was soll am Ende dabei herausspringen?2

 

Warum ist Konfirmandenelternarbeit wichtig? Wer hat einen Nutzen davon?

Peter Henning, der in der Braunschweigischen Kirche für die Fortbildung im Bereich Konfirmandenarbeit zuständig war und sich als Pionier mit dem Thema „Konfirmandenelternarbeit“ wissenschaftlich auseinandersetzte, sieht folgenden Nutzen dieses gemeindlichen Arbeitsfeldes und beschreibt ihn aus verschiedenen Perspektiven:3

Konfirmandenelternarbeit ist erstens wichtig um der Konfirmandinnen und Konfirmanden willen: Religion und Glaube sind noch immer das Tabuthema Nummer Eins in unserer Gesellschaft. Vielfach sind Eltern in religiösen Fragen sprachlos, haben sich seit ihrer eigenen Konfirmation kaum über Glaubensfragen mit anderen ausgetauscht. Sie sind unsicher, haben keine eigene religiöse Alltagspraxis. Kinder erleben ihre Eltern in Glaubensfragen nicht als Vorbilder. Bei allen gelungenen Arbeits- und Gestaltungsformen in der Konfirmandenzeit bleibt aber zu bedenken: Das Elternhaus predigt immer mit. So ist viel vom Traditionsabbruch die Rede und der Blick auf die Familie in religiösen Fragen ist eher ernüchternd, auch wenn dabei zu bedenken ist, dass über Generationen vermittelte Grundverständnisse des Lebens und Glaubens von Kindern und Jugendlichen erspürt, wenn auch nicht explizit thematisiert oder gelebt werden. Es ist also mehr an religiösen Überzeugungen präsent als gelebt wird. Aber es bleibt eine wichtige Aufgabe, Eltern Reflexionsmöglichkeiten ihres eigenen Glaubens zu eröffnen und Sprachhilfen anzubieten.

Konfirmandenelternarbeit ist zweitens wichtig um der Familien willen: Religiöse Einstellungen der Familie prägen bewusst oder unbewusst die Kinder und Jugendlichen. Die Rahmenbedingungen kirchlichen Lebens und die Arbeit in der Kirche selbst haben sich in den letzten 20 Jahren grundlegend geändert. Viele Menschen haben aber diesen Wandel nicht mit vollzogen, haben veraltete Bilder mit positiven oder negativen Konnotationen im Kopf. Die Plausibilität von Glaube und Kirche ist nicht mehr einfach vorauszusetzen, sondern muss erst erwiesen und für die Einzelnen plausibel werden. Die Auseinandersetzung muss erst geführt werden. Information, Aufklärung und Überzeugungsarbeit sind auf Seiten der Kirchengemeinden gefragt, damit Kinder, Jugendliche und ihre Eltern ein aktuelles Bild von Kirche und der Weite des Glaubens gewinnen und in Gespräche eintreten können.

Konfirmandenelternarbeit ist drittens wichtig um der Eltern willen: Es gibt spezifische Fragen und Probleme dieser Altersgruppe. Lebens- und Sinnfragen treten in den Vordergrund. Die Ahnung der Begrenztheit des eigenen Lebens lässt sich nicht mehr verdrängen. Zudem spiegeln die eigenen Kinder, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft die Regie übernehmen werden und auch ihre Eltern sterblich sind. Manch enttäuschte Hoffnung der mittleren Generation meldet sich schmerzlich (Midlife-Crisis). In einer von Frank Zelinsky4 durchgeführten Befragung bei Eltern, was sie für ihre Kinder und auch für sich selbst von der Kirche und ihren Angeboten erwarten, wurde an erster Stelle Gemeinschaftserleben genannt. Die Kirche kann für sie zu einem Ort werden, wo bedeutsame Erfahrungen von Gemeinschaft gemacht werden können. In dem Wunsch für die Kinder spiegelt sich zugleich ein eigener Wunsch nach Beheimatung. An zweiter Stelle wurde Unterstützung bei der religiösen Erziehung ihrer Kinder erwartet. Offenbar wird der Kirche in Fragen ethischer und religiöser Bildung noch immer eine hohe Kompetenz zugetraut. Auch hier gibt es die doppelte Perspektive: Die Kinder sollen religiös sozialisiert werden, aber auch die Eltern wünschen sich Vorträge etc., um dieser Aufgabe besser gerecht zu werden. Ein weiterer Wunsch war der der Annäherung:

Über die Kinder wünschten die Eltern, selber wieder einen neuen Zugang zur Kirche zu bekommen. Entlastung war für Eltern mit Kindern in der Pubertät ein wichtiges Stichwort: Wenn ihr Einfluss und ihre Möglichkeiten, die Kinder zu begleiten schwinden, sollen andere vertrauensvolle Personen in der zweiten Reihe stehen. Und schließlich wünschten sich Eltern Inspiration für ihren Familienalltag. Über die Kinder werden Rituale aufgenommen, die sie selber zu initiieren sich nicht in der Lage sahen. Konfirmandenelternarbeit kann sicher nicht alle Wünsche abdecken, aber an verschiedenen Stellen Impulse setzen und Eltern in ihren verschiedenen Rollen und Aufgaben unterstützen.

Konfirmandenelternarbeit ist viertens wichtig um der Gemeinde willen: Es ist für die Kirchengemeinde wichtig, sich nicht nur auf die Binnenperspektive der kirchlich engagierten Mitglieder zu beschränken. Gerade der Kontakt zu den Randständigen ist wichtig, um nicht die Erwartungen der anderen in ihrer Lebenssituation aus den Augen zu verlieren. Dies ist und bleibt von Bedeutung, auch wenn die Begegnung mit Konfirmandeneltern oft deutlich macht, wie randständig Religion und Kirche in ihrem Leben geworden sind. Diese Erkenntnis ist für kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus ihrer Perspektive sicher auch kränkend. Sie auszuhalten und produktiv umzusetzen, kann eine lohnende Herausforderung sein.

Konfirmandenelternarbeit ist schließlich fünftens wichtig um der Kirche als real existierende Institution willen, die als gesellschaftliche Größe wahrgenommen wird und für die Weitergabe des Glaubens steht. Um diese Aufgaben wahrnehmen zu können, braucht sie einen stabilen Mitgliederbestand und stabile Finanzen. Hier die mittlere Generation ihrer Mitglieder anzusprechen und ihnen Begegnungsangebote zu machen, ist sinnvoll und wichtig. Zumal es sich bei dieser Zielgruppe in der Regel um die zahlenden Mitglieder handelt. Drei Formen von Mitgliederbindung können dabei in den Blick genommen werden: die Beteiligungsbindung, die auf punktuelles oder langfristiges Engagement abzielt; die finanzielle Bindung durch Spenden und Kirchensteuern; Kommunikationsbindung, die an Informationen interessiert ist, aber auf der Ebene der Konsumenten bleibt und schließlich die emotionale Verbundenheit, die innere Einstellungen und Nähe beinhaltet. 

 

Welche Ziele sind mit dem Engagement und den Angeboten für Konfirmandeneltern verbunden?

Gerhard Strunk hat mehrere Zielfelder für die Arbeit mit Konfirmandeneltern ausgemacht , die ein Raster anbieten, um Initiativen zu planen:

„Zielfeld I
umfasst die Motive für eine Zusammenarbeit mit den Eltern, die eine genauere Information über Ziele, Inhalte, Organisationsformen und Gestaltungsmöglichkeiten heutiger Konfirmandenarbeit anstreben.

Zielfeld II
umfasst die Motive, die Konfirmandeneltern aus Anlass des Konfirmationsunterrichtes ansprechen wollen, um Hemmungen und Ängste und die daraus entstandene Distanz zur Gemeinde abzubauen und neue Kontakte zu schließen oder an alte Beziehungen anzuknüpfen.

Zielfeld III
umfasst die Motive, die eine Mitarbeit und Mitverantwortung anstreben, um die Konfirmandenarbeit lebendiger zu gestalten.

Zielfeld IV
umfasst die Motive, die die Konfirmandeneltern in ihrer eigenen lebensgeschichtlichen Situation in den Blick nehmen, um ihnen Möglichkeiten des Gesprächs, der Beratung und neue Erfahrungen für ihr Glaubensleben anzubieten. (Erwachsenenbildung in der Konfirmandenelternarbeit)5

 

Mögliche Angebot und zeitliche Verortung für die Konfirmandenelternarbeit?

Peter Henning sieht folgende Möglichkeiten für die Begegnung mit den Eltern während der Konfirmandenzeit und strukturiert sie nach folgendem Muster:

Schon in der Anfangsphase kann man

  • einen Anmeldenachmittag für Konfirmandinnen und Konfirmanden und Eltern durchführen, um Erwartungen zu klären,
  • zu einem Begrüßungsgottesdienst mit anschließender Einladung einladen,
  • im Rahmen der Begegnung mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und Mitgliedern des Kirchenvorstandes Arbeitsergebnisse der voran gegangenen Konfirmandengruppe vorstellen
  • ein gemeinsames Wochenende für Eltern und Kinder durchführen, an dem man sich kennen lernt und Erwartungen austauscht


Um die Mitte der Konfirmandenzeit kann man

  • das erste Abendmahl gemeinsam vorbereiten und feiern,
  • die Eltern zu einem Taufgottesdienst und -fest einladen
  • einen oder mehrere Elternabende zu Fragen des Familienlebens oder zu Themen des Konfirmandenunterrichtes anbieten,
  • eine Wochenende für Konfirmandinnen und Konfirmanden und Eltern durchführen. Themen können sein: Leid und Hoffnung etc.
  • Ein gemeinsames Fest vorbereiten und feiern


Gegen Schluss der Konfirmandenzeit können die Eltern

  • den Ertrag der Konfirmandenzeit bedenken
  • bei der Gestaltung des Konfirmationsgottesdienstes beteiligt werden,
  • Gestaltungselemente für die häusliche Feier kennen lernen und erarbeiten
  • bei Interesse ein Thema ihrer Lebenssituation bearbeiten: z.B. Die Kinder lieben und loslassen; Meine Zeit – begrenzt und kostbar.“6

Ihm ist dabei klar, dass Konfirmandenelternarbeit für die Hauptamtlichen in den Gemeinden nicht zum Arbeitsschwerpunkt werden kann. Er ist allerdings davon überzeugt, dass Begegnungen, die eh stattfinden, sich ausbauen und vertiefen lassen. Vielleicht – so die Hoffnung – entwickelt sich dann mehr als erwartet.



Welche Bindungsmöglichkeiten bieten die unterschiedlichen Angebote im Rahmen der Konfirmandenelternarbeit?

Blickt man jetzt auf die Palette der Angebote für die Konfirmandeneltern, so zeigt sich, dass sie in unterschiedlicher Weise und Intensität die verschiedenen Ebenen die Bindung der Eltern an die Kirche ansprechen und dies verstärken.

Wenn ich auf die breite Palette der Möglichkeiten schaue, mit Eltern ins Gespräch zu kommen, sie einzuladen und ein Forum für ihre Anliegen und die der Gemeinden zu bieten, legt sich der Schluss nahe, dass hier ausgezeichnete Möglichkeiten liegen, uns als einladende, offene Kirche zu zeigen, die die Liebe Gottes in Wort und Tat Gestalt werden lässt. Konfirmandenarbeit und Konfirmandenelternarbeit können so zu einem Schlüssel für den Gemeindeaufbau werden, indem die Kontaktflächen genutzt und liebevoll gestaltet werden. Man kann es sich nur wünschen – für die Kinder und Jugendlichen, die Eltern und die Kirche.

 

Anmerkungen

  1. Leitlinien für den Konfirmandenunterricht der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche vom 8.7.80 , veröffentlicht in: Gesetz- und Verordnungsblatt der Nordelbisch-Ev.-Luth. Kirche, Nr. 16, Kiel 15.8.1980, zit. nach: G. Strunk, Ziele und Formen der Konfirmandenelternarbeit, in: Handbuch für die Konfirmandenarbeit, hrsg. Vom Comenius-Institut in Verbindung mit dem Verein KU-Praxis, Gütersloh 1984, S. 245-255, hier, S. 245
  2. Nicht nur im kirchlichen Bereich wird über die Sinnhaftigkeit von Elternarbeit nachgedacht, sondern auch in der Schule. Hier gibt es sogar erste Forschungsergebnisse im internationalen Rahmen, die die Effektivität und Akzeptanz erfragt haben. Vgl. Sacher, W.: Elternarbeit – vergeblicher Aufwand oder sinnvolle Investition? Zum Stand der internationalen Forschung, in: SchVwNI 1/2008 S.6 f.
  3. vgl. Henning, P.: Konfirmandenelternarbeit, in: Handbuch für die Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden, hrsg. Vom Comenius-Institut in Verbindung mit dem Verein KU-Praxis, S. 327-341
  4. Zelinsky, F.: Eltern zuhören und Eltern verstehen, in: Kooperationspartner 56 (2003) S. 4-10.
  5. Strunk, G.: a.a.O., S. 247
  6. Henning, P.: a.a.O., S. 340f.
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2008

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