Gewalt ist geil

von Bernhard Dressler

 

Anmerkungen zu (k)einem Jugendphänomen

I. Drei Vorbemerkungen

Erste Vorbemerkung: Es sind schon genug kluge Aufsätze geschrieben worden; Hintergründe, individuelle wie gesellschaftliche Ursachen jugendlicher Gewalt sind erforscht worden; regelmäßig werden politische Forderungen erhoben; Pessimisten beklagen vermeintlichen allgemeinen Wertverlust, andere sprechen von Wertewandel – allein, Eltern wie Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Sozialpädagogen hilft's im Alltag vermutlich wenig. Viele haben den – zutreffenden – Eindruck, dass die Problemlage allzu komplex und die Ursachen zu vielfältig sind, als dass ein/e Pädagoge/ Pädagogin oder auch eine Schule ihnen wirksam begegnen könnte. Bei vielen machen sich Resignation und Kapitulation breit.

 

1. Eine Schultasche fliegt durch den Raum

In Klasse 7b der dreizügigen Realschule in Z. fliegt während der fünften Stunde, als Frau S. gerade Geschichte unterrichtet, eine Schultasche durch den Raum. Sachen fallen zu Boden, und es besteht die Gefahr, dass jemand verletzt wird.

Was hätten Sie getan?

Zweite Vorbemerkung: Es gibt auf der anderen Seite in vielen Schulen kleine Schritte, aber keine Patentlösungen. Und es ist ein langer Weg, weil wir Erwachsenen ein Teil des Problems sind – auch da, wo wir weitab jeglicher Gewalt sind oder sein wollen. Insofern braucht es im Hinblick auf unser Thema eine gehörige Portion »Gelassenheit« und die Bereitschaft, die Dinge einmal aus der Distanz anzuschauen – um einer möglichst angemessenen Praxis willen und um der Resignation und Kapitulation wehren zu können. Dazu möchte ich Sie gerne einladen.

Und schließlich: ein Zitat: »Kaum hatte der junge Lehrer den Saal verlassen, da zupften und stießen die Kameraden G. von allen Seiten. ›Ausgeschlafen?‹ fragte einer und grinste. ›Feiner Schüler‹ höhnte einer ... und sie ergriffen ihn an Armen und Beinen, um ihn unter Gelächter wegzutragen. So aufgeschreckt wurde G. zornig; er schlug um sich, suchte sich zu befreien, bekam Püffe und wurde schließlich fallen gelassen, während einer ihn noch an einem Fuße festhielt. Von diesem trat er sich gewaltsam los, warf sich auf den ersten besten, der sich stellte und war alsbald mit ihm in einen heftigen Kampf verwickelt. Sein Gegner war ein starker Kerl und alle sahen dem Zweikampf mit Begierde zu. Als G. nicht unterlag und dem Starken einige gute Fausthiebe beibrachte, hatte er schon Freunde unter den Kameraden, noch ehe er einen von ihnen mit Namen kannte.« (H. Hesse, Narziß und Goldmund)

 

II. Fünf Thesen

1. Die Zusammenstellung von Jugend und Gewalt ist mehrfach gefährlich:

  • sie verschleiert den Blick auf die Gewalttätigkeit der Erwachsenen
  • und stilisiert Gewalt so zu einem Jugendproblem;
  •  sie verstellt den Blick auf strukturelle Gewaltverhältnisse
     

Die Fokussierung gesellschaftlich vorhandener Gewalt auf Kinder und Jugendliche – verständlich aus einer spezifischen Wahrnehmung und gefördert durch absatzsteigernde Berichterstattungen – lässt uns unversehens in eine Falle tappen und trägt u.U. zur Handlungsunfähigkeit bei. Gewalt ist in unserem Lande immer noch vor allem Gewalt von Erwachsenen – an anderen Erwachsenen und an Kindern und Jugendlichen.

Auch Kriminalstatistiken sind da verführerisch. Es gibt nämlich polizeilicher seits nur Verdächtigen-Statistiken, in denen Jugendliche als Tatverdächtige überproportional auftauchen. Und es gibt darin keine genauen Differenzierungen, was die Delikte angeht. So werden – siehe Titel des Magazins Spiegel »Kleine Monster« – mit einer Mischung aus spektakulären Fällen und zurechtgebogenen Zahlen Klischees kolportiert. Ich sage dies nicht, um zu verharmlosen, denn jeder Fall von gewalttätigem Umgang ist für sich ein Aufruf, zu handeln, aber ich möchte die Debatte gerne versachlichen – auch um der »normalen« Jugendlichen willen. Auf der anderen Seite gibt es alltägliche Erfahrungen, die sich zu Vor-Urteilen verdichten.

  • Als Beispiele struktureller Gewalt können Wirtschaft und Individualverkehr genannt werden.
  • Medien werden von Erwachsenen gemacht.
     

Darüber hinaus gilt: Jugendliche sind Täter und Opfer, oftmals in ein und der selben Person. Sie geben weiter, was sie empfangen haben.

An dieser Stelle ist eine kurze Verständigung über den Gewaltbegriff angebracht. Dieser wird ja nicht trennscharf zu anderen wie insbesondere Aggression, Macht und Herrschaft gebraucht. Wir erkennen Gewalt ursprünglich als Teil der Natur, also als physischen Vorgang (hier hat er seine Wurzeln: »walten« meint etymologisch »kraftvoll sein«, daraus: etwas in Besitz, unter seine Herrschaft bringen). Dort wo diese Wirkungen Leib und Leben von Menschen, ihre Freiheit, ihr Eigentum, ihre soziale Integration bedrohen, verletzen oder vernichten, wollen wir von Gewalt reden. Gewalt dient individuellen oder Gruppeninteressen zu ihrer Durchsetzung gegen Widerstände. Dass wir Gewalt als solche erfahren und benennen, hat etwas mit unserer Menschwerdung zu tun, theologisch gesprochen mit der Erkenntnis von Gut und Böse und der damit zusammenhängenden Fähigkeit zu Selbstbewusstheit und Selbstreflexion. Daher muss in menschlichen Gesellschaften Zivilisation als Regelwerk an die Stelle natürlicher Ökologie treten, um sie als ganze zu bewahren. Gewalt geschieht weiterhin, aber sie wird in einem Regelwerk gezähmt, zivilisiert, indem sie bspw. nur bestimmten Instanzen juristisch zugestanden wird (Gewaltmonopol). Die Bewertung von Gewalt ist innerhalb einer Gesellschaft also notwendigerweise divergent (»legitime« Staatsgewalt, akzeptierte strukturelle Gewalt, kriminelle Gewalt auf der Straße) und führt in den Raum des Rechts und der Politik. Was wir also im Raum der Schule oder auch auf der Straße oder medial vermittelt als Gewalt von Kindern und Jugendlichen wahrnehmen, ist ein bestimmter, allerdings Betroffenheit und Besorgnis erregender Ausschnitt vorhandener Gewalt.

 

2. Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung Jugendlicher sind von politischen Optionen für Rechtsextremismus und den daraus folgenden Konsequenzen zu trennen.

Sowohl die Gewaltbereitschaft und -anwendung als auch Rechtsextremismus sind keine exklusiven Jugendphänomene. Insofern dürften uns nicht allein und zuerst die jungen Menschen beunruhigen (wieso sollen sie anders sein als die Erwachsenen?), sondern die Erwachsenen, die in Ressentiments und Parolen geistigen Nährboden liefern. Dies ist kein Plädoyer für Verharmlosung, es soll aber bewusst machen, dass es nicht eine Strategie gegen ganz unterschiedliche Motivationen und Erscheinungsformen geben kann.

 

3. Erklärungsmuster (Theorien), die Gewalt nicht auch als anthropologische Kategorie berücksichtigen, greifen für die Ausbildung wirksamer Konsequenzen zur Eindämmung von Gewalt zu kurz.

Gewaltausübung ist ein natürlicher Vorgang. Sie ist kein moralischer Defekt, sondern gehört zu unserer Grundausstattung; sie ist eine anthropologische Konstante, die allenfalls in persönlichen Reifeprozessen überwunden wird (Mahatma Gandhi/ Martin Luther King). Die Bibel – vornehmlich das Alte Testament – selbst konstatiert Gewalt zur Durchsetzung von Interessen in dieser Welt: es beginnt gleich bei Kain und Abel; aber auch die Psalmen zeugen davon, in denen fast jede nur denkbare Gewalttat als erlittene wie als erbetene Strafe1 zur Sprache kommt; das Recht Gottes darf mitunter gewaltsam durchgesetzt werden2; Gott selber hat das Gewaltmonopol3; er lässt den Sieg über feindliche Völker zu und man darf ihn um seine mitunter gar nicht gewaltfreie Hilfe bitten; zugleich kennt u.a. die prophetische Kritik die Klage über Gewalt gegen Arme und Schwache und die Vision des Shalom. Frieden und Gerechtigkeit sind die Insignien der Gemeinschaft, die sich auf dem Weg der Tora befindet. Die Überwindung gewaltsamer Interessendurchsetzung durch Jesus ist und bleibt der radikale Gegenentwurf aus der Perspektive der Reich-Gottes-Vorstellung und entsprechender (Nah-) Erwartung.

2. Lars und Murat prügeln sich

Sie haben Aufsicht in der ersten großen Pause. Umringt von mehreren Schülern bemerken Sie, dass Murat auf dem Bauch von Lars sitzt und ihm die Haare auszureißen droht, während Lars wild mit den Beinen strampelt.

Was hätten Sie getan?

Gesellschaftliche Aufgabe ist daher zunächst, ein mehr oder weniger hohes Maß an Zivilisation zu schaffen, also ein Regelwerk einzusetzen, durch welches das vorhandene Gewaltpotential in mehr oder weniger geordnete Bahnen gelenkt wird. Als Urbeispiel können dabei die 10 Gebote gelten, die es ohne den Verstoß gegen sie nicht gäbe. Die Frage nach praktischen Konsequenzen zur Eindämmung individueller Gewalt ist die nach der Bereitschaft zu zivilisiertem Verhalten – des einzelnen und einer Gesellschaft und entsprechenden Strategien zur Entwicklung solcher Bereitschaft.4

3. »Fick deine Mutter!«
Gewalt mit Worten

In einer Hauptschule in S. streiten sich in der kleinen Pause zwei Jugendliche um ein banales Thema. Weil nicht zu klären ist, wer recht hat, brüllt einer der beiden schließlich: »Ach, fick deine Mutter!« Der so Beschimpfte will gerade auf den anderen losgehen, als Herr G. den Klassenraum betritt. Er hat den Ausruf gerade noch gehört.

Was hätten Sie getan?

 

4. Bekämpfung von Gewalt kann nicht geschehen ohne Einsicht in ihre subjektiven »positiven« Effekte.

Ich zähle eher schlagwortartig auf: Gewaltanwendung ist insbesondere für den größeren Teil der Jungen und Männer in mancher Situation Identität stiftend: in Ermangelung realer männlicher Identifikationsfiguren und folglich in Anlehnung an medial vermittelte können sie zu »kleinen oder großen Helden« werden. Gewalt klärt wenigstens kurzfristig die Verhältnisse, denn Gewalt klärt die Fronten, aber integriert auch in eine Gruppe; Gewalt schafft Solidarität, fordert zur Stellungnahme heraus und ist intensive (Körper)erfahrung in einer entsinnlichten Welt. Insofern gilt: Gewalt stiftet subjektiv Sinn.

Damit aber birgt Gewalt ein subjektives Erfolgspotential, das bei Aktivierung ungemein animierend wirkt.

Nach von Verhaltensforschern entwickelten Modellen entwickelt sich aggressives und in seiner Konsequenz gewaltförmiges Verhalten in vier Stufen: Auf der untersten Ebene der Wahrnehmung fällt bereits eine Grundentscheidung. Da der Mensch gar nicht alles mitbekommen kann, was um ihn herum geschieht, beobachtet er eher das, was er erwartet. Jedes Ereignis wird sofort klassifiziert: ist es günstig oder bedrohlich? Ist es nützlich oder schädlich für die eigenen Intentionen? Auf der zweiten Stufe wird entschieden, wie man auf die Wahrnehmung »bedrohlich/schädlich« reagiert: aggressiv – ja oder nein. Was der Mensch an Verhaltensweisen kennt, wird rasend schnell durchgespielt, bis sich ein passendes Muster findet; dabei rasten eingeschliffene Programme am ehesten ein. Also: je häufiger jemand bereits (erfolgreich) aggressiv reagiert hat, desto wahrscheinlicher trifft er die gleiche Wahl. Auf Stufe drei wird der aggressive Impuls auf seine Konsequenzen hin durchgespielt: überwogen in vergleichbaren früheren Handlungen der Nutzen oder die Unannehmlichkeiten? War der befreiende Impuls des Zuschlagens größer als eine evtl. folgende Sanktion? Je nach Beantwortung dieser Frage regelt sich die Hemmschwelle. Auf Stufe vier wird die so in Aussicht genommene Tat noch einmal auf ihre Zukunftsfolgen hin durchgespielt. Hier spielen Alter, Intelligenz und Fähigkeit zur Selbstdistanz eine große Rolle. Je weniger ein Kind/Jugendlicher in der Lage ist, über die unmittelbare Situation hinaus zu schauen, desto größer die Wahrscheinlichkeit der Gewaltanwendung. Angst vor Sanktionen und eine aufgeklärte Kosten-Nutzen-Abwägung sind wesentliche gewalthemmende Faktoren. Das macht deutlich, dass man gegen Gewalt etwas tun kann, aber auch, wie schwierig das ist.5

 

5. Gewalt wird pädagogisch »zivilisiert« nicht durch den moralischen Zeigefinger, sondern durch das Erlernen von Regeln und das konsequente Sanktionieren von Regelverstößen. Dazu müssen die Mittel bereit gestellt werden.

Mit Moral ist dem Problem aus unterschiedlichen Gründen nicht beizukommen. Neben der politischen Konsequenz (s.u.) bedarf es einer pragmatisch-pädagogischen: Gelernt werden müssen Regeln, die einen klaren Raum und Zeitbezug haben; und ausgeübt werden müssen konsequente Sanktionen: U. u. kommen erst Belohnung oder Strafe, dann das Gespräch. Dies gilt vor allem für den Elementar- und Grundschulbereich.

Ich mache dies gern am Beispiel Fußball bzw. Mannschaftssport deutlich, auch wenn dieses Beispiel wie alle hinkt. Aber dieses Beispiel kann im Hinblick auf einen der Realität angemessenen Pragmatismus zu Einsichten verhelfen und auf jugendliche Lernfähigkeiten hinweisen.

Also »spielen« wir es einmal durch.

  • Im Fußball begegnet uns ein klar umgrenztes Regelwerk, das für einen bestimmten Raum und eine bestimmte Zeit kontinuierlich gültig ist. Es geht um den Fußballplatz und das unmittelbare Umfeld (Spielfeldrand, Kabine, Tribüne...) und um 90 Minuten Spielzeit (ggf. plus Verlängerung und das unmittelbare zeitliche Umfeld). Für schulische Regelwerke gilt also: sie beziehen sich auf das »Spiel« Unterricht und gelten von bspw. 7.30 – 14 Uhr in der XY-Schule. Sie zielen vordergründig nicht ab auf die »Werteerziehung« der Schüler (auch wenn sie faktisch und durchaus gewollt solche leisten), sondern auf das Funktionieren des Spiels – also des Unterrichts.
  • Wesentliches Moment im Spiel ist die personale Trennung von Schiedsrichter und Trainer. Während der Schiedsrichter für die Sanktion zuständig ist, obliegt dem Trainer die »Seelsorge«. Schiedsrichter müssen und wollen nicht geliebt, sondern respektiert werden; Trainer tadeln durchaus auch die Verstöße, bauen aber vor allem die Person wieder auf. Beide zusammen sind für das Funktionieren des Spiels notwendig, denn die Trainer müssen die sportlichen Fertigkeiten wie die Kenntnis des Regelwerks vermitteln, das die Schiedsrichter dann anwenden. Hier wird die Analogie zu Schule und Unterricht schwierig, denn allzu oft muss die Lehrerin / der Lehrer beide Rollen spielen. Eine konfliktbereite und –fähige Schulleitung kann hier u.U. gute Entlastung schaffen
  • Sanktionen werden im Spiel zeitnah und der Schwere des Verstoßes entsprechend ausgesprochen. Sie sind transparent und auf das Spiel bezogen. Und schließlich: es gibt in aller Regel eine neue Chance, evtl. aber erst im nächsten Spiel, also nach vorübergehendem Ausschluss. Das bedeutet: Schulische Sanktionen sind ebenfalls abgestuft, zeitnah und vor allem auf das Ziel des ganzen abgestellt, nämlich Unterricht veranstalten zu können. Sie appellieren nicht an das Gute im Menschen, sondern setzen dem »Bösen« Grenzen. Sie trennen zugleich zwischen Tat und Täter.

4. Reizgas im Unterricht

Während Frau B. in der Mathestunde an die Tafel schreibt, zieht Schüler X eine Reizgasflasche hervor und besprüht seinen Tischnachbarn. Beide sind 11 Jahre alt.

Was hätten Sie getan?

Ich will an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass das Einüben solcher Regelwerke natürlich auch Teil des Spiels ist, auch wenn an dieser Stelle z.B. Eltern als außerschulische Co-Trainer in Betracht kommen. Darüber hinaus sind sicherlich (Zeit und Geld beanspruchende) Trainingsprogramme für Lehrerinnen und Lehrer vonnöten.

Hand in Hand mit dem Erlernen der Spielregeln geht die schrittweise Bildung des Gewissens. Religiöse Erziehung, das Wissen um Gut und Böse, die Reflexion der Regeln werden altersgemäß Teil des Unterrichts sein. In diesem Zusammenhang lässt sich m.E. konstatieren, dass das Wertebewusstsein gar nicht in dem Maße verändert scheint, wie dies in schöner Regelmäßigkeit proklamiert wird.

 

Conclusio:
Was können wir tun?
Ein Schulvertrag als ein Modell?

In der gegebenen Situation einer insgesamt aggressiven Gesellschaft plädiere ich für ein möglichst pragmatisches Vorgehen anhand einer doppelten Fragestellung:

a.: Was schützt die potentiellen Opfer (Schüler wie Lehrer)?

b.: Was verhilft zu Aggressionen mindernden bzw. kanalisierenden Lernprozessen?

In diesem Zusammenhang kann ein Menschenbild hilfreich sein, das die Unzulänglichkeit und Fehlerhaftigkeit des Menschen einkalkuliert6 und zugleich ihn nicht dabei behaftet (vgl. These 3), ihn auch im Licht der Welt als Gottes geliebtes Geschöpf versteht und ihn dementsprechend behandelt. Dieses Menschenbild ist in der Lage, immer wieder zwischen Tat und Täter zu differenzieren: es nennt die böse Tat Schuld und Konsequenz der Sünde, den Menschen aber Gottes Geschöpf. Vielleicht liegt hier – vor aller ethischen Erziehung – die unverzichtbare Aufgabe des Religionsunterrichts wie der Kinder- und Jugendarbeit: Schülerinnen und Schüler, Kinder und Jugendliche, aber zugleich auch Erwachsene wahrnehmungsfähig zu machen für die Essentiales unserer Religion: für die Liebe Gottes, die auch die/den nicht verloren gibt, die/der nicht fähig ist, sich selbst wie die/den andere/n zu lieben. Eine Liebe, die bereit ist, den Gewalttätigen konsequent zu begegnen, weil sie mit ihnen wie mit den Opfern (manchmal ja ein und derselbe; s.o.) leidet – und nicht nur unter ihnen.

Quelle: Faltblatt »Aktion gegen Gewalt«. Eine Initiative der Polizeidirektion Hannover. Schirmherrin: Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann

 

Manchmal ist es ganz einfach, etwas zu unternehmen. Ein Beispiel: Eine Frau wird von einem Jugendlichen bedroht. Sie werden zufällig Zeuge der Tat. Was jetzt?

  1. Ruhig bleiben! So schwer es auch fallen mag. Panik hilft nicht weiter. Schauen Sie sich um. Sie sind nicht allein. Steigen da drüben nicht gerade zwei Männer in einen Lieferwagen?
  2. Greifen Sie den Täter nicht an! Bei gewaltbereiten Menschen hat man mit Gewalt wenig Chancen. Rufen Sie die beiden Männer zu Hilfe. Am besten so laut und deutlich, dass es auch der Täter hören kann.
  3. Den Täter nicht unnötig provozieren! Sie wollen nicht selbst zum Opfer werden. Der Täter weiß ja bereits, dass er nicht ungestört weitermachen kann. Denn mit den beiden Männern sind Sie in der Überzahl.
  4. Dem Opfer Hilfe signalisieren! Haben Sie ein Handy? Dann rufen Sie sofort die Polizei. Aber nicht nur das. Machen Sie auch dem Opfer deutlich, dass bereits Hilfe unterwegs ist.
  5. Als Zeuge zur Verfügung stehen! Vielleicht haben sie die Situation entschärft. Vielleicht ist aber auch schon etwas passiert. Stellen Sie sich in jedem Fall als Zeuge zur Verfügung und helfen Sie so, den Täter zu finden.
     

STIMMT!

Niemand fordert von Ihnen Heldentaten. Aber gerade das Opfer kann verlangen, dass jeder Umstehende das Mögliche tut!

Tipps für Frauen
Viele Frauen unterschätzen ihre Fähigkeiten. Auch wenn Sie für Ihre Kinder oft wie Löwinnen kämpfen können – sind sie selbst in Gefahr, fällt es ihnen oftmals schwer, Grenzen zu setzen und Forderungen zu stellen.
Also: Raus aus der Opferrolle! Sagen Sie »Nein!«, wenn Sie nein meinen.

Tipps für Männer
Viele Männer überschätzen ihre Kräfte. Aber mit unüberlegter Aggressivität schaukelt man die Situation meistens erst richtig hoch. Besser ist es, sich nicht auf die Mittel des Täters einzulassen.
Also: Vertreten Sie ruhig und selbstbewusst Ihren Standpunkt. Helfen Worte nicht, holen Sie Hilfe.

Tipps für Jugendliche
Klar kommen kleine Rempeleien immer mal vor. Aber es ist überhaupt nicht cool, wenn immer der Schwächste dran ist. Und: »Abziehen« ist keine kleine Sache, sondern echter Raub.
Also: Zeigt denen, die glauben, sie sind immer die Stärksten, dass sie mit Gewalt nicht durchkommen.
Am besten, indem ihr Hilfe holt. Bei der Polizei, Eltern und Lehrern.

Übrigens: Die Polizeidirektion Hannover bietet Selbstbehauptungskurse an. Fragen Sie uns danach.

Quelle: Faltblatt »Aktion gegen Gewalt«. Eine Initiative der Polizeidirektion Hannover. Schirmherrin: Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann

 

Anmerkungen

  1. Ps 58!
  2. 5. Mose 21 u.ö.: Du sollst das Böse wegtun aus deiner Mitte
  3. Lk 1,46ff: »Die Mächtigen stößt er vom Thron«
  4. s. Dazu: Peter Schneider, Erziehung nach Möln in: Kursbuch, Heft 113 »Deutsche Jugend«, Berlin 1993
  5. vgl. Spiegel 15/98
  6. 1. Mose 8,21: des Menschen Trachten ist böse von Jugend auf
 

Text aus Loccumer Pelikan

2/2002