Flucht und Ankommen
Bausteine für einen Gemeindegottesdienst

Von Inke Wegener, Kirchenvorstand Klein Lengden, Martin Müller-Wetzel u. a.

 

1. Gottesdienstformular

  • Orgelvorspiel
  • Lied EG 473, 1-2+4: Mein schönste Zier und Kleinod
  • Begrüßung
  • Kyriegebet mit Kyrieruf EG 178.9
  • Kollektengebet
  • Lied EG 585, 1-3
  • Thematische Meditation (hier: Sodom und Gomorrha)
  • Lied EG 262, 1+3 Sonne der Gerechtigkeit“
  • Erinnerungen: Geschichten von Flucht
    - Hinführung
    - Flucht aus Ostpreußen / Danzig
    - Flucht aus Afghanistan (dazwischen Orgelmeditation)
  • Lied: We shall overcome
  • Dialog
  • Lied EG 604, 1-3
  • Abkündigungen
  • Lied EG 482, 1-3 Der Mond ist aufgegangen
  • Fürbitten – Vaterunser –Segen
  • Leises Orgelnachspiel
  • Begegnung und Gespräche beim Tee



2. Begrüßung

Ich begrüße Sie herzlich zu unserem ersten Gottesdienst „Zwischen Tee & Tatort“. Der Name ergibt sich aus der Uhrzeit dieser Veranstaltung. Sie können bei uns Tee trinken, und sind dann – lange – vor dem sonntäglichen Fernseh-„Tatort“ wieder zu Hause.

Die Idee dazu stammt aus Hannover. Dort werden schon seit zwei Jahren zu dieser Zeit Gottesdienste zu verschiedenen Themen gestaltet. Frau Pastorin Wegener und wir vom Kirchenvorstand haben den Gottesdienst gemeinsam erarbeitet und wir hoffen, dass er für Sie eine Bereicherung wird.

Das Thema des heutigen Abends ist: Sodom & Gomorrha – Worte, die Sie vermutlich als Ausdruck schon einmal gehört haben und bei denen Ihnen Gedanken kommen.

Was aus biblischer Sicht dahinter steht, mag vielen nicht bekannt sein. Es ist eine Geschichte aus dem Alten Testament, sie hat mit Angst vor Fremden zu tun, mit Flucht, aber auch mit Gastfreundschaft. Das Thema ist schwierig und hochaktuell.

Nach den Vorkommnissen in der Silvesternacht in Köln haben wir überlegt, ob es nicht zu brisant ist, gerade jetzt darüber zu sprechen. Doch genau das wollen wir jetzt trotzdem (tun):

dieses Thema in unsere Kirche holen, uns dem Thema nähern und zum Nachdenken und Mitdiskutieren anregen. Es ist ein Thema, was sich durch die Bibel und auch durch Ihr und unser Leben zieht. Wir werden versuchen, Ihnen dieses zu verdeutlichen.

Sollte es – bei Gefallen – weitere Gottesdienste dieser Art geben, sind Sie herzlich eingeladen mitzumachen. Im Anschluss des Gottesdienstes würden wir gerne noch mit Ihnen gemeinsam einen Tee trinken und über das Thema sprechen.

Beim Kommen haben Sie kleine Zettel bekommen. Wir bitten Sie, darauf Ihre ersten Gedanken zu unserem Thema aufzuschreiben. Diese würden wir gerne beim nächsten Lied wieder einsammeln.

Nun wünsche ich Ihnen und uns einen … interessanten … Gottesdienst, den wir im Namen Gottes feiern.



3. Kyriegebet mit Kyrieruf

Vieles bewegt uns in diesen Tagen,
wir rufen Gott an, bitten ihn um Erbarmen und singen –
Kyrie eleison.
 

Gott,
wir bringen vor dich unsere Sorge um die Welt.
So viele Menschen sind auf der Flucht.
Männer, Frauen und Kinder begeben sich auf den gefährlichen Weg mit der Hoffnung auf ein besseres, sicheres Leben.
Wir rufen:
Kyrie eleison.
 

Gott,
wir leben in gemütlichen Häusern und wenden den Blick ab von überfüllten Flüchtlingsunterkünften.
Manchmal sehen wir weg, wollen uns mit der Not nicht konfrontieren, statt hinzusehen und zu helfen.
Wir rufen:
Kyrie eleison.
 

Gott,
manches in dieser Zeit macht Angst,
da gibt es Gewalt von Flüchtlingen, aber auch gegen Flüchtlinge,
da fürchten wir um die Sicherheit in diesem Land und wir fürchten um unsere eigene Sicherheit.
Und da gibt es so viele Fragen:
Können wir überhaupt so vielen Menschen helfen?
Wird die Integration gelingen?
Wir rufen:
Kyrie eleison.
 


4. Kollektengebet

Treuer Gott,
täglich kommen viele Menschen zu uns und bitten um Aufnahme in unserem Land.
Jeder Flüchtling hat seine eigene Geschichte.
Wir spüren die große Herausforderung, gerade als Christen, uns zu engagieren und sind dankbar für so viele, die sich mit all ihren Möglichkeiten einsetzen und deren Not lindern.
Gleichzeitig spüren wir eine große Ohnmacht und Überforderung.
 

Lebendiger Gott,
wir bitten dich um deinen guten Geist.
Wenn dein Geist wirkt, werden wir nicht müde, sondern brechen aus, aus unserer Angst um uns selbst.
Wenn dein Geist wirkt, erkennen wir den Bruder, die Schwester in jedem Menschen, der uns begegnet und es gelingt uns, einander zu verstehen über alle Sprachbarrieren hinweg.
 

Du Gott des Friedens,
wir bitten dich um deinen guten Geist.
Wenn dein Geist wirkt, werden die Mächtigen bewegt, Wege des Friedens zu suchen und können friedliche Lösungen in Konflikten finden.
Wenn dein Geist wirkt, werden Grenzen überwunden zwischen Religionen, Nationen, Kulturen und sozialen Schichten.
 

Du unser Gott,
du selbst bist Mensch geworden, angekommen in dieser Welt.
Du kennst uns und weißt um uns, du führst und leitest –
und hilf uns, zu helfen, offen und einfühlsam zu sein in dieser Zeit.
 

Guter Gott,
leite und führe uns in dieser Zeit.
Hilf uns zu helfen, behüte und begleite uns auf all unseren Wegen.
Amen.
 


5. Thematische Meditation

Beispiel hier:

Sie haben zu Beginn auf den ausgelegten Zetteln notiert, woran Sie denken, wenn Sie Sodom und Gomorrha hören. Spontan ist Ihnen manches eingefallen. Wir haben Ihre Gedanken zu dem Thema hier einmal an die Stellwand angeheftet. Ich lese einige Ihrer Gedanken vor. (Vorlesen: Wenn ich Sodom und Gomorrha höre, denke ich an … ).

Sodom und Gomorrha: Da denken wir an Durcheinander und Unordnung, an Chaos, an schlimme Verhältnisse, an einen Ort voller Sünde und Verdorbenheit. Wir fragen uns, woher kommt diese Begrifflichkeit?

Sodom und Gomorrha sind Städte, die vermutlich, da streiten sich die Wissenschaftler, am Südufer des Toten Meeres lagen, und die um 3000 vor Christus durch eine Naturkatastrophe untergingen. (Etwaige Lage auf der aushängenden Landkarte zeigen.)

Von Sodom und Gomorrha wird uns schon in der Bibel in ihrem ersten Buch Mose, der Urgeschichte, erzählt. Der Erzvater Abraham machte sich zusammen mit seinem Neffen Lot und den Familien auf den Weg von Ur, das liegt weit im Osten (in Chaldäa), nach Kanaan. (Ur und Kanaan auf der Landkarte zeigen). Denn Gott hat ihm versprochen, ihn nach Kanaan zu führen, wo Abraham ein neues Zuhause und viele Nachkommen bekommen soll. Auf dem Weg nach Kanaan trennen sich Abraham und Lot, damit sie für ihre großen Viehherden genügend Weideland haben. Abraham bleibt in Kanaan, und Lot geht mir seiner Familie in das Gebiet des unteren Jordan, nach Sodom. Dort aber sind die Menschen böse.

Eines Tages kommen zwei Männer, die von Gott gesandt sind, nach Sodom, und Lot nimmt sie auf. Er lädt sie in sein Haus und behandelt die Fremden freundlich als seine Gäste, gibt ihnen zu essen und bietet einen Platz zum Schlafen an. Da kommen die Männer von Sodom vor Lots Haus und rufen, er solle die Fremden herausgeben. Sie wollen ihnen Gewalt antun. Doch Lot stellt sich schützend vor seine Gäste. Die Männer bedrängen Lot, denn auch er habe als Fremdling keine Rechte. Auch er soll getötet werden. Da greifen die Gäste ein und beschützen Lot und führen ihn und seine Familie hinaus aus der Stadt Sodom. Lot und seine Familie müssen fliehen. Sie werden gerettet. Sodom aber wird zerstört und Lots Frau erstarrt zur Salzsäule, weil sie sich nach der Stadt umsieht.

Die Geschichte von Sodom und Gomorrha ist neben der Sintflutgeschichte eine Geschichte, in der Gott die Menschen straft, weil sie Unrecht tun und sündigen. Nachdem Gott die Welt geschaffen hat, wovon die Urgeschichte zu Beginn erzählt, wenden sich die Menschen immer wieder von Gott ab. Schon im Paradies tun sie das Verbotene, dann erschlägt Kain seinen Bruder Abel, und Gott schickt die Sintflut, weil die Menschen böse sind. So sind die Menschen – das will uns die Urgeschichte erzählen. Und zugleich erzählt sie auch immer wieder von der Bewahrung der Menschen durch Gott. So wird Kain am Leben gelassen, obwohl er den Bruder getötet hat. Noah wird gerettet, und auch Lot wird hier gerettet.

Was uns an dieser Geschichte fasziniert hat, ist: Es geht auch hier um ganz aktuelle Themen, nämlich um die Gastfreundschaft Fremden gegenüber, auch um die Flucht und Rettung durch Gottes Hilfe.



6. Erinnerungen Geschichten von Flucht

Hinführung
Weit über 50 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht.

Fast eine Millionen Menschen haben 2015 in Deutschland Zuflucht und Hilfe gesucht.

Zahlen aber können nichts sagen über die Geschichten hinter ihnen, den Schmerz, die Angst, die Erinnerungen, die Verwundungen und Verluste, die Hoffnungen und die Angst vor der Zukunft. Hinter den Zahlen, hinter jeder einzelnen Ziffer ist das Leben eines Menschen. Sie sind zu uns gekommen auf der Suche nach einer Zukunft, nach einem Ort, in Frieden zu leben.

Heute wollen wir Menschen zu Wort kommen lassen, die die Erfahrung von Flucht gemacht haben, oder denen von Flucht und Vertreibung erzählt wurde.

Die Erfahrung von Flucht und Vertreibung gehört zu unserer Vergangenheit. Sie ist ein Stück deutscher Nachkriegsidentität. Viele erinnern sich in diesen Tagen auch an ihr Schicksal als Flüchtlinge aus Schlesien und anderen Gebieten im Osten, an die Flucht und den schwierigen Neuanfang. Damals waren es zwölf Millionen Flüchtlinge.

In den 1960er und 1970er Jahren kamen Gastarbeiter zu uns, und in den 1980er und 1990er Jahren kamen viele deutsche Rücksiedler aus Kasachstan, Siebenbürgen und anderen Gebieten Osteuropas.

Deutschland ist Flüchtlingsland und Hoffnungsland.

Wir begrüßen Mahmody und seine Familie, das Ehepaar Henkel aus Göttingen sowie Martin Müller-Wetzel, die von Fluchterfahrungen berichten.

Erlebtes kann Menschen über die Grenze von Zeit, Herkunft und Nationalität verbinden.
 

Flucht aus Ostpreußen / Danzig
Meine Mutter und Schwiegermutter haben mir je von ihrer Flucht erzählt. Einiges hat Parallelen zu heute. Wichtig ist: Was ich erzähle, ist aus der eigenen Familie.

Frau Deutsch, ihre große Schwester und die Mutter sind vor Kriegsende aus Ostpreußen geflohen, zu Fuß, immer nachts, bis Danzig. Da wurden sie von der Wehrmacht wieder zurückgeschickt und lebten ein halbes Jahr zu Hause, bis die Gesindehäuser ihres alten Gutes für die Familien russischer Offiziere gebraucht wurden. Erneute Flucht unter denselben Bedingungen: 200 km hin, zurück, wieder hin – Nahrung Brennnesseln, man durfte nicht entdeckt werden. „Die Russen hätten mit uns gemacht, was Unsere ihnen gezeigt haben.“ Angst vor Rache, Angst ums Leben, Angst vor Misshandlungen und dauerhafter Unterdrückung – etwas Anderes als Flucht kam gar nicht infrage.

Ostpreußen: Das ist auch ein komischer Akzent mir einem -rrr-, wie ich es gar nicht rollen kann, und statt „das hätte man wissen können“ gibt es die andere Wortstellung „das hätte man können wissen“. Das finden Sie bei Frau Deutsch nicht, die spricht Hochdeutsch, jetzt. Ostpreußisch hat sie nämlich vergessen, sie musste ein zweites Mal sprechen lernen. Warum? Das passiert bei Typhus. Den bekommt man, wenn man kein Wasser hat und trinken muss, was da ist. Typhus hat aber auch sein Gutes: Die Russen hatten Angst davor und haben sie deswegen nicht vergewaltigt. Meine Mutter und ihre Eltern kommen aus Danzig. Das war eine alte deutsche Reichsstadt, trotzdem beschimpfte unser Nachbar in Hannover meinen Großvater Zeit seines Lebens als „Polacke“. Der Nachbar hatte nur einen Arm, mein Großvater nur einen Lungenflügel, beide waren kriegsversehrt, im selben Krieg, auf derselben Seite. Aber Vorbehalte werden offenbar gern gepflegt, auch wenn sie auf Vorurteilen beruhen, die erwiesen falsch sind.

Das passiert auch innerhalb von Familien, und zwar in Glaubensdingen: Wie wir heute mit Katholiken umgehen, das war nach dem Krieg noch undenkbar. Die Schwester von Frau Deutsch hat später ins Eichsfeld geheiratet: Bis ins Alter blieb sie „die Fremde“ im Dorf, nicht etwa weil sie Ostpreußin war, sondern evangelisch. Um meine evangelische Großmutter heiraten zu können, ist mein Großvater konvertiert. Das hat ihm seine Familie bis zum Tod vorgehalten: Er gehöre deshalb nicht mehr richtig dazu – grundlos übrigens: Zwar besuchte er unseren evangelischen Gottesdienst, aber im Herzen ist er katholisch geblieben; seine Abendrituale kann man sich als Protestant gar nicht vorstellen.

Um den wahren Glauben ging es nicht; es war offenbar ein Bedürfnis, ihn als fremd zu bezeichnen und ihn auszustoßen – ziemlich unchristlich, aber wohl menschlich: An Fremden lässt sich ganz leicht zeigen, dass man selbst etwas Besseres wäre. Dieser teuflische Mechanismus greift sogar in Familien und sogar, wenn sie mit Mühe und Not fast vollzählig den Krieg überlebt haben. „Die Familie trifft sich nach dem Krieg in Hamburg“, hieß es. Das klingt etwas nach Schwejk, aber die Familie von Opa Hans hat das geschafft. Sie waren nicht die Einzigen. 1946 lebten in Hamburg über 30 Prozent Flüchtlinge, im Flächenland Niedersachsen über 25 Prozent, d. h. auf drei Einwohner kam ein Flüchtling. Jetzt kommt auf etwa 80 Einwohner ein Fremder. Frau Deutsch kam über Friedland nach Bremke, erst später nach Klein Lengden, in der Landwirtschaft wurden Leute gebraucht. Das hieß: den ganzen Tag arbeiten für Verpflegung und Unterkunft (erst oben im Kuhstall, da war es wenigstens warm). Aber man fasste Fuß.

Meine Mutter und Großmutter sind übers Haff und im Viehbahnwagen nach Nienburg gekommen. Den 8. Mai erlebten sie in ihrer Unterkunft, einer „Nissenhütte“, wo sonst Tabak getrocknet wurde. Meine Mutter wurde eingeschult, meine Oma arbeitete im Zementwerk und führte einem älteren Witwer den Haushalt, wofür die beiden dann ein Zimmer in seiner Wohnung bekamen. Es würde ein Leben in Nienburg werden. Mein Großvater war vermisst, wahrscheinlich tot. Dann kam ein Brief, falls meine Oma am Fortbestand der Ehe interessiert sei, möge sie nach Hannover ziehen. 1946 war das. 1950 etwa klingelte in Bremke das Telefon. Verwandte aus Roringen riefen an, ob der Bauer eine Arbeitskraft brauche, einen Gustav Wetzel könne man empfehlen. Ja, das war der Großvater meiner Frau. Jahrelang hatten die Familie und Vater nahe beieinander gewohnt, ohne von einander zu wissen. Wegen einer Kriegsverletzung war Gustav gar nicht erst in Gefangenschaft gekommen, aber nun bezog er eine Wohnung mit seiner Familie in Bremke.

Wegen einer Kriegsverletzung hat sich mein Großvater schon 1945 aus der Gefangenschaft nach Hannover entlassen lassen. Dort bekam die Familie ein Zimmer zugewiesen: in einer Drei-Zimmer-Wohnung, da wohnte aber schon eine ältere Dame mit ihrer Tochter und deren Freundin. Bereitwillig und freundlich seien sie aufgenommen worden, berichtet meine Mutter.

Tuberkulose hat mein Großvater dann bekommen, kam ins Sanatorium und stellte vom Krankenbett aus einen Rentenantrag. Der wurde bewilligt. Mit anderen Worten: Er fiel also den Sozialkassen zur Last, ohne eingezahlt zu haben.

Das tat dann aber später umso mehr seine Tochter, meine Mutter, die ist nämlich im öffentlichen Dienst gelandet. Hätten meine Großeltern mehr Geld gehabt, hätte sie auch Abitur machen und studieren können, so wie ich, dann wären die Einzahlungen noch größer geworden. Man hört jetzt, die Fremden würden unser System kaputt machen. Ich selbst gehe oft meinem Chef auf die Nerven, denn ich fordere immer wieder Rechtsstaatsprinzipien ein. Beigebracht hat mir die meine Mutter, „Polackin“, ausgegrenzte Protestantin, Flüchtling.
Martin Müller-Wetzel
 


Mahmodys Flucht
Mein Name ist Shamaqsod Mahmody. Alle nennen mich nur Mahmody. Ich werde Ihnen erzählen, wie ich nach Deutschland gekommen bin.

Afghanistan: Um die Polizei nicht auf mich aufmerksam zu machen, bin ich die erste Strecke zu Fuß gelaufen – anschließend mit einem offenen Pritschenwagen, auf dem wir zu 25 Personen auf der Ladefläche waren. Wir sind ca. eine Woche unterwegs gewesen. Zu essen und zu trinken gab es nur sehr wenig. Ich habe auf dem Weg viele tote Menschen gesehen.

Pakistan: Die Grenze zu Pakistan haben wir in der Nacht überschritten, denn wenn uns die Polizei erwischt hätte, hätten sie auf uns geschossen.

Iran: Der gefährlichste Weg war nach dem Iran, weil die Polizei die ganze Nacht mit Autos die Grenze kontrolliert. Wenn sie uns auch hier erwischt hätten, dann hätten sie geschossen oder hätten uns zusammengeschlagen. Sie prügeln auf die Flüchtlinge ein, egal wo sie hinschlagen. Viele überleben das nicht. Der Weg durch den Iran zur Türkei ist auch sehr gefährlich. Wenn die Polizei uns findet, dann benutzen sie ebenfalls die Pistolen. Sie behaupten, wir wären Terroristen. So war mein Weg bis hier unter ständiger Lebensgefahr.

Türkei: Die Polizei war in der Türkei menschlich. Die meiste Zeit sind wir durch die Türkei gelaufen; nur wenn wir sicher sein konnten, dass die Polizei uns nicht sieht, konnten wir mit dem Auto fahren. Dieses war auch eine Qual, denn mit 25 Personen auf dem offenen Auto fahren, einer riesigen Staubwolke und dem Durchgerüttelt-Werden in so einer Enge war bald schlimmer als das zu Fuß Gehen.

Griechenland: Von Istanbul aus sind wir dann mit einem Schlauchboot Richtung Griechenland losgefahren. Wir waren 40 Personen in einem kleinen Schlauchboot. Die Überfahrt dauerte eine Stunde. Das Boot fuhr auf einen Felsen und damit war das Schlauchboot geplatzt und alle Menschen sind ins Wasser gefallen. Ich warf meine Tasche an Land. Gott sei Dank war die Küste so nahe. Ich ging mehrere Male ins Wasser zurück, um den Kindern und den Frauen zu helfen.

Meine Tasche mit meinen Papieren ist aber so nass geworden, dass alles vernichtet war.

Die Bewohner von der griechischen Insel haben uns Wasser und Biskuite mitgebracht, um uns sehr freundlich zu empfangen.

Von Griechenland ging es dann weiter nach Mazedonien. Dort gab es keine Probleme. Wir fuhren mit einem PKW nach Serbien. Auch in Serbien gab es keine Probleme, nur dass wir zwei Tage auf der Straße bei kaltem Wetter schlafen mussten. Zwischen Serbien und Ungarn mussten wir uns zwei Tage im Wald verstecken, wegen der Grenzpolizei in Ungarn. Wir sind dann ungefähr vier Stunden auf einer Straße gelaufen, bis uns ein Auto, ein Kühlwagen, einsteigen ließ, um uns nach Österreich zu bringen.

Von Österreich nach Deutschland bin ich dann mit dem Zug gefahren. Für die ganze Hilfe zur Flucht habe ich fünftausend Dollar bezahlt. Dafür habe ich viele Jahre als Kind in Afghanistan hart gearbeitet und gespart.

Ich habe euch diese meine Fluchtgeschichte erzählt – und es ist leicht, meine Erlebnisse zu erzählen. Aber was es bedeutet, dieses auch wirklich zu erleben, ist etwas anderes. Die viele Angst, die ich durchlebt habe, kann ich nicht in Worte fassen.

Nun bin ich froh, ein Zuhause gefunden zu haben, bei Menschen, die mich lieb haben und die meine neuen Eltern sind, denn meine richtigen Eltern kenne ich nicht. Sie gaben mich als Baby zu anderen Menschen, die mich mit acht Jahren fort schickten. Seitdem lebe ich alleine. Nun aber nicht mehr und dafür bin ich sehr dankbar. Danke lieber Gott, dass du mich so geführt hast.
Shamaqsod Mahmody



7. Dialog

Sprecher 1
Die Geschichten der Flüchtlinge haben mich sehr bewegt. Ich halte es für wichtig, mehr voneinander zu erfahren.

Sie verlieren ihre Heimat und machen sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft – um dann im neuen Land nicht wirklich willkommen zu sein? Das haben die Menschen nach dem 2. Weltkrieg auch erfahren: genau wie die Flüchtlinge heute.

Es gibt so viele Gemeinsamkeiten. Und ich glaube, dass es nur helfen kann, sich von den Erfahrungen zu erzählen.


Sprecher 2
Ja – ich habe in den letzten Kriegsjahren meine eigenen Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht.

In unser Haus mussten wir eine Frau mit ihrer 20-jährigen Tochter aufnehmen. Sie hatten eine Kammer für sich und haben sich die anderen Räume mit uns geteilt. Es wurde gemeinsam gegessen, und auch die Arbeiten auf dem Hof und im Haus wurden gemeinsam erledigt. Als meine Großmutter schwer erkrankte, übernahm die Flüchtlingsfrau einen Großteil ihrer Pflege – dafür waren wir ihr sehr dankbar.


Sprecher 1
Ja, nur dann, wenn wir einander begegnen und uns besser kennenlernen, lassen sich Vorurteile abbauen.


Sprecher 3
So einfach ist das aber nicht.

Die, die damals zu uns gekommen sind, das waren Christen und Deutsche. Heute sind es Menschen mit anderen Religionen. Das allein wird schon viele Probleme geben. Man sieht es ja jetzt schon vielerorts. Da gibt es Fremdenfeindlichkeit und Angriffe auf Flüchtlingsheime. Und da gibt es auch vereinzelt Flüchtlinge, die gewalttätig sind, sodass man Angst haben muss, wenn man auf die Straße geht oder nur zusammen Silvester feiert, wie in Köln. Ich habe Angst vor Eskalation und zunehmender Radikalisierung der Gesellschaft.


Sprecher 2

Diese Sorgen hatten die Menschen in den 1970er Jahren auch. Damals kamen ja viele Gastarbeiter aus Südeuropa. Auch diese hatten eine andere Mentalität und andere Lebensansichten als die Deutschen. Die Gastarbeiter kamen zuerst nur, um zu arbeiten – einzelne Männer ohne ihre Familien. Etliche Deutsche hatten damals große Angst um ihre eigenen Arbeitsplätze. Viele von den Gastarbeitern sind trotzdem hier geblieben, sie haben eine Familie gegründet und sich eine Existenz aufgebaut.


Sprecher 1
Eure Ängste kann ich gut verstehen. Natürlich habe ich auch Sorge, und ich weiß nicht, wie die Menschenmassen weiterhin bewältigt werden sollen. Doch ich habe keine Angst vor den einzelnen Personen.
Bei meiner Arbeit in der Friedländer Kleiderkammer habe ich erlebt, wie dankbar die Flüchtlinge über Hilfe sind – und wie froh, erst einmal in Sicherheit zu sein.

Eine ältere Patientin erzählte mir neulich, dass man nun abends gar nicht mehr in die Stadt gehen könne, weil es so gefährlich geworden sei: wegen der Flüchtlinge. Ich bin abends gelegentlich in der Stadt. Dort laufen keine Massen von Flüchtlingen umher, die einen überfallen.

Die Patientin meinte dann, dass sie häufig im Fernsehen von den Gefahren höre. Sie wisse gar nicht, ob das alles so stimme.

Bei ihr liege es wohl doch eher an ihrem Alter, dass sie keine abendlichen Veranstaltungen mehr besuche.


Sprecher 3
(Ja, das stimmt.) Angst macht mir auch die große Zahl der Flüchtlinge. Es wird sehr lange dauern, bis viele von Ihnen die deutsche Sprache beherrschen und die Kinder sich in die Schulen integriert haben. Auch davor haben ja einige Angst; sie denken, dass ihre eigenen Kinder in der Schule dann nicht mehr genug beachtet werden. Außerdem kommen ja auch viele Menschen, die Wirtschaftsflüchtlinge sind und höchstwahrscheinlich wieder ausgewiesen müssen.


Sprecher 1

Kinder lernen ja zum Glück sehr schnell neue Sprachen.

Und bei den Erwachsenen wäre es natürlich besser, sie würden nicht in Sammelunterkünften leben müssen, sondern vielleicht in Familien ... oder Wohnungen, wo man sie unterstützen könnte.

Ich glaube, es gibt noch viele Menschen, die helfen würden, wenn die Hilfe ganz konkret wäre – so, wie es ja auch bei Mahmody funktioniert. Oder die Idee, die ich von einer Jugendlichen aus unserem Dorf gehört habe, die meinte: Wir könnten doch auch in Klein Lengden eine Familie unterbringen, um die sich dann das ganze Dorf kümmern würde? Jeder so, wie er kann. Sei es bei der Sprache, bei Behördengängen oder Einkäufen. Die Kinder würden sicher schnell Anschluss finden, und unserer Dorfgemeinschaft würde es sicher guttun.

Wenn viele helfen, wird es dem Einzelnen nicht zu viel.


Sprecher 2
Ich denke, es ist gut, über diese Thematik offen zu reden – und auch alle Ängste, Bedenken und Fragen auszusprechen und auch von den vielen guten Erfahrungen mit Flüchtlingen zu erzählen.

Nur so können wir uns gegenseitig bereichern und voneinander lernen.


Pastorin
Die Geschichte von Sodom und Gomorrha, die wir am Anfang gehört haben, kann uns helfen, eine klare Perspektive auf das Thema zu gewinnen. Einmal zeigt sie uns, wie wichtig schon bei den Israeliten die Gastfreundschaft war. Lot nimmt die fremden Männer bei sich auf und bewirtet sie freundlich. Ja, er schützt und verteidigt sie gegen die fremdenfeindlichen Angriffe der Männer aus Sodom. Mutig finde ich das. Im dritten Buch Mose heißt es ja auch:

„Wenn ein Fremdling bei euch wohnt, in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“


Sprecher 2
Und noch etwas finde ich bei der Geschichte von Sodom und Gomorrha wichtig: Am Ende der Geschichte steht nicht allein die Vernichtung, sondern die Bewahrung. Lot und seine Familie werden am Ende gerettet. Gott hält seine Hand über sie. Er führt sie heraus. Denn: Gott will das Leben bewahren, das Leben der Fremden, das Leben der Flüchtlinge und auch unser Leben.


Sprecher 1
Für mich heißt das, dass wir, sind die Zeiten auch noch so schwierig, sind die Probleme auch noch so komplex, auf Gottes Zusage vertrauen können. Er hält seine Hand über die Geflüchteten und über uns, er wird uns jeden Tag neu Kraft geben, die Probleme zu bewältigen. In seinem Geist der Liebe zu leben, das heißt füreinander da zu sein und einander beizustehen.

Setzen wir Zeichen der Hoffnung, tun wir Schritte aufeinander zu und werden wir nicht müde, Gottes Liebe weiterzutragen.


Sprecher 3
Jesus Christus spricht: Was ihr einem von diesen meinen Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan. Fremde beherbergen, Hungrigen Nahrung geben, Bedürftigen Kleidung geben, das macht uns als Christen aus.



8. Fürbittengebet

Guter Gott, wir bitten dich:
Hilf den Menschen, die zu uns kommen, weil sie um ihr Leben fürchten,
dass sie auf der Flucht nicht ihr Leben oder ihre Seele verlieren,
dass sie gut aufgenommen werden und die Chance bekommen,
eines Tages in Frieden zurückkehren zu können.

Guter Gott, wir bitten dich um Toleranz den Fremden gegenüber,
dass wir ihnen nicht voreingenommen begegnen.
(Aber wir erwarten auch von Ihnen, dass sie sich integrieren und anpassen.)
Hilf uns und Ihnen, dass ihre Integration gelingt.
Schenke uns ein friedliches Miteinander.

Guter Gott, wir bitten dich,
achte auf alle Kinder und Jugendlichen, damit sie sich zurechtfinden in dieser Welt.
Beschütze sie vor Gewalt, Krieg, Unterdrückung und Leid.
Bestärke sie in ihrem Glauben,
gib ihnen Zuversicht, Frieden und Gesundheit.
Herr, sei ihnen Stern und Wegweiser,
damit diese und zukünftige Generationen friedlich und respektvoll miteinander
leben können.

Guter Gott, wir bitten dich auch für die politisch Verantwortlichen in Europa,
Bund, Land und Kommune:
Lass sie Lösungen finden, die mitmenschlich und weitsichtig sind.

Guter Gott, wir bitten dich:
Lass niemanden die Grundregeln der Gastfreundschaft vergessen:
einem Fremden Wasser, Feuer, Obdach und Auskunft über den Weg gewähren.
Bewirtung ist Wertschätzung und Freigiebigkeit.
Wir bitten dich: Schenke den Menschen Beachtung,
dass sie Heilung erfahren und in einer Gemeinschaft leben können.

Guter Gott, wir bitten dich
für den Frieden in unserem Land
und ganz besonders in den Orte, in denen Flüchtlinge untergebracht sind:
dass Unsicherheit nicht in Aggression umschlägt.
Lass Menschen sich berühren lassen von der Not anderer.
Um offene Herzen und ausgestreckte Hände bitten wir.