Von haltlosem Vertrauen und wütendem Versinken
Eine Einheit für die Konfirmandenarbeit zur Erzählung von Petrus auf dem Wasser (Mt 14,22-33)

von Katharina Opalka, Jonathan Overlach und Daniel Rösler

 

Ich bin es – komm!“ Mehr sagt Jesus zu Petrus nicht, bevor dieser vertrauensvoll aufs Wasser geht – und angsterfüllt versinkt. Die Erzählung Mt 14,22-33 ist eine dramatische, emotionsgeladene, widersprüchliche und vor allen Dingen „wunderbare“ Erzählung des Glaubens. Sie berichtet einerseits von Petrus als Glaubendem, der in der erzählten Zeit fast im Sekundentakt die vielfältigen und widersprüchlichen Emotionen, die zum Glauben gehören können, erlebt: Furcht und Mut, tiefes Vertrauen und bodenloser Zweifel, Getragen-Sein und haltlose Ohnmacht. Und andererseits ist sie gleichzeitig eine Erzählung, die Menschen als Erzählung ihres Glaubens weitergegeben haben – in vertrauten und durchaus auch bewegenden Worten, die gerade deswegen auch für Konfirmandinnen und Konfirmanden im 21. Jahrhundert aktuell werden können: als ehrliche und deswegen auch nicht immer einfach auszuhaltende Beschreibung von Glauben und Vertrauen.

Vertrauen und das gegenläufige Gefühl von Ohnmacht sind Lebensvollzüge, die für die Konfirmandinnen und Konfirmanden eine Rolle spielen – eine Beschäftigung mit der Erzählung vom sinkenden Petrus kann deswegen durchaus auf die Frage nach dem Wunder und dem Wahrheitsgehalt der Erzählung in historisch-kritischer Absicht verzichten. Und vielmehr stärker die schon in Mt 14,22-33 selbst enthaltenen narrativen und spielerischen Elemente aufnehmen, um den Konfirmandinnen und Konfirmanden so eine Möglichkeit an die Hand zu geben, kreativ mit dem aus der biblischen Erzählung gewonnen Sprachspiel und den Emotionen des Glaubens umzugehen.

Dazu wird zuerst (Schritt 1), den Konfirmandinnen und Konfirmanden die Möglichkeit gegeben, von Vertrauenserfahrungen in ihrer Lebenswirklichkeit zu sprechen, bevor (Schritt 2) über das Setting und ganz konkret die Orte in der Geschichte Mt 14, 22-33 eingeführt wird, so dass (Schritt 3), die Konfirmandinnen und Konfirmanden aus diesem Setting im aktiven Hören die in der Geschichte vorkommenden bzw. daran anknüpfenden Emotionen und Erfahrungen zu Sprache bringen können. In einem vierten Schritt sollen sie diese dann in spielerischer Weise als „Emotionen des Glaubens“ darstellen.


Schritt 1: Wem vertraust du? – Gesprächsrunde

Die Gesprächsrunde hat im Blick auf die gesamte Stunde die Aufgabe, die Themen Glaube und Vertrauen mit der Erlebniswelt der Konfirmandinnen und Konfirmanden zu verknüpfen. Mit den Jugendlichen sollen Alltagssituationen bedacht werden, in denen Vertrauen eine zentrale Rolle spielt. Folgende Fragen dienen dabei als Leitfaden für das Gespräch:

  1. Was gehört dazu, wenn man jemandem etwas glauben will?
  2. Wie muss ein Mensch sein, damit ich ihm oder ihr vertrauen kann?
  3. Wie ist es, wenn z. B. jemand Neues in die Klasse kommt? Was braucht es, damit ihr jemandem glaubt?
  4. Wem vertraut ihr etwas an? Wem würdet ihr euer wichtigstes Geheimnis erzählen?
  5. Wann habt ihr schon mal die Erfahrung gemacht, dass Vertrauen enttäuscht wurde bzw. den Boden unter den Füßen zu verlieren?

In der Gesprächsrunde sollte es den Konfirmandinnen und Konfirmanden gelingen, den Zusammenhang von Glauben und Vertrauen für die eigene Person bewusst zu machen und zudem eigene Emotionen und Erinnerungen zu wecken. Im Hinblick auf die Gesamtkonzeption der Stunde bereiten diese Personalisierung und Emotionalisierung von Glaube und Vertrauen den kommenden Arbeitsschritt vor. Gleichzeitig können die Fragen auch dazu anregen, Aussagen über ein mögliches Gegenüber zu machen, dem die Konfirmandinnen und Konfirmanden Vertrauen schenken, so dass Glaube und Vertrauen als Beziehungsbegriffe sichtbar werden.

Fazit:
In der durchgeführten Arbeitseinheit zeigte sich, dass die Konfirmanden und Konfirmandinnen zu sehr differenzierten Äußerungen über die Eigenschaften eines glaubwürdigen und vertrauenswürdigen Gegenübers kommen. Dabei spielten Hintergründe der eigenen Biografie eine Rolle, ohne dass diese offen ausgesprochen werden mussten. Mit der letzten Frage besteht die Möglichkeit, diese Hintergründe in das Gespräch einzubringen – sofern dies gewünscht wird und das Vertrauen der Gruppe untereinander es zulässt.

 

Schritt 2: Wasser, Land, Boot, Wellen – das Setting der Erzählung

Nachdem die Konfirmandinnen und Konfirmanden nach ihrer Lebenswirklichkeit befragt wurden, wird in einem zweiten Schritt das Setting der Geschichte eingeführt. Dabei sollen die (entfernten) biblischen Orte der Geschichte gleichzeitig mit aktuellen Erinnerungen und Gefühlen der Konfirmandinnen und Konfirmanden verknüpft werden.

Die Jugendlichen werden aufgefordert, sich in eine Geschichte, in der es auch um Vertrauen geht, hineinzubegeben, und zwar zunächst in die Orte der Geschichte. Dazu werden in den vier Ecken des Raumes je eine Karte gelegt mit den Begriffen „Wasser“, „Land“, „Boot“ und „Wellen“.

Die Konfirmandinnen und Konfirmanden bekommen nun Emotionen bzw. Erfahrungen genannt und sollen diese den vier Orten zuordnen. Die leitende Person sagt beipielsweise: „Diesen Ort finde ich … aufregend.“
Die Jugendlichen sollen sich dann in die Ecke stellen, in der sie am ehesten dieses Gefühl erfahren.

Weitere Beispiele könnten sein: „Diesen Ort finde ich … still; … ungewöhnlich; … schön; … furchteinflößend.“

Oder: „Dieser Ort ist mir … vertraut; … gänzlich unbekannt.“
 

Es ist zu erwarten, dass sich die Konfirmandinnen und Konfirmanden nicht entscheiden, sondern zwischen einzelnen Orten einordnen oder auch in der Mitte stehen bleiben. Da es im Wesentlichen um die Orte (und nicht primär um das subjektive Erleben) geht, haben die Jugendlichen die Möglichkeit, sich entweder zu distanzieren oder aber auch ganz auf den subjektiven emotionalen Gehalt einzulassen, den diese Orte für sie haben. Es besteht nun die Möglichkeit einzelne Konfirmandinnen und Konfirmanden nach ihrer Positionierung zu befragen, um zu erheben, warum sie gerade dieses Gefühl mit diesem Ort verbinden.

Fazit:
In der Durchführung der Stunde bekamen wir neben Urlaubserinnerungen (die bei diesen Orten natürlich schnell hervorgerufen werden) und Landschaftsbeschreibungen auch die Erfahrung tiefer, existentieller Angst vor dem Untergehen im Meer erzählt. Wie sehr auf diese Erzählungen eingegangen werden kann, hängt von der Vertrautheit der Gruppe untereinander und mit der leitenden Person ab. Hier sollte das Setting aber nicht zur „Seelsorge“ benutzt werden (auch wenn sich aus den Erzählungen möglicherweise Gelegenheiten für weitere Gespräche ergeben). Den Konfirmandinnen und Konfirmanden sollte deutlich auch Raum gegeben werden, sich nicht äußern zu müssen. Nach unserer Erfahrung bieten sich aber gerade die Orte „Wasser“ bzw. „Wellen“ an, um ausführlich über Erlebnisse, Ängste und Sorgen zu berichten und so eine Einführung in das Setting einer Geschichte zu bekommen, die einerseits vor 2000 Jahren in Palästina spielt, aber andererseits nun eng mit eigenen Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten der Jugendlichen verknüpft ist – und sei es das Erlebnis, Wind und Wellen auf dem Surfbrett zu trotzen.

 

Schritt 3: Die Gefühle des Petrus als Momente des Glaubens

Nachdem im zweiten Schritt spielerisch das Setting der Geschichte vom sinkenden Petrus eingeführt wurde, lernen die Konfirmandinnen und Konfirmanden nun in einem dritten Schritt die Erzählung selbst kennen. Dabei versetzen sie sich an verschiedenen Punkten innerhalb des Erzählgangs immer wieder in die Figur des Petrus, um Empathie für ihn zu entwickeln.

Methodisch kommt dabei der „heiße Stuhl“ zum Einsatz: Ein Stuhl wird gegenüber den Stühlen der Jugendlichen aufgebaut und bleibt leer. Die leitende Person stellt sich hinter diesen Stuhl und liest die Erzählung mit Unterbrechungen vor (Grundlage ist Mt 14, 22-33). Bei jeder Unterbrechung wird gefragt: „Was denkt oder fühlt Petrus jetzt?“ Wer einen Vorschlag hat, setzt sich auf den Stuhl und äußert das Gefühl oder den Gedanken in der ersten Person Singular als Petrus. Die leitende Person bleibt dabei hinter dem Stuhl stehen und wiederholt das Gehörte, insbesondere das Gefühl, gegebenenfalls etwas zusammenfassend oder korrigierend, sollte die Antwort sehr weit ab sein vom Thema.

Die Emotionen bzw. die Gedanken werden anschließend festgehalten, und zwar auf Styroporplatten (s.u.), die für das folgende Spiel gebraucht werden.

Nach mehrfachem Ausprobieren empfehlen sich folgende Stellen zum Unterbrechen der Erzählung:

22 Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. 24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. – Pause

25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. 26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: – Pause
Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. 27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin‘s; fürchtet euch nicht! – Pause

28 Petrus aber antwortete ihm und sprach:– Pause
Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. – Pause

29 Und er sprach: Komm her! – Pause
Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: – PauseHerr, hilf mir! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? – Pause

32 Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. 33 Die aber im Boot waren, fielen vor Jesus nieder und sprachen: – Pause
Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!
Es geht dabei nicht um Richtigkeit, sondern darum, möglichst verschiedene Gedanken zu sammeln. Aufgeschrieben auf Platten ergeben diese Gefühle und Gedanken dann die Grundlage für den letzten Schritt, das Brettspiel „Das verrückte Labyrinth“.

 

Schritt 4: Vom Glauben getragen?

Dieses Spiel in der für die Arbeitseinheit abgeänderten Version erlaubt es, sowohl bildlich-metaphorisch als auch körperlich-spielerisch die Ambivalenzen von Glaube darzustellen – von Zweifel bis Getragen-Sein. Die Gefühle, die bei den Konfirmandinnen und Konfirmanden durch die Geschichte evoziert werden und die natürlich, im Schutzraum dieser Geschichte, auch eigene Erfahrungen widerspiegeln, werden im Raum zur Darstellung gebracht und es wird die Möglichkeit gegeben, sich spielerisch Sprachformen des Glaubens anzueignen und diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Für die Konfirmandinnen und Konfirmanden kann das so eingeleitet werden:
„Alles das, was wir auf die Karten geschrieben haben, sind Gefühle, die zum Glauben gehören. Wir machen jetzt eine Übung, bei der ihr erfahrt, wie es ist, von diesen Gefühlen des Glaubens über das Wasser des Lebens mit allen Untiefen getragen zu werden.“

Für die Konfirmandinnen und Konfirmanden wird so auch schnell deutlich, dass es sich hier um bildlich-metaphorische Sprache handelt, die aber eben doch leiblich umgesetzt wird. Dazu wird das Spiel „Das verrückte Labyrinth“ mit (Styropor-) Platten nachgebaut: Es werden 26 (5 x 5 + 1) Karten für dieses Spiel gebraucht, auf denen Wege, Kreuzungen etc. eingezeichnet sind. Zur Vorbereitung empfiehlt es sich, die Spielanleitung zu lesen bzw. sich mit den Spielregeln neu vertraut zu machen – nach unserer Erfahrung kennt ein Großteil der Jugendlichen das Spiel. Die großen Karten werden im Raum verteilt, so dass sich noch keine Wege ergeben. Die vier Eckkarten sind dabei die Orte Wasser, Land, Boot und Wellen und liegen fest. Sie sollen nicht verschoben werden. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden werden in Gruppen von mindestens vier Personen aufgeteilt und bestimmen eine „Spielfigur“ aus ihrer Mitte. Diese „Spielfigur“ wird in einer der Ecken platziert. Ihr Ziel ist es, auf die gegenüberliegende Seite zu gelangen.

Dazu muss ihre Gruppe versuchen, mit Hilfe der überzähligen Karte die Wege so zu verschieben, dass sich die Spielfigur bewegen kann. Nach jedem Zug geht die „Spielfigur“ so lange, bis sie vor einer Mauer bzw. in einer Sackgasse steht. Dadurch kommt sie natürlich auf einer anderen Emotionskarte zum Stehen. Die anderen Gruppen versuchen nun gleichzeitig ihrer eigenen Spielfigur einen Weg zu ebnen und den anderen Gruppen den Weg zu verbauen. Auch wenn dieses kompetitive Element natürlich nicht Teil von Glaubensvollzügen sein sollte (obwohl man sich überlegen könnte, ob sich hier nicht ungewollt doch eine realistische Abbildung ergibt), konnten in der Durchführung die Konfirmandinnen und Konfirmanden sich einerseits gut auf das Gewinnen einlassen und waren andererseits auch in der Lage, zur metaphorischen Ebene zu wechseln.
Mit inhaltlichen Impulsen oder Fragen zu einer Emotion kann nun das Gefühl mit dem Glauben in Verbindung gebracht werden.

Fazit:
Die Konfirmandinnen und Konfirmanden wurden schnell kreativ und übertrugen das, was „im Spiel“ passiert, auf die Ebene der Metapher.

So fiel schnell auf, dass „im Glauben“ verschiedene Emotionen eng beieinander liegen können. Man kann vor Mauern und in Sackgassen geraten. Manchmal geht es nicht weiter. Manchmal muss man das Spielfeld auch ganz verlassen und von der anderen Seite starten. Es entspannen sich Diskussionen, ob zufällig entstandene „Emotionswege“ stimmig sind – von „Todesangst“ aus wieder „froh“ zu werden, um „hoffnungsvoll“ und „wütend“ weiterzugehen. Oder es wurde festgestellt, dass es durchaus zur Debatte stehen kann, welcher Weg am besten trägt. Dabei kann die Meinung von anderen hilfreich und gleichzeitig auch verwirrend sein. In der erprobten Arbeitseinheit waren die Konfirmandinnen und Konfirmanden in der Lage, diese Ebene auch (immer sehr humorvoll und mit Wortspielen gespickt) auf die anfänglichen Überlegungen zum Vertrauen in ihrer Lebenswelt zu beziehen.

Je nach der Intensität der sich im Spiel entspinnenden Diskussionen können diese entweder mit dem Ende des Spiels so stehen gelassen werden oder noch einmal in einer Diskussionsrunde das Bild des Glaubens, der uns mit allen Emotionen, in aller Ambiguität über die Wasser des Lebens trägt, vertieft (oder auch kritisiert) und auf die Erzählung vom sinkenden Petrus bezogen werden.

Insgesamt ist die Arbeitseinheit ein spielerischer Versuch, der Komplexität von Glaube und Vertrauen gerecht zu werden und die biblische Narration von der Erzählung des sinkenden Petrus jenseits der Frage nach Wahrheit und Wunder als eine Erzählung neu zu entdecken und performativ auf die Lebenswirklichkeit der Konfirmandinnen und Konfirmanden zu beziehen.