Genesis und Gender
Auf der Suche nach dem individuellen Konfirmationsspruch

Von Andreas Behr

 

Für Jugendliche im Konfirmandenalter stellt sich in besonderer Weise die Frage nach der eigenen Identität: Zwei sind ineinander verliebt, ein Junge trägt schwarzen Nagellack, ein Mädchen träumt von einer Modelkarriere und wirft sich auf dem Konfirmandenseminar mindestens dreimal pro Tag neu in Schale. Identitäten werden ausprobiert. Darüber mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, ist nicht einfach. Im Ausprobieren muss sich niemand wirklich festlegen – im Gespräch wäre dies schon eher erforderlich.

Deshalb bietet es sich an, die Frage nach der eigenen Identität nicht direkt anzusprechen, sondern sie mit einem anderen Thema so zu verbinden, dass verfremdete Zugänge ermöglicht werden. Die Auswahl des Konfirmationsspruches bietet dazu eine Chance. Der Konfirmationsspruch kann ein Ausdruck der persönlichen Identität sein, wenn er selbst gewählt wird. Er ist in jedem Fall der individuelle Teil des Konfirmationssegens.

Im Folgenden werden methodische Schritte beschrieben, wie Konfirmandinnen und Konfirmanden darin unterstützt werden können, zu einem persönlichen Konfirmationsspruch zu kommen. Dabei denken sie zunächst durch Wahrnehmungsübungen und Anregungen über sich selbst nach. Sie bekommen Raum, um über Wünsche und Zukunftsideen nachzudenken und sich in ihrer aktuellen Rolle in Familie, Schule und in Gruppen bewusster zu werden. Die Genderfrage wird dabei implizit eingebracht, indem klischeehafte Geschlechterrollen und -zuweisungen hinterfragt und aufgebrochen werden. Für die hier vorgestellten Anregungen ist der Gedanke der Gottebenbildlichkeit leitend, der den Menschen in eine Nähe zu Gott rückt und doch viel Raum für Interpretationen bietet.

Die Schritte verstehen sich als Bausteine, die durch weitere thematische Einheiten ergänzt werden können, z. B. zur Bibel, zur Gruppe oder zu Rollenbildern.

Benötigtes Material:

  • pro Person ein kleiner Kosmetikspiegel;
  • pro Person mindestens ein farbiges Bettlaken ohne Gummizug;
  • Fotoapparat, Bildbearbeitungssoftware (z. B. Photoshop);
  • Christusikone (Abbildung oder Original);
  • Tafel, Flipchart oder Moderationskarten.
     


Baustein 1: Kennlernspiel – sich und andere in der Gruppe wahrnehmen

Der erste Baustein ist ein Kennlernspiel. Das Spiel sollte so ausgewählt sein, dass jede teilnehmende Person etwas über sich selbst (von Hobbys, Hoffnungen und Leidenschaften) erzählen kann, damit schon im Spiel deutlich wird: Jeder und jede hat etwas einzubringen; jeder und jede ist etwas Besonderes.
Ein Beispiel für ein geeignetes Spiel finden Sie in unserem Download-Material zu diesem Beitrag (M 1).
 


Baustein 2: Spiegelbilder – sich selbst als Abbild Gottes wahrnehmen

Impuls

Im Stuhlkreis bekommen die Jugendlichen jeweils einen kleinen Handspiegel und werden aufgefordert, sich eingehend zu betrachten. Folgende Aufgaben können die konzentrierte Betrachtung unterstützen:

  • Schau dir einmal selbst in die Augen.
  • Wie sind deine Augenbrauen gewachsen?
  • Lass deinen Blick einmal ganz langsam die Nase hinunter gleiten.
  • Schau deine Lippen an.
  • Jetzt nimm dein Gesicht im Ganzen wahr.
  • Bis wohin kannst du dich mit deinem Spiegel sehen? Was kannst du nicht mehr sehen, also z. B. deinen Hinterkopf?
  • Was findest du heute nicht so schön?
  • Was gefällt dir an deinem Gesicht – sei sicher, es gibt mehrere Dinge, die dir gefallen …
  • Jetzt nimm den Spiegel runter. Wer immer nur sich selbst anschaut, der übersieht ja die anderen.
  • Wenn du ganz entspannt in die Mitte des Kreises schaust, dann kannst du alle anderen sehen, auch die, die direkt neben dir sitzen.
  • Nimm den Spiegel wieder hoch. Schau noch mal, du bist ein Teil dieser Gruppe.
     

Erarbeitung

Eine Christusikone wird als stiller Impuls in die Mitte gelegt.

Als Erklärung kann ergänzt werden: Ikonen kommen aus der Orthodoxen Kirche. Sie sind nicht gemalt, sondern geschrieben worden. Es braucht eine lange Ausbildung, bevor man Ikonen schreiben kann. Ikonen werden nicht neu erfunden oder unterschiedlich gestaltet, sondern Ikonen sehen immer gleich aus. In der Orthodoxen Kirche ist eine Ikone so etwas Ähnliches wie ein Spiegelbild Gottes. Gott kann niemand sehen, Gott kann auch nicht auf einem Bild dargestellt werden. Aber eine Ikone lässt etwas von Gott durchscheinen. So ähnlich wie ein Spiegelbild, das auch nicht alles zeigt, aber doch etwas erkennen lässt.

In 1. Mose 1,27 wird im Anschluss erforscht, was hier über Gott ausgesagt ist: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ Im Gespräch wird schnell klar, dass Gott in gewisser Weise menschlich aussieht bzw. menschliche Züge trägt. Er ist so dem Menschen nicht nur nahe, sondern gewissermaßen verwandt. Es bietet sich an, hier die Frage nach dem Geschlecht Gottes durch einen Impuls oder auch die Übersetzung in gerechter Sprache einzuspielen: „Da schuf Gott1, die Menschen, als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich hat er, hat sie, hat Gott sie geschaffen.“

Danach wird der Blick zu den Menschen gelenkt: Was sagt dieser kurze Text über den Menschen aus? Die Konfirmandinnen und Konfirmanden können erkennen, dass wir Menschen Gott als Abbilder ähnlich sehen. Gleichzeitig wird klar, dass Gott nicht auf ein menschliches Gesicht reduziert werden kann, sondern dass er in jedem Gesicht ein kleines bisschen und in keinem gänzlich widergespiegelt wird.

Vertiefung

Ein gedanklicher Schritt vom eigenen Spiegelbild zur Ikone Gottes wird angebahnt, indem sich jeder noch einmal im Spiegel anschaut. „Ihr seid Abbilder Gottes. An uns Menschen wird Gott ein kleines bisschen sichtbar in dieser Welt. Man kann sagen: Wir sind Ikonen Gottes.“ Gemeinsam wird über Bedeutungen dieses Zuspruchs nachgedacht und Beschreibungen werden konkretisiert: Junge, Mädchen, groß, klein, verschiedene Hobbys aus der Vorstellungsrunde, verschiedene Vorlieben, die Namen (evtl. auch mit ihren Bedeutungen) etc. Dabei wird herausgearbeitet, dass Gott in all dieser Vielseitigkeit im Menschen widergespiegelt wird, dass er sich aber damit nie komplett erfassen lässt. So wird den Konfirmandinnen und Konfirmanden nahe gebracht, dass jede Identität wertvoll, ja geradezu notwendig ist, weil sie uns hilft, weitere Facetten Gottes zu begreifen.
 


Baustein 3: Den Bibeltext gestalten – sich durch die Gestaltung annähern

Einstieg

Für diesen Schritt braucht es einen großen Raum mit viel freiem Platz. Bettlaken in verschiedenen Farben werden in die Mitte gelegt. Es sollten Laken ohne Gummizug sein, möglichst ein paar mehr, als Personen zur Gruppe gehören. Die Teilnehmenden nehmen sich ein Tuch ihrer Wahl und dürfen damit zunächst spielen, es bewegen. Dann bewegen sie sich im Raum und werden aufgefordert, mit dem Tuch verschiedene Rollen (z. B. Geschäftsmann, Ritter, Fürstin) und Gegenstände (Geschenk, Bombe, Fahne) darzustellen.

Erarbeitung

Die Konfirmandengruppe wird in Dreierteams aufgeteilt. Jedes Team hat die Aufgabe, den Bibeltext 1 Mose 1,27 mit den Tüchern (ohne beteiligte Personen) symbolisch darzustellen. Der Bibeltext wird dazu noch einmal vorgelesen.

Präsentation

Wenn alle Werke fertig sind, werden in einem „Museumsrundgang“ die entstandenen Ergebnisse gewürdigt. An jedem Kunstwerk wird zunächst der Bibeltext laut gelesen. Danach äußern die Konfirmandinnen und Konfirmanden Beobachtungen und stellen ggf. Fragen. Das letzte Wort hat jeweils die Kleingruppe, die das Werk gestaltet hat.

Manchmal legen Jugendliche die Tücher so aus, dass sie eindeutig Mann und Frau symbolisieren bzw. darstellen. Wo es aber gelingt, dass die Darstellung abstrakt wird, können sie erkennen, dass eine eindeutige Zuordnung oft schwierig ist und gar nicht entscheidend sein muss.

Übergang zur nächsten Stunde

Von allen Konfirmandinnen und Konfirmanden wird mit einer Digitalkamera ein Porträt-Foto gemacht. Ziel ist es, jeweils zwei Porträts so zusammenzufügen, dass aus zwei Gesichtshälften ein neues Gesicht entsteht. Fototechnische Hinweise zu diesem Schritt finden Sie im Download-Material (M 2).
 


Baustein 4: Zugang zum Konfirmationsspruch – einen eigenen Spruch schreiben

Impuls

Die Konfirmandinnen und Konfirmanden erfahren, dass ihnen bei der Konfirmation ein Bibelwort zugesprochen wird, der sie in ihrem Leben begleiten soll.

Erarbeitung

Um Zugänge zu erleichtern und die Frage, welches Leitwort zu ihnen passt, präsent zu halten, sollen sie zunächst selbstständig und ohne Bibel jeweils einen Spruch für sich selbst formulieren. Dabei sollen sie darauf achten, dass er zu ihnen passt, ihre Eigenschaften und Träume, ihre Vorstellungen von sich und ihrer Zukunft gut zum Ausdruck bringt.

Vertiefung

Nun werden die bearbeiteten Fotos in die Mitte gelegt. Nach einer kurzen Betrachtungsphase finden sich die beiden Gruppenmitglieder zusammen, die jeweils auf einem Bild zu sehen sind. Ihre Aufgabe ist es, sich nochmals gegenseitig den eigenen Spruch vorzustellen, Gründe der Auswahl auszutauschen und sich gegenseitig zu beraten, ob der Spruch passt oder evtl. noch ergänzt oder verändert werden sollte. Wer damit fertig ist, kann überlegen, nach welchen Kriterien er oder sie in der Bibel suchen will, z. B. nach bestimmten Inhalten, nach Personen, die Vorbilder sein könnten, oder nach Stichworten.

Hier können sich Gruppenmitglieder beraten, die nicht befreundet sind und sich womöglich nicht gut kennen. Die Rückmeldung aus ungewohnter Perspektive kann eine stärkende und identitätsfördernde Wirkung haben. Gruppenmitglieder verschiedener Geschlechter begegnen sich hier. Sie können Unterschiede im Denken, Fühlen und Wahrnehmen des Gegenübers erleben und dabei erfahren, dass das Gegenüber unbekannte Rollen einnimmt. Jungen verhalten sich z. B. im Beratungsgespräch mit Mädchen oft einfühlsamer und emotionaler als in der Gruppe mit anderen Jungen.
 


Baustein 5: Mein Konfirmationsspruch – aus der Bibel auswählen

Die Konfirmandinnen und Konfirmanden sollen nun drei mögliche Konfirmationssprüche aus der Bibel aussuchen. (Dadurch werden auch die herausgefordert nachzuschauen, die schon einen Spruch ausgewählt haben oder vorschnell auswählen; bei Häufungen ist die Variationswilligkeit größer.)
Bei der Suche nach einem geeigneten Bibelvers können die frei formulierten Sprüche hilfreich sein. So kann mithilfe einer Konkordanz geschaut werden, ob es Bibelstellen gibt, die Schlagwörter aus dem frei formulierten Spruch enthalten. Neben einer Konkordanz in Buchform dürfen auch taufspruch.de und bibelserver.de genutzt werden.

Im Plenum legen schließlich alle Gruppenmitglieder ihre eigenen Sprüche fest. Dabei kann wahrgenommen werden, welche Sprüche die anderen haben und ob es Doppelungen gibt. Mancher entdeckt erst in dieser Runde den passenden Spruch für sich, wenn jemand anders ihn zwar gefunden, aber verworfen hat. Dadurch erfahren Konfirmandinnen und Konfirmanden, dass Identitäten auch mit anderen geteilt werden, ohne dass dabei Individualität aufgegeben werden muss. Sie lernen ihren Spruch auswendig und entscheiden im Laufe der Zeit, ob sie endgültig dabei bleiben und der Spruch für sie persönlich eine Bedeutung hat. 


Anmerkung

  1. Hier weggelassen das Wort „Adam“
 
Baustein 3: Vier Beispiele für eine Fotocollage aus je einer Gesichtshälfte eines Mädchens und eines Jungen