Ecce homines! – Siehe da, Menschen!
Mit fremden Menschen leben – am Beispiel der Arbeit mit Flüchtlingen

von Hilde Fritz und Gottfried Orth 

 

In der Begleitung einer kosovarischen Flüchtlingsfamilie haben wir anlässlich des der Familie gewährten Kirchenasyls in einer katholischen Kirche den Namen Luis Espinal entdeckt. Auf der Homepage der Gemeinde steht ein leicht abgeändertes Zitat von ihm: „Wer nicht den Mut hat, für die Menschen zu sprechen, hat auch nicht das Recht, von Gott zu reden.“1 Auszüge aus Espinals‚ hautnahen Gebeten‘ strukturieren diesen Text.

 

Hinsehen und mitfühlen

„Die Nacht ist immer dunkler
für diejenigen, die leiden.

Alle Menschen sind unsere Geschwister,
wir können sie nie so vergessen,
dass wir nicht auch mit ihnen leiden.

Die Erfahrung des Schmerzes und die Erinnerung an ihn
macht unsere Haltung den anderen gegenüber weniger hart.“ (Espinal 2008, S. 21)

Mittlerweile leben sie im 18. Jahr in Deutschland, zwei Mädchen wurden hier geboren, der Vater starb an einem Herzinfarkt, als die Mutter mit dem jüngsten Mädchen schwanger war; er ist am bisherigen Wohnort der Familie begraben. Alle fünf Kinder gingen hier zur Schule, zwei sind noch in schulpflichtigem Alter, der Sohn hat eine feste Arbeitsstelle, die älteste Tochter hat mittlerweile selbst eine zweijährige Tochter, die Mutter ist Analphabetin und spricht kaum deutsch – eine kosovarische Flüchtlingsfamilie, wie es viele in Deutschland gibt. Flüchtlinge in Deutschland sind in besonderem Maße von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen. 94.000 Menschen leben in Deutschland nur mit einer Duldung und in ständiger Angst vor Abschiebung. 60.000 von ihnen seit über sechs Jahren. Andere leben mittlerweile illegalisiert in diesem Land. Durch nachrangigen Zugang zum Arbeitsmarkt oder sogar Arbeitsverbote, durch Residenzpflicht und mangelnde Versorgung werden sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Die Familie, von der wir erzählen, gehört einer Roma-Minderheit an. Die Mutter ist seit den Erlebnissen im Kosovokrieg und der Flucht schwer traumatisiert und psychisch krank. Als die Familie aus dem Kriegsgebiet im Kosovo floh, hatte sie gerade erlebt, dass albanische Milizen in ihre Wohnung eingedrungen waren, Frau und Kinder bedrohten, hatte gehört, dass ihr Haus angezündet worden war nach ihrer panischen Flucht – und fand in Deutschland Aufnahme als Flüchtlinge. 17 Jahre später, am 18. März 2010 sollte ein Teil der Familie – die alleinerziehende Mutter mit den vier Töchtern und der Enkelin – in den Kosovo ‚rück‘geführt werden. Seitdem lebt die Familie in der Illegalität.

Was war in diesen 17 Jahren geschehen?

Seit 1995 (die Kinder waren damals sechs, fünf, vier und ein Jahr alt, das fünfte Kind wurde 1995 nach dem Tod des Vaters geboren) erzog die Mutter ihre Kinder allein, über lange Zeit mit Unterstützung einer Familienhelferin. Obwohl sie selbst kein Deutsch sprach, weder lesen noch schreiben konnte, hielt sie ihren Sohn und ihre Töchter zu einem regelmäßigen Schulbesuch an und verdeutlichte ihnen immer wieder die Wichtigkeit von Bildung. Die Kinder lernten Deutsch, fanden sich in der Schule und mit deutschen Freunden und Freundinnen gut zurecht, auch wenn die Leistungen den Besuch einer Förderschule notwendig machten. Das soziale Engagement und die besondere Herzlichkeit der Kinder sowie ihr Einfühlungsvermögen in andere Kinder oder Erwachsene wurden immer wieder hervorgehoben. Zwei Töchter waren Klassen- und Schülersprecherinnen.

Die Mutter unterstützte die Integration ihres Sohnes und ihrer Töchter auch dadurch, dass der Besuch von deutschen und ausländischen Freunden und Freundinnen in der Familie immer willkommen war und indem sie ihre Kinder an Klassenfahrten, Jugendfreizeiten und Gruppenunternehmungen teilnehmen ließ, was für islamische Familien nicht selbstverständlich ist.

Nach dem Schulabschluss fand der älteste Sohn vor zwei Jahren Arbeit und ist seitdem in einer unkündbaren Stellung als Lagerarbeiter unbefristet beschäftigt. Er verdient etwa 1.000 Euro im Monat. Die älteste Tochter, mittlerweile Mutter einer heute zweijährigen Tochter, hatte eine unbefristete Arbeitsstelle in der Systemgastronomie. Ende Februar, als der Abschiebungstermin feststand, erlosch automatisch ihre Arbeitserlaubnis.

Die fünf Kinder kennen weder ihr Herkunftsland noch sind sie so sozialisiert, dass sie dort in angemessener Weise leben könnten. Sie sind niedersächsische Jugendliche wie ihre Klassenkameradinnen und Klassenkameraden.

Viele Jahre gab es keine Arbeitserlaubnis für Menschen mit Duldung – und eine alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern leistet rund um die Uhr Familienarbeit. Seit 2004 arbeitete sie zusätzlich drei Stunden täglich als Büglerin in einem Alten- und Pflegeheim auf Ein-Euro-Basis. Vorher hat sie für die Gemeinde Beete und Straßen gesäubert, bis Rückenbeschwerden diese Arbeit nicht mehr zuließen. Aufgrund ihrer bildungsfernen eigenen Erziehung war für die Mutter die Vorstellung sehr weit entfernt, einen eigenen Deutschkurs zu belegen. Außerdem scheute sie sich, ihre mangelnden Schreib- und Lesefertigkeiten öffentlich zu machen.

Ende Februar 2010 bekam die Familie nun mitgeteilt, dass sie in den Kosovo abgeschoben werden sollte. Diejenigen, die in unserem Land seit 17 Jahren eine neue Lebensperspektive gefunden haben, hier aufgewachsen und groß geworden sind, sollten ‚rück‘geführt werden in ein Land, in dem sie noch nie lebten. Lebensgeschichten sollten abgebrochen bzw. gar nicht erst zugelassen werden – und dies alles, und das ist für uns das Erschreckende: völlig legal, ebenso gnadenlos wie rechtskonform.

Was erwartet die Familie im Kosovo? 65 Prozent der Bevölkerung ist arbeitslos, ca. 34 Prozent der Menschen leben in extremer Armut. Der Durchschnittsverdienst liegt bei ca. 1.000 Euro im Jahr. „Für Jugendliche“, so ein Briefzeugnis vom März 2010 aus dem Kosovo, „steht hier im Land leider keine Perspektive in Aussicht“. Für Minderheiten wie die Roma ist die Situation im Kosovo noch immer lebensbedrohlich – so forderte kürzlich die Synode der Evangelischen Landeskirche Hannovers, keine Romafamilien in den Kosovo abzuschieben. Alleinstehende Frauen und Mädchen sind zusätzlich bedroht.

Es begannen hektische Aktivitäten zwischen der Mitteilung des Abschiebungsbeschlusses und der geplanten Abschiebung. 17 Tage zwischen Hoffen und purer Angst. Letztendlich entschied sich die Familie für ein illegales Leben in Deutschland. Wir, die wir die Familie seit mehr als fünf Jahren begleiten, formulierten am 17. März in einer Presseerklärung: „Die Sorge um die vier Töchter, deren Lebensweg in Deutschland, der mit so vielen Hoffnungen verbunden war, abgebrochen werden sollte, war offensichtlich so groß, dass die Mutter in die Illegalität einwilligte. Was die Familie jetzt braucht, ist die Zuversicht derer, die sie begleiten, die Verlässlichkeit in der Not und die treue Hoffnung auf einen guten Ausgang.“

18 Monate in Illegalität und es wird nahezu täglich schwieriger – sich nicht zeigen dürfen, keine Freundinnen oder Freunde kontaktieren, auf engstem Raum zusammen wohnen, schnell mal dahin, mal dorthin ausweichen, weil die Polizei bei Verwandten war, zwei Wochen Kirchenasyl zwischendurch. 

Kirchenasyl ist die zeitlich befristete Aufnahme von Flüchtlingen ohne legalen Aufenthaltsstatus, denen bei Abschiebung in ihr Herkunftsland Folter und Tod drohen oder für die mit einer Abschiebung nicht hinnehmbare soziale, inhumane Härten verbunden wären. Während des Kirchenasyls werden alle in Betracht zu ziehenden rechtlichen, sozialen und humanitären Gesichtspunkte geprüft. In vielen Fällen gelingt es nachzuweisen, dass Entscheidungen von Behörden überprüfungsbedürftig sind und ein neues Asylverfahren erfolgversprechend ist.

Das Kirchenasyl steht in einer jahrhundertealten Schutztradition. Dieses zugegeben kleine Schutzelement hat mehreren hundert Menschen das Leben gerettet, hat innerhalb der verfassten Kirche Anstöße gegeben, hat Umkehr ermöglicht, hat Stellungnahmen herausgefordert. Viele Gemeinden haben in der Flüchtlingssolidarität Stärkung erfahren. (www.kirchenasyl.de)  

Kirchenasyl war nötig geworden, weil die Familie nach dem Weg in die Illegalität weiterhin rechtliche Möglichkeiten in Angriff genommen hat. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatte im Mai 2010 einer allein erziehenden Mutter mit minderjährigen Kindern Asyl gewährt, weil eine Rückkehr in den Kosovo nicht zu verantworten wäre. Gute Gründe, einen Asylfolgeantrag mit Erfolg zu stellen, denn endlich lagen auch psychiatrische Gutachten für die Mutter vor – doch dafür fehlte eine ladungsfähige Anschrift. Recht kann nicht gesprochen werden, wenn jemand illegal in Deutschland lebt. Auf der Homepage der Gemeinde, die das Kirchenasyl gewährte, steht das Zitat von Luis Espinal SJ: „Wer nicht den Mut hat, für die Menschen zu sprechen, hat auch nicht das Recht, von Gott zu reden“ (vgl. Anm.1). Es erinnert in seiner unerschütterlichen Menschenfreundlichkeit wie in seinem Glauben an einen ähnlichen Satz Dietrich Bonhoeffers: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“ (Ausspruch Bonhoeffers bei den Predigerseminaren, die er seit 1935 in Pommern für die Bekennende Kirche hielt). Den Seelsorgern gebührt Dank und Hochachtung, genauso wie den Mitgliedern der Gemeinde, die Mutter und Tochter mit Essen versorgten, das sie in die Kirche brachten, und mit der einen oder anderen kleinen Freude. Die Gerichtsverhandlung hat stattgefunden; das Urteil war negativ.

Gottfried Orth kann als Pfarrer Kontakt zur Familie halten und, wenn er dort zu Besuch ist, erscheint es ihm wie ein Wunder, wie die Familie dies durchsteht und welche Freundlichkeit und Wärme ihm begegnet. Wie es weitergehen wird, wissen wir nicht. Es gibt im Moment, da der Rechtsweg aussichtslos erscheint, lediglich drei Möglichkeiten: das Verbleiben in der Illegalität, das die Lebenschancen aller Beteiligten nach und nach immer mehr zerstört, oder der (evtl. unterstützte) Weg in den Kosovo oder …

Wir haben einen Kreis von Unterstützern und Unterstützerinnen aufgebaut, die monatlich finanziell für den Unterhalt der Familie mit Sorge tragen, die mitdenken, mitsorgen, mitbeten und mithoffen.

Soweit die Geschichte einer Mutter mit einem Sohn, vier Töchtern und einer Enkelin.

Wahrnehmen dessen, was ist, und erschütterbar mitfühlen mit dem, was Menschen geschieht, sind ein erster Akt theologischer Arbeit: Es gilt, alle Sinne wie Antennen zu gebrauchen, die uns wissen lassen, was in dieser Gesellschaft und weltweit geschieht. So ist genaues, von der Liebe geleitetes und deshalb mitfühlendes Hinsehen ein erster Schritt befreiungstheologisch orientierten Arbeitens: „Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das wir wahrnehmen können, das nicht in den Herzen der Menschen Widerhall findet“ (Vaticanum II, zitiert auf der Homepage der Gemeinde Forum St. Peter in Oldenburg).

„Gib uns Kinderaugen,
um deine Schöpfung im klaren Licht zu sehen,
damit wir uns erinnern, dass du alles gut geschaffen hast.“ (Espinal 2008, S. 53)

Theologische Reflexion und solidarisches Handeln sind nach dem mitfühlenden Hinsehen notwendige zweite und dritte Schritte.

 

Theologisch reflektieren

„Lehre uns beten,
nicht nur mit der Bibel in der Hand,
sondern auch beim Zeitung lesen.
Darin finden wir die Geschichte deines Volkes
und deiner Glieder,
deinen Schmerz, deine Inkarnation, die weitergeht.“ (Ebd., S. 20)

Zunächst eine eher allgemeine verantwortungsethische Überlegung: Deutschland versteht sich als freizügiges und tolerantes Land. Und es ist ein großzügiges Land: 17 Jahre konnte die Familie, immer auch unterstützt durch öffentliche Gelder, hier in Deutschland leben. Doch kein Gericht und keine staatliche Stelle sind bereit, die daraus resultierende Verantwortung auch wahrzunehmen: Wer 17 Jahre hier lebt, hier geboren wird, hier aufwächst, kann nirgendwohin ‚rück‘geführt werden. Hier gibt es eine gesellschaftliche und daraus resultierend eine politische Verantwortung für die Kinder wie für die Mutter. Und diese Verantwortung reicht weiter als Duldung, sie zielt auf Anerkennung. Bis in den Sprachgebrauch des deutschen Asyl- und Ausländerrechtes hinein lässt sich die Situation dieser Familie mit einem Zitat Goethes aus den Maximen und Reflexionen umschreiben. Goethe schreibt: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Haltung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen“ (Goethe 2006, S. 872). 17 Jahre war die Familie geduldet.

Nie war sie wirklich willkommen, nie gleichberechtigt mit den Deutschen um sie herum, nie uneingeschränkt akzeptiert und angenommen. 17 Jahre geduldet, 17 Jahre beleidigt in ihrem Recht auf volles Menschsein in diesem Land. Der deutsche Staat und sein Recht widersprechen dem Dichter, auf den so gerne man sich sonst beruft. Könnten wir nicht lernen, was Altes wie Neues Testament als konstitutiv für Recht und Gerechtigkeit ansehen, dass Gnade und Barmherzigkeit konstitutive Elemente einer am Menschen orientierten Rechtspolitik sind?!

Als Zweites eine biblisch-theologische Überlegung: Die Hoffnung der hebräischen Bibel weiß darum, „dass ein Fremder bei euch wohnen soll wie ein Einheimischer“ und „du ihn lieben sollst wie dich selbst“ (3.Mose 19,3). Das Neue Testament lebt von der Identifikation Jesu mit den Armen und Bedürftigen, den sozial Deklassierten und den Fremden, wie es Matthäus beispielsweise beschreibt, der darum wusste, dass in jedem Fremden Jesus uns begegnet (Matthäus 25,35 und 40): „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich (nicht) aufgenommen.“ Das ist die klare gesamtbiblische Perspektive für Christinnen und Christen im Leben mit denen, die uns fremd sind, mit Menschen, die Zuflucht bei uns suchen: Die Fremden lieben wie uns selbst. Den Fremden die gleichen Lebenschancen eröffnen wie uns selbst. „Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Globalisierung der Welt gehören Migration und Flucht zur Wirklichkeit dieser Welt und sind nicht nur ein vorübergehendes Phänomen. … Flüchtlinge gehören zur Wirklichkeit der aufnehmenden Länder; sie werden in der Regel auf Dauer dort bleiben. Darum gibt es keine Alternative zu einer recht verstandenen Integration, die ein gemeinsamer Prozess von Einheimischen und Fremden ist. Ob sich jemand in die neue Gesellschaft des aufnehmenden Landes integriert, sich auf das Leben und die Lebensbedingungen innerlich einlässt, das hängt u. a. entscheidend davon ab, ob sich der Fremde akzeptiert weiß, ob er Vertrauen haben kann in die Gesellschaft, ob er einigermaßen sicher sein kann, dass er dort bleiben darf, dass man ihn dort will.“ (Voß 2009) Wer nicht spürt, dass er als Fremder wie ein Einheimischer angenommen ist und wohnen darf, wird weder die Bereitschaft noch die Kraft finden, sich in den wechselseitigen Integrationsprozess mit der Mehrheitsgesellschaft zu begeben.

Und schließlich eine kirchengeschichtliche Erinnerung: Das biblische Leitmotiv aus den Sprüchen Salomos „Tu deinen Mund auf für die Stummen“ (Sprüche 31,8) war Dietrich Bonhoeffer wichtig. Es geht um den engen Zusammenhang von Glauben und Tun, oder noch einmal mit Bonhoeffer: Es geht um „Beten und Tun des Gerechten“. Beten und Singen – sie werden unglaubwürdig und hohl, gehen sie nicht einher mit dem tätigen Einsatz für die Flüchtlinge in unserem Land. Das ist keine neue Erkenntnis. Luther brachte diesen Zusammenhang von Glauben und Tun auf die schöne Formel: Wie es keine Sonne gibt ohne Schatten, so auch keinen Glauben ohne Tun. „Die Kirchengeschichte ist ein Buch, dessen Erfahrungen allen offen stehen. Man findet darin ebenso ‚Höchstleistungen‘ an Fanatismus, Intoleranz und Obskurantismus wie auch ‚Glanzleistungen‘ an Zärtlichkeit, Rechtschaffenheit und Heldenmut im Dienste der Unterdrückten“ (Clévenot 1987, S. 9). Was hindert uns, zärtlich, rechtschaffen und mutig zu sein? Was hindert so tun, als ob Gastfreundschaft gegenüber Flüchtlingen gelingen könnte? Unsere Erfahrungen sind vielfach andere, Deutschland wird zu einem ungastlichen Land. Das ist nicht wegzudiskutieren oder wegzuhoffen oder zu überspielen. Aber zugleich mit dieser Erfahrung ist unsere Hoffnung zu nennen: die Hoffnung auf Gastfreundschaft. Ohne diesen Widerspruch – zwischen unserer Erfahrung und unserer Hoffnung – werden wir unehrlich. Aber diesen Widerspruch benennen und zugleich Gastfreundschaft einzuüben, als ob sie gelingt – das erscheint uns von zentraler Bedeutung. Lassen wir Menschen, wenn sie zu uns fliehen und anklopfen, nicht ‚draußen vor der Tür‘, auch wenn wir meinen, sie störten uns. Es gibt nichts, was wichtiger ist als Menschen, die anklopfen. Und es gibt nichts, was wichtiger ist als Menschen, die sie einlassen und willkommen heißen.

„Wir denken,
ohne dass etwas zu unseren Füßen blüht. …
Von jetzt an schaffe in uns
einen neuen Geist
und öffne uns Herz und Hände.“ (Espinal 2008, S. 60f.)

 

Solidarisches Handeln

„Gott, stärke unsere Liebe,
gib uns eine explosive Zärtlichkeit,
die sich nicht in Empfindsamkeit vergeudet, sondern in Taten.“ (Ebd. S. 58)

Solidarität, so Dorothee Sölle, „ist die beste Übersetzung dessen, was das Neue Testament ‚agape‘, Nächstenliebe, nennt. Damit wird eine Gemeinsamkeit der unter noch so verschiedenen Umständen lebenden Menschen vorausgesetzt.“ (Sölle 2001, S. 24) Diese Gemeinsamkeit besteht in den Bedürfnissen der Menschen. (Vgl. Max-Neef 1991, S. 13ff.) Sind ihre Wahrnehmungen verschieden, ihr Reflektieren unterschiedlich, ihre Handlungsweisen einander fremd, so sind doch alle Menschen bestimmt von den gleichen Bedürfnissen. Manfred Max-Neef hat neun solcher menschlicher Grundbedürfnisse herausgefunden und für menschliche Entwicklung als zentral begründet: „Bedürfnisse des physischen Lebens (Wasser, Essen, Luft etc.), Sicherheit/Schutz, Verständnis/Empathie, Liebe, Erholung/ Spiel, Kreativität, Geborgenheit (Community), Autonomie/ Selbstbestimmung, Sinn/Inhalt“. Dabei versteht Max-Neef, und dies erscheint höchst bedeutungsvoll, Bedürfnisse als Mangel und zugleich als Potenzial: „Bedürfnisse, eingeengt verstanden als Mangel, sind oftmals beschränkt auf das, was bloß physiologisch ist, und eigentlich die Wahrnehmung, dass ‚etwas, was gerade mangelt, intensiv gefühlt wird‘. In dem Maß jedoch, wie Bedürfnisse Menschen begeistern, anspornen und aktivieren, sind sie ein Potenzial und können letztendlich eine Ressource werden. Das Bedürfnis nach Beteiligung ist ein Potenzial für Beteiligung, so wie das Bedürfnis nach Zuneigung ein Potenzial für Zuneigung ist.“ (Ebd., hier in der Übersetzung von G. Lorenz 2010)

Setzen wir diese Bedürfnisse als Gemeinsamkeit der unter noch so verschiedenen Umständen lebenden Menschen zum Maßstab unserer Arbeit mit Flüchtlingen, so wird sehr schnell deutlich, wo deren Potenziale liegen, ihr Leben in Deutschland zu gestalten und wo Mangel sichtbar wird, der diese Gestaltung erschwert oder verhindert. Um dies anzudeuten, wählen wir die drei Themen unserer theologischen Reflexion:

  • Was bedeutet der Status „Duldung“ oder gar „Illegalisierung“ beispielsweise angesichts der Bedürfnisse nach Sicherheit/Schutz, Geborgenheit (Community), Autonomie/Selbstbestimmung?
  • Was bedeutet die Ungleichheit, dass ein Fremder in unserem Land nicht wohnen darf wie ein Einheimischer beispielsweise angesichts der Bedürfnisse des physischen Lebens?
  • Was bedeutet das oftmals fehlende „Tun des Gerechten“ beispielsweise angesichts des Bedürfnisses nach Sinn/Inhalt?

Daraus resultierende konkrete Handlungsmöglichkeiten reichen von Besuchsdiensten bis zum Kirchenasyl, von Hausaufgabenhilfen für Flüchtlingskinder bis zur Begleitung von Flüchtlingen auf die Ausländerbehörden, vom Rechtsbeistand bis zu öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen … Als entscheidender Punkt dabei erscheint uns der Dreiklang von gewissenhafter und liebevoller Begleitung, der Achtung der Autonomie und der selbst bestimmten Entscheidungen von Flüchtlingen – auch wenn sie uns unverständlich erscheinen – und die kontinuierliche gesellschaftliche und politische Einmischung.

„Wir sind Fackeln
und haben nur einen Sinn,
wenn wir brennen, nur dann werden wir Licht sein.“

„Gib unserer Liebe Kraft,
dass sie nicht im Vergnügen und Gefühl stecken bleibt,
sondern so stark ist,
dass sie die Berge versetzt.“
(Espinal 2008, S. 26 und 18) 

 

Anmerkung

  1. Der Satz stammt aus Espinals Text „Religión“: „Eine Religion, die nicht den Mut hat, für die Menschen zu sprechen, hat auch nicht das Recht, von Gott zu reden.“ (Espinal, zitiert nach Albrecht 2005, S.28.)

 

Literatur

  • Albrecht, Christoph: Den Unterdrückten eine Stimme geben. Das Lebenszeugnis von P. Luis Espinal SJ – Impulse für eine prophetische Kirche in einer ökonomisch globalisierten Apartheidsgesellschaft, Luzern 2005
  • Clévenot, Michel: Von Jerusalem nach Rom, Freiburg/Schweiz 1987
  • Espinal, Luis: Religión. In: El grito, 83; in der Zeitung Ultima Hora vom 31. 5. 1972 und vom 6. 12. 1972.
  • Espinal, Luis: Und haben nur einen Sinn, wenn wir brennen. Gebete hautnah. Kevelaer 2008
  • Fritsch, Gerlinde R.: Praktische Selbst-Empathie. Paderborn 2009
  • Goethe, Johann Wolfgang von: Maximen und Reflexionen 875, in: Ders., Sämtliche Werke, München 2006
  • Max-Neef, Manfred: Development and human needs, in: Ders. / Elizalde, Antonio / Hopenhayn, Martin: Human Scale Development, New York 1991.
  • Max-Neef, Manfred / Elizalde, Antonio / Hopenhayn, Martin: Entwicklung nach menschlichem Maß. Eine Option für die Zukunft. Aus dem Spanischen von Norbert Rehrmann und Horst Steigler, Santiago de Chile 1990 = Reihe Entwicklungsperspektiven Bd. 39, Kassel 1990
  • Orth, Gottfried: Friedensarbeit mit der Bibel. Eva, Kain & Co, Göttingen 2009
  • Orth, Gottfried: Toleranz: Anerkennung der einander Fremden und Verschiedenen. Gewaltfrei Toleranz lernen. In: „Glauben und Lernen“ 1/2011
  • Rosenberg, Marshall B.: Gewaltfreie Kommunikation, Paderborn 2005
  • Sölle, Dorothee: Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben – und was wächst auf dem Weg des Profits? In: Eigenmann, Urs (Hg.), Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Kuno Füssel zu Ehren, Luzern 2001, S. 22-26
  • Voß, Josef: Pastorale Annäherung zu einer stabileren Integration von Migranten und Flüchtlingen im Kontext des ökumenischen, interreligiösen und kulturellen Dialogs. VI. Weltkongress für die Seelsorge an Migranten und Flüchtlingen, Vatikan, 10. November 2009
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2011

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