Überlegungen zur Bedeutung des interreligiösen Lernens zwischen Christen und Muslimen
Eine muslimische Perspektive

von Rauf Ceylan 

 

Infolge von Globalisierungsprozessen und von Arbeitsmigration seit den 1950er Jahren hat sich Deutschland zu einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft entwickelt. Insbesondere die Zahl der Muslime ist durch Migrationsprozesse und insbesondere durch Familienzusammenführungen seit 1974 kontinuierlich angewachsen. Derzeit leben in Deutschland etwa 4,2 Mio. Muslime, und über 2500 Islamische Organisationen, Vereine und Einrichtungen sind in den letzten Jahrzehnten entstanden. Die kulturelle und religiöse Vielfalt spiegelt sich in Kindergärten, Schulen und auf sozialräumlicher Ebene wider. Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen treffen sich im Alltag und in anderen sozialen und kulturellen Kontexten. Insbesondere die Bedeutung der interkulturellen Kommunikation zwischen den beiden größten Religionsgemeinschaften – den Christen und Muslimen – hat zugenommen, und die Diskussion um dieses Verhältnis dominiert auch die medialen und politischen Debatten. Aufgrund der geistigen Affinität dieser beiden Weltreligionen bieten sich neben theologischen Differenzen auch zahlreiche Gemeinsamkeiten, die allerdings von beiden abrahamitischen Religionsgemeinschaften nicht ausreichend ausgeschöpft werden.

Die Kirchen haben mit Beginn der Arbeitsmigration eine wichtige Funktion im interreligiösen Dialog gespielt, deren historische Rolle nicht ausreichend gewürdigt wird. Zum einen waren sie für die christlichen Migranten von Bedeutung, die von ihren deutschen Glaubensgeschwistern entsprechend sozial, kulturell und religiös betreut wurden. Denn wie die historischen Einwanderungsprozesse belegen, haben Kirchen in der neuen Heimat immer eine wichtige Rolle für Migranten gespielt (vgl. Hertzberg 1996, 22). Dies ist nicht nur auf die Religionsfreiheit des Aufnahmelandes zurückzuführen, die den Einwanderern ein religiöses Gemeindeleben nach eigenen Vorstellungen ermöglichte (vgl. A. Bretting 1992, 135ff und K. Bade 2002, 17). Mit ihrer sozialen Arbeit übte sie auch auf Einwanderer, die kein besonderes religiöses Interesse hatten, eine Anziehung aus. So erfüllten beispielsweise deutsche Kirchen für die Einwanderer im 18. Jahrhundert in Nordamerika eine wichtige Funktion, indem sie den Pionieren Integrationshilfen leisteten (B. Längin 1983, 30). Doch die Wenigsten wissen, dass die Kirchen ebenso für die muslimischen Migranten Unterstützungshilfen boten. So stellten viele Kirchen auf lokaler Ebene Muslimen ihre Räumlichkeiten zu bestimmten muslimisch-religiösen Feiertagen wie für den Ramadan oder das Opferfest zur Verfügung, und dies zu einem Zeitpunkt, als hierzulande noch keine islamische Infrastruktur existierte. Dies ist nur ein Beispiel der vielen positiven christlich-muslimischen Beziehungen in der deutschen Nachkriegsgeschichte, die bis heute anhalten.

Für die Muslime, die sich mittlerweile zum größten Teil in Deutschland niedergelassen haben und eigene, dauerhafte Strukturen etablieren, bietet der Austausch mit den christlichen Religionsgemeinschaften neue Lernerfahrungen. Die Kirchen haben im Laufe ihrer Geschichte in Deutschland zahlreiche Organisationen und Institutionen aufgebaut und decken mit ihrem sozialen und kulturellen Engagement ein breites Spektrum sozialer und kultureller Aufgaben ab. Für die Muslime bieten diese Strukturen und Aufgabenfelder viele Impulse. Im Folgenden möchte ich einige zentrale Aspekte nennen, die jeweils Muslime von Christen lernen können. Es ist selbstverständlich, dass muslimische Strukturen in Deutschland – anders als in den USA mit ihren muslimischen Akademikern – von Arbeitsmigranten geprägt sind. Die kulturellen Unterschiede und die Unterschiede in den Bildungsvoraussetzungen sind groß. Dennoch ist ein Transformationsprozess bei den Muslimen festzustellen. Die innermuslimische Diskussion über Seelsorge, Altenhilfe und andere humane Aktivitäten zeigt, dass in Zukunft große Änderungen eintreffen werden. Daher können sich Muslime in diesem Prozess christliche Organisationen zum Vorbild nehmen, wie etwa in ihren diakonischen Tätigkeiten.

Die Kirchen spielen seit Jahrhunderten eine zentrale Rolle in der europäischen Gesellschaft bezüglich des diakonischen und karitativen Engagements. Die Zielsetzung und Grundsätze dieser Arbeit basieren im Wesentlichen auf dem Prinzip der Nächstenliebe.

In hunderten kirchlichen Organisationen wird die soziale Verantwortung in Form von Altenhilfe, Beratungsdiensten bis hin zur Seelsorge umgesetzt. Mit diesen Strukturen wird somit ein wesentliches christliches Prinzip organisiert.

Für Muslime, die am Aufbau einer muslimischen Wohlfahrtsorganisation interessiert sind, sind diese Strukturen vorbildlich. Lange Zeit wurden in Deutschland evangelische Migranten von der Diakonie und die katholischen Migranten von der Caritas betreut. Die Betreuung der Muslime übernahm dagegen in der Regel die religionsferne Arbeiterwohlfahrt. Aber interkulturelle Kompetenz muss nicht gleich interreligiöse Kompetenz bedeuten und interkulturelle Öffnung muss des Weiteren nicht heißen, dass islamische Sensibilitäten in Betreuungsmaßnahmen berücksichtigt werden. Die Nachfrage nach sozialpädagogischen bzw. seelsorgerischen Betreuungsmaßnahmen speziell für Muslime wird weiterhin zunehmen und entsprechend die Nachfrage nach einem muslimischen Wohlfahrtsverband. Gegenwärtig existieren bereits Lernprozesse wie etwa im Bereich von Seelsorge. Hier bieten Kirchen Fortbildungsseminare für Muslime an, die sich ehrenamtlich im Bereich der Seelsorge betätigen möchten. So etwa die Kölner Seelsorge, welche die Christlich-Islamische Gesellschaft in Kooperation mit christlichen und muslimischen Organisationen erfolgreich durchführt. Diese „Entwicklungshilfe“ ist ebenso in anderen deutschen Großstädten anzutreffen, und diese Lernfelder werden zunehmen. Vor diesem Hintergrund sind auch die Muslime zu fragen, ob man für den Aufbau derartiger Hilfsstrukturen nicht Spendengelder und die Zakat (eine Art Sozialsteuer, die Muslime jährlich je nach Vermögen entrichten müssen) teilweise nutzen könnte. Andererseits sollte auch der Staat die Muslime in Zukunft bei dem Aufbau dieser Strukturen finanziell unterstützen, sobald der rechtliche Status der Religionsgemeinschaft geklärt ist.

Die zunehmende Kooperation der Kirchen mit den muslimischen Gemeinden geht im Wesentlichen auf den interreligiösen Dialog zurück, der mittlerweile ein fester Bestandteil vieler christlicher Gemeinden geworden ist. Haupt- und ehrenamtliche Dialogbeauftragte suchen den Dialog mit nicht-christlichen Gemeinden und initiieren interreligiöse Lernprozesse. Charakteristisch sind die zahlreichen Islambeauftragten der Kirchen, die auf Moscheen zugehen und als eine Art Brücke zwischen den beiden Glaubensgemeinschaften fungieren. Auf muslimischer Seite ist aufgrund der Defizite in den personellen Ressourcen der Moscheen nur in den seltensten Fällen ein qualifizierter Dialogbeauftragter anzutreffen. Meist sind professionelle Dialogbeauftragte nur in den Zentralverbänden oder in repräsentativen Moscheen angesiedelt. Auf lokaler Ebene sieht dies anders aus. Nicht einmal der Imam als einziger Hauptamtlicher ist in den Moscheen ausgebildet, um Dialogprozesse zu beginnen und zu pflegen. Neben fehlenden Sprachkompetenzen fehlen in der Regel Kenntnisse über die hiesige Gesellschaft und Religionsgemeinschaften (vgl. Ceylan 2010). Allerdings darf man diese Probleme nicht nur auf strukturelle Mängel zurückführen; es handelt sich auch um mentale Prozesse. Denn allmählich überwinden Muslime auch ihre mentalen Hürden, erkennen die Notwendigkeit von Öffnungsprozessen und suchen daher den Dialog zu den Kirchen. Hier könnten Kirchen und Moscheen auf lokaler Ebene interreligiöse Fortbildungsseminare initiieren und das ehrenamtliche muslimische Personal weiterqualifizieren. Die Universität Osnabrück hat dieses Defizit erkannt und bietet als erste deutsche Hochschule ein zweisemestriges Weiterbildungsprogramm für Imame und für das gesamte religiöse Betreuungspersonal an. Neben einer akademischen Weiterbildung sind für eine Vernetzung, Kooperation und Nachhaltigkeit Kurse auf lokaler Ebene zwingend erforderlich.

Schließlich ist auf die Rolle der Frauen in den christlichen Gemeinden hinzuweisen, die in vormals eher männerdominierten Strukturen im Laufe der Zeit an Bedeutung gewonnen hat. Die Bekräftigung und Unterstützung dieser Öffnungsprozesse durch das Postulat der Evangelischen Kirche „Wir wollen, dass Wirklichkeit, Erfahrungen und Fähigkeiten von Frauen in Kirche und Theologie künftig ebenso zur Geltung kommen wie die von Männern“ (EKD 1989) spiegelt sich heute in den christlichen Strukturen wider. Durch den Wandel des Frauenbildes und der Frauenrollen sind sie heute in zahlreichen Positionen und Funktionen vertreten und sind – trotz bestehender Benachteiligungen – zu einem unverzichtbaren Bestandteil der christlichen Arbeit geworden. Der muslimische Vergleich zeigt, dass in Deutschland die muslimischen Strukturen in den 1960er und 1970er Jahren von männlichen Arbeitsmigranten grundgelegt wurden. Diese reisten zunächst ledig ein, und der Aufbau der religiösen Strukturen wurde zunächst nur von muslimischen Männern durchgeführt. Neben dem Generationswechsel findet jedoch allmählich eine stärkere Partizipation der muslimischen Frauen statt (M. Borchard/R. Ceylan 2011). Vor dem Hintergrund von interreligiösen Lernprozessen ist der Erfahrungsaustausch christlicher und muslimischer Frauen ein weiteres Arbeitsfeld in der interreligiösen Kommunikation. Die muslimischen Frauen können in gemeinsamen Kursen von den erfolgreichen Erfahrungen profitieren, bzw. es können gemeinsame Initiativen entstehen, die nicht nur darauf abzielen sollten, die interne Position der Frauen in den jeweiligen Gemeinden zu stärken, sondern darüber hinaus aktuelle politische und pädagogische Herausforderungen gemeinsam anzugehen.

Dies sind nur einige Lernfelder des interreligiösen Austauschs. Ein wichtiger Schritt wäre, gemeinsame Workshops zu organisieren, in denen man aktuelle Herausforderungen und Aspekte sowohl auf der Ebene der muslimischen Zentralverbände als auch auf der lokalen Ebene der Gemeinden ermitteln könnte. Auf der Basis dieser Ergebnisse könnte man zum einem bedarfsorientierte Kurse anbieten und gemeinsame Projekte initiieren. Zum anderen bieten diese Treffen auch eine Plattform für Christen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit ihren muslimischen Nachbarn zu erweitern. Das wesentliche Ziel sollte – neben Austausch, Kommunikation und gemeinsamen Aktivitäten – die gegenseitige Anerkennung sein. Denn das Ziel eines interreligiösen Lernprozesses ist nicht die Toleranz, sondern die Anerkennung: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehen- de Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ (Goethe)

 

Literatur

  • Hertzberg, Arthur (1996): Shalom Amerika! Die Geschichte der Juden in der Neuen Welt, Frankfurt am Main 1996
  • Bretting, Agnes (1992): Mit Bibel, Pflug und Büchse: deutsche Pioniere im kolonialen Amerika, in: Klaus J. Bade (Hrsg.), Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart, München 1992
  • Bade, Klaus J. (2002): Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2002
  • Längin, Bernd G. (1983): GERMANTOWN- auf deutschen Spuren in Nordamerika, in: Wege und Wandlungen. Die Deutschen in der Welt heute, Schriftenreihe zu Fragen der Deutschen im Ausland, Band 3. Berlin/Bonn 1983
  • Ceylan, Rauf (2010): Die Prediger des Islam, Freiburg
  • Beschluss der 7. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bad Krozingen 1989 abgerufen unter: http://www.ekd.de/ EKD-Texte/mentoring_frauen.html am 15. Mai 2011
  • Borchard, Michael/Ceylan, Rauf (Hrsg.) (2011): Imame und Frauen in Moscheen im Integrationsprozess: Gemeindepädagogische Perspektiven, Osnabrück
  • Goethe, Johann W. von (2006): Maximen und Reflexionen, hrsg. von Helmut Koopmann, München
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2011

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