Gilt das Bilderverbot im Religionsunterricht?
Eine christliche Perspektive

von Jeannette Eickmann

 

„Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.“
(Albert Einstein)

 


Gibt man den Begriff „Bilder von Gott“ in Internet-Suchmaschinen ein, so findet man neben dem alten Mann mit Bart (auf einer Wolke) ein paar kitschige Naturbilder, Herzwolken am Himmel, Comics, Hände, die sich berühren. Brauchen wir also Bilder von Gott? Ja, ich glaube, wir brauchen Bilder von Gott – nicht, um ihn uns verfügbar zu machen, sondern um über unsere jeweiligen Vorstellungen von ihm ins Gespräch zu kommen. Wie soll sich ein Gottesbild entwickeln, verändern, erweitern, wenn wir zur Beschreibung keine Bilder benutzen dürften? Die Bibel selbst wimmelt von Gottesbildern, Metaphern und Vergleichen – es gilt aber zunächst, mit Kindern und Jugendlichen deren Bilder zu finden, die sie selbst füllen können, da die biblischen wie Hirte, Vater, Licht usw. häufig nicht mehr der Lebenswirklichkeit heutiger junger Menschen entsprechen. Eigene Bilder können im Anschluss wiederum zu biblischen Gottesbildern in Beziehung gesetzt werden.

In meinen Anfangsjahren als Religionslehrerin an einer Realschule habe ich den Jugendlichen in einer Unterrichtseinheit zu „Gottesbildern“ meist unterschiedliche Bilder vorgelegt, denen sie sich zuordnen sollten, um ihr Bild von Gott zu erläutern. Gelungen waren diese Phasen selten, da die wenigsten von ihnen ein Bild von Gott hatten. Außer pauschalen Aussagen, wie „Gott ist in der Natur“, „Er beschützt uns und ist immer da“ oder „Gott gibt es nicht“, wurde selten von (eigenen) Erfahrungen berichtet. Zu Beginn meiner Unterrichtsversuche in der Grundschule habe ich den Kindern beispielsweise Verbildlichungen von Psalmwörtern gezeigt, um mit ihnen in ein Gespräch über Gott einzutauchen. Auch hier erwies sich dieses Vorgehen als nicht sehr fruchtbar, da den Kindern eigene Bilder fehlten.

Heute liegt der Fokus in meinem eigenen Unterricht wie auch in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern vielmehr darauf, mit Kindern und Jugendlichen unterschiedlichen vorfindlichen Gotteserfahrungen und -bildern in biblischen Geschichten auf die Spur zu kommen und auf diesem Wege eigene Bilder zu finden. Wichtig ist mir dabei, die dunklen Seiten Gottes nicht auszusparen.

Kürzlich hospitierte ich in einer Religionsstunde einer zweiten Grundschulklasse. Die Lehrerin und die Kinder legten zum Abschluss der Unterrichtseinheit „Abraham und Sara“ ein Bodenbild mit ansprechenden Materialien und ließen den Weg der beiden Protagonisten Revue passieren. Während des Legeprozesses steht ein Kind plötzlich unvermittelt auf, geht zu einer Spielecke, nimmt sich eine Playmobilfigur, kommt zurück in den Kreis und stellt die Figur mitten ins Bodenbild. Ein wenig irritiert blicken die Lehrerin und die Kinder den Jungen an. Dieser antwortet: „Das ist Gott! Der war doch immer dabei.“ Geschickt nimmt die Lehrerin den Faden auf, indem sie die eingetretene Stille durchbricht, die gesamte Gruppe einbindet und die Kinder den Gott in der Abraham-Geschichte beschreiben lässt. Die Kinder platzieren die „Gott-Playmobilfigur“ zudem an verschiedenen Stellen im Bodenbild und tauschen sich über das Für und Wider dieser unterschiedlichen Plätze aus, übernehmen teilweise die Perspektiven und im Ansatz auch Positionen. Für mich als Zuschauerin waren dieser spontane Impuls des Kindes und die daraus entstandene lebhafte Diskussion über das mögliche Sein Gottes sehr anrührend und ein gelungenes Beispiel dafür, anhand biblischer Narrativität und ihrer Gestaltung die eigenen Bilder der Kinder hervorzuholen und sie für andere sichtbar zu machen.

Spannende Lernprozesse für Kinder, Jugendliche und mich selbst ergeben sich immer wieder bei Bildbetrachtungen von Kreuzesdarstellungen. Sich der Frage anzunähern, wo und wie Gott ist, wenn Jesus am Kreuz hängt, heißt: die Ambivalenz des Kreuzes, den krassen Gegensatz zwischen Leben und Tod herauszuarbeiten. Als hilfreich für meine Praxis hat sich dabei die Arbeit mit einem Satz Dietrich Bonhoeffers erwiesen: „Nur der leidende Gott kann helfen“ – Gott identifiziert sich mit dem Menschen am Kreuz. Das Kreuz als Abstraktion eines Bildes von Gott für Menschen gewinnt somit an Konkretion und verliert seinen abschreckenden Charakter.

Im christlichen Religionsunterricht brauchen wir Bilder, um Vorstellungen von Gott zu entwickeln. Aber wir müssen auch die Gefahr thematisieren, verfestigte Bilder von Gott zu haben. Die biblische Erzählung vom goldenen Kalb (2. Mose 32,1-4) sowie eingangs erwähntes Zitat von Einstein geben Modelle für den Umgang mit Bildern vor, die es zu knacken gilt. Meine Erfahrung ist, dass sowohl Kinder als auch Jugendliche ein gutes Gespür dafür haben, dass verfestigte Bilder nicht einhergehen mit sich wandelnden und sich entwickelnden Gottesbildern, die wiederum bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich sein können. Es kann immer nur um Facetten eines Gottes gehen, dessen Vielgestaltigkeit wir vermutlich immer wieder nur erahnen können.