Gilt das Bilderverbot im Religionsunterricht?
Eine jüdische Perspektive

von Abraham Ehrlich

 

Der jüdische Religionsunterricht im Jüdischen Gymnasium Moses Mendselssohn (JGMM) hat die grundsätzliche Aufgabe, den Schülerinnen Schülern die jüdische Glaubenshaltung sowie die entsprechende Glaubensinhalte näher zu bringen. Basis der Realisierung dieser Aufgabe ist die Grundtatsache des Monotheismus, und das geeignete „Lehrbuch“ dafür ist die Bibel. Dabei nimmt der Versuch, die Schülerinnen und Schüler für diese Tatsache und dafür, was daraus für das Judentum konkret folgt, eine zentrale Stellung ein. Im Vergleich zur Vermittlung der Glaubensinhalte des Judentums, die der Vermittlung anderer Fächer ähnlich ist, stellt die Sensibilisierung der Schülerinnen und Schüler für die Wahrnehmung der Welt als Schöpfung und für die Wahrnehmung Gottes in ihr eine besondere Herausforderung dar.

Das grundsätzliche Problem besteht darin, dass der lebendige Gott, der im Zentrum der jüdische Religion und des jüdischen Lebens steht, an sich sinnlich absolut nicht wahrnehmbar ist.

Dass man auf gar keinen Fall versuchen soll, Gott sinnlich wahrnehmbar zu machen und seine Existenz so bestätigen zu wollen, darauf macht uns unter anderem das ausdrücklich biblische Bilderverbot aufmerksam. Insofern hat jegliche Art der künstlerischen oder sonstigen Versinnbildlichung Gottes im Rahmen des Religionsunterrichts keinen Platz. Die Auseinandersetzung mit Kunst bezüglich solcher Darstellungen stellt insofern keine Herausforderung dar: Sie ist von Anfang an nicht von Bedeutung. Die Lehrweise des jüdischen Religionsunterrichts im JGMM betont jedoch nicht das Bilderverbot an sich, sondern die grundsätzliche Unmöglichkeit der Versinnbildlichung Gottes und so die Klärung und die Vermittlung der jüdischen Glaubenshaltung sinnvoll zu fördern.

Dass die Bibel, das Wort Gottes, selbst mit punktueller Versinnbildlichung Gottes operiert („starke Hand“, „Zorn“, „sehen“, hören“) ist den Schülerinnen und Schülern bekannt. Dabei stellt sich die Frage, wie soll sich Gott vermitteln, wenn nicht in einer Sprache, die dem Menschen verständlich ist? Dabei wird die Herausforderung, die Glaubensinhalte richtig zu verstehen und demnach glaubensmäßig richtig zu leben, in ihrer konkreten Bedeutung für die Schülerinnen und Schüler deutlich sichtbar.

Das Jüdische Gymnasium in Berlin ist keine religiöse Schule und die Schülerinnen und Schüler sind in der Regel nicht religiös. Die Aufgabe, den Schülerinnen und Schülern das Judentum und seine Religion näher zu bringen, will sie zwar auch dazu zu bringen, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen, betont wird jedoch dabei die Tatsache, dass es der verborgene Gott ist, der das Wesen des Jüdisch-Seins und dementsprechend die Grundbedingungen der jüdischen Identität bestimmt, eine Tatsache, die für die Schülerinnen und Schüler als „moderne“ Menschen nicht einfach zu erkennen und anzunehmen ist.