Gilt das Bilderverbot im Religionsunterricht?
Eine muslimische Perspektive

von Annett Abdel-Rahman

 

Kann man sich ein Bild machen ohne Bilder? Bilder spielen im Religionsunterricht eine ganz besondere Rolle, sie vermitteln Sachinformationen und sind eine Brücke, Gefühle oder Gedanken anzuregen, die den emotionalen Zugang zu einem Thema erleichtern können. Auch im islamischen Religionsunterricht werden Bilder eingesetzt, aber die Rahmenbedingungen mögen sich dabei von denen anderen Religionsunterrichtes unterscheiden. Mit einer Kollegin arbeite ich an der Lehrwerkreihe „Bismillah – Wir entdecken den Islam“, dies sind Arbeitshefte für die Grundschule. Es galt, hinsichtlich der Verwendung von Bildern über zwei Schwerpunkte zu entscheiden: Wie ist mit der Abbildung religiöser Gestalten, also Allah und den Propheten, umzugehen? Und: Welche dargestellten Menschen und Lebensräume würden die Schülerinnen und Schüler ansprechen und ihnen helfen, sich dazu in Beziehung zu setzen? Das Meinungsspektrum über die Verwendung von Bildern insbesondere religiöser Gestalten ist im Islam vielfältig. So gibt es zwar Miniaturen und Zeichnungen von Propheten aus historischen Epochen, aber Allah (Gott), die Propheten oder Engel bildlich darzustellen, lehnt die Mehrheit der Muslime ab. Ein konkretes Bilderverbot kann man dem Koran nicht entnehmen, wohl gibt es aber Aussagen von Propheten, die eine Ablehnung gegenüber bildlichen Darstellungen erkennen lassen. Insbesondere in Bereichen, die dem Gottesdienst vorbehalten sind, wird bis heute auf religiös intendierte Bilder verzichtet.

Muslimische Schülerinnen und Schüler sind oft mit mehreren Kulturen vertraut, auch wenn Deutschland ihr Lebensmittelpunkt ist. Um ihnen genügend Anknüpfungspunkte zu bieten, haben wir uns dafür entschieden, Bildmaterial kultursensibel einzusetzen und auch Bilder zu zeigen, die Muslime aus anderen Ländern oder Kulturkreisen zeigen. Im Zuge der Integrationsdebatte in Deutschland werden Begriffe eher unsauber definiert und verwendet, damit entstehen Zuschreibungen, die selbst von den Muslimen unreflektiert übernommen werden. „Türken“ und „Araber“ werden oft mit „den Muslimen“ gleichgesetzt und dies füttert dann die Vorstellung davon, wie ein Muslim aussieht. Bewusst haben wir daher Bilder verwendet, die diese Vorstellungen unterlaufen. Wie notwendig die Sensibilisierung dafür ist, erlebe ich oft in meinem Religionsunterricht, wenn Schülerinnen und Schüler irritiert sind, dass Muslime auch helle Haare haben können. Als Spiegel des Alltags, den muslimische Schülerinnen und Schüler wahrnehmen, wird auch die Bekleidungsfrage in unserem Arbeitsheft offen sichtbar: Frauen mit Kopftüchern gehören ebenso in die Bildergalerie wie Frauen ohne Tuch.

Zentrale Figuren im islamischen Religionsunterricht sind Allah und die Propheten, insbesondere der Prophet Mohammed. Welchen Lernzuwachs haben Schülerinnen und Schüler, wenn man eine Prophetengeschichte erzählen will, mit wenig Text und eingeschränkten Bildern? Und nicht zu vernachlässigen ist die Frage nach Allah: Wenn Gott für mich nicht zu sehen, zu hören und zu greifen ist, wie kann er trotzdem begreifbar sein? Was bietet Allah dem Menschen an, wie er sich Allah vorstellen kann?

Wir haben entschieden, den Verzicht auf die bildliche Darstellung als pädagogische Herausforderung zu verstehen und sie konsequent durchgehalten. Durch das „Nichtsehen“ kann die Konzentration und die Wahrnehmung auf das Wesentliche gelenkt werden: Allah wird im Islam mit 99 Namen beschrieben, die zugleich jeder eine Eigenschaft darstellen. Im Arbeitsheft für Klasse 3 thematisieren wir folgende Eigenschaften: der Gebende, der Gerechte, der Geduldige, der Hörende, der Verzeihende, der Beschützende usw. Durch unterschiedliche Aufgabenstellungen sind die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, sich mit drei dieser Namen in Beziehung zu setzen und sich ein Bild zu machen. Bildergeschichten über den Propheten Mohammed haben wir mit Menschen illustriert, die dem Propheten sehr nahe standen, und sie so gestaltet, dass durch viele kleine Elemente seine Anwesenheit spürbar ist. So stehen seine Schuhe vor einer Höhle, in der er sein sollte oder eine Sprechblase am Rand eines Bildes oder inmitten einer Menschenmenge lässt unseren Propheten nicht sichtbar, aber anwesend sein. Der Kreativität und der Phantasie der Schülerinnen und Schüler sind dabei keine Grenzen gesetzt. Ganz im Gegenteil: Bereits in der Grundschule lernen sie, den Blick auf die Wesenseigenschaften zu konzentrieren – und es ist wünschenswert, wenn hierbei der Transfer gelingt, diesen Blick auch auf die Menschen zu übertragen.