Glauben wir an denselben Gott?
Eine muslimische Perspektive

von Hamideh Mohagheghi

 

In der muslimischen Dichtung und Literatur wird viel über, von und mit Gott gesprochen. Maulana Jalaluddin Rumi, der bekannte muslimische Mystiker des 13. Jahrhunderts befasst sich in seinen narrativen und lang erzählerischen Doppelversen mit diesem Thema. In einer Erzählung beschreibt er die individuelle Beziehung des Menschen zu Gott, die nicht unbedingt den bekannten Bildern und Vorstellungen von Gott entspricht. In sinngemäßer Übersetzung geht es um Mose und einen Schäfer. Eines Tages beobachtete Mose, wie ein Schäfer mit Gott spricht. Seine Sprache war einfach und kindisch und kam Mose sogar spöttisch vor. Der Schäfer sprach zu Gott und erzählte, dass er Diener Gottes werden wolle, Gottes Rock flicken, sein Haar kämmen, sein Kleid waschen und ihm die beste Milch bringen würde, wenn er nur wüsste, wo Gott zuhause sei. Mose hörte dieses Gespräch und beschimpfte den Schäfer daraufhin, dass er Gott verspotten wolle, und jagte ihn fort. Der Schäfer hörte auf zu beten und entfernte sich. Der Tadel Gottes ließ nicht lange auf sich warten, und Mose wurde von Gott angesprochen: „Mose! Du bist entsandt, die Menschen uns nahe zu bringen und nicht sie von uns zu trennen. Gott liebt das Gebet, was von ganzem Herzen kommt, mehr als die wohlgedrehten Worte der Intellektuellen:

„Denn ist dein Wort schief, deine Absicht gerade
dein falsches Wort, es wird erhört aus Gnade.“ [1]
 

In dieser Erzählung werden drei wichtige Aspekte im Zusammenhang mit der Gott-Mensch-Beziehung angesprochen:

  1. Jeder Mensch verfügt über gewisse individuelle Fähigkeiten und Möglichkeiten und kann gemäß der eigenen Lebenserfahrung ohne weiteres sich Gott zuwenden und mit ihm eine Beziehung aufbauen.
  2. Keinem steht es zu – auch nicht einem Gesandten und Propheten wie Mose – zu beurteilen, ob Gebete der Menschen angenommen werden oder nicht.
  3. Gottes Zuwendung und Gnade sind keine Grenzen gesetzt, nur Gott weiß, was im Herzen der Menschen ist, was sie bewegt und nur ER kann entscheiden, wie die Taten der Menschen zu beurteilen sind.

Die Frage, ob wir an denselben Gott glauben, setzt voraus, dass wir Gott beschreiben können und gemäß dieser Beschreibung beurteilen, ob Gott derselbe Gott ist. Hierin liegt die erste Hürde zur Beantwortung dieser Frage. Im Islam heißt es „Allahu akbar, Gott ist größer“. Er ist größer als jegliche Form der menschlichen Wahrnehmung, Vorstellung, Definition und bildhaften Darstellung – und doch dem Menschen näher als seine Halsschlagader, wie es in Sure 50 Vers 16 im Qur`an heißt.
Das höchste Gebot in den monotheistischen Religionen ist das Gebot, kein Bild von Gott zu machen, und doch gibt es in allen Religionen Beschreibungen, Namen und Attribute Gottes, um ihn den Menschen näher zu bringen.

Im Qur’an und in der islamischen Tradition sind Namen Gottes bekannt, die ihn als barmherzigen, zuwendenden, reueannehmenden, mächtigen, gerechten und auch strafenden Gott bezeichnen. Die multivalenten Namen und Attribute belegen die vielfältigen Zugänge zu einem einzigen Gott, der größer als alles ist, was ein Mensch denken und sich vorstellen kann. Der Begriff Allah propagiert nicht einen ganz anderen Gott, er ist das arabische Wort für Gott, das auch von den Christen und Anhängern anderer monotheistischen Religionen im arabischen Raum verwendet wird. Die vielfältigen Namen Gottes stehen nach islamischer Auffassung nicht für viele verschiedene Götter. Der Gott als Schöpfer und Erhalter der Schöpfung ist der Eine und Einzige Gott.

Die Wahrnehmungen und die Wege zu Gott sind unterschiedlich, sie bereichern und ergänzen sich gegenseitig, können aber auch zu Abgrenzungen führen. Diese Realität ist zu akzeptieren und zu respektieren, sollte aber keine Grundlage für die Teilung eines einzigen Gottes sein, der Schöpfer und Ursprung des Daseins ist, um einen ausschließenden Anspruch zu erheben. Der Qur`an lädt in Sure 3 Vers 64 ein, sich an dem einen Gott festzuhalten und Ihn als die verbindende Kraft anzuerkennen: Sprich: „Volk der Schrift, kommt herbei zu einem gleichen Wort zwischen uns und euch, dass wir Gott allein dienen und nichts neben Ihn stellen […]“
 

Anmerkungen

  1. Vgl. A. Schimmel, Rumi, Ich bin Wind und du bist Feuer, München 2003, 161.