Mein Gott – dein Gott – unser Gott?
Wie sollen wir anderen Religionen in der Kita begegnen?
Ideen für eine religionspädagogische Teamsitzung in der Kita

von Frauke Lange

 

Aus dem Alltag erzählt 

Während einer Andacht im Kindergarten soll mit den Kindern gebetet werden. Die Pastorin leitet das Gebet ein und bittet die Kinder, still zu werden. Die Kinder hören nach und nach auf zu sprechen und viele falten die Hände. Ein kleiner muslimischer Junge, der neu im Kindergarten ist, weiß nicht so recht, was er tun soll. Also verschränkt er die Arme unter den Achseln. Die Erzieherin in der Gruppe sieht das und zeigt ihm ganz spontan, was er tun soll: die Hände falten.

Doch bevor die Pastorin mit dem Gebet beginnen kann, steht ein älteres muslimisches Mädchen auf und sagt zu dem Jungen: „Du bist Moslem. Du musst die Hände so halten.“ Und dann macht sie ihm die Gebetshaltung vor. Der Junge macht es ihr nach und hält dann seine beiden Hände mit den geöffneten Handflächen nach oben vor seinen Körper. Erst danach wird das Gebet gesprochen.

Im Anschluss der Andacht fragt ein Junge das muslimische Mädchen: „Aylin, hört Gott dich nur, wenn du die Hände so hältst?“ 

 

Orientierung 

„Wie sollen wir anderen Religionen in der Kita begegnen?“ Eine Frage, die immer wieder gestellt wird und nicht selten eine Verunsicherung seitens des pädagogischen Fachpersonals widerspiegelt. Eine Unsicherheit, die möglicherweise in zwei Aspekten begründet liegt: zum einen in der mangelnden Alltagserfahrung mit Menschen anderer Religionen, zum anderen im häufig nicht ausreichenden Wissen über die jeweiligen Religionen.

So gab die oben erzählte Begegnung Anlass, sich im Kindergartenteam mit anderen Religionen, insbesondere dem Islam [1] auseinanderzusetzen. Dazu wurde eine religionspädagogische Teamsitzung veranstaltet.

Zu Beginn der religionspädagogischen Einheit sollen die Erzieherinnen und Erzieher selbst mit ihren Erfahrungen, Vorstellungen, Ängsten und Fragen zu Wort kommen. Dazu wird in die Mitte eines Sitzkreises oder auch auf den Tisch eine Vielzahl von Verkehrszeichen gelegt. Im Idealfall sind das „reale“ Spielzeugverkehrszeichen; es eignen sich aber auch entsprechende laminierte Fotos (M 1). Die Erzieherinnen und Erzieher werden nun gebeten, sich eines der Verkehrszeichen auszusuchen unter der Fragestellung: „Wenn ich an meine Kita und den Umgang mit anderen Religionen denke, dann ist das wie …“

Mögliche Antworten wären z. B.: „… dann ist das wie eine Sackgasse, weil ich so wenig über die anderen Religionen weiß“ oder „… wie eine grüne Ampel, weil wir bei uns in gutem Kontakt mit den muslimischen Eltern stehen und uns gegenseitig bereichern.“

Die aus diesem Einstiegsgespräch resultierenden Fragen („Weiß ich genug von anderen Religionen?“ „Wie gehe ich mit Eltern um, die aus einer ganz anderen Tradition kommen als der, mit der ich vertraut bin?“ „Worauf haben wir zu achten, wenn gemeinsam gegessen wird?“ „Welche Feste werden in der anderen Religion gerade gefeiert?“) und Ängste („Bin ich offen genug für Menschen und Traditionen anderer Religionen?“ „Was erwartet mich im Umgang mit anderen Religionen?“) werden dabei auf Moderationskarten geschrieben und thematisch geordnet.

 

Biblische Grundlegung: Abraham 

Nachdem so die ersten Erfahrungen ausgetauscht wurden, soll anhand der Abraham-Erzählung ein biblischer Blick auf die drei großen Religionen Judentum, Christentum und den Islam geworfen werden. Die pädagogischen Fachkräfte vergegenwärtigen sich Abraham und seine Geschichte als gemeinsame Wurzel der drei monotheistischen Weltreligionen.

Als Textgrundlage dient die Abrahamsgeschichte (Gen 12-25 i. A.) aus der Einheitsübersetzung (M 2), nicht aus einer Kinderbibel oder freien Erzählung. Auf diese Weise werden Erzieherinnen und Erzieher ermutigt, sich auch im Kindergartenalltag bei der Vorbereitung von religionspädagogischen Einheiten mit dem Wortlaut aus der Bibel in einer gängigen Übersetzung auseinanderzusetzen.

Damit die Erzählung der Abrahamsgeschichte besser nachvollziehbar ist, wird sie nicht nur gelesen, sondern in einem sich fortlaufend entwickelnden Bodenbild (M 3) visualisiert. Damit wird den Erzieherinnen und Erziehern zugleich eine Methode angeboten, die sie in ihre eigene religionspädagogische Arbeit übernehmen können.

 

Raum geben für Reflexion 

Im Anschluss daran und auch anknüpfend an die biblische Grundlegung sollte auf die konkreten Fragen der pädagogischen Fachkräfte eingegangen werden [2] und gleichzeitig das eigene Selbstverständnis als Person sowie Institution reflektiert werden.

  • Die Kitas aller Träger – also auch die evangelischen Kitas – sollen geprägt sein durch eine Offenheit für jedes Kind, unabhängig von der Kultur, Nationalität, Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung der Eltern, und sie haben die Aufgabe, jedes Kind in seinem Recht auf Religion [3] wahrzunehmen und religiöse Begleitung möglich zu machen. [4]
    Die besondere Aufgabe einer evangelischen Kita ist es dabei, zum einen den Umgang mit religiöser Vielfalt zu pflegen, ohne auf der anderen Seite die Profilbildung als eine evangelische Einrichtung zu vernachlässigen.
  • Es ist wichtig, das pädagogische Fachpersonal dabei zu unterstützen, Kinder gleich welcher Religion „religionssensibel“ [5] zu begleiten. Damit ist nicht eine Vermischung verschiedener religiöser Traditionen gemeint, sondern es sollen Unterschiede geachtet und ein angemessener Umgang mit der Religion des/der jeweils anderen soll gepflegt werden. [6]
  • Auch die Frage nach dem Umgang und Kontakt mit Eltern anderer Religionen spielt eine große Rolle. Hier ist es wichtig, Erzieherinnen und Erzieher darin zu bestärken, Eltern beim Erstkontakt mit der Kita deutlich zu machen, zu welchem Träger die Kita gehört. Zum Beispiel sollten im Erstgespräch bei einer evangelischen Kita die christlichen Feste, Rituale im Alltag, der Besuch von Kirchen und das Feiern der Gottesdienste benannt und konkretisiert werden – immer aber in dem Selbstverständnis, dass das Kennenlernen von Religionen und das Erleben von kultureller Vielfalt in der Kita selbstverständlich sind. So können sich Eltern anderer Religionen bewusst für oder gegen die Kita entscheiden und bei einer Entscheidung für diesen Ort eigene Anliegen und Ängste ins Gespräch bringen, denen man dann begegnen kann.
  • Entlastend kann es sein, den pädagogischen Fachkräften zu vermitteln, dass es nicht zentrales Anliegen ist, den Kindern Wissen oder verbindliche Glaubensaussagen zu vermitteln, sondern die Kinder in ihrem Fragen und in ihrem (religiösen) Alltag ernst zu nehmen und mit ihnen in den Dialog über Gott und den eigenen wie anderen Glauben zu treten. [7]

Aus einer solchen Teamsitzung können sich dann ganz konkrete Projekte entwickeln, wie z. B. die Planung und Durchführung eines Elternabends oder Festes zum Thema „Mein Gott – dein Gott – gegenseitiges Kennenlernen der Religionen“ oder einer größer angelegten Projektwoche in der Kita zu diesem Thema.

 

Anmerkungen

  1. Ein Vergleich von Christentum und Islam findet sich bei Dr. Christine Schirrmacher unter: www.efg-hohenstaufenstr.de/downloads/texte/islam_christentum_vergleich.html (zuletzt aufgerufen am 29.12.2014).
  2. Wissenswertes im Überblick über die großen Religionen findet sich beispielsweise unter www.planet-wissen.de/kultur_medien/religion/ (zuletzt aufgerufen am 29.12.2014).
  3. UN-Kinderrechtskonvention: Artikel 14: das Recht des Kindes auf Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit; Artikel 29: konkretisiert im Sinne von Persönlichkeitsentfaltung, Vermittlung von Achtung vor den Menschenrechten und Grundrechten, vor seinen Eltern, vor seiner kulturellen Identität, Sprache und Werten, sowie vor anderen Kulturen als der eigenen.
  4. Zur Beantwortung der Frage, mit welchen Konzepten der religiösen Vielfalt in den Kitas und Identitätsentwicklung des Kindes begegnet werden kann, gibt es unterschiedliche Modelle, vgl. dazu Christa Dommel unter: www.comenius.de/biblioinfothek/open_access_pdfs/Handbuch_Interreligioeses_Lernen/37-Dommel-interreligioeses_Lernen_Elementarbereich.pdf (zuletzt aufgerufen am 29.12.2014).
  5. Mehr über „Religionssensible Begleitung in der Kita“ bei Bederna/König: Wohnt Gott in der Kita? Religionssensible Erziehung in Kindertageseinrichtungen.
  6. Vgl. dazu auch die Arbeitshilfe Religionen in der Kita. Impulse zum Zusammenleben in religiöser Vielfalt, S. 15, unter http://kita.zentrumbildung-ekhn.de/fileadmin/kita/Religion/Arbeitshilfe_Religionen_in_der_Kita_2012.pdf (zuletzt aufgerufen am 29.12.2014).
  7. Ebd.

 

Literatur

  • Bederna, Katrin/König, Hildegard (Hg.): Wohnt Gott in der Kita? Religionssensible Erziehung in Kindertageseinrichtungen, Berlin, Düsseldorf 2009
  • Damon, Emma: Gott, Allah, Buddha. Und woran glaubst du? Stuttgart, Wien 2002
  • Dommel, Christa, Interreligiöses Lernen im Elementarbereich: Kindertagesstätten und Kindergärten, in: Schreiner, P. u.a.(Hg.): Handbuch Interreligiöses Lernen, Gütersloh 2005
  • Edelbrock, Anke/Schweitzer, Friedrich/Biesinger, Albert (Hg.): Wie viele Götter sind im Himmel? Religiöse Differenzwahrnehmung im Kindesalter, Münster 2010
  • Schweitzer, Friedrich (Hg.): Mein Gott – dein Gott. Interkulturelle und interreligiöse Bildung in Kindertagesstätten. Weinheim, Basel 2008