G’tteserfahrung und G’tteswesen
Eine jüdische Perspektive

von Gábor Lengyel

 

Unsere Väter in der Bibel, Abraham, Isaak und Jakob haben ihre eigene persönliche G’tteserfahrung. Jeder von ihnen hatte eine eigene Begegnung und haderte mit Gott in einer bestimmten Weise. G’tt ist der G’tt der Bundesschlüsse nicht nur mit dem Volk Israel, sondern auch mit Noach, wie wir es im Genesis 9,9 lesen: „Ich aber, siehe, ich errichte einen Bund mit euch und auch mit euren Nachkommen …“ Es stellt sich jedoch die Frage: Wer ist G’tt? G’tt ist für einen Juden nicht erfassbar. Moses fragt in der bekannten Dornbuschgeschichte im Exodus 3,13: „Siehe, ich komme zu den Kindern Israels und sage Ihnen: ‚Der G’tt eurer Väter sendet mich zu euch, dann werden sie mich fragen: Wie ist sein Name?‘“ Die Antwort G’ttes lautet: „Ehje ascher Ehje“, יהוה. Die Übersetzungen dieser drei Worte variieren, beispielsweise: „Ich bin, der da ist“ oder „Ich werde sein, was ich sein will“.

Was sagen jüdische Gelehrte zu der G’ttesidee?

Hermann Cohen (1842-1918), der große jüdische Philosoph, meinte, dass G‘tt kein Mensch sein kann, der jüdische G‘tt ist der G’tt der Geschichte. Je mehr wir in die Tiefe gehen, desto mehr sollten wir überzeugt sein, dass wir gar nicht versuchen sollten, das Göttliche zu verstehen. Wir lesen im Exodus 33,20: “Und Er sprach: Du vermagst nicht mein Angesicht zu sehen; denn kein Mensch kann mich sehen, so lange er lebt“ (vgl. Cohen 1998, 76-102).
Maimonides‘ (12. Jahrhundert) Lehre zum G’ttesverständnis ist die Theologie der Negation: Der Mensch kann nicht sagen, was G‘tt ist, sondern nur, was G’tt nicht ist!

Die Tora, speziell im Buch Exodus 34, 6-7, spricht über die sogenannten 13 Stufen oder Eigenschaften G’ttes: „Der Ewige ist unveränderlich, das ewige Wesen, ein allmächtiger G’tt, allbarmherzig und gnädig, langmütig, von unendlicher Huld und Treue, der seine Huld dem tausendsten Geschlecht noch aufbehält, der Missetat, Abfall und Sünde vergibt, der aber nichts ohne Ahndung hingehen lässt, vielmehr die Missetat der Eltern heimsucht an Kindern und Kindeskindern im dritten und vierten Geschlecht“.

Sehr bewegend, welche Einstellungen der große jüdische und tief orthodoxe Philosoph und Torakommentator Joschua Leibowitz (20. Jahrhundert) zum G’tt hatte. Leibowitz sagte in einem Gespräch mit ihm: „Ich verstehe die Bedeutung der Worte: ‘Ich glaube an G’tt‘ ohne die Annahme des Joches der Herrschaft des Himmels, ohne die Annahme des Joches der Tora und der Mizwot (Pflichten) nicht! Und er setzte fort: „Die Hauptsache des Glaubens ist, dass es nicht wichtig ist, wie G’tt den vorhersieht, entscheidend ist, wie der Mensch sich zu G’tt verhält“. Leibowitz geht einen Schritt weiter: „Es steht geschrieben: ‚Ich bin G’tt‘ und der Mensch muss ihn erkennen. Das ist alles. Der Glaube besteht nicht darin, was ich von G’tt weiß, sondern darin, was ich über meine Pflichten gegenüber G’tt weiß“ (vgl. Leibowitz 1990, 123).
Vielleicht lässt sich sagen, dass das Wesentliche und Entscheidende der Frömmigkeit im Judentum das Tun des Menschen ist, die Erfüllung des G’ttesgebotes, des Pflichtbewusstseins.

 
Literatur

  • Cohen, Hermann: Die Errichtung von Lehrstühlen für Ethik und Religionsphilosophie an den jüdisch-theologischen Lehranstalten (1904), in: Ben-Chorin, Schalom / Lenzen, Verena (Hg.): Lust an der Erkenntnis. Jüdische Theologie im 20. Jahrhundert. Ein Lesebuch, München 1988
  • Leibowitz, Jeshajahu: Gespräch über Gott und die Welt mit Michael Shashar, Frankfurt 1990