“Hilfe, mein Kind liest nur Fantasy!”
Religionspädagogische Überlegungen zu Harry Potter, Reckless und anderer Fantasyliteratur

von Mirjam Zimmermann

 

Mehrfach habe ich in Sprechstunden1 oder beim Treffen mit Eltern die Klage “Hilfe, mein Kind liest nur Fantasy!” gehört. Wie kommt es, dass eine ganze Generation diesem Fantasywahn erlegen zu sein scheint und Titel wie R.E. Howards Conan, J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe, J. K. Rowlings Harry Potter, C. Paolinis Eragon-Trilogie, C. Funkes Reckless und E. Hunters Warrior Cats monatelang die Bestsellerlisten anführen und die Bücherregale unserer Jugendlichen füllen? Warum und wie faszinieren die Helden als Retter bzw. Erlösergestalten in fiktionalen Welten? Ist Fantasie nur ein “literarische(s) Sedativ” (Hauser 2005, 8) oder finden sich darin religiöse Implikationen und Motive, sogenannte “implizite Theologie”, die vielleicht sogar religionspädagogisch nutzbar gemacht werden kann, indem man die Jugendlichen bei ihren elementaren Leseerfahrungen abholt?

Dieser Beitrag möchte nach einer Klärung, was Fantasyliteratur überhaupt ist, das Helden- bzw. Rettermotiv sowie weitere typische Motive benennen, bevor erneut die Frage nach den Gründen für die Faszination gestellt wird. Abschließend soll versucht werden, Ansätze aufzuzeigen, wie mit Fantasyliteratur im Religionsunterricht gearbeitet werden kann.

 

Was überhaupt ist Fantasyliteratur?

Die Gattung Fantasy erstreckt sich nicht nur auf das Buchgenre, sondern umfasst auch Filme, Spiele, Musik und Kunst. (Vgl. Weinreich 2007) Zum Genre der Fantasy gehört jede fiktionale Erzählung, die das Übernatürliche als Bestandteil der Handlung aufweist. Nach Clute/Grant kann eine Erzählung dann der Literaturgattung Fantasy zugerechnet werden, wenn zwei Kriterien zutreffen: Die Handlung muss in einer anderen Welt als der unsrigen spielen und in dieser Welt muss es Magie geben (“impossible in the world as we perceive it” Clute/Grant 1997, 338). Nun folgert Weinreich in Aufnahme Isaus, dass dann religiöse Schriften wie Teile der Bibel, die die Existenz des Numinosen und des Transzendenten ebenso beinhalten und typische Fantasymotive zeigen, auch zur fantastischen Literatur gerechnet werden müssten: “Bücher wie (…) die Offenbarung des Johannes (…) sind durchwirkt mit Fantasygeschöpfen und allegorischen Darstellungen. Verpflanzt man die Drachen und vielköpfigen Bestien aus der Heiligen Schrift in einen Fantasyroman, dann würden sie dort nicht weiter auffallen.” (Isau, http://www.isau.de/werk/pdf/fantasy.pdf (Abruf am 14.12.2012) Um dieses Problem zu lösen, dass viele religiöse Schriften zur Fantasy gerechnet werden müssten, entscheidet Weinreich sich für ein zusätzliches drittes Kriterium bei seiner engen Definition von Fantasy, indem er zur Textintention ergänzt, “die keinen nach außen weisenden Anspruch auf Wahrhaftigkeit erheben.” (Weinreich 2007, 32)2

Allen Fantasyerzählungen ist darüber hinaus eigen, dass sie einen Helden oder eine Heldin als Handlungsträger haben.

 

Wer ist der “Heros in tausend Gestalten” (Campbell 2011)3 in der Fantasyliteratur?

Unter dem Maßstab des Heldenhaften arbeitete Campbell einen “Monomythos” (a.a.O., 36) heraus, dessen Aspekte an unterschiedlicher Stelle auch in der Fantasyliteratur identifiziert werden können4 und durch folgende Kompositionsprinzipien bestimmt werden:

  • Der Held erscheint manchmal aus dem Irgendwoher (vgl. Haas 2001, 17) manchmal wechselt er aus dem real-alltäglichen Bereich kommend in die irreal-fantastische Welt, manchmal bleibt die reale Welt des Lesers ganz ausgeblendet.
  • Er beginnt schon als Kind einen vom Normalen abweichenden und bedeutenden Weg zu gehen. So wächst er in einer besonderen (z.B. extrem armen, vater- oder elternlosen, sehr hochgestellten, von Göttern oder Tieren großgezogen u.a.) Umgebung auf.
  • Der Held, der in einer Zeit der ‚gefallenen Schöpfung‘ lebt, verkörpert die Hoffnung der jetzt lebenden Personen/Menschen, dass wieder alles besser werden kann. (Hauser 2005, 9)
  • Es bedarf eines Initials zum Anfang, der Held ringt um seine Aufgabe.
  • Bricht der Held auf, wird er durch einen Ratgeber begleitet, der ihn umfassend unterstützt, aber deutlich macht, dass er nicht die Größe des Helden besitzt.
  • Eine Gegenfigur, ein Antiheld muss überwunden werden, bis der Ort der Mission erreicht ist. Dort kommt es zum Entscheidungskampf, der oftmals als kosmischer Konflikt ausgearbeitet wird.
  • In seinem Auftrag gewinnt der Held Einsicht in sich selbst und erlebt Veränderung und Reife.
  • Danach wird die alte Welt, in die der Held verändert zurückkehrt, neu in den Blick genommen und der Held stellt fest, dass die Welt geheilt ist.
  • Da im “klassischen Mythos jeder Held seine Achillesferse, seine verwundbare Stelle hat” (a.a.O., 11), enden Helden manchmal aber auch selbst tragisch.
  • Der Held kann zur Identifikationsfigur für alle werden, die Aufbrüche wagen.

 

Diese Ausgestaltung des Heldenmotivs findet man nun in groben Zügen in fast jeder Handlung vom Bilder- über das Kinderbuch bis zum Jugend-Fantasyroman wieder. Beim Lesen der Liste fällt auf, dass viele Aspekte sich auch in der Ausgestaltung des ‚Helden‘ Jesus finden, von der alttestamentlichen Rettererwartung des “Menschensohns aus den Wolken” (Dan 7), der “vaterlosen Geburt”, dem Täufer Johannes als Wegbereiter, der Annahme des “Auftrags” bis hin zum Tod als Opfer.

 

Welche Motive finden sich in der Fantasyliteratur?

Die imaginäre Welt, die keinen Anspruch auf die reale Wirklichkeit hat, und das Vorkommen von Magie werden ebenfalls leitmotivisch konstruiert. (Vgl. Schneidewind 2007, 7) Neben den “Anderswelten” zwischen Himmel und Erde, in Unterwelten oder Höllen, dem Vorkommen von Tier-, Misch- und Fabelwesen finden sich auch Super- und Nichtmenschen und notwendige Requisiten wie Spiegel, Schwert, Kelch, Kessel, Stab, Zahl, Ringe, Amulette u.a.in Fantasy-Erzählungen. Interessant für unsere Fragestellung sind Motive, die eher mythologische Aspekte aufgreifen und die Verbindung zu biblischen Texten ermöglichen.

Gut-Böse Dualismus – die Bedeutung von Schuld
In der Welt der Fantastik sind die Rollen von Gut und Böse zumeist klar verteilt und werden dem Leser schnell geoffenbart. So ist im Fantasyroman “Reckless. Steinernes Fleisch” von Cornelia Funke (Funke und Wigram, Hamburg 2010)5 die Welt hinter dem Spiegel aufgeteilt in Gute (Clara, Jacob und Will, das Fuchsmädchen u.a.) und Böse (die Goyl, die unter König Kami’en und mit Hilfe der Dunklen Fee Krieg gegen die Kaiserlichen Heere führen und alle Menschen vernichten wollen).

Eng mit diesem Dualismus verbunden ist die Sehnsucht nach einer heilen Welt und der (endzeitliche) Kampf für eine heile Welt: Ziel ist die Überwindung des Bösen zur Aufrichtung des dauerhaft Guten, die Schwächung des Bösen oder zumindest die Rettung des Guten aus der Hand des Bösen. Häufig ist das Schuldmotiv eng in diese Vorgänge hineinverwoben. So ist z.B. Jacob schuld daran, dass sein Bruder Will die fantastische Welt entdeckt und durch eine Verwundung zu einem fleischlosen bösen Goyl mutiert. Doch die Einsicht in die eigene Mitverantwortung wird für den Helden Jacob das Initial, seinen Bruder Will und mit ihm auch die Welt der Menschen zu retten.

 

Das gerettete (vaterlose) Kind als Retter der Menschheit – die Bedeutung des Opfers
Während in Funkes Reckless Jacob zwar als vaterlos beschrieben wird und ihm die Sehnsucht nach seinem Vater den Zugang zur fantastischen Welt mit Hilfe eines Spiegels ermöglicht, ist das Motiv bei Harry Potter viel intensiver ausgestaltet. Harry Potter ist eine elternlose Waise, die nur überlebt hat, weil seine Mutter für ihn gestorben ist, sich quasi für ihn geopfert hat, und seine Liebe ihn schützte. Er ist von Anfang an gefährdet und muss zu seinem Schutz bei Verwandten aufwachsen, die ihn nicht bei sich haben wollen und ihn schlecht behandeln. Doch bei aller anfänglichen Hilflosigkeit weiß der Leser, dass Harry der erwartete Retter ist, der einzige, der es mit Lord Voldemort, dem personalisierten Bösen, aufnehmen und mit Aussicht auf Erfolg gegen ihn kämpfen kann, um das Gute in der Zauberwelt zu retten. Der selbst gerettete Retter wächst nun Jahr für Jahr zum Helden, der aber – anders als sein Gegenspieler – seine Stärke gerade auch durch die Unterstützung von Freunden erlangt. Diese sind sogar bereit, für Harry ‚Opfer‘ bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens zu bringen (Ron in der Schachszene in Band I; Sirius Black in Band III; Dumbledore in Band VI, Dobby in Band VII u.a.). Der Sieg gegen das Böse ist aber letztlich nur möglich, indem sich der Held Harry selbst opfert.

 

Ein Freund und Helfer an der Seite – “Alles wird gut!”6
Jacob Reckless wird während seiner herausfordernden Abenteuer vom treuen Fuchs begleitet, einem Wesen (Gestaltwandler), das sich in Gestalt eines Mädchens oder eines Fuchses zeigt. Die treuen Freunde Ron und Hermine haben in den Harry-Potter-Bänden oft die Aufgabe, Harry zu retten, um die “große Rettung” nicht aufs Spiel zu setzten. Ein weiterer Helfer und Begleiter ist der Pate Sirius Black (engl. Godfather!), der schon Trauzeuge bei der Hochzeit von Harrys Eltern war, Harrys Vater in vielem sehr ähnlich ist und bei der Unterstützung seines Patenkindes in Band V stirbt. Sie alle helfen dem Helden bei seinem sinnstiftenden Kampf für das Gute.

 

Was macht die Faszination der Fantasy aus?

Weinreich vertritt die These, “dass es ein in der menschlichen Psyche angelegtes Bedürfnis nach Metaphysik und Erfahrungsgrenzen überschreitenden Erklärungsmustern gibt. Dieses Bedürfnis wird von übernatürlichen Inhalten und Themen bedient und primär auf einer emotionalen Ebene verarbeitet. Es entsteht eine affektive Beziehung von Erzählung und Publikum, der die Vielzahl der möglichen subjektiven Bedeutungen entspringt, die (…) als eine Erklärung für die Attraktivität der Gattung dient.” (Weinreich 2007, 10.) Die konflikthafte literarische Auseinanderentwicklung des Verhältnisses von Vernunft (Logos) und Sagenwissen (Mythos) werde hier wieder zusammengeführt. Gerade die Moderne habe übersehen, dass eine allein auf Empirie basierende Vernunft nur innerhalb der Erfahrungsgrenzen sagen kann, was ist. Das aber stifte keinen Sinn und könne auch keinen Trost spenden.

Dieses Defizit kann der Mythos kompensieren mit seinen der Fantasy korrespondierenden Inhalten, Motiven und Figuren, die auf das Übernatürliche weisen und so in gewissem Maße therapeutische Wirkung haben. Dies ist auch dann noch der Fall, wenn das Lesen der Fantasy als Flucht dient, die das nüchtern rationale Leben unterbricht und damit bereichert: In der Fantasywelt lohnt das Opfer, hier gewinnt das Gute, hier siegt der einst schwache Held durch seinen gereiften Charakter.

Vielleicht treffen die Fantasyerzählungen aber auch genau das “Loch, das die Zeit der Moderne und Postmoderne in den Zahn unserer Gesellschaft gefressen hat; eine Zeit, die Industrialisierung, Technisierung und Digitalisierung mit sich brachte, eine Zeit, die den christlichen Glauben zunehmend marginalisierte”. (Cornelius 2003, 11.) Nach dieser Position würde sogar ein entstandenes religiöses Defizit durch Fantasylektüre gefüllt werden.

Siegfried Schröer (2001) vertritt die These, dass es gerade das Hoffnungspotenzial junger Menschen sei, das mit den Erlösungshoffnungen und -umsetzungen in der Fantasy korrespondiere. Angesichts der erschreckenden Zukunftsperspektive, die Umweltzerstörung u.a. den Kindern und Jugendlichen vor Augen führt und aus der es kein Entrinnen zu geben scheint, eröffne die fantastische Erzählung einen fiktiven Ort, an dem Rettergestalten alles zum Guten wenden. Dies wiederum wirke auch in die Realität der Leser und Leserinnen zurück und stärke sie in ihrem Vertrauen auf ihre Zukunft.

Bei einem Massenphänomen wie Harry Potter kommt als weitere Erklärungshypothese dazu, dass die sieben Bücher und Filme auch Bildungsromane sind, die das Aufwachsen des Jungen Harry Potter zum jungen Mann erzählen. Der Kampf gegen den bösen Magier, der Potters Leben und das aller guten Zauberer bedroht, spielt zu großen Teilen in der imaginären Zauberwelt während der Schuljahre auf Schloss Hogwarts und bietet durch den Schulrahmen einen hohen Grad an Identifikationsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche. Attraktiv ist vielleicht auch, dass die Helden “als Protagonistinnen und Protagonisten der fantastischen Jugendliteratur anfangs fast immer schwache Persönlichkeiten” (Stenzel 2005, 179) sind, mit denen sich der Leser bzw. die Leserin leicht identifizieren kann.

Vergessen werden darf sicherlich darüber hinaus nicht, dass die Unterhaltungsqualität durch Aktion und Spannungselemente in großer Dichte den Lesebedürfnissen junger Rezipienten entgegenkommt. Reichen diese Aspekte aber, um auch im Religionsunterricht auf fantastische Literatur zu rekurrieren?

 

Wie kann man die Fantasyliteratur religionspädagogisch nutzbar machen?

Publikationen, die auf mögliche empfehlenswerte Literatur in Form von Ganzschriften für den Religionsunterricht verweisen, berücksichtigen so gut wie keine Fantasyliteratur. (Vgl. Zimmerman 2012 und 2006, Lagenhorst 2011a und 2011b.) Während in der literaturwissenschaftlichen und theologischen Fachliteratur die Auseinandersetzung mit dem Harry Potter-Phänomen und der Fantasyliteratur durchaus auf breiterer Ebene geführt wurde und wird, findet sich kaum eine didaktische Publikation, die dazu Zugänge für den Religionsunterricht skizziert und z.B. die Verbindung zwischen religiösen Motiven und Fantasy didaktisch nutzbar macht.7

Ein Weg der “Verwendung” von Fantasy im Religionsunterricht ist somit, diese zu ignorieren. Bewusst wird das dann getan, wenn Bücher wie Harry Potter von christlich-fundamentalistischen Gruppen verteufelt werden, die dabei “Satan selbst am Werk sahen” (Tomberg 2003, 514.)

Einen anderen Weg geht Corinna Cornelius, die Motive aus Harry Potter herausarbeitet, welche in irgendeiner Weise theologische Bedeutung haben (Weihnachten, der Pate, Halloween), und diese bezüglich ihrer religionspädagogischen Relevanz untersucht. Sie folgert daraus, dass sich so die Möglichkeit biete, “jeweils von Rowlings trivialen Vorstellungen auszugehen und von da aus Reflexionen anzubieten.” (Cornelius 2003, 45.) Was nützt aber ein solches Vorgehen, wenn die literarische Vorlage zu nichts mehr als als “Ausgangspunkt” dient, weil “Rowlings religiöse Exkursionen teilweise noch nicht einmal volkskirchliches Niveau erreichen.” (Ebd.) Damit kann einem solchen Vorgehen nicht einmal Provokations-, Anregungs-, Anfrage- oder Problemschilderungsfunktion zugestanden werden, es kann nur sehr bedingt Wirklichkeit erschließen oder Möglichkeiten andeuten.8

Die Suche nach gewichtigeren mythologischen Motiven wie der Kampf zwischen Gut und Böse, die Entwicklung und Gestaltung des Helden und besonders die Frage nach einer “impliziten Theologie” von Heilung und Vergebung, Gnade und Erbsünde, Opfer, Sendung (vgl. Drexler / Wandinger 2004) führen hier aber vielleicht weiter. Als Symbole im Mythos einer (heilen) Welt finden sie sich als Urerfahrungen nicht nur in biblischen Texten, sondern auch in Fantasyerzählungen. Diese Wahrheiten im eher religionswissenschaftlichen Sinn wahrzunehmen (Korrelation wäre somit keine didaktische, sondern eine Wahrnehmungskategorie) und korrespondierend in christlichen Texten zu deuten, mag eine mögliche methodische Herangehensweise sein. Im Sinne von Biehls Symboldidaktik (Biehl 2002) müssten die Symbole allerdings “gebrochen” werden, um den Unterschied zur biblischen Heilsgeschichte deutlich zu machen. Diese ist eben mehr als Fantasy, weil über die mythischen Elemente hinaus ein Anspruch auf Geschichtlichkeit und Wahrhaftigkeit der biblischen Texte besteht, der sie von fantastischen Texten unterscheidet. Gerade in Oberstufenklassen kann diese Differenz sicherlich mit Gewinn erarbeitet werden.

Es gibt nun aber auch Autoren wie z.B. C.S. Lewis, der wie in seiner siebenbändigen Chronik von Narnia (Erstausgabe 1950-1956) explizit religiöse Fragestellungen verfolgt. Durch einen Wandschrank geraten die Geschwister Lucy, Edmund, Susan und Peter mehr zufällig in das fantastische Land Narnia mit sprechenden Tieren, Faunen u. a., das von der “weißen Hexe” bedroht wird. Zusammen mit den Bewohnern Narnias und dem Löwen Aslan besiegen sie die Hexe, obwohl Edmund teilweise als Verräter agiert. Es war dezidiert Lewis’ Bestreben, in einem Kinderbuch ihm wichtige Aspekte des christlichen Glaubens (Opfer, Verrat, Stellvertretung, Endzeitkampf u. a.) darzustellen und er setzte dies um, indem er in seiner Fantasyerzählung Elemente der Heilsgeschichte mit solchen aus der Artusepik und der Antike verbunden hat, also ganz bewusst implizite Theologie narrativ verarbeitet hat. Diese Elemente aus der Heilsgeschichte sind feinsinnig und durchaus unterrichtlich verwertbar ausgestaltet, wenn man z.B. an die der Gethsemaneperikope nachgestaltete Opferszene denkt, die den Gedanken der Stellvertretung Jesu inszeniert und somit durchaus sinnvoll unterrichtlich mit Film- oder Textauszug verwendet werden kann. Solch ausgewählte Literatur, die trotz ihres fantastischen Charakters im Rahmen der Kategorisierung von christlicher Kinder- und Jugendliteratur dem Bereich mit direktem Bezug auf die jüdisch-christliche Botschaft zugerechnet werden kann (vgl. Motté 1996, 28), ist wahrscheinlich am ehesten geeignet eventuell als Ganzschrift und Klassenlektüre im RU zur Geltung zu kommen. Hier müsste mit entsprechendem Material eine Basis für unterrichtliche Beschäftigung geschaffen werden.

 

Anmerkungen

  1. Die Autorin war mehr als zehn Jahre als Deutsch und Religionslehrerin an verschiedenen Gymnasien in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz tätig.
  2. Weinreich führt nachvollziehbar vor Augen, dass die religiösen Schriften je nach Rezipient in dem Moment zur Gattung der Fantasy werden, wenn sie nicht mehr als Tatsachenbehauptungen angesehen werden. Er differenziert allerdings nicht, dass es fantastische Elemente in biblischen Geschichten durchaus geben kann, ohne dass diese als Ganze der Fantasy zugeordnet werden bzw. ihr Korrespondent in der Historie aufgegeben wird. „Berichte über das Unnatürliche“ können sehr wohl als Metaphern und Allegorien gedeutet werden, ohne einen grundsätzlichen „Statuswechsel“ zu bedingen, der jegliche faktuale Aspekte aus der Erzählung in der realen Welt ausschließt und alles zur Fiktion erklärt.
  3. Der Autor vergleicht Helden in Märchen, Sagen, Mythen und Religionen auf der ganzen Welt und destilliert daraus eine einheitliche Grundstruktur des „Heros in tausend Gestalten“, der die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen beim Erzählen und Hören der Geschichten zu befriedigen habe.
  4. So ist das Vorgehen von Hauser 2005, 12-14.
  5. Schneidewind analysiert sehr ausführlich die benannten Aspekte.
  6. Ein Motiv ist ein abstraktes Grundschema eines Vorgangs, das sich immer wiederholt. Man unterscheidet Situationsmotiv (z.B. feindliche Brüder), Typenmotiv (Verführer), Raummotive und Zeitmotive. Ein sich wiederholendes Motiv wird Leitmotiv genannt.
  7. Reckless wurde mit einer Erstauflage von über einer Million Exemplaren ausgeliefert (http://www.boersenblatt.net/353536/; Abruf am 03.04.2013) und erreichte in Deutschland sofort den ersten Platz der Belletristik-Bestsellerliste. 15 Wochen lang blieb es auf einem der ersten acht Plätze.
  8. An verschiedenen Stellen im Roman „Reckless“ spricht eine innere Stimme zu Jacob, um ihm einerseits als Form des Gewissens Entscheidungshilfen zu geben, andererseits aber auch, um ihm in dieser Form Mut zuzusprechen.

 

Literatur

  • Biehl, Peter: Symbole geben zu lernen. Bd. 1: Einführung in die Symboldidaktik anhand der Symbole Hand, Haus und Weg. Neukirchen-Vluyn 3. Aufl. 2002.
  • Campbell, Jospeh: Der Heros in tausend Gestalten. Neuausgabe Frankfurt/M. 2011 (Erstausgabe 1949).
  • Clute, John/ Grant, John: The Encyclopedia of Fantasy. New York 1997
  • Cornelius, Corinna: Harry Potter – geretteter Retter im Kampf gegen dunkle Mächte? Religionspädagogischer Blick auf religiöse Implikationen, archaisch-mythologische Motive und supranaturale Elemente, Münster 2003
  • Drexler, Christoph/ Wandinger, Nikolaus: Die implizite Theologie “Harry Potters”. Eine dogmatisch-religionsdidaktische Perspektive auf J.K. Rowlings Romane. In: dies (Hg.), Leben, Tod und Zauberstab. Auf theologischer Spurensuche in Harry Potter. Münster 2004, 25-78.
  • Funke, Cormelia / Wigram, Lionel: Reckless. Steinernes Fleisch. Hamburg 2010.
  • Haas, Gerhard: Phantastik und die Rückseite des Mondes. Erscheinungsweise, Formen und Funktionen phantastischer Literatur. In: Willi Fährmann/ Michael Schlagheck/ Vera Steinkamp (Hg.), Spurensuche 12. Religion in der Kinder- und Jugendliteratur. Mythen, Mächte und Magie. Harry Potter oder die Frage nach dem Woher und Wohin in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Mühlheim 2001, 7-36.
  • Hauser, Linus: Harry Potter – einer der tausendgestaltigen Helden. In: Detlev Dormeyer/ Friedhelm Munzel (Hg.), Faszination “Harry Potter”. Was steckt dahinter? Münster 2005, 7-16.
  • Isau, Ralf: Fantasy: Eine fantastische Herausforderung. Zur Fantasyliteratur für Kinder und Jugendliche. Abzurufen unter http://www.isau.de/werk/pdf/fantasy.pdf (Abruf am 14.12.2012) Das Original erschien in Lehren und Lernen 5 (2002).
  • Langenhorst, Georg (Hg.): Gestatten: Gott! Religion in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. München 2011(a)
  • Ders., Literarische Texte im Religionsunterricht. Ein Handbuch für die Praxis. Freiburg 2011 (b)
  • Meurer, Thomas: Konkurrenz für Tora und Evangelium? Religionspädagogische Bemerkungen zu Befürchtungen und Hoffnungen rund um das Phänomen Harry Potter. Christenlehre/Religionsunterricht – Praxis 55/2 (2002), 58-62.
  • Motté, Magda: Auf der Suche nach dem verlorenen Gott. Religion in der Literatur der Gegenwart. Mainz 1996
  • Schneidewind, Friedhelm: Mythologie und phantastische Literatur, Essen 2008
  • Schröer, Siegfried: Jugendliteratur und christliche Erlösungshoffnung. Vom Widerstand junger Menschen gegen die Mächte des Bösen, Essen 2001.
  • Stenzel, Gudrun: Jugendliche Erlöser – Religiöse Themen, Stoffe und Motive in der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur. In: Jürgen Heumann, Über Gott und die Welt. Religion, Sinn und Werte im Kinder- und Jugendbuch. Frankfurt/M. 2005, 177-199.
  • Striet, Magnus: Anweisungen zum seligen Leben? Ein nüchterner Blick (nicht nur) auf Harry Potter. Theologie und Glaube 92 (2002), 338-352
  • Tomberg, Markus: Muggel gegen Zauberer. Wie harmlos ist Harry Potter? Herder Korrespondenz 57 (2003), 514-518.
  • Weinreich, Frank: Fantasy. Einführung. Essen 2007
  • Zimmermann, Mirjam: Literatur für den Religionsunterricht. Kinder- und Jugendbücher für die Primar- und Sekundarstufe. Göttingen 2012
  • Dies. (Hg.): RU praktisch mit Jugendliteratur, Göttingen 2006