Die Ausstellung zeigt Bilder zum jüdischen Golem-Mythos, der in
moderner Weise
neu gedeutet und für die
Gegenwart ausgelegt wird.
Künstler:
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Anschrift: Atelier Hof Ivre-Mort Haßlinger Straße 153 49448 Marl Telefon: 05443/997360/61 Homepage: www.atelier-hof-ivre-mort.de |
Ausstellung "Golem und Golmit"Wie nähert man sich diesen thematisch orientierten Bildern, die farbenfroh, bewegt und zugleich doch erdenschwer daher kommen? Die Bilder wirken so geheimnisvoll und komplex wie die Überlieferung vom Golem selbst. |
![]() Golem |
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Die Vielfalt der unterschiedlichen Vorstellungen, die mit der Gestalt
des Golem verbunden ist, ist groß. Die Überlieferungsgeschichte des
Golem beginnt in der Antike. Das Wort Golem findet sich bereits in der
Bibel, in Psalm 139.16. Dort beschreibt es noch nicht eine Person oder
Gestalt, sondern etwas Ungeformtes. Die rabbinische Tradition versteht
einen Golem als einen Körper ohne Seele. So wird z.B. Adam in seinen
ersten Lebensstunden, als er - gemäß einer rabbinischen Legende - noch
keine Seele hatte, ein Golem, genannt (Sanh. 38 b). In einer anderen
talmudischen Geschichte wird den Weisen die Gabe der Schöpfungskraft
zugesprochen. "Rava schuf einen Mann und schickte ihn zu R. Zera.
Dieser redete ihn an, aber er antwortete nicht. Er fragte: Bist du einer
der Gesellen? Kehre zu deinem Staub zurück." Hier finden wir die
Vorstellung, dass Gelehrte an der Schöpferkraft Gottes Anteil haben und
selber in der Lage sind, Geschöpfe zu erschaffen. |
In der mystischen Tradition des Mittelalters ist die Erschaffung des
Golem mit ekstatischer Gotteserfahrung verbunden. Der Golem wurde durch
bestimmte Praktiken und die Benennung des Gottesnamens ins Leben
gerufen. Die Erschaffung einer Kreatur dient hierbei keiner praktischen
Nutzanwendung. Der Golem übernimmt keine Aufgaben, er nimmt nicht am
Leben teil. Mit der Erschaffung eines Golem sind Gefahren
verbunden. Sie gehen allerdings nicht von dem Golem aus, sondern von dem
Prozess seiner Verfertigung. Fehler bei seiner "Herstellung"
führen nicht nur zum Scheitern des Prozesses, sondern können den Tod
der Person bewirken, die sich daran versucht. |
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Die Geschichte des Golem bleibt nicht auf den Kreis
jüdischer Mystiker beschränkt, sie findet Verbreitung in der
Volksfrömmigkeit und wird weiter entwickelt. So wird der Golem eine
Gestalt, die ihrem Erschaffer dient und nützliche Aufgaben für ihn
erledigt. Zugleich wird dem Golem eine gefährliche Seite zugeschrieben:
Er wächst von Tag zu Tag und damit er keinen Schaden anrichtet, muss er
am Abend eines jeden Tages wieder zerstört werden. (...)
Am wohl bekanntesten sind die Legenden des Rabbi Jehuda Löw aus Prag.
Ein interessantes Detail dieses Legendenkreises ist, dass Rabbi Löw
den Golem schuf, um seine Gemeinde vor Anfeindungen der Christen zu
bewahren. "Unterwegs sprach der Rabbi zum Golem: Wir haben dich
aus Lehn geknetet und dir Leben eingehaucht, damit du die Juden vor
Feinden und Verfolgung schützt." Und abschließend heißt es in
der von Fassung von Eduard Petiska: "Nach Jahren besserten sich
die Beziehungen zwischen Juden und Christen, verstummt waren die
Gerüchte vom Gebrauch von Christenblut bei jüdischen Riten, und man
bedurfte des Golems nicht mehr!
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Die Gestalt des Golem regte die Fantasie vieler
Künstlerinnen und Künstler im 19. und 20. Jahrhundert an. Sie findet
sich nicht allein in der Literatur und im Film, sondern auch in der
Musik, so z. B. die Golem Suite von Joseph Achron, ja sogar im
Ballett.
Die Legenden werden neu gedeutet und fortschreiben, so z. B. von Harry Mulisch in Die Prozedur und Cynthia Ozik in The Puttermesser Papers. (...) Auch Dorothe Alexander Märzröcke hat in ihrem Buch "Golem und Golmit" eine eigenständige, phantasievolle Fortsetzung gefunden. Wie bei Ozick, wenn auch auf ganz andere Art, gibt es einen weiblichen Golem, Golmit. Anders als dem Golem von Rabbi Löw gelingt es dem Golem des 20. Jahrhunderts allerdings nicht, Juden vor Verfolgung zu schützen. Vor diesem Hintergrund sich auch die Gemälde zu verstehen und zu interpretieren. Hier geht es nicht um die Bebilderung einer alten Geschichte, sondern um eine eigenen ästhetische Annäherung und Auseinandersetzung. |
Das großformatige Gemälde "Sefer Otijot"
(heb. Buch der Buchstaben) von Nikolái Natasja Sahawi eröffnet mit
seinen Hinweisen auf das Geheimnis von Schrift, Wort und Schöpfermacht
den Blick in die Überlieferung der Kabbala und ihrer mystischen
Traditionen. Nie ohne Schwarz oder Braun kommen seine daher. Sie
erzählen von Anfängen, Leid und Dunkelheit, aber immer wieder auch von
Hoffnung, Bewegung und Geduld, ja, klare, starke Farben und kraftvolle
Linien zeugen von Bewegung und Mut, der sich auflehnt gegen das Dunkel
und alles Vergehen.
Die Titel der Bilder von Sahawi beziehen sich zum
einen auf die mystische Tradition (Sefer Otijot, Golem) und zum
andern auf die Geschichte und die Gegenwart, in der die Shoa präsent
ist. So lauten weitere Bildtitel Nach dunklen Tagen und Schwarze Milch der Frühe und Der Tod ist ein Meister aus
Deutschland, beides Verse aufs einem Gedicht von Paul Celan.
Gegenwart und Vergangenheit, Leben und Tod sind gleichermaßen präsent.
Drei der Bilder tragen den Titel L`chaim, die hebräischen Worten
bedeuten "Auf das Leben". L`chaim sagt man, wenn man sich
zuprostet. Der Titel des letzten Bildes Beth Hachaijm enthält
auch das Wort Leben, es geht um das Haus des Lebens. Es
bezeichnet hier aber den Friedhof. Ein etwas anderer, der leuchtenden
Farbe verbundenen Charakter zeigt sich in den Werken von Dorothe
Alexander Märzröcke. Im Lichtspiel der Schöpfung tritt aller Schatten
zurück, ohne dass zum Beispiel Wasser, Feuer, Luft und Erde, die
Urelemente des zum Leben erweckten Golem, ihre dunklen Seiten verloren
hätten. Schemenhaft, verschwommen wie in Nebel eingetaucht bleibt die
Geburtstunde des Lebens. Doch sie erhebt sich zur Klarheit, zur Blüte.
Trost, Heilung und Hoffnung liegen in diesen Bildern, die sich
traumhaft-schön dem Betrachtenden erschließen und ihn zu berühren
vermögen. So wird die Reise des Golem zur eigenen Lebensreise, getragen
von einem "Gefühl der Leichtigkeit", das nur der erfährt,
der sich mit hinein nehmen lässt in das Geheimnis des Anfangs und der
Schöpfung.
Wir freuen uns, dass die Bilder von Dorothe Alexander
Märzröcke und Nikolái Natasja Sahawi auch in kirchlichen Räumen, wie
im Religionspädagogischen Institut Loccum, zu sehen sind. Sie laden ein
zu einem Gespräch über jüdische Tradition, Geschichte und Gegenwart.
Die bildende Kunst bietet eine hervorragende
Möglichkeit der Begegnung. Sie kann zu einer Entdeckungsreise werden,
in der Fremdheit und Nähe neu beschrieben werden. (aus dem
Begleitkatalog.



