Andreas Feige

Religion‘ bei Religionslehrerinnen und -lehrern

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I. Der Problem-Horizont des Projekts

Für die Forschungsfrage erfassen wir das Verhältnis von Religion, Kirche und Gesellschaft in drei Punkten:

1. Entkoppelung von Kirche und Gesellschaft

2. Ortsverlagerung: Geänderte Verbreitungskanäle für elementare biblisch-sprachliche Vorstellungen

3. Konfessionell getragene Religion im öffentlichen Schulwesen des säkularen Staates

 

 

Entkoppelung von Kirche und Gesellschaft

 

Ortsverlagerung: Neue Verbreitungskanäle für elementare biblisch-sprachliche Vorstellungen

 

Konfessionell getragene ‚Religion‘ im öffentlichen Schulwesen des säkularen Staates

 

 

II. Das Projekt: Kombination aus zwei methodischen Bausteinen

Das Forschungsprojekt wurde geleitet und durchgeführt von:

Prof. Dr. Andreas Feige, Institut für Sozialwissenschaften, TU Braunschweig

in Zusammenarbeit mit:

Dr. Bernhard Dressler und dem Kollegium des Religionspädagogischen Instituts Loccum

Prof. Dr. Wolfgang Lukatis, Pastoralsoziologisches Institut, Ev. Fachhochschule, Hannover

Dr. Albrecht Schöll, Comenius-Institut der EKD, Münster

 

 

Der erste Baustein: Fragebogenumfrage

 

Der zweite ‚Baustein‘: 17 berufsbiographische narrative Interviews und ausführliche Fallanalysen

Die methodische Besonderheit des Projekts besteht also in der sehr engen Verflechtung von sog. ‚qualitativen‘ mit ‚quantitativen‘ Forschungsmethoden bzw. ‚Bausteinen‘. Diese Verknüpfung ist bisher einmalig für das religionspädagogische Forschungsfeld in Deutschland. Auch die hohe Zahl der ‚qualitativen‘ Analysen ist in diesem großen Umfang in den Sozialwissenschaften sehr selten.

 

 

III. Die Ergebnisse

Die Ergebnisse sind relevant für ...

– die Kulturpolitik und Verfassungsdiskussion

– die Analyse der Unterrichtsverhältnisse und die religionspädagogische Aus- und Weiterbildung

– die religionssoziologische und -pädagogische Praxis und Theoriebildung.

– Die kultur- und verfassungspolitische Bedeutung der Ergebnisse

Im Vorfeld des anstehenden Urteils des BVerfG zum Thema LER in Brandenburg ("Lebenskunde - Ethik - Religionskunde") werden Vermutungen in der Öffentlichkeit geäußert, es sei besonders der evangelische Religionsunterricht an den Schulen, der heute vielfach die konfessionsneutrale LER-Konzeption vorwegnehme. Sein evangelisches Profil sei ohnehin schon verschwunden und die Kirche völlig ‚außen vor‘ gelassen.

Mit dieser methodisch mehrdimensionalen sowie sorgfältig durchgeführten Untersuchung zur ‚Religion‘ der Religionslehrerinnen und -lehrer können diese pauschalisierenden Vermutungen zurückgewiesen werden

Stattdessen kann die Studie zeigen, dass das ‚Thema Religion‘ dort am lebendigsten behandelt wird, wo der Unterricht und dessen Ziele von einer Spannung zwischen ‚gelebter‘ und ‚gelehrter‘ Religion der Religionslehrerinnen und -lehrer getragen wird und nicht von einer konturlosen Übereinstimmung oder einer totalen Distanz.

Die ‚Quintessenz‘ der kultur- und verfassungspolitisch relevanten Interpretationen aller Daten lautet:

– durch intellektuell-kognitive ebenso wie durch rituell-gestalthafte Reflexion;

– am Gymnasium ebenso wie in der Sonderschule;

– direkt im Rahmen des Unterrichts oder durch Fortbildungen.

– Schülerinnen und Schüler im Altersbereich der Primarstufe machen im Raum der öffentlichen Schule kognitive und emotionale Kommunikationserfahrungen, die ihnen von den Unterrichtenden als Thema und Eigenschaft von ‚christlicher Religion‘ bzw. des ‚Religiösen‘ vermittelt werden.

– Damit wird gleichsam auf ‚gesamtgesellschaftlicher‘ Ebene eine Begegnung mit Religion/dem Religiösen inszeniert, bei der auch solche Dimensionen unterrichtlicher Gestaltung ihren Platz haben, deren eher kirchlich-traditionelle Spiritualität deutlich erkennbar ist.

 

– Der Beitrag der Studie zur Analyse der Unterrichtsverhältnisse und der religionspädagogischen Aus- und Weiterbildung

Die faktorenanalytischen Verfahren der Studie zeigen folgende Ergebnisse:

– um die Entfaltung der ‚Identität‘ der SchülerInnen als Ausdruck des prinzipiell Religiösen menschlicher Existenz;

– um ein vorrangig konfessionsübergreifendes ‚Christentum für alle‘;

– um eine Orientierung an diakonisch-protestantischem Christentum;

– um die Erschließung der theologischen Dimension des Denkens und

– um die Sensibilisierung für eine ‚anschaulich-gestalthafte Religionspraxis‘.

– 58 % können sich sogar noch eine Steigerung ihres Stunden-Deputats im Fach Religion vorstellen.

– Nur 23 % wären freiwillig bereit, auf die Erteilung von RU dann zu verzichten, wenn in den anderen Fächern Unterrichtsausfall zu erwarten ist.

– Aber 54% müssen davon berichten, dass sie auf den Religionsunterricht aus Gründen verzichten mussten, die nicht in ihrer Person gelegen haben.

– Der objektiv nicht bestreitbare Ausfall von Religionsunterrichtsstunden im Lande Niedersachsen darf nicht als Folge ‚fahnenflüchtiger‘ Beliebigkeitsentscheidungen von Landesbediensteten im Schulwesen ausgegeben werden.

– 94 % bejahen "grundsätzlich" eine "weitergehende Kooperation mit den Kolleginnen und Kollegen der anderen Konfession".

– 52 % der Lehrkräfte können sich echtes und noch arbeitsintensiveres ‚team-teaching‘ von Lehrenden beider Konfessionen vorstellen.

– In Regionen mit katholischer Dominanz finden sich bei evangelischen Religionslehrerinnen und -lehrern Signale, die für eine eher pragmatisch-vorsichtige Weiterentwicklung ökumenisch-konfessioneller Kooperation sprechen. Sie wollen das Fundament der eigenen konfessionell-biographischen, protestantischen Herkunft nicht aus den Augen verlieren.

 

– Der Beitrag der Studie zur religionssoziologischen und -pädagogischen Praxis und Theoriebildung

– ‚Welche biographischen Anteile bringe ich auf welche Art und Weise in meinen Unterricht ein (und welche nicht)?‘

– ‚Wie kann ich meine an spezifischen Orten praktizierte individuelle Religiosität auf den spezifischen ‚Lernort Schule‘ beziehen?’

Erst der distanzierende Bezug der Lehrenden zur eigenen Religion erschließt für die Schülerinnen und Schüler Reflexionspotenzial. Und erst das eröffnet ihnen die Chance zur Integration der religiösen Deutungsangebote in ihr eigenes, persönliches Selbstkonzept.

 

 

IV. Das Fazit der Ergebnisse

Beide methodischen Zugänge zur niedersächsischen ReligionslehrerInnenschaft machen gemeinsam vor allem eines deutlich:

– Der zentrale Befund:

Religiöse Bildungsprozesse erscheinen den meisten Religionslehrerinnen und -lehrern ohne diese doppelte reflexive Distanz heute nicht mehr initiierbar - weder bei sich selbst noch gar bei den Schülerinnen und Schülern. Diese Distanz beruht (bei 87%) auf der Einsicht, "dass der Glaube ohne gedankliche Auseinandersetzung leer bleibt".

 

 

V. Konsequenzen ?

Die Kennzeichnung ‚protestantisches Profil‘ für die Mehrheit der befragten ev. Religionslehrerinnen und -lehrer ist aufgrund folgender Untersuchungsergebnisse angebracht:

Geleitet von dem ihre Didaktik und Methodik prägenden Wunsch, Aufmerksamkeit und Interesse der Schülerinnen und Schüler gewinnen zu können - Voraussetzung für den Beginn jeder religiösen Kommunikation und heute in den Schulen bekanntermaßen eine immer schwerer werdende Aufgabe - sehen sie sich frei vom Zwang zu einer möglichst ‚binnenkirchlich‘ klingenden Frömmigkeitssprache. Und sie fühlen sich nicht als institutionell-dogmatisch ferngesteuerte Traditionsagenten. So lassen sie sich auch nicht die Aufgabe einer ‚Weitergabe des Evangeliums‘ zuschreiben, wenn die nur dann als eine solche gelten soll, sofern sie "vollständig und unverkürzt" geschehe. Vielmehr begreifen sie sich - auf der Basis ihrer eigenen ‚gelebten‘ Religion und in je verschiedener unterrichtshabitueller Verarbeitung - als Traditionsagenten eines biblisch-christlich inspirierten kulturellen Gedächtnisses im öffentlichen Raum der Schule, die – mehr oder weniger erfolgreich wie in allen religiösen Kommunikationen – jene religiösen Bildungsprozesse initiieren wollen, die vom Primat der selbsttätigen Aneignung durch das sich bildende Subjekt ausgehen. Damit weisen sie im konfessionellen Vergleich ein deutliches Profil auf und unterscheiden sich mit ihrer christlich-biblischen Verankerung zugleich deutlich von dem Modell einer konfessions- und religionsneutralen ‚Informationsagentur‘.

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Kontakt | © Religionspädagogisches Institut Loccum

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