Jeannette Eickmann

'Wo du hingehst, da will ich auch hingehen ...'
Eine Weggeschichte für Erwachsene

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Vorüberlegungen

"Sich biblischen Frauengestalten spielend annähern" – so lautete der Titel eines religionspädagogischen Seminars des Instituts für Ev. Theologie und Religionspädagogik am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Hannover im Sommer-Semester 2003.

Ein Bestandteil dieses Seminars war eine Blocktagung vom 01. - 03.05.03 im Sprengelheim in Heersum bei Hildesheim, die zum Ziel hatte, sich körperbezogen und mit Hilfe von theaterpädagogischen Übungen dem alttestamentlichen Buch Rut und den dort "auftretenden" Frauengestalten Rut, Noomi und Orpa zu nähern.

Im Folgenden soll an Hand der Dokumentation dieser Blocktagung gezeigt werden, dass Inhalte der Religionspädagogik in darstellender Form erlebbar werden, sich dadurch in ihrer Aussage verständlich erschließen lassen und zu einer kritischen Auseinandersetzung herausfordern. Dies gilt nicht nur für Studierende, sondern auch für deren zukünftige Schülerinnen und Schüler.

 

 

Die Teilnehmenden

Der Blocktagung geht eine Seminarsitzung voran, die einem ersten Kennen lernen der Gruppe und der Arbeitsweise dienen soll.

Das Seminar setzt sich zusammen aus neun Frauen und zwei Männern, die aus unterschiedlichen Semestern stammen (2. bis 9.) und unterschiedliche Lehrämter studieren (GS; Gym; BBS) – also eine bunt gemischte Gruppe, die sich zum größten Teil nicht oder nur vom Sehen kennt.

Auch was theologisches Vorwissen, Bibelkenntnisse und den Prozess der Selbstfindung im Theologiestudium angeht, erscheint die Gruppe sehr heterogen. Einige scheinen ihren "Platz", ihre Position gefunden zu haben, andere sind noch sehr unsicher, ob ein Studium der Religionspädagogik für sie überhaupt sinnvoll ist.

Und obwohl der Ausschreibungstext für das Seminar sehr deutlich beschreibt, dass von den Teilnehmer/innen Mut erwartet wird, sich an ihre eigenen Grenzen zu bewegen und vieles auszuprobieren, haben einige dieses Seminar vor allem deswegen ausgewählt, weil es gut in den Stundenplan passt und weil durch ein Blockseminar der Semesteralltag ein wenig entspannter wird.

So endet das erste Treffen bei einigen Teilnehmenden (wie sie mir hinterher berichten) mit Skepsis, ob sie in der Lage sein werden, sich auf das Kommende einzulassen; bei anderen mit vielen Erwartungen an die bevorstehenden drei Tage.

Ich selbst habe nach Abschluss der ersten Sitzung ein positives Gefühl bezüglich der Gruppenzusammensetzung und der sehr angenehmen Gruppengröße, bin mir aber auch bewusst, dass es wichtig sein wird zu versuchen, alle möglichst an ihrem jetzigen "Standort" abzuholen.

 

 

Das Buch Rut

Das Büchlein Rut, eine novellenartige Erzählung, ist die Geschichte des Weges der Hauptperson Rut, einer moabitischen Frau, die die Ahnfrau Davids werden sollte, und ihrer Schwiegermutter Noomi.

Die Handlung spielt in der Richterzeit (am Ende des 2. vorchr. Jahrtausends); erzählt wurde sie wahrscheinlich nach dem Babylonischen Exil (5.- 4. Jahrhundert vor Chr.). Verschiedene Stationen auf diesem Weg erscheinen bedeutungsvoll und sollen näher beleuchtet werden.

Zu Beginn des Buches steht der Weg der Noomi im Vordergrund: Wegen einer Hungersnot wandert sie mit ihrem Mann Elimelech aus Bethlehem (Haus des Brotes) nach Moab (Grünland) aus. Ihre Söhne Machlon (der Gebrechliche) und Kiljon (der Schwächliche) heiraten dort die moabitischen Frauen Rut und Orpa. Nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Söhne wird die Witwe Noomi aktiv und beschließt, in ihre Heimat Bethlehem zurückzukehren, wo sich die wirtschaftliche Lage gewandelt hat. Auf diesem Heimweg, dem Weg ins Leben1 , ist ihr ihre Schwiegertochter Rut behilflich und begleitet sie. In Bethlehem angekommen, rückt nun der Weg der Rut in den Vordergrund. Beim Ährenlesen (in Israel war es Recht der Armen, die bei der Ernteeinbringung zurückgebliebenen Halme für sich zu sammeln) lernt sie den Gutsbesitzer Boas, einen Verwandten der Noomi, kennen, der sie zwar freundlich behandelt, aber von sich aus keine Anstalten macht, von der Löserinstitution (Vorkaufsrecht eines männlichen Verwandten für das in Not geratene Familienmitglied) Gebrauch zu machen. So plant Noomi das weitere Vorgehen im Hintergrund – Rut führt den Weg aus, der sie zum Ziel bringt, den Grundbesitzer Boas im Sinne des Levirats (Schwagerehe) zu heiraten und gleichzeitig ihre Schwiegermutter versorgt zu wissen.

 

 

Didaktische Konsequenzen

Handelt es sich bei diesem alttestamentlichen Buch nicht einfach nur um eine nette Geschichte, eine idyllische Erzählung nach dem Motto "Ende gut – alles gut!"?

Welches sind die Aspekte, die es lohnenswert machen, sich drei Tage lang mit dem Buch und den Frauengestalten Noomi, Rut und Orpa zu beschäftigen? Wo gibt es Anknüpfungspunkte zwischen dem Leben der biblischen Frauengestalten und dem der angehenden Lehrerinnen und Lehrer?

Das Buch Rut kann von verschiedenen Perspektiven her gelesen werden. Die deutlichste ist sicherlich die der Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Frauen, die in einer von Männern beherrschten Welt ums Überleben kämpfen, viel wagen, riskieren und sich schließlich selbst retten. Liest man sie als Geschichte der Kraft der Solidarität unter Frauen, so spürt man den Hoffnungsansatz.

Für mich selbst ist das Buch Rut vor allem (eine) Weg-Geschichte, in der es darum geht, selbstständig Entscheidungen zu treffen und mit den dazu gehörenden Konsequenzen leben zu lernen. Als Weg-Geschichte hat es Relevanz für jeden Lebensweg – für den der Studierenden, aber auch für den der zukünftigen Schülerinnen und Schüler. Jede/r ist aufgefordert, jederzeit Entscheidungen zu treffen, ihren/seinen Weg zu finden und zu gehen. Und mehr noch finde ich es unerlässlich für angehende Religionslehrerinnen und -lehrer, Kinder und Jugendliche auf ihren Wegen zu begleiten sowie an den Gabelungen Hilfestellungen bereitzustellen. Mit dem Buch Rut bekommen die Studierenden wie auch Schülerinnen und Schüler eine Vertrauensgeschichte an die Hand: Glaube kann Mut machen. "Wo du hingehst, da gehe ich auch hin ..." Hier handelt es sich nicht um den beliebten Trauspruch zwischen Mann und Frau, sondern um einen Treueschwur der Rut an ihre Schwiegermutter. "Es ist auch eine Geschichte vom Gehen und Bleiben, eine Geschichte von einer Heimat, in der man nicht immer war, sondern in die man kommt, die zur Heimat wird."2  "Fremdsein" und Heimat finden – das kann vielerlei bedeuten: Als Aussiedler/ Ausländer im neuen Land Heimat finden, aber auch in Krisen-, Trennungs-, Trauersituationen (wieder) Heimat in sich selbst finden, sich in sich selbst zu Hause fühlen. Damit verbunden ist für mich, einen Aufbruch als Chance zu sehen, aber auch der Umkehr Platz zu lassen und den eingeschlagenen Weg in Frage zu stellen. Dies beinhaltet (für die Studierenden) nicht nur Rückschritte, sondern wieder die Chance für einen Neuanfang.

Drei Frauen gehen ein Stück des Weges gemeinsam, trauern gemeinsam um ihre Ehemänner, bis für die alte Frau klar wird, dass sie ohne Mann und Söhne nicht im fremden Moab bleiben kann, denn "sie ist rechtlos, landlos, brotlos, eine verwaiste Mutter, eine Witwe, zu alt, um in ihr Elternhaus zurückzukehren, zu alt, um eine neue Ehe einzugehen."3 

Da sie weiß, dass sie ihren Schwiegertöchtern keine Zukunft bieten kann, fordert sie diese an der Grenze zu Judaauf, in ihre Heimat umzukehren. Und hier "sprechen" die Namen der jungen Frauen: Orpa (= die den Rücken Kehrende) kehrt den beiden anderen Frauen den Rücken, indem sie umkehrt, während sich Rut (= die Freundin) entschließt, mit der Schwiegermutter in eine ungewisse Zukunft zu gehen; als Fremde.

An diesem Punkt muss m. E. die Arbeit mit den Studierenden ansetzen, denn die Situation der Frauen wird zwar benannt, aber wir erfahren nichts von dem, was in Noomi, in Rut und in Orpa vorgegangen sein mag, welche Beweggründe sie für ihre Entscheidungen gehabt haben mögen.

Sich den drei Frauen handlungsorientiert zu nähern und an einigen Wegstationen inne zu halten, bedeutet eigene Erfahrungsspielräume zu eröffnen. Im Gehen, im Nachvollziehen des Weges kann ich diese "Leerstellen" ausfüllen, indem ich eigene Bilder entstehen lasse, das zwischen den Zeilen Wahrgenommene thematisiere, in Szenen umsetze und anschließend reflektiere und eventuell feststelle, dass der Text bzw. die biblische Frau tatsächlich etwas mit mir und meinem eigenen Weg zu tun hat.

Das didaktische Erarbeiten am eigenen Leib beinhaltet für mich sich auf den Weg zu begeben, sich auf den biblischen Text einzulassen, sich an seine eigenen Grenzen heranzuwagen, konkrete Arbeitsformen selbst auszuprobieren und sich selbst beim Lernen zu beobachten – eine Vorgehensweise, die für zukünftige Religionslehrerinnen und -lehrer wichtig ist, "damit der Vermittlungsprozess zwischen biblischen Inhalten einerseits und Erfahrungen und Bedürfnissen der SchülerInnen andererseits im Religionsunterricht gelingen kann"4. 

 

 

Der Lern-Weg

Das Auto voll beladen mit Ton, Musikinstrumenten, Kett-Materialien5 , Farben usw. ist der Treffpunkt am 1. Mai um 9.00 Uhr der Uni-Parkplatz für die Weiterfahrt nach Heersum in Fahrgemeinschaften. Die Teilnehmenden trudeln nacheinander ein, sodass wir uns fast pünktlich auf den Weg machen können.

In Heersum erwartet uns ein Begrüßungskaffee, die Zimmer werden bezogen und gegen 10.00 Uhr treffen wir uns in unserem Arbeitsraum, einer ehemaligen Scheune, die wie geschaffen scheint für unsere Geschichte, spielt sich doch ein Teil von ihr auf einer Tenne ab.

Die ca. einstündige Aufwärmung dient dazu, zunächst einmal anzukommen und sich auf das Kommende einzustimmen. Am Ende dieser ersten Stunde steht die Wahrnehmung des Raumes, der uns in den nächsten Tagen zur Verfügung stehen wird, sowie das Kennenlernen der anderen Teilnehmenden im Raum.

Danach werden die Teilnehmenden gebeten, sich einen Platz im Raum zu suchen und sich auf ihre Decken zu legen. Das Buch Rut wird nun zum ersten Mal gelesen bzw. gehört. Es ist eine bewusste Entscheidung, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Vorhinein nicht zu sagen, mit welchem Text wir an den drei Tagen arbeiten werden, damit alle die gleichen Voraussetzungen mitbringen, denn die "Erstbegegnung" mit dem Urtext soll im Vordergrund stehen. Bekannt ist nur, dass es sich um eine Frauengestalt aus der Hebräischen Bibel handelt.6 

Nach einem ersten Austausch über entstandene Bilder, Gefühle, aufgetretene Fragen, wichtige Worte oder Passagen werden die Studierenden aufgefordert, in Partnerarbeit den Text erneut zu lesen und zu hören: Der Lesende soll dabei die Worte, Sätze unterstreichen, die dem/der Hörenden wichtig erscheinen. Schwerpunkt ist hier, dass sich die Wahrnehmung der erzählten Welt wirklich auf das Hören und nicht auf das Mitlesen konzentriert. Auf dem Weg hören heißt auf die Resonanzen im Körper zu achten. Anschließend werden die Rollen getauscht.

Vor einer gemeinsamen Lesung, in der alle ihre unterstrichenen Textteile mitsprechen, folgt noch eine Phase des Gehens durch den Raum, bei dem alle die Möglichkeit haben, Worte, die hallen, die "sich erinnern", zu sprechen.

Vor dem Mittagessen erfolgt dann eine erste Auswertung, die versucht, die Kernpunkte der Geschichte für die Gruppe herauszufinden, erste Eindrücke zu bündeln und neugierig zu machen auf die kommende kreative Arbeit.

Nach dem Mittagessen beginnen wir mit einem kurzen Abklopfen des eigenen Körpers und schließen eine Ballübung zu Gefühlen (Ball als Bombe) an.

Diese Übung eignet sich gut zum Einstieg nach Pausen, da sie mit Schnelligkeit ausgeführt wird und alle konzentriert und wach sein müssen. Zunächst ist der Ball eine Bombe, die jede/r möglichst schnell wieder loswerden möchte, beim Werfen darf sie jedoch natürlich nicht hinfallen, da sie sonst explodiert. Im Laufe des Spiels ändert der Ball jedoch seine Gestalt, kann sich mit Freude erfüllen, wird zu etwas Zerbrechlichem, verwandelt sich in etwas Begehrenswertes, das jede/r unbedingt gerne haben möchte usw. Automatisch verändern sich auch der Gang und die Wahrnehmung der anderen im Spiel; es ist darauf zu achten,dass auf den Einsatz von Sprache möglichst verzichtet wird. Am Ende unserer Übung verwandelt sich der Ball in "etwas, das mich sehr traurig macht".

Jede/r sollte dieses Traurige einmal in der Hand gehabt haben, bevor alle sich wieder auf den Boden setzen und versuchen, die entstandene Stimmung auf die Situation der Noomi zu Beginn der Geschichte zu übertragen.

Nach einem kurzen Austausch über die Gefühlslage der Noomi werden die Teilnehmenden aufgefordert, der Trauer mit Farben Ausdruck zu verleihen.7  Es stehen quadratische Blätter, Wachsmalstifte, Tuschkästen und Pinsel zur Verfügung. Meditative Musik bildet den Hintergrund.

Es folgt eine Phase der sehr konzentrierten Auseinandersetzung, bei der ganz unterschiedliche Bilder entstehen. Geplant war eigentlich ein Austausch über die Bilder in Kleingruppen; die Studierenden sind jedoch neugierig auf alle Bilder und haben den Wunsch, dass jede/r sich zu seinem/ihrem eigenen Bild äußern möge. Danach werden alle Bilder aufgehängt.

Im Anschluss an eine kurze Pause soll nun mit Hilfe von Kett-Materialien eine Erzähllandschaft zum Buch Rut erstellt werden. Hierzu wird die Erzählung in Abschnitten erneut vorgelesen, wobei die Teilnehmenden die Möglichkeit haben, verschiedene Materialien zu nehmen und sie zu einer Geschichte zu legen, sodass eine bunte Landschaft entsteht.

Diese Methode bietet zum einen den Vorteil, dass sie den Weg und die Stationen auf dem Weg plastisch darstellt, zum anderen gewährt sie eine gewisse Orientierung, da zwischendurch immer wieder gebündelt werden kann: Wo befinden wir uns im Moment? Verzichtet werden soll hier auf die Darstellung von Personen. Beim Legen wird nicht gesprochen und es darf auch nichts verändert oder weggenommen werden, was jemand anderes bereits gelegt hat.

Im Anschluss wird die Phase reflektiert, Schwerpunkte werden ersichtlich, es kann nachgefragt werden, wer was warum gelegt hat usw.

Nach dem Kaffeetrinken sucht sich jede/r einen Platz an einem Tisch im Raum um die entstandene Landschaft herum und bekommt die Aufgabe, aus einem Stück Ton eine der Frauengestalten des Buches Rut zu töpfern. Mit Blick auf die Landschaft, die die Erzählung sehr schön verdeutlicht, soll überlegt werden, an welcher Stelle die Frau ihren Platz hätte und welche Haltung, welchen Körperausdruck sie dort einnehmen würde. Auch hier wird wieder sehr intensiv, mit viel Ehrgeiz und viel Spaß an der Sache gearbeitet.

Besprochen wird diese Arbeitsphase erst nach dem Abendessen.

Nachdem alle getöpferten Frauen in die Erzähllandschaft integriert worden sind und sich hier zum ersten Mal begegnen, versammeln sich die Studierenden um diese herum und versuchen zunächst selbst, die einzelnen Figuren zu deuten. Erst im Anschluss äußert sich die/der Erschaffer/in über sein/ihr Werk, bestätigt oder korrigiert Beweggründe.

Eindeutiger Kernpunkt ist die Entscheidungsfindung zu Beginn der Geschichte: Orpa, die in Moab zurückbleibt, und Noomi und Rut, die gemeinsam den Weg nach Bethlehem gehen. Sieben der elf Teilnehmenden haben ihre Frauen an der Grenze zu Juda platziert: trauernde, zwiegespaltene, aber auch hoffnungsvoll nach vorn sehende Frauen.

Anknüpfend an diese Szene werden Karteikarten (rot, grün, blau) verteilt. Zur Vorbereitung auf die Auseinandersetzung mit dieser Kernszene sollen die Studierenden in einer stillen Arbeitsphase Fragen, die sie den drei Frauen gerne stellen würden, formulieren.

Mit der Methode des Stuhltheaters8  soll eine Einfühlung in die einzelnen Frauengestalten angebahnt werden. Hierzu werden auf die "Bühne" drei Stühle (für Rut, Noomi und Orpa) gestellt. Wer "Spielhunger" verspürt, setzt sich auf den entsprechenden Stuhl und berichtet aus der Rolle heraus über Gefühle, Gedanken etc. Spielende und Zuschauende können nun Fragen an die Person/en der biblischen Geschichte richten. Spürt jemand den Impuls, auf diese Frage/n zu antworten, setzt er sich auf den Stuhl. Wichtig ist, dass genug Raum für mehrere mögliche Antworten gelassen wird, um die verschiedenen Facetten der Rolle "herauszukitzeln". In der Auswertungsphase werden sowohl die Rollen reflektiert als auch die Gefühle der Spielerinnen und Spieler in der Rolle.

Diese Phase endet mit teilweise hitzigen Diskussionen über das Beziehungsgeflecht der drei Frauen untereinander, die sich noch tief in die Nacht hineinziehen, so dass der nächste Tag zunächst mit einer leichten Aufwärmung, Dehn-, Streck- und Lockerungsübungen beginnt.

Da an diesem Vormittag die ersten Inszenierungen stattfinden sollen, stehen am Ende der Aufwärmung Übungen im Vordergrund, die die Wahrnehmung für Körperhaltung, Mimik, Gestik, Gang und Energiezustand schulen sollen:

Wahrnehmung der Energiezustände

Zunächst gehen alle möglichst neutral durch den Raum, wechseln dann in einen Minus Energiezustand (Betonung liegt auf der Ausatmung, Körper hat eine niedrige Muskelspannung) und gehen dann über die neutrale Haltung in einen Plus-Energiezustand (Betonung liegt auf Einatmung, hoher Muskeltonus, aber nicht steif, sondern Körper hat zuviel Kraft).

 

• Bodybuilder-Wettbewerb

a.) Alle bewegen sich als "tolle Typen" durch den Raum, bleiben stehen und posieren, gehen weiter, stellen neue Pose dar etc.

b) Alle stehen im Kreis als "arme Würmer", die zum ersten Mal an einem Bodybuilder-Wettbewerb teilnehmen und der Reihe nach in der entsprechenden Haltung eine Pose darstellen (müssen).

 

• Improvisation "Sektempfang"

Mit möglichst wenig Sprache mimt die eine Hälfte sehr selbstbewusste Partygänger, die immer nach oben sehen und viel gestikulieren; die andere Hälfte nimmt die Rolle von schüchternen Besuchern ein, die nach unten schauen und meist an ihren Haaren "herumfummeln". Danach Wechsel und Austausch über gemachte Erfahrungen.

 

• Statuen bauen

Alle Teilnehmenden fügen sich selbst nacheinander in eine Statue zum Thema Angst ein.

 

• Modellieren

In Gruppen zu dritt oder viert werden verschiedene Gefühle (Wut/Trauer / Arroganz) "modelliert". Eine/r steht auf einem Stuhl, während die anderen so lange an dieser Person Haltung, Gesichtsausdruck etc. verändern, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden sind. Im Anschluss werden die Modelle von allen betrachtet und können weiter verändert werden, bis die Gruppe einverstanden ist.

Nach diesen Vorübungen sollen nun zwei Szenen des Rut-Buches von den Studierenden inszeniert werden. Einige möchten sich noch einmal mit der Entscheidungsszene "Noomi, Rut, Orpa" beschäftigen, die anderen befassen sich mit der Szene "Rut auf dem Feld des Boas". Zur Verfügung stehen Orffsche Instrumente, Tücher und sämtliche Einrichtungsgegenstände. Da die Körperlichkeit, sobald Sprache "ins Spiel kommt", meist in den Hintergrund tritt, soll auf den Einsatz von Sprache (zunächst) verzichtet werden, höchstens Wörter oder einzelne Sätze können eingebaut werden. Im Vorbereitungsseminar haben wir bereits Methoden wie Standbilder, Pantomime, Doppeln besprochen, derer sie sich nun bedienen.

Die beiden Gruppen ziehen sich in unterschiedliche Räume zurück und haben ca. eine Stunde Zeit zur Vorbereitung, um ihre Ergebnisse zu präsentieren.

Der Nachmittag steht dann ganz im Zeichen von Stimme und Stimmungen.

Dazu wird eine Übung vorangestellt: Ein kurzer belangloser Dialog zwischen zwei Personen wird mit Hilfe eines Ballspiels spielerisch gelernt. Im Anschluss daran bekommen jeweils Paare die Aufgabe, den Text in verschiedenen Gefühlslagen zu spielen. Entweder sprechen sie vorher ab, wer welche Stimmung wählt, oder sie treffen spontan aufeinander.

Es macht den Teilnehmenden sichtlich Spaß, die verschiedenen Gefühlslagen auszuprobieren und vorzuführen.

Nach dieser Vorbereitung steht die Betrachtung von zwei Chagall-Bildern im Vordergrund, die alle in Form einer Postkarte bekommen: "Ruts Treffen mit Boas" und "Rut zu Füßen des Boas".

Zu zweit oder zu dritt entscheiden sich die Studierenden für eines der beiden Bilder und bekommen die Aufgabe, es "zum Sprechen" zu bringen. Ob es eine/n Erzähler/in oder eine innere Stimme gibt oder ob eine weitere Person hinzukommt, alle diese Entscheidungen obliegen den Spielenden. Nach den beeindruckenden Darbietungen (zwei Studentinnen stellen z.B. Rut in der Begegnung mit Boas sehr lustvoll und verführerisch tanzend dar, während die beiden Männer in der Gestaltung der Szene auf der Tenne den Schwerpunkt auf die Erniedrigung Ruts legen) werden die gesehenen Szenen zunächst von den Zuschauer/innen reflektiert, danach von den Spieler/innen.

Nach dem Abendessen werden noch einmal die Trauerbilder der Noomi vom Vortag betrachtet und herausgearbeitet, was sich nun am Ende der Geschichte an der Situation der Noomi verändert hat. Einige machen Vorschläge, wie sie diese Veränderung in ihren Bildern zum Ausdruck bringen könnten. In die Tat umsetzen möchte es jedoch keine/r der Studierenden – die intensive Arbeit und Auseinandersetzung an und mit dem Text macht sich allmählich bemerkbar – so dass zu dem gemütlichen Teil des Abend übergegangen wird.

Nach sehr körperorientiertem Zugang am Freitag liegt der Schwerpunkt am letzten Tag der Blocktagung auf dem Erstellen eines eigenen Textes. Die vielfältigen Erfahrungen, neuen Eindrücke und Erkenntnisse sollen auf diese Weise gebündelt werden. Eine der drei Frauen soll im Mittelpunkt der Textproduktion stehen; denkbar ist ein Brief, ein Gebet, ein innerer Monolog, ein Gedicht/Psalm etc. Offen ist auch, ob die Teilnehmenden aus ihrer eigenen Sicht heraus formulieren oder ob z.B. Orpa Rut einen Brief schreibt.

Die Abschlusslesung findet in der nahe gelegenen Kirche statt. Die Teilnehmenden suchen sich einen Platz in der Kirche, der ihnen angemessen erscheint, und von der Kanzel wird das Buch Rut ein letztes Mal vorgetragen. Die Studierenden stehen auf, wenn sie ihren formulierten Text vortragen wollen, und die Lesung wird dann jeweils unterbrochen.

Die Blocktagung endet mit dieser sehr dichten und bewegenden Abschlussveranstaltung in der Kirche. Das Feedback findet erst zwei Tage später in der Uni statt, wenn sich die Eindrücke ein wenig gesetzt haben.

 

 

Fazit

Was hat eine solche ganzheitliche Begegnung mit einem biblischen Text/ einer biblischen Frauengestalt in der Lehrer/innenausbildung zu suchen?

Die Rückmeldung der Studierenden zwei Tage später in der Universität ist eindeutig positiv, denn so intensiv haben sie sich schon lange nicht mehr mit einem biblischen Text auseinandergesetzt. Ich denke, hier spielt die Tatsache, dass das Seminar an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit stattgefunden hat, eine wesentliche Rolle. Manchmal bedarf es eines "Aufbruchs" aus dem Alltag, um bereit für neue Erfahrungen zu werden. Das zeigen auch die Aussagen der Studierenden: Diejenigen, die sich ihres Standpunkts im Studium der Religionspädagogik sehr unsicher gewesen sind, haben wieder "Lust" bekommen, sich mit biblischen Texten/Inhalten zu beschäftigen, und sehen sich auf einem guten Weg. Andere haben sich während der Blocktagung mit ihrem Selbstbild beschäftigt und sind teilweise zu dem Schluss gekommen, dass ihre eigenen Sichtweisen manchmal zu starr sind und neue Perspektiven in Bewegung gebracht worden sind.

Sehr angenehm ist einfach die Tatsache, dass die Teilnehmenden in diesem geschützten Raum eine hohe Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Standort zeigen und sich nicht nur frei äußern, sondern sofort bereit sind, das Feedback mit einem Standbild zu beginnen, das Klarheit darüber verschaffen soll, wo sie selbst in Bezug zu den drei Frauengestalten nun stehen.

Sich der eigenen Lernschritte bewusst zu werden, sich selbst auf den Weg zu eigenen Erkenntnissen zu machen, erscheint mir ein wichtiger Bestandteil auf dem Weg zum Lehrer/innen-Sein. Ich sehe eine solche Zeit als Chance für einen Lernprozess, der Auswirkungen auf die Vermittlung von biblischen Inhalten und Erfahrungen an zukünftige Schülerinnen und Schüler haben kann.

Gehen wir davon aus, "dass unsere Schüler und Schülerinnen auf Lehrende angewiesen sind, die in ihrer Persönlichkeit erkennbar sind, die sich kritisch mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen und ihre Schüler nicht indoktrinieren, sondern gesprächsbereit daran teilhaben lassen" 9 , so kann eine Tagung wie die hier beschriebene ein Baustein auf dem Weg zu einer solchen Lehrer/innenpersönlichkeit sein.

 

 

Und in der Schule?

"Wie soll denn so was in der Schule funktionieren?!", werden viele (mit Recht) denken und sagen. Der genaue Transfer dieser Arbeitsweise ist natürlich so nicht möglich – schon aus schulorganisatorischen und räumlichen Gegebenheiten. Wichtig erscheint mir aber zunächst, den Aspekt der Bereitschaft der Lehrenden hervorzuheben. Nur was ich selbst erfahren habe, kann ich auch anderen ermöglichen. Deshalb bin ich der Meinung, dass einzelne Elemente durchaus in den Schulalltag zu integrieren sind, wenn eine grundsätzliche Bereitschaft besteht, neue oder andere Wege mit den Schülerinnen und Schülern zu gehen. Meine Erfahrungen im Sek I-Bereich zeigen, dass Schülerinnen und Schüler oftmals bereit sind, sich auf "neue" ganzheitliche Unterrichtsmethoden und die damit verbundenen neuen Erfahrungen einzulassen. Ich denke, so wie es lohnenswert war, sich mit Studierenden auf den Weg zu machen, kann es ebenso spannend sein, dies mit Schülerinnen und Schülern zu tun mit dem Ziel, einerseits Interesse und Neugier an der biblischen Botschaft zu wecken, andererseits einen Bezug herzustellen zwischen dieser und der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler. Besonders wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass die/der Lehrer/in grundsätzlich bereit sein sollte, den Unterrichtsprozess gemeinsam mit ihren/seinen Schüler/innen zu gestalten, um so gemeinsam Neues entdecken zu können

 

 

Anmerkungen

1. Vgl. Berg, S.188.

2. Ebach, S. 93.

3. Sölle, S. 2

4. Borkowsky, S.19/20.

5. Die Materialien (farbige Tücher in verschiedenen Formen, Holzstäbe, -kugeln, -quadrate, -dreiecke in verschiedenen Farben, Steine und Naturmaterialien) gehen auf Franz Kett zurück, der einen ganzheitlichen pädagogischen Ansatz für den katholischen Kindergarten- und Grundschulbereich stark geprägt hat.

6. Zur Vorbereitung wurde beim ersten Seminartreffen ein Text über die rechtliche und ökonomische Situation der Frau im alten Israel verteilt; Crüsemann, S.21-51.

7. Vgl. Anregung bei A. Meissner, Hoffnung wider alle Hoffnungslosigkeit, in: Dies. (Hg.): Und sie tanzen aus der Reihe, Ulm 1992, S. 105-119.

8. Vgl. Bibliodramatische Methoden für den Religionsunterricht, in: in Religion 6/2001, S.27.

9. Lohkemper-Sobiech, S.50.

 

 

Literatur

Berg, Horst Klaus: Altes Testament unterrichten. Neunundzwanzig Unterrichtsvorschläge, München/Stuttgart 1999

Bibliodramatische Methoden für den Religionsunterricht, in: in Religion 6/2001

Borkowsky, Dagmar: Bibliodrama in der Ausbildung von Religionslehrerinnen und -lehrern, in: R. Dross (Hg.): Erzählte Geschichte und pädagogische Perspektiven, Braunschweig 1996

Crüsemann, Frank: ...er aber solle dein Herr sein, in: Crüsemann/Thyen: Als Mann und Frau geschaffen, Heidelberg 1978

Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Stuttgart 1985

Ebach, Jürgen: "...und behutsam mitgehen mit deinem Gott", in: Ders.: Theologische Reden 3, Bochum 1995, S. 78-94

Jürgensen, Eva (Hg.): Frauen und Mädchen in der Bibel. Ein Erzählbuch für Schule und Gemeinde, Lahr 1997

Lohkemper-Sobiech, Gudrun: Beziehungsfähigkeit als praxisorientiertes Qualitätsmerkmal. Bibliodrama und Religionspädagogik, in: Naurath/Pohl-Patalong (Hg.): Bibliodrama. Theorie – Praxis – Reflexion, Bonn 2002

Meissner, Angelika (Hg.): Und sie tanzen aus der Reihe, Ulm 1992

Sölle, Dorothee: Dokumentation der Bibelarbeit zum Buch Rut auf dem 25. Deutschen Evangelischen Kirchentag, München 1993

 

Eine Auswahl an Texten, die während des Seminars entstanden sind 
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* Dokumentation einer Blocktagung mit Studierenden der Universität Hannover

 

Text als Download

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