Zur aktuellen Situation der Flüchtlinge - Eine Erklärung der Leitenden Geistlichen der evangelischen Landeskirchen Deutschlands

„Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“ (Psalm 36,8)

1 Gott liebt alle seine Geschöpfe und will ihnen Nahrung, Auskommen und Wohnung auf dieser Erde geben. Wir sehen mit Sorge, dass diese guten Gaben Gottes Millionen von Menschen verwehrt sind. Hunger, Verfolgung und Gewalt bedrücken sie. Viele von ihnen befinden sich auf der Flucht. So stehen sie auch vor den Toren Europas und Deutschlands. Sie willkommen zu heißen, aufzunehmen und ihnen das zukommen zu lassen, was Gott allen Menschen zugedacht hat, ist ein Gebot der Humanität und für uns ein Gebot christlicher Verantwortung.

2 Der Mensch steht im Mittelpunkt aller Bemühungen. Viele Menschen sind weltweit auf der Flucht. Die große Herausforderung besteht darin, jedem Einzelnen gerecht zu werden.
In ihrer Not begeben sich Menschen auf der Flucht in Lebensgefahr. Es ist humanitäre Pflicht, alles zu tun, um Menschen aus Seenot und vor anderen Gefahren zu retten. Gegen menschenverachtende Schlepperbanden und mafiöse Strukturen innerhalb und außerhalb Europas muss mit polizeilichen Mitteln vorgegangen werden.
Die wirksamsten Maßnahmen gegen die Gefahren auf der Flucht bestehen in legalen Zugangswegen nach Europa. Wir fordern deshalb legale Wege für Schutzsuchende und begrüßen Diskussionen über ein Einwanderungsgesetz, das neue Zuwanderungsmöglichkeiten für Menschen auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben eröffnet.

3 Unsere Gesellschaft steht vor einer großen Herausforderung, aber auch unsere Kräfte sind groß. Wir sind dankbar für die vielfältige Hilfsbereitschaft! Allen, die ehrenamtlich oder beruflich, aus Kirche, Zivilgesellschaft, Staat und Politik helfen, eine Willkommenskultur zu leben und mit einem beispiellosen Einsatz für die schnelle und menschenwürdige Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen zu sorgen, danken wir von ganzem Herzen!
Mit Entschiedenheit wenden wir uns gegen alle Formen von Fremdenfeindlichkeit, Hass oder Rassismus und gegen alles, was eine menschenfeindliche Haltung unterstützt oder salonfähig macht. Sorgen und Angst vor Überforderung müssen ernst genommen werden, dürfen aber nicht für menschenfeindliche Stimmungen missbraucht werden.

4 Als Kirche prägen wir das Zusammenleben in dieser Gesellschaft mit. Daher treten wir dafür ein, gelebte Willkommenskultur und die damit verbundene Integration zu einer zentralen Aufgabe unserer Gemeinden und Einrichtungen zu machen.

5 Mit Sorge sehen wir die Hintergründe und Ursachen der Flüchtlingsbewegungen: Klimaveränderungen, Kriege, Verfolgung, Zusammenbruch staatlicher Gewalt, extreme Armut. In diese Fluchtursachen ist auch unsere Gesellschaft vielfältig durch globale Handelsbeziehungen, Waffenlieferungen und nicht zuletzt durch einen Lebensstil, der die Ressourcen der Erde verbraucht, zutiefst verwickelt. Eine Umkehr von diesen ungerechten Verhältnissen ist an der Zeit.

6 Uns in Deutschland ist aufgrund unserer Geschichte in besonderer Weise bewusst, welches Geschenk es ist, Hilfe in der Not und offene Türen zu finden. Ohne die Hilfe, die uns selber zu Teil geworden ist, wären wir heute nicht in der Lage, mit unseren Kräften anderen zu helfen.
Wir als Leitende Geistliche wollen uns dafür einsetzen, dass Europa jetzt gemeinsam handelt und seinen humanitären Verpflichtungen gemeinschaftlich nachkommt.

In der Gewissheit, dass Menschen unter Gottes Flügeln Zuflucht haben, bringen wir die Not aller Menschen in unseren Gebeten vor Gott und bitten ihn um Kraft für die vor uns liegenden Aufgaben.

Hannover, den 10. September 2015

Landessuperintendent Dietmar Arends, Lippische Landeskirche
Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Ev.-luth. Kirche in Bayern, Ratsvorsitzender der EKD
Pastor Renke Brahms, Bremische Evangelische Kirche
Landesbischof Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh, Evangelische Landeskirche in Baden
Bischof Dr. Markus Dröge, Evang. Kirche Berlin-Brandenburg Schlesische Oberlausitz (EKBO)
Kirchenpräsident Dr. Martin Heimbucher, Evangelisch-reformierte Kirche
Bischof Prof. Dr. Martin Hein, Evang. Kirche von Kurhessen-Waldeck
Bischof Jan Janssen, Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg
Landesbischof Dr. h.c. Frank Otfried July, Evangelische Landeskirche in Württemberg
Kirchenpräsident Dr. Volker Jung, Evangelische Kirche in Hessen und Nassau
Landesbischöfin Ilse Junkermann, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland
Präses Annette Kurschus, Ev. Kirche von Westfalen
Kirchenpräsident Joachim Liebig, Evangelische Landeskirche Anhalts
Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke, Ev.-Luth. Landeskirche Schaumburg-Lippe
Landesbischof Ralf Meister, Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers
Landesbischof Dr. Christoph Meyns, Ev.-luth. Landeskirche in Braunschweig
Präses Manfred Rekowski, Evangelische Kirche im Rheinland
Landesbischof Carsten Rentzing, Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens
Kirchenpräsident Christian Schad, Evangelische Kirche der Pfalz
Landesbischof Gerhard Ulrich, Ev.-Luth. Kirche in Norddeutschland


Hannover, 15. September 2015
Pastor Benjamin Simon-Hinkelmann
Stellvertretender Pressesprecher der Landeskirche
Landeskirchenamt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers
Tel.: 0511 / 1241-454, Mobil: 0172 23 98 461
E-Mail: benjamin.simon-hinkelmann@evlka.de